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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Noch ein Blick auf das gute Tarascon

Mit der Jagdpassion verbinden die Leute von Tarascon noch eine andere Leidenschaft, nämlich die für Romanzen. Was in dem kleinen Neste und seiner Umgebung an Romanzen verbraucht wird, das ist kaum zu glauben. Die Poeten können den Bedarf kaum decken. Die ältesten, abgesungensten Lieder, Balladen und Romanzen, die an allen anderen Orten auf ihrem schlechten Druckpapier vergilben und vermodern – hier stehen sie in höchstem Ansehen und in vollstem Glanze. Man kann sie hier alle finden, alle. Jede Familie hat nämlich ihre eigene Romanze, und die ganze Stadt weiß es auch ganz genau.

So ist zum Beispiel allgemein bekannt, daß die des Apothekers Bezuquet mit dem Verse beginnt:

»Dich bet' ich an, du heller Stern«;

die des Waffenschmiedes Costecalde:

»Willst du in das Hüttchen ziehen«;

und die des Registrators hat sogar einen neckischen Anflug, denn sie fängt so an:

»Ja, nähm' ich nicht Besuche an,
Dann könnt' man mich nicht sehn.«

Und so geht es bei allen Familien von Tarascon. Zwei- bis dreimal wöchentlich stattet man sich gegenseitig Besuche ab, und bei dieser Gelegenheit singt dann jeder »sein Lied«. Das Eigentümlichste dabei ist nun, daß es schließlich doch immer dieselben Leute sind, die dieselbe Romanze zum so und so vielten Male singen und daß trotzdem noch in keinem der Gedanke aufgestiegen ist, doch einmal mit dem lieben Nächsten zu tauschen. Das Lied gehört eben der Familie; es vererbt sich vom Vater auf den Sohn – es ist eine geheiligte Institution, und niemand wagt es, daran zu rütteln und zu rühren. Es ist auch noch niemals der Fall eingetreten, daß einer sich das Lied eines andern sozusagen ausgeborgt hätten Costecalde würde niemals wagen, auch nur leihweise die Romanze Bezuquets zu singen, ebensowenig wie Bezuquet die Costecaldes. Seit mehr als vierzig Jahren singt jeder »sein« Lied, kennt jeder das des andern – aber jeder hütet auch eifersüchtig seinen Besitz, und damit ist alle Welt zufrieden und befindet sich dem Anscheine nach auch ganz wohl dabei.

Tonangebend war, ganz ebenso wie bei dem Mützenjagen, auch bei dem Romanzensingen unser lieber Freund Tartarin. Diese Oberhoheit wurde durch nichts klarer ausgedrückt, als durch den Umstand, daß Tartarin nicht »sein eigenes« Lied hatte, sondern daß er über alle verfügen durfte. Über alle ohne Ausnahme.

Er verfügte über sie; aber ihn nun auch zum Singen zu bewegen, das war eine verteufelt schwere Sache. Auf die Ehre, der Löwe der Salons zu sein, hatte der Held von Tarascon längst verzichtet. Er saß viel lieber über seinen Jagdbüchern, als daß er einer Soiree beiwohnte und den liebenswürdigen Schwerenöter spielte vor einem Pianino aus Nimes und zwischen zwei nicht besonders hell brennenden Lichtern aus Tarascon. Die musikalischen Schaustellungen erschienen ihm überhaupt unter seiner Würde. Nur manchmal, wenn nämlich gerade beim Apotheker Bezuquet musiziert wurde, trat er wie zufällig ein, und wenn er sich dann lange genug mit Bitten hatte bestürmen lassen, willigte er endlich ein, das große Duett aus »Robert der Teufel« zu singen, und zwar gemeinschaftlich mit Madame Bezuquet.

Wer das nicht gehört hat, hat überhaupt noch nichts gehört. Was mich betrifft, so kann ich versichern, daß ich niemals, und wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, vergessen werde, wie der große Tartarin im feierlichen Schritte sich dem Klavier näherte, mit dem einen Arme sich auf das Instrument stützte und den Mund verzog, um, beim fahlen Lichte des grünen Lampenschirms, seinem so überaus gutmütigen Gesicht den Ausdruck satanischer Bosheit zu geben, wie man ihn bei Robert dem Teufel nun einmal erwartet.

Kaum hatte er sich in Positur gestellt, so durchschauerte es alle im Salon Anwesenden; jeder fühlte, daß sich hier etwas Großes ereignen würde. Nach einer kleinen Pause begann nun Madame Bezuquet, sich selbst auf dem Klavier begleitend:

                              »Robert, du, den ich liebe,
Und dem ich Treue schwor,
Du siehst meine Angst (diese Zeile wurde wiederholt)
O Gnade für dich
Und auch für mich!«

Mit leiser Stimme sagte sie dann: »Tartarin, jetzt sind Sie dran«, und nun streckte Tartarin die Hand aus, ballte die Faust, schnaubte wie im höchsten Zorn und donnerte dann dreimal mit furchtbarer Stimme und unter Klavierbegleitung: »Nein! Nein! Nein!« was sich aber bei seiner Aussprache im Dialekt des Südländers anhörte wie: »Na! Na! Na!«

Madame Bezuquet begann dann wieder:

»O Gnade für dich
Und auch für mich!«

»Na! Na! Na!« brüllte Tartarin nochmals, so schön er konnte – und damit war die Geschichte aus. Man sieht, sehr lange dauerte die Produktion nicht, aber es war so erschütternd, so ergreifend, das Mienenspiel war so trefflich, die teuflische Natur so genau gekennzeichnet, daß es alle Leute in der Apotheke kalt überlief und daß der Biedermann sein »Na! Na!« immer vier- bis fünfmal hintereinander zum besten geben mußte.

Wenn das geschehen war, trocknete sich Tartarin die Stirne, lächelte den Damen anmutig zu, blinzelte mit den Augen verständnisinnig zu den Herren hinüber und entzog sich allen weiteren Dankesbezeugungen.

Er ging in den Klub zu seinen Jagdgenossen und warf dort so nebenbei die Bemerkung hin: »Eben komme ich von Bezuquet, ich habe dort wieder einmal das Duett aus »Robert der Teufel« gesungen.« Und das Tollste bei dieser Geschichte war, daß er es wirklich steif und fest glaubte.

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