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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Die heiligen Löwen.

In Milianah stieg Tartarin aus und ließ den Postwagen seine Fahrt nach dem Süden fortsetzen.

Zwei Tage lang war er nun über die Gebühr durchgerüttelt und geschüttelt worden, zwei Nächte lang hatte er kein Auge zugetan und nur immer aus den Wagenfenstern gestarrt, ob er nicht auf den Feldern oder am Rande der Straße den furchtbaren Schatten eines Löwen erblicken würde; für alle diese Aufregungen hatte er wohl einige Stunden der Ruhe verdient. Dann muß auch hinzugefügt werden, daß der biedere Tarasconese sich seit dem Mißgeschick, das ihn mit Bombonnel betroffen hatte, in dem Postwagen nicht mehr recht wohl fühlte. Er hatte, trotz seiner Waffen, seiner unheildrohenden Miene und seines roten Fez, bei dem Photographen aus Orleansville und den beiden Damen, die im dritten Husarenregiment erwartet wurden, allen Kredit verloren.

Er ging nun die breiten, mit schönen Bäumen bepflanzten und mit lustig plätschernden Springbrunnen geschmückten Straßen von Milianah entlang. Vor allen Dingen wollte er ein passendes Hotel finden; so sehr er sich aber auch bemühte, ausschließlich an dieses nächstliegende Ziel zu denken, konnte er dennoch nicht verhindern, daß ihm immer wieder die Worte Bombonnels durch den Kopf gingen. Wenn er nun recht hätte? Wenn es in Algerien wirklich keine Löwen mehr gäbe? . . . Wozu dann seine Reise, wozu dann alle Mühen und Strapazen?

Plötzlich, als unser Held um eine Ecke bog, sah er gerade vor sich – nun, man rate – einen prächtigen Löwen. Das Tier hatte sich vor der Türe eines Kaffeehauses niedergelassen; seine lange gelbe Mähne glänzte golden im Sonnenlicht.

»Was?« schrie der Tarasconese, und machte erschrocken einen Satz nach hinten. »Was? Da wagt jemand zu sagen, es gäbe überhaupt keine mehr?«

Als der Löwe diesen Ausruf hörte, neigte er langsam den mächtigen Kopf, hob mit dem Maule einen hölzernen Teller auf, der vor ihm auf dem Straßenpflaster stand und hielt ihn nach der Seite hin, auf der Tartarin stand, starr vor Staunen. Da ging ein Araber an dem Löwen vorüber und warf ein Soustück auf den Holzteller; das Tier wedelte, wie zum Zeichen des Dankes, mit dem Schweife. Jetzt verstand Tartarin alles. Jetzt bemerkte er auch, was ihm im ersten Augenblick der Erregung entgangen war, und was zu erkennen ihn wohl auch die Menschenmenge gehindert hatte, die sich um das königliche Tier drängte – der arme Löwe war blind und dressiert. Die beiden mit Knütteln bewaffneten Neger da waren jedenfalls die Löwenführer, die mit ihrem Zögling von Haus zu Haus zogen, wie daheim in Tarascon die Savoyarden mit ihren Murmeltieren.

Als der Tarasconese diese Entdeckung machte, stieg ihm das Blut zu Kopfe.

»Ihr Elenden!« schrie er mit Donnerstimme; »wie könnt ihr es wagen, den König der Tiere so zu erniedrigen!«

Damit sprang er auf den Löwen zu und riß ihm den häßlichen Holzteller aus seinen königlichen Zähnen. Die beiden Neger glaubten, es mit einem Diebe zu tun zu haben und stürzten sich mit erhobenen Knütteln auf den Tarasconesen, und es begann eine fürchterliche Prügelei. Die Männer schlugen sich, die Weiber kreischten, und die Kinder, denen das alles offenbar ein großes Vergnügen machte, lachten unbändig. Ein alter jüdischer Flickschuster rief aus dem Innern seines Ladens: »Holt den Friedensrichter! Holt den Friedensrichter!« Selbst der Löwe, in der Nacht seiner Blindheit, versuchte es mit einem Brüllen, und nach verzweifelter Gegenwehr lag der bedauernswerte Tartarin überwunden zwischen dicken Soustücken und Kehricht am Boden.

In diesem Augenblick brach sich ein Mann durch die lärmende Menge Bahn, beruhigte die Neger, die Frauen und Kinder durch eine Handbewegung und ein Wort, hob Tartarin auf, bürstete, klopfte und trocknete ihm den Rock ab und ließ den gänzlich Erschöpften sich auf einen Prellstein setzen.

»Wie, Prinz – sehe ich recht? Sie sind es?« rief der gute Tartarin, sich die Seiten reibend.

»Jawohl, ich bin es, mein tapferer Freund! Als ich Ihren Brief bekam, übergab ich Baja sofort meinem Bruder, mietete mir eine Extrapost und fuhr, so schnell die Pferde laufen konnten, fünfzig Meilen, um Sie gerade noch aus den Händen dieses Mordgesindels zu befreien. Aber mein Gott, wie konnten Sie sich denn überhaupt mit diesen Menschen einlassen? Wie begann denn diese böse Geschichte?«

»Was wollen Sie, Prinz? Ich sah diesen unglücklichen Löwen mit seinem Teller im Maule: geschlagen, erniedrigt, gedemütigt, diesem muselmännischen Lumpengesindel zum Gespötte . . .«

»Aber, mein edler Freund, Sie sind da durchaus im Irrtum befangen. Dieser Löwe ist im Gegenteil für diese Leute ein Gegenstand der Anbetung und Verehrung. Es ist ein heiliges Tier und gehört einem großen Löwenkloster, das vor etwa dreihundert Jahren von Mohammed-ben-Auda begründet wurde, eine Art La Trappe, aber ein fürchterliches und gefährliches – erfüllt von dem Gebrüll und dem scharfen Geruche der Bestien. Einige Ordensbrüder ziehen Hunderte von Löwen auf und zähmen sie; die abgerichteten werden von da nach dem ganzen nördlichen Afrika geschickt in Begleitung von Bettelbrüdern. Die Gaben, die man dem Löwen spendet, dienen zum Unterhalt des Klosters und seiner Moschee.«

Herr Tartarin hörte mit großem Behagen diese seltsame und dabei doch gar nicht unwahrscheinliche Geschichte an. Er lächelte sogar und hatte offenbar die Püffe schon verschmerzt.

»Wissen Sie, was mir dabei am meisten gefällt?« sagte er nach längerem Überlegen. »Daß es in Algerien überhaupt noch Löwen gibt, trotz der gegenteiligen Meinung des Herrn Bombonnel.«

»Und ob es welche gibt!« rief der Prinz mit dem Ausdruck höchster Begeisterung. »Morgen brechen wir auf und ziehen in die Tiefebenen des Cheliff, da sollen Sie sehen! . . .«

»Wie, Prinz? . . . Sie wollen sich an der Jagd beteiligen, Sie auch?«

»Mein Gott, glauben Sie denn, ich würde Sie so mutterseelenallein ins Innere von Afrika vordringen lassen, mitten unter die wilden Völkerstämme, deren Sprache und Sitten Sie nicht kennen? . . . Nein, das gebe ich nimmermehr zu, mein verehrtester Tartarin! Ich verlasse Sie nun nicht mehr . . . Wo Sie sind, da will ich auch sein.«

»O – Prinz – Prinz . . .«

Glückstrahlend drückte Tartarin den tapferen Gregor an sein Herz, in dem Gedanken, daß auch er wie Jules Gerard, Bombonnel und alle die anderen berühmten Löwenjäger einen fremdländischen Prinzen zum Gefährten bei seinen Jagden haben würde.

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