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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Bei den Löwen

Der alte Postwagen

Es war eine alte Postkutsche aus früherer Zeit, die nach alter Art mit blauem, schon längst verblichenem Tuch ausgeschlagen war, mit ungeheuren Troddeln und Borten von grober Wolle, die einem nach wenigen Stunden Fahrt Rückenschmerzen verursachen.

Tartarin aus Tarascon hatte einen Eckplatz im Innern des alten Kastens; er richtete sich so gut wie möglich ein, und in Erwartung des eigentümlichen scharfen Geruches, den die großen afrikanischen Katzen um sich verbreiten, mußte er sich einstweilen mit der guten, alten Postwagenluft begnügen, diesem merkwürdigen Gemisch von tausend Gerüchen nach Menschen, Pferden, Frauen und Leder, Eßwaren und halbfaulem Stroh.

Ähnliche Vielseitigkeit herrschte in der Zusammensetzung der Reisegesellschaft. Da war ein Trappist, mehrere jüdische Kaufleute, zwei Kokotten, die einige Bekannte im dritten Husarenregiment besuchen wollten, und ein Photograph aus Orleansville.

So bunt die Gesellschaft aber auch war und so amüsant sie sich untereinander auch unterhielt, Tartarin hatte doch keine Lust, an dem Gespräche teilzunehmen; nachdenklich saß er da, den einen Arm in der Armschlinge, seine Gewehre zwischen den Knien. Seine schnelle Abreise, Bajas schwarze Augen, die schreckliche, überaus gefährliche Jagd, auf die er sich jetzt begab – das alles ging ihm wirr durchs Gehirn, ganz abgesehen davon, daß diese europäische Postkutsche mit ihrem lieben altväterischen Aussehen, die er hier mitten in Afrika angetroffen hatte, dunkel das Tarascon seiner Kindheit, seine Ausflüge vor das Weichbild der Stadt, die kleinen mit Freunden veranstalteten Gelage am Ufer der Rhone, kurz eine Fülle schöner Erinnerungen in seiner Seele wachrief.

Allmählich brach die Nacht herein. Der Wagenführer steckte die Laternen an. Bald wurde es im Innern des Wagens still, und man hörte nichts mehr, als das Knarren und Quietschen des alten Kastens auf seinen verrosteten Federn, das gleichmäßige Aufschlagen der Pferdehufe und das Klingeln der Schellen; von Zeit zu Zeit ertönte oben unter der Leinenplane, die über das Verdeck geschlagen war, ein fürchterliches Rasseln und Klirren von Eisen – das waren die Waffenkisten.

Herr Tartarin war schon dreiviertel eingeschlummert; er amüsierte sich jetzt noch ein bißchen damit, der Reihe nach seine Reisegenossen zu betrachten, die im Schlafe bei jedem Stoße des Wagens bald nach der einen, bald wieder nach der andern Seite geschleudert wurden – es sah sehr komisch aus. Dann sah er keine Gestalten mehr, sondern nur noch närrische Schatten, und endlich wurde es ganz dunkel vor seinen Augen, seine Gedanken verschleierten sich, und nur halb im Traum hörte er noch das Kreischen der Räder und das seltsame Knarren der Wagenwände, das wie Ächzen und Stöhnen klang . . . .

Plötzlich ließ sich eine Stimme vernehmen wie die einer alten Hexe, eine recht heisere, krächzende Stimme, die den Tarasconesen bei seinem Namen rief: »Herr Tartarin! Herr Tartarin!«

»Ja – wer ruft mich?«

»Ich bin es, mein lieber Herr Tartarin! Kennen Sie mich nicht mehr? . . . Ich bin ja dieselbe alte Postkutsche, die früher – ach, es sind jetzt an die zwanzig Jahre her – den Dienst zwischen Tarascon und Nimes hatte. Wie oft habe ich Sie gefahren, Sie und Ihre Freunde, wenn Sie in der Gegend von Joncquières oder Bellegarde auf die Mützenjagd gingen. Ich habe Sie im ersten Augenblicke gar nicht erkannt wegen Ihres Türkenfezes und des hübschen Schmerbauches, den Sie sich zugelegt haben; aber als Sie zu schnarchen anfingen, da erkannte ich Sie auf der Stelle wieder, Sie Tausendsappermenter!«

»Schon gut! Schon gut!« meinte der Tarasconese, etwas ärgerlich.

Dann faßte er sich jedoch und sagte besänftigt:

»Aber, meine liebe Alte, welcher Wind hat dich denn eigentlich hierher verschlagen?«

»Ach, mein lieber guter Herr Tartarin, freiwillig und gern bin ich nicht hierhergegangen, das kann ich Ihnen versichern. Als die Eisenbahn nach Beaucaire gebaut war, fand man mich zu nichts mehr nütze, und so schickte man mich denn hierher nach Afrika. O, glauben Sie nicht etwa, daß es mir allein so erging! Ich habe viele Schicksalsgenossinnen; fast alle Postkutschen in Frankreich wurden gleich mir zur Deportation verurteilt. Man fand, daß wir hinter der Zeit zurückgeblieben wären – und so sind wir hier verurteilt, ein Leben wie auf der Galeere zu führen, ein jammervolles Dasein, das man daheim in Frankreich algerische ›Eisenbahnen‹ nennt.

Die alte Postkutsche stieß einen tiefen Seufzer aus. Dann fuhr sie fort:

»Ach, mein lieber Herr Tartarin, wie vermisse ich mein schönes Tarascon. Was war das doch für eine schöne Zeit, die Zeit meiner Jugend! Da mußte man mich sehen, wenn ich des Morgens fortfuhr, wie schön war ich gewaschen und wie glänzten meine neu lackierten Räder. Meine beiden Laternen glichen zwei Sonnen, und die Leinwand auf meinem Verdeck war immer so fein mit Öl eingerieben. Das war doch noch ein Leben, wenn der Postillon lustig mit seiner Peitsche knallte nach der Melodie des Lagadigadeou, die Tarasque, die Tarasque! Und wenn der Wagenführer, sein Horn am Bande und die gestickte Mütze keck auf dem Ohr, mit einem kräftigen Schwunge sein stets kläffendes Hündchen auf die Plane des Verdecks schleuderte und sich dann selbst mit dem Rufe: »Vorsicht! Vorsicht!« hinaufschwang. Dann griffen meine vier Pferde aus beim Klang der Schellen, unter Gebell und Trompetengeschmetter, alle Fenster öffneten sich, ganz Tarascon sah mit Stolz den Postwagen auf der großen Staatsstraße dahinrollen.

Ach ja, mein lieber Herr Tartarin! Das war eine herrliche Straße, so schön breit, so gut unterhalten; an den Seiten standen die Kilometersteine, da lagen kleine Haufen sorgfältig aufgeschichteter Steine zum Ausbessern; rechts und links große Flächen mit Olivenanpflanzungen, oder Weinberge . . . Alle zehn Schritt kam man an einem Wirtshause an, alle fünf Minuten gab's frischen Vorspann . . . Und nun erst meine Insassen, die Reisenden, was waren das für brave Leute! Bürgermeister und Pfarrer, die nach Nimes zu ihrem Präfekten oder zu ihrem Bischof fuhren, die Seidenhändler, die von Mazet zurückkamen, Studenten, die in die Ferien gingen, Bauern in gestickten Blusen, frisch rasiert am Morgen, und endlich hoch oben, auf dem Verdeck, Sie alle, die Herren Mützenjäger. Sie waren immer so lustig und vergnügt, und jeder sang so schön »seine« Romanze am Abend, wenn die Sterne schienen bei der Heimkehr! . . .

Jetzt – ach du lieber Himmel, jetzt sieht es ganz anders aus. Gott weiß was für Gesindel muß ich hier fahren; ein Haufen Ungläubiger, von denen kein Mensch ahnt, woher sie kommen, und die mich mit allerhand unangenehmen Insekten erfüllen; Neger, Beduinen, alte Haudegen, Abenteurer aus aller Herren Länder, zerlumpte Kolonisten, die mich mit ihren Pfeifen verpesten, und alle eine Sprache reden, die Gott der Herr selbst unmöglich verstehen kann.

Und dann sehen Sie bloß einmal, wie man mich behandelt. Niemals werde ich gewaschen oder gebürstet; man gönnt mir kaum noch das bißchen Wagenschmiere für meine Achsen. An Stelle meiner vier starken, großen, ruhigen Gäule, die mich früher zogen, gab man mir jetzt diese kleinen arabischen Pferde, die den Teufel im Leibe haben, sich beißen, ausschlagen, beim Laufen manchmal wie Ziegen zu hüpfen und zu springen anfangen und dabei meine Deichsel mit ihren Hufschlägen zerbrechen. Ach – o weh! Nicht so wild! . . . Sehen Sie wohl, da fängt die Geschichte schon wieder an. Und nun erst die Wege! Wo wir augenblicklich uns befinden, ist es ja noch einigermaßen zu ertragen, weil wir noch in der Nähe der Regierungshauptstadt sind; aber weiter unten, mehr im Innern, da hört alles auf, da gibt es überhaupt keine Wege mehr. Da geht's vorwärts, wie es eben geht, über Berge, über Täler, durch Zwergpalmen und Pistazien hindurch . . . Keine einzige Vorspannstation wird innegehalten; je nach der Laune des Wagenführers hält man bald an dem einen, bald an dem anderen Gehöft an. Manchmal läßt mich dieser Gauner sogar einen Umweg von zwei Meilen machen, wenn es ihm gerade einfällt, bei irgendeinem guten Freunde einen Absinth oder einen Champoreau (Milchkaffee mit Rum) zu trinken. Dann heißt's natürlich nachher: Nun fahr drauflos, Postillion! Die verlorene Zeit muß doch eingebracht werden. Die Sonne scheint glühend vom Himmel, der Staub brennt – immer drauflos mit der Peitsche! Man kommt an ein Hindernis, man wirft um – nur immer ärger drauf los gepeitscht! Man schwimmt durch Flüsse, man erkältet sich, man wird durch und durch naß, man ersäuft – drauf los, immer drauf los! Wenn es dann Abend wird, muß ich ganz triefend – und Sie können sich denken, wie gut mir das tut bei meinem Alter und meinem Rheumatismus – unter freiem Himmel in dem Hof irgend einer Karawanserei übernachten, der nach allen Seiten dem Winde offen steht. In der Nacht kommen dann die Schakale und Hyänen und beschnuppern meine Kutschkasten, und allerhand obdachloses Gesindel, das sich vor dem Nachttau fürchtet, macht es sich hübsch warm in meinen Polstern. Sehen Sie, mein guter Herr Tartarin, das ist das Leben, das ich jetzt führe, und zu dem ich wohl verdammt sein werde, bis ich einmal, ausgetrocknet vom Sonnenbrand, angefault durch die feuchten Nächte, einfach nicht mehr weiter kann und in irgendeinem Winkel auf dieser verdammten Strecke zusammenbrechen werde; dann mögen sich die Araber ihren Koußkouß mit den Überresten meines alten Kastens kochen . . .

»Blidah! Blidah!« rief der Wagenführer und öffnete den Wagenschlag.

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