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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Man schreibt uns aus Tarascon

Eines schönen Nachmittags, die Luft war entzückend lau und lind, der Himmel glänzte im herrlichsten Blau, kam Sidi Tar'tri auf seinem Maultier von seinem Gärtchen zurück, und zwar allein. Neben seinen Beinen hingen zu beiden Seiten des Tieres zwei Beutel mit Granatäpfeln und Wassermelonen. Eingewiegt vom Geklirr seiner Steigbügel, mit seinem ganzen Körper dem Hin und Her des Tieres folgend, so trottete der Biedermann durch eine reizende Gegend daher. Er hatte die Hände über dem Bauche gefaltet, die Augen fast geschlossen und war von der Wärme, von der eintönigen, gleichmäßigen Bewegung und dem eben genossenen Mahle dreiviertel eingeschläfert.

Plötzlich wurde er beim Einreiten in die Stadt so laut angerufen, daß er erschrocken aus seinem Traume erwachte. »Holla, hol' mich der Teufel! Man sollte wirklich meinen, das sei der Herr Tartarin!«

Als er seinen Namen ausrufen hörte, als er den ihm so lieblich klingenden südfranzösischen Dialekt vernahm, hob der Tarasconese den Kopf und sah, kaum zwei Schritte von sich entfernt, das sonnenverbrannte Gesicht des Herrn Barbassou, des Kapitäns vom »Zuaven«, der vor der Türe eines kleinen Kaffeehauses einen Absinth trank und seine Pfeife rauchte.

»Sieh da, Barbassou! Gott zum Gruß!« rief Tartarin und hielt seinen Esel an.

Statt nun irgend etwas zu sagen, starrte Barbassou den Reitersmann mit weit aufgerissenen Augen an, dann brach er in ein Lachen aus. Er lachte so laut und so unbändig, daß Sidi Tart'ri, der schon hatte absteigen wollen, nun seinerseits ganz verdutzt dreinschaute und bei seinen Wassermelonen sitzen blieb.

Endlich fand Barbassou die Sprache wieder.

»Potz Turban, mein armer Herr Tartarin! . . . Es ist also wirklich wahr, was man mir erzählt hat? Sie sind Türke geworden? . . . . Und die kleine Baja – singt sie noch immer Marko la belle

»Marko la belle?« sagte Tartarin höchst unangenehm berührt, »was soll das heißen? Sie müssen wissen, Kapitän, daß die Person, von der Sie sprechen, ein sehr ehrenwertes maurisches Mädchen ist, und daß sie kein Wort Französisch versteht.«

»Baja – kein Wort Französisch? . . . Das nehme mir keiner übel. – Was sind Sie denn für ein Landsmann, daß sie so etwas glauben?«

Der dicke Kapitän fing wieder zu lachen an, und diesmal womöglich noch lautet als vorher. Als er aber sah, daß Sidi Tart'ris Gesicht länger und länger wurde, mäßigte er seine Heiterkeit etwas.

»Nun – nun –, es kann ja sein, daß es nicht dieselbe ist. Nehmen wir also an, ich hätte mich geirrt. Aber, mein lieber Herr Tartarin, eins will ich Ihnen doch sagen, und Sie tun wohl daran, wenn Sie sich danach richten: Mißtrauen Sie allen Maurinnen aus Algier und allen Prinzen aus Montenegro.«

Tartarin richtete sich in den Steigbügeln auf und machte sein grimmiges Gesicht.

»Der Prinz ist mein Freund, Kapitän!«

»Gut, schon gut! Ereifern wir uns deswegen nicht! . . . Wollen Sie einen Absinth trinken? Nein? Haben Sie etwas in der Heimat zu bestellen? Ich fahre bald wieder einmal hinüber . . . Nichts? . . . Auch gut! Dann wünsche ich Ihnen also auch weiter eine angenehme Reise. Aber halt, Landsmann! Ich habe hier sehr guten französischen Tabak. Soll ich Ihnen ein paar Pfeifen voll abgeben? Nehmen Sie, nehmen Sie doch nur ruhig, er wird Ihnen sicherlich schmecken. Dieser verdammte türkische Tabak taugt ja doch nichts, er verwirrt einem nur den Kopf.« Dann kehrte der Kapitän wieder zu seinem Absinth zurück und Tartarin setzte, tief in Gedanken versunken, seinen Weg fort und trottete langsam seinem kleinen Hause zu. Obwohl es seiner großen Seele widerstrebte, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was er gehört hatte, war er durch die Andeutungen Barbassous doch mißgestimmt worden, und das um so mehr, als die wohlbekannten Flüche und die ganze, ihn an seine Heimat erinnernde Redeweise des Seemannes aufs neue sein Gewissen wachgerufen hatten.

In seiner Wohnung fand er niemand vor. Baja war im Bade. Die Negerin, seine Dienerin, erschien ihm häßlich, sein Haus öde und leer. Es ergriff ihn jetzt zum ersten Male eine ganz unerklärliche Schwermut; da setzte er sich denn an seinen Springbrunnen nieder und stopfte sich eine Pfeife mit Barbassous Tabak. Dieser war in ein Stück des »Sémaphore« eingewickelt. Als Tartarin das Papier auseinanderfaltete, fiel sein Blick sogleich auf den Namen seiner Vaterstadt, und er las:

Man schreibt uns aus Tarascon:

»Unsere ganze Stadt ist in Aufregung und Sorge. Tartarin, der Löwentöter, der auszog, um die großen Katzen in ihrer afrikanischen Heimat aufzusuchen und zu erlegen, hat nun schon seit mehreren Monaten nichts von sich hören lassen. Was ist aus unserem heldenmütigen Mitbürger geworden? Man wagt kaum, einander diese Frage vorzulegen, denn seine Kühnheit, sein Mut, sein Tatendrang und seine Abenteuerlust sind nur zu bekannt. Wurde er gleich so vielen seiner Genossen in der heißen Wüste dahingerafft oder sollte er vielleicht gar dem mörderischen Zahne eines der wilden Ungeheuer aus dem Atlas, deren Felle er der Bürgerschaft zu senden versprach, zum Opfer gefallen sein? Schreckliche Ungewißheit! Einige afrikanische Kaufleute, die den Markt in Beaucaire besuchten, behaupten übrigens, mitten in der Wüste einem Europäer, dessen Personalbeschreibung auf unsern Helden paßt, begegnet zu sein; derselbe hatte die Absicht, seine Reise in der Richtung nach Timbuctu fortzusetzen. Gott schütze und erhalte unsern Tartarin!«

Als der Tarasconese dies las, wurde er bald blaß, bald rot; ein Zittern überlief ihn. Ganz Tarascon stand plötzlich vor seinem geistigen Auge. Er sah den Klub, die Mützenjäger, den grünbezogenen Sessel bei Costecalde, und über allem schwebte, wie ein Adler mit ausgebreiteten Fittichen, der große Schnurrbart des tapferen Kommandanten Bravida.

Und als er nun bedachte, wo er war und was er hier trieb, als er sich auf schwellendem Diwan an der plätschernden Fontaine müßig liegen sah, während man allgemein glaubte, er sei im wilden Kampfe mit den Bestien begriffen und ertrage heldenmütig die größten Strapazen, da schämte sich Tartarin vor sich selbst; heiße Tränen stiegen ihm in die Augen – er weinte.

Plötzlich ermannte sich der Held. Er sprang von seinem Polster auf und rief:

»Zu den Löwen! Zu den Löwen!«

Er stürzte in die staubige Rumpelkammer, wo der Schattenspender, die Reiseapotheke, die Konserven, die Waffenkiste schlummerten und zog sie mitten in den Hof.

Tartarin-Sancho hatte ausgelebt; jetzt blieb nur noch Tartarin-Quixote übrig.

Er ließ sich kaum so viel Zeit, sich von dem guten Zustand seiner Ausrüstung zu überzeugen, sich zu bewaffnen, sich vollständig reisefertig zu machen, die großen Jagdstiefel wieder anzuziehen, einige Worte an den Prinzen zu schreiben, um Baja seiner Fürsorge anzuvertrauen, kaum so viel Zeit, für die Dame selbst einige tränenbenetzte blaue Banknoten in einen Brief zu stecken – und schon rollte der tapfere Tartarin im Postwagen auf der Straße nach Blidah dahin und ließ zu Hause seine bestürzte schwarze Haushälterin bei der Nargileh, dem Turban, den Pantoffeln und Sidi Tart'ris übrigem muselmännischen Hausrat zurück, der nun unter den kleinen weißen Kleeblattbogen der Galerie ein kümmerliches Dasein fristete.

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