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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Sidi Tar'tri ben Tar'tri

Wenn man des Abends in eins der algerischen Kaffeehäuser der oberen Stadt tritt, so kann man noch heute hören, wie sich die Mauren mit Augenzwinkern und feinem Lächeln von einem gewissen Sidi Tar'tri ben Tar'tri erzählen, einem sehr liebenswürdigen und reichen Europäer, der vor mehreren Jahren im oberen Stadtviertel wohnte mit einer kleinen niedlichen Einheimischen zusammen, die Baja hieß.

Dieser Sidi Tar'tri, dem man in der Kasbah solch gutes Andenken bewahrt, war, wie der Leser sicherlich schon erraten hat, kein anderer als unser Tartarin.

Was soll man dazu sagen? Im Leben der Helden gibt es eben, gerade wie in dem der Heiligen, Stunden der Verirrung, der Blindheit, der Schwäche. Der große Tartarin machte hierin so wenig eine Ausnahme wie ein anderer, und so hatte er denn seit zwei Monaten die Löwen und den Ruhm vollständig vergessen, berauschte sich an orientalischer Liebe und gab sich, wie Hannibal in Capua, den Genüssen hin, die ihm das weiße Algier darbot.

Der gute Mann hatte im Herzen des arabischen Stadtviertels ein hübsches, nach einheimischer Art gebautes Häuschen gemietet mit Innenhof, Bananenbäumen, kühlen Galerien und Springbrunnen. Dort lebte er fern vom Lärm des Tages, gemeinsam mit seiner Maurin, er selbst jetzt von Kopf bis Fuß ein Maure; während des ganzen Tages fast rauchte er seine Nargileh und aß mit Moschus gewürzte Konfitüren.

Baja lag ihm entweder auf einem Diwan gegenüber, eine Gitarre im Arm, und summte eintönige Lieder, oder führte, um ihren Herrn zu zerstreuen, den Bauchtanz auf. Dabei nahm sie einen kleinen Spiegel zur Hand und betrachtete in ihm ihre weißen Zähne oder schnitt auch ihrem Spiegelbilde Gesichter.

Da die Dame kein Wort Französisch sprach und Tartarin vom Arabischen nichts verstand, so stockte, wie sich denken läßt, die Unterhaltung zuweilen; das war für den sehr redseligen Tarasconesen die gerechte Sühne für das unanfhörliche Reden und Schwatzen, dessen er sich daheim beim Apotheker Bezuquet und beim Waffenschmied Costecalde schuldig gemacht hatte.

Aber diese Sühne ermangelte doch auch nicht eines gewissen Reizes. Er fand schließlich ein merkwürdiges Vergnügen darin, den ganzen Tag kein Sterbenswörtchen zu sprechen, sondern nur auf das Glucksen der Nargileh, das Klimpern der Gitarre zu hören und das leise Plätschern des Springbrunnens auf dem mit Mosaik eingelegten Hof. Die Nargileh, das Bad, die Liebe, sie füllten sein Leben vollständig aus. Nur selten verließ man das Haus. Manchmal ritt Sidi Tar'tri auf einem braven Esel, seine Angebetete hinter ihm, nach einem kleinen Garten, den er in der Nähe gekauft hatte, um dort Granatäpfel zu essen. In die von den Europäern bewohnte Stadt ging er niemals, durchaus niemals hinunter. Jenes Algier, mit seinen betrunkenen Zuaven, mit seinen Lokalen voller Offiziere, mit dem ewigen Säbelgerassel unter den Arkaden, jenes Algier, es erschien ihm unerträglich und häßlich wie eine Wachtstube im westlichen Europa.

Alles in allem genommen, war der Tarasconese sehr glücklich. Tartarin-Sancho fühlte sich besonders wohl; das türkische Konfekt mundete ihm vortrefflich, und er war noch mit keiner Lebenslage so vollkommen zufrieden gewesen wie mit der gegenwärtigen. Tartarin-Quixote fühlte zwar hin und wieder Gewissensbisse, wenn er gerade einmal an Tarascon und die versprochenen Löwenfelle dachte. Aber diese Gemütsstimmung hielt niemals lange an, und um sie vollständig zu vertreiben, genügte ein Blick aus Bajas dunkeln Augen oder auch ein Löffel voll jener dämonisch wirkenden, wohlriechenden und wohlschmeckenden Konfitüren, die die Sinne betören wie die Zaubertränke der Circe.

Des Abends kam gewöhnlich Prinz Gregor und erzählte ein bißchen vom freien Montenegro. Er war von einer unermüdlichen Gefälligkeit, dieser junge Herr, und hatte im Hause das Amt des Dolmetschers und im Bedarfsfalle sogar das des Verwalters übernommen, alles ohne Entgelt, bloß zu seinem Vergnügen.

Mit alleiniger Ausnahme dieses Juwels von einem Prinzen empfing Tartarin ausschließlich Türken bei sich. Alle diese Seeräuber mit ihren wilden Gesichtern, vor denen er jüngst noch solche Angst hatte, wenn er sie in ihren finsteren Kramläden sah, stellten sich jetzt, nachdem er sie kennen gelernt hatte, als lauter harmlose Kaufleute, Spitzenhändler, Krämer, Pfeifendrechsler u. s. w., heraus, alles sehr wohlerzogene, bescheidene und dabei schlaue und pfiffige Leute. Meister im Bouillottespiel, verbrachten diese Herren vier- oder fünfmal in der Woche ihre Abende bei Sidi Tar'tri, gewannen ihm im Spiel sein Geld ab, aßen ihm seine Konfitüren auf und entfernten sich still mit dem Glockenschlag Zehn unter Danksagungen an den Propheten.

Sobald sie gegangen waren, begaben sich Sidi Tar'tri und seine treue Gattin auf ihre Terrasse, eine große weiße Terrasse, die zugleich das Dach des Hauses bildete und von der man die Aussicht auf die ganze Stadt genoß. Ringsumher sah man da tausend ähnliche weiße Terrassen, sie lagen still und ruhig, vom Monde beleuchtet; staffelförmig erstreckten sich die Straßen und Gassen bis zum Meere hinab. Hin und wieder trug der Windhauch verklingende Gitarrentöne herüber.

Plötzlich wurde dann die tiefe Stille der Nacht durch eine klare Melodie unterbrochen, deren Töne wie ein Bündel Sterne zum Himmel aufstiegen, und auf dem Minarett der in der Nähe belegenen Moschee erschien ein schöner Muezzin. Seine weiß gekleidete Gestalt hob sich scharf vom tiefblauen Nachthimmel ab. Er sang ein Lied zum Lobe Allah's, mit einer wunderbaren Stimme, die weithin die Luft erfüllte.

Dann ließ Baja die Gitarre aus dem Arme gleiten, und ihre großen, auf den Muezzin gerichteten Augen schienen mit Entzücken das Gebet einzuschlürfen. So blieb sie während der ganzen Dauer des Gesanges erschauernd, verzückt, wie eine heilige Therese des Orients. Tartarin betrachtete sie tiefbewegt beim Beten und dachte bei sich, daß ein Glaube, dem seine Anhänger mit solcher Inbrunst dienten, wohl ein schöner, mächtiger Glaube sein müsse.

Tarascon, verhülle dein Angesicht! Dein Tartarin ist auf dem besten Wege, ein Renegat zu werden.

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