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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Nenne mir den Namen Deines Vaters, und ich will Dir sagen wie diese Blume heißt

Auf die montenegrinischen Prinzen lasse ich durchaus nichts kommen. Am Morgen nach jenem Abend im Restaurant »Zu den Platanen«, es war noch ganz früh am Tage, trat der Prinz von Montenegro in das Zimmer des Tarasconesen.

»Schnell, schnell! Kleiden Sie sich an! Ihre Maurin ist schon gefunden. Sie heißt Baja, ist zwanzig Jahre alt, schön wie der junge Tag, und schon Witwe.«

»Witwe? Das trifft sich ja herrlich!« rief der brave Tartarin hocherfreut aus, der gegen alle orientalischen Ehemänner Mißtrauen hegte.

»Ja, aber sie wird von ihrem Bruder sehr streng überwacht und gehütet.«

»Ach . . . . daß ihn der Teufel! . . . .«

»Es ist ein sehr bärbeißiger Maure, der Tabakspfeifen im Basar Orleans verkauft.«

Ein längeres Stillschweigen trat auf diese Mitteilung ein.

»Aber nur vorwärts!« nahm der Prinz wieder das Wort. »Ich weiß ja, daß Sie nicht der Mann sind, der vor einem so kleinen Hindernis zurückschreckt. Man wird schließlich auch an dieses Ungetüm von Bruder herankommen können – vielleicht, indem man ihm einige Pfeifen abkauft. Aber schnell! Kleiden Sie sich doch endlich an, Sie glücklicher Schwerenöter!«

Bleich vor Erregung und mit stürmisch klopfendem Herzen sprang Tartarin aus dem Bette, knöpfte seine geräumigen Flanellunterhosen hastig zu und fragte:

»Was glauben Sie wohl, daß ich jetzt beginnen soll!«

»Das ist doch sehr einfach. Schreiben Sie an Ihre Dame und bitten Sie um ein Stelldichein.«

»Versteht sie denn französisch?« fragte der naive Tartarin ganz enttäuscht. Er träumte von einem von der Kultur noch unbeleckten Orient.

»Nein, sie versteht kein Wort davon«, erwiderte der Prinz mit unerschütterlicher Ruhe. »Sie können ja aber mir den Brief diktieren, und ich werde ihn beim Niederschreiben übersetzen.«

»O Prinz! Sie überhäufen mich mit Güte!«

Der Tarasconese ging schweigend und mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Er sammelte seine Gedanken und überlegte, welche Fassung er diesem Briefe geben sollte.

Man darf eben nicht vergessen, daß man an eine Maurin in Algier nicht wie an eine Nähmamsell in Beaucaire schreiben kann. Glücklicherweise kam es unserem Helden sehr zustatten, daß er so viele in fremden Ländern spielende Romane gelesen hatte. Nun war ihm die Möglichkeit gegeben, die bei den Apachen-Indianern üblichen Redewendungen (frei nach Gustav Aimard) mit denen zu vermischen, die er in Lamartines »Reise in den Orient« gefunden hatte; dazwischen brachte er einige dunkle Erinnerungen aus dem »Hohen Liede« an, und so schweißte er den schönsten orientalischen Brief zusammen, den man sich nur denken kann. Er begann mit den Worten:

»Wie der Strauß im Wüstensande – « und schloß mit dem Satze:

»Nenne mir den Namen deines Vaters, und ich will dir sagen, wie diese Blume heißt!«

Zugleich mit diesem Briefe wollte der romantische Tartarin seiner Angebeteten auch einen Blumenstrauß senden, aus dessen Zusammenstellung sie seine Gefühle erkennen sollte, wie dies im Orient nun einmal Sitte ist. Prinz Gregor hielt es aber für vorteilhafter, bei dem Bruder einige Pfeifen zu kaufen. Auf diese Weise könne sich der Liebhaber bei dem gefährlichen Bruder in Gunst setzen, und außerdem würde er damit auch seiner Dame, die eine passionierte Raucherin sei, ein großes Vergnügen bereiten.

»Sehr gut! Sehr gut! Also kaufen wir schnell die Pfeifen!« rief Tartarin in leicht begreiflichem Eifer.

»Nein! Nein – nur nicht so hitzig! Lassen Sie mich vorläufig allein hingehen. Ich werde die Sache schon vorsichtig und geschickt einfädeln.«

»Wie? Sie wollen . . . Sie selbst . . . Oh, Prinz . . . Prinz!« . . . Und der gute Mann, der solcher Gefälligkeit gegenüber ganz verlegen wurde, gab dem zuvorkommenden Montenegriner seine volle Börse und bat ihn nur noch vor allen Dingen nichts zu sparen, und alles zu tun, was die Dame seines Herzens erfreuen und zufriedenstellen könnte. Unglücklicherweise gedieh die Geschichte, so gut sie auch eingeleitet war, nicht so, wie man es wohl hoffen durfte. Wie es schien, war die Maurin selbst durch Tartarins Huldigungen sehr gerührt und schon von vornherein sehr für ihn eingenommen; sie hätte ihn am liebsten gleich empfangen, aber der Bruder machte allerlei Einwendungen; um ihn einigermaßen zufrieden zu stellen, mußte man seine Pfeifen dutzendweise, grosweise, ja schließlich in ganzen Ladungen kaufen.

»Was zum Teufel fängt denn Baja nur mit allen diesen Tabakspfeifen an?« fragte sich der arme Tartarin wiederholt, aber er bezahlte immer von neuem und ohne zu handeln.

Endlich, endlich – nachdem er Berge von Pfeifen angekauft und seine Dame in seinen Briefen mit Fluten orientalischer Poesie überschüttet hatte, da endlich wurde ihm ein Stelldichein gewährt.

Ich brauche wohl kaum zu erzählen, mit welchem Herzklopfen sich der Tarasconese auf dieses große Ereignis vorbereitete, mit welch peinlicher Sorgfalt er seinen wilden Mützenjägerbart stutzte, putzte und parfümierte. Übrigens vergaß er auch nicht, da Vorsicht bei keiner Gelegenheit schaden kann, einen mit Spitzen versehenen Schlagring und zwei oder drei Revolver in die Tasche zu stecken.

Der immer sehr dienstfertige Prinz wollte diesem ersten Stelldichein beiwohnen, gewissermaßen als Dolmetscher. Die Dame wohnte in der oberen Stadt. Vor ihrem Hause stand ein junger Maure im Alter von dreizehn bis vierzehn Jahren und rauchte eine Zigarette. Das war der famose Ali, der mehrfach erwähnte Bruder. Als er das Nahen der beiden Besucher bemerkte, klopfte er zweimal an die Türe und zog sich dann bescheiden zurück.

Die Tür öffnete sich. Es erschien eine Negerin, die, ohne zu fragen oder auch nur ein einziges Wort zu sagen, die Herren über den engen, inneren Hof in ein kleines, angenehm kühles Gemach führte. Hier erwartete die Dame, auf einem Diwan ruhend, den Ankömmling.

Im ersten Augenblick schien es dem Tarasconesen, als sei diese Schöne etwas kleiner und auch etwas stärker als jene Maurin im Omnibus. Wie, wenn es gar nicht dieselbe wäre?

Aber dieser Verdacht zuckte nur wie ein Blitz durch Tartarins Hirn. Die Dame war so anziehend mit ihren nackten Füßchen, ihren rundlichen, reich mit Ringen geschmückten Fingern, so rosig, so allerliebst; die Falten des bunten Gewandes ließen einen so niedlichen, etwas wohlbeleibten, molligen Körper vermuten. Sie hielt das Bernstein-Mundstück eines Nargileh im Munde und stieß leichte, duftende Rauchwölkchen aus, die sie wie eine Glorie umgaben.

Beim Betreten des Zimmers legte der Tarasconese die Hand aufs Herz und versuchte, so gut es ging, sich nach maurischer Weise zu verbeugen, wobei er voller Leidenschaft seine Augen rollen ließ.

Baja sah ihn einen Augenblick sprachlos an; dann ließ sie das Mundstück des Nargileh aus dem Munde gleiten, warf sich zurück, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, und an der Bewegung ihres weißen Halses, der wie ein mit Perlen gefüllter Beutel erschüttert wurde, erkannte man, daß sie toll und unbändig lachte.

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