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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Prinz Gregor von Montenegro

Mittlerweile waren vierzehn Tage ins Land gegangen. Der unglückliche Tartarin suchte noch immer seine geheimnisvolle algerische Dame, und er würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach noch heute suchen, wenn ihm die Vorsehung, die sich ja stets der Liebenden annimmt, nicht Hilfe gesandt hätte in Gestalt eines montenegrinischen Ehrenmannes.

Das ging aber so zu: Während des ganzen Winters veranstaltet das große Theater von Algier an jedem Samstagabend einen Maskenball, ganz wie die Große Oper in Paris. Es ist auf diesen Bällen so langweilig und öde, daß man meinen könnte, man wäre in der Provinz und nicht in der reich bevölkerten Hauptstadt. Im Saale sieht man nur sehr wenig Menschen: ein paar Stammgäste von Bullier oder dem Kasino, die sich hierher verlaufen haben, einige tolle Mädels, die hinter dem Militär her sind, dann ein paar Stutzer in fadenscheinigen Kostümen, Masken, die offenbar einst bessere Tage gesehen haben, endlich fünf, sechs niedliche Wäscherinnen, die emporkommen wollen, aber noch aus ihrer tugendhaften Zeit etwas von Knoblauch und Safransaucen-Duft an sich haben.

Das Hauptinteresse der Besucher richtet sich auch nicht auf diesen Saal, vielmehr auf das Foyer, das an solchen Ballabenden, den veränderten Verhältnissen entsprechend, zum Spielsalon umgewandelt ist. Eine bunt zusammengewürfelte, fieberhaft erregte Menge drängt sich hier um die langen grünen Tische. Hier sieht man Turcos auf Urlaub die dicken Sousstücke aufs Spiel setzen, die sie sich irgendwo erst geliehen haben, da sind maurische Kaufleute aus der oberen Stadt, Neger, Malteser, Ansiedler aus dem Innern des Landes, die vierzig Meilen zurückgelegt haben, um hier Hasard spielen zu können und auf ein Aß das Geld für den eben verkauften Pflug oder die Koppel Ochsen zu setzen. Alle sind bleich und zittern vor Erregung, alle pressen die Zähne zusammen und haben den eigentümlich unruhigen, schiefen, schielenden Blick der Spieler, den sie bekommen, wenn sie unentwegt immer dieselbe Karte im Auge haben.

Nicht weit davon sieht man algerische Judenstämme familienweis spielen. Die Männer tragen den orientalischen Kaftan und geschmacklose blaue Strümpfe, auf dem Haupte Samtkäppchen. Die aufgedunsenen, bleichen Frauen sitzen steif und unbeweglich in ihren engen, mit Goldmünzen und Goldstickerei verzierten Miedern. Sie gruppieren sich nach Familien um die Tische, schreien, lärmen, zählen an den Fingern ab, spielen aber wenig. Nur von Zeit zu Zeit, erhebt sich nach langen Beratungen ein altes Familienoberhaupt, das man mit seinem langen weißen Barte für einen der Erzväter halten könnte, geht zum Spieltisch und riskiert den Familiendouro. Solange nun das Spiel dauert, sind die funkelnden Augen der Hebräer auf den Spieltisch gerichtet, glühende schwarze Magnetaugen, die die Goldstücke auf dem Tische zum Tanzen zu bringen und schließlich wie mit Fäden an sich heranzuziehen scheinen.

Hat das Spiel einige Zeit gedauert, dann beginnt regelmäßig ein Skandal. Man gerät miteinander in Streit – Flüche und Verwünschungen werden laut in Sprachen aus aller Herren Ländern – Messer werden gezogen – die Polizei wird herbeigeholt – inzwischen ist dem einen oder dem andern sein Geld gestohlen. . . .

Mitten in dieses wüste Treiben war nun der große Tartarin eines Abends hineingeraten, als er Zerstreuung suchte, um sein Leid zu vergessen und den Frieden seiner Seele wieder zu finden.

Der Held ging allein in der Menschenmenge umher; trotz seiner festen Absicht mußte er immer wieder an seine Maurin denken. Da ertönten plötzlich an einem der Spieltische laute Rufe, dazwischen klangen Goldstücke, endlich wurde alles übertönt durch das Geschrei zweier sich streitenden Personen.

»Ich sage Ihnen, daß mit zwanzig Franken fehlen, mein Herr!« . . .

»Herr!« . . .

»Nun? . . . Was denn, mein Herr?« . . .

»Sie scheinen nicht zu wissen, mit wem Sie sprechen!«

»Ich bin auch gar nicht neugierig, es zu erfahren«!

»Mein Herr, ich bin der Prinz Gregor von Montenegro!«

Als Tartarin diesen Namen hörte, war er ganz entzückt. Er drängte die Umstehenden zur Seite, bahnte sich einen Weg bis in die vorderste Reihe, froh und stolz, seinen Prinzen wiedergefunden zu haben, jenen so außerordentlich liebenswürdigen montenegrinischen Prinzen, dessen flüchtige Bekanntschaft er an Bord des Paketbootes gemacht hatte. Leider schien der Prinzentitel, durch den sich der gute Tarasconese so sehr hatte blenden lassen, auf den Offizier des Jägerregiments, mit dem der Prinz in Streit gekommen war, auch nicht den mindesten Eindruck zu machen.

»Na, da bin ich ja an eine sehr hohe Persönlichkeit geraten«, sagte der Offizier mit einem spöttischen Lächeln. Dann wandte er sich zu den Zuschauern um und fragte: »Kennt Jemand von Ihnen Gregor von Montenegro? . . . Niemand!«

Entrüstet trat Tartarin einen Schritt vor.

»Verzeihung! Sie irren sich! Ich kenne den Prinzen!« sagte er mit fester Stimme und im unverfälschten tarasconischen Dialekt.

Der Offizier des Jägerregiments sah ihn einen Augenblick erstaunt an, dann zuckte er die Achseln.

»So? Das ist ja recht hübsch. Dann teilen Sie sich mit ihm in die zwanzig Franken, die mir fehlen. Wir brauchen uns darüber ja nicht länger zu streiten.«

Damit wandte er ihm den Rücken zu und verlor sich in der Menge.

Tartarin war wütend; er wollte ihm nacheilen, aber der Prinz verhinderte ihn daran.

»Lassen Sie nur, lassen Sie nur! Ich werde die Sache schon selbst abmachen.«

Damit ergriff er den Tarasconesen am Arm und zog ihn schleunigst mit hinaus.

Als sie auf dem Platze vor dem Theater angelangt waren, nahm Prinz Gregor von Montenegro seinen Hut ab, streckte unserm Helden die Hand hin und sagte mit zitternder Stimme:

»Herr Barbarin – « (er erinnerte sich nämlich des Namens nicht mehr genau).

»Tartarin!« wagte der andere bescheiden zu äußern.

»Tartarin oder Barbarin . . . . das tut ja nichts zur Sache. Wir sind jetzt verbunden auf Leben und Tod!«

Und der edle Montenegriner drückte ihm kräftig und energisch die Hand. Man kann sich denken, wie stolz der Tarasconese war.

»Prinz – Prinz – « stammelte er in freudiger Bestürzung.

Eine Viertelstunde später saßen die beiden Herren im Restaurant »Zu den Platanen«, einer sehr eleganten Wirtschaft, die während der ganzen Nacht geöffnet ist und von deren Terrassen man Ausblick auf das Meer genießt. Bei einem sehr schweren russischen Salat und einer Flasche trefflichen Weins aus Crescia schlossen sie hier nochmals den Bund der Freundschaft.

Man kann sich wirklich nicht leicht einen einnehmenderen Menschen vorstellen, als diesen montenegrinischen Prinzen. Er war schlank, sehr elegant, seine krausen Haare waren sorgfältig frisiert, sein Bart sauber ausrasiert. Auf der Brust trug er eine Menge zum Teil recht sonderbarer Orden. Sein Blick war schlau, seine Bewegungen langsam und nachlässig – das alles gab ihm in Verbindung mit seiner an das Italienische anklingenden Aussprache viel Ähnlichkeit mit Mazarin, nur daß er keinen Schnurrbart trug. Er schien übrigens auch im Lateinischen tüchtig beschlagen zu sein, denn bei jeder Gelegenheit zitierte er Tacitus, Horaz u. s. w. Sproß eines alten erbangesessenen Fürstenhauses, schien er von seinen Brüdern jedoch seit seinem zehnten Lebensjahr wegen seiner zu liberalen Gesinnung verbannt zu sein, und reiste seitdem zu seiner Belehrung und seinem Vergnügen in der Welt herum. Ein Prinz, eine Hoheit – und Philosoph! Welch seltene Erscheinung!

Der Prinz war auch drei Jahre lang in Tarascon gewesen, und als Tartarin nun bescheiden seine Verwunderung aussprach, ihm nie im Klub oder auf der Promenade begegnet zu sein, sagten Se. Hoheit ausweichend: »Ich . . . . ich ging wenig aus.« Tartarin war diskret und wagte nicht weiter zu fragen. Alle hochgestellten und berühmten Persönlichkeiten haben ja bekanntlich ihre merkwürdigen Eigenheiten. Alles in allem – dieser Gregor war wirklich ein außerordentlich liebenswürdiger und netter Mensch. Er trank ein Glas Cresciawein nach dem andern, hörte geduldig und freundlich zu, als Tartarin ihm von seiner Maurin erzählte, und machte sich anheischig, mit Hilfe seiner vielen Bekanntschaften unter diesen Damen ihm die so schmerzlich Ersehnte bald zurückzuführen.

Man trank viel und lange; man stieß an »Auf die Damen von Algier!« »Auf das freie Montenegro!«

Draußen am Fuße der Terrasse rollte die Brandung, und man hörte die Wellen im Dunkeln gegen das Ufer schlagen, daß es klang, wie wenn nasse Fahnen im Winde klatschen. Die Luft war so warm und der Himmel voller Sterne. . . . Eine Nachtigall sang in den Platanen . . . .

Die Rechnung aber bezahlte Tartarin.

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