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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Schlummert ruhig ihr Löwen im Atlas!

Schlummert ruhig, ihr Löwen im Atlas! Schlummert und träumt in euren Höhlen und Schlupfwinkeln, unter den Aloes und Cactus'. Ihr könnt, für die nächste Zeit wenigstens, ganz unbesorgt sein – Tartarin wird euch jetzt noch nicht den Garaus machen. Augenblicklich hat er seine feldmäßige Ausrüstung abgelegt; seine Waffenkisten, seine Reiseapotheke, seinen Schattenspender, seine Konserven – alles liegt wohlverwahrt im Hotel de l'Europe in einer Ecke des Zimmers Nr. 36.

Schlummert ruhig, ihr großen gelben Löwen; der Tarasconese sucht seine Maurin. Seit seinem Abenteuer im Omnibus glaubt der Unglückselige immer auf seinem Fuß, auf seinem großen Trapperfuß das Krabbeln des kleinen roten Mäuschens zu fühlen. Wenn der Wind vom Meere herüberweht, so glaubt er immer – was er auch dagegen tun mag – jenen entzückenden, berauschenden Wohlgeruch von Konfekt und Jasmin einzuatmen.

Er muß seine Maurin wiederfinden!

Das ist aber durchaus nicht so leicht und einfach. Wie soll man in einer Stadt mit einer Bevölkerung von hunderttausend Seelen jemanden wiederfinden, von dem man nichts kennt als den Atem, die Pantoffeln und die Farbe der Augen? Ein solches Abenteuer zu unternehmen, das kann nur ein von Liebeskummer verzehrter Tarasconese fertig bringen.

Das Schlimmste dabei war, daß alle Maurinnen in ihren weißen Schleiern sich einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Außerdem gingen diese Damen überhaupt nicht viel aus, und wenn man sie sehen wollte, so mußte man sich schon bequemen, in die sogenannte obere Stadt zu gehen, in das arabische Viertel, in die Stadt der Türken. Diese obere Stadt ist eine wahre Mördergrube; sie wird aus lauter engen und winkeligen Gäßchen gebildet. Die düsteren Häuser auf beiden Seiten der Gassen sind so gebaut, daß sie nach vorn überneigen und die gegenüberliegenden Dächer einander berühren. Der Raum darunter gleicht also mehr einem Durchgange als einer Straße. Alle diese Häuser haben niedrige Türen, kleine, blinde, trübselig vergitterte Fenster. In beiden Häuserreihen sind finstere Kramläden, in denen die menschenscheuen Türken mit ihren Seeräubergesichtern, ihren blitzenden Augen und blendend weißen Zähnen lange Pfeifen rauchen und sich so leise unterhalten, als ob sie böse Pläne schmiedeten.

Wenn man sagen wollte, daß unser Freund Tartarin sich ohne Beklemmung und Herzklopfen in dieses Verbrecherviertel begab, so müßte man lügen. Im Gegenteil; er war sehr aufgeregt, und der Biedermann bewegte sich in den Gäßchen, deren ganze Breite er fast mit seinem dicken Bauche einnahm, nur mit der größten Vorsicht vorwärts, wobei er sich nach allen Seiten ängstlich umblickte, in jedem Mauervorsprung einen Hinterhalt witterte, und um sein Leben wenigstens so teuer als möglich zu verkaufen, den Finger auf den Drücker seines geladenen Revolvers hielt. Es war geradeso wie damals, als er noch in Tarascon des Abends in seinen Klub ging. In jedem Moment war er gewärtig, daß ihn eine Bande Eunuchen und Janitscharen hinterrücks anfallen würde – aber das Verlangen, die Dame seines Herzens wiederzufinden, hieß ihn allen Gefahren Trotz bieten und gab ihm die Kraft und die Kühnheit eines Riesen.

Acht Tage lang trieb sich der unerschrockene Tataren schon in der oberen Stadt herum. Bald sah man ihn wie einen Kranich auf und ab spazieren vor den maurischen Bädern und die Stunde abwarten, zu der die Maurinnen fröstelnd nach dem Bade in Trupps das Badehaus verließen; bald wieder hockte er vor der Türe einer Moschee und entledigte sich schwitzend und stöhnend seiner schweren Stiefel, um in den geheiligten Raum eintreten zu dürfen.

Manchmal bei Einbruch der Nacht hörte der Tarasconese, wenn er liebeskrank und tiefbekümmert nach neuen vergeblichen Nachforschungen vor den Bädern und in den Moscheeen zurückkehrte, beim Vorübergehen an den Häusern der Mauren eintönige Gesänge, das gedämpfte Klingen einer Gitarre, das Rasseln von Tambourins und zuweilen auch leises Lachen aus Frauenmund, das ihm das Herz höher schlagen ließ.

»Vielleicht ist sie es!« sagte er dann zu sich selbst.

Nochmals sah er sich vorsichtig um, und wenn die Straße ganz vereinsamt war, ergriff er den schweren Klopfer und schlug leise, ganz leise und zaghaft an die niedrige Türe. Sofort brachen die Lieder ab, das Lachen verstummte; man hörte hinter den Mauern ein leises Huschen und Rauschen, wie in einem Vogelbauer, dessen Insassen man aus dem Schlafe aufstört.

»Aufgepaßt!« dachte dann der Held. »Ich ahne es, jetzt wird sich etwas ereignen.«

Meistenteils traf seine Ahnung ein, und es ereignete sich wirklich etwas. Es wurde ihm nämlich ein Topf kaltes Wasser auf den Kopf gegossen oder man bewarf ihn mit Apfelsinenschalen und Feigen. Harte Gegenstände bekam er aber glücklicherweise nie an den Kopf.

Schlummert ruhig, ihr Löwen im Atlas!

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