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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Geschichte eines Omnibus, einer Maurin und eines Rosenkranzes

Durch dieses erste Abenteuer hätten sich wohl die meisten anderen entmutigen lassen, aber ein so willensstarker Mann wie Tartarin ließ sich nicht so leicht irre machen.

»Die Löwen halten sich im Süden auf,« sagte der Held zu sich; »nun gut, ich werde also nach dem Süden aufbrechen.«

Sobald er den letzten Bissen seines Frühstücks hinunter hatte, stand er auf, dankte seinem gastfreundlichen Wirte, drückte ohne Groll der Alten die Hand, widmete dem unglücklichen Noiraud noch eine letzte Träne und machte sich dann auf, um nach Algier zurückzukehren. Er hatte die feste Absicht, seine sieben Sachen zu packen und noch an demselben Abend nach dem Süden aufzubrechen.

Unglücklicherweise schien sich die Landstraße, die Mustapha mit Algier verbindet, seit dem vergangenen Abend ganz unheimlich verlängert zu haben. Die Sonne schien mit sengender Glut, es gab furchtbaren Staub, und der verdammte Schattenspender war so schwer – Tartarin glaubte, er würde es nicht aushalten, zu Fuß den ganzen Weg bis zur Stadt zurückzulegen. Er wartete also auf den ersten vorbeifahrenden Omnibus, gab dem Kutscher ein Zeichen und stieg ein.

Ach, armer Tartarin! Wie viel besser wäre es für dich, für deinen Namen, für deinen Ruhm gewesen, wenn du nie einen Fuß in diesen für dich so verhängnisvollen Stellwagen gesetzt hättest, wenn du ruhig deinen Weg zu Fuß fortgesetzt hättest, selbst auf die Gefahr hin, vor Hitze, unter der Last des Schattenspenders und der beiden schweren doppelläufigen Gewehre ohnmächtig zusammenzubrechen. Als Tartarin eingestiegen, war der Omnibus vollständig besetzt. Im Fond des Wagens saß, eifrig in einem Brevier lesend, ein schwarzbärtiger Vikar aus Algier, neben diesem ein junger maurischer Kaufmann, der dicke Zigaretten rauchte. Dann kam ein maltesischer Matrose und vier oder fünf Maurinnen, deren Gesichter von weißen Schleiern umhüllt waren, so daß man von ihnen nichts als die Augen sehen konnte. Diese Damen kamen vom Grabe Abd-el-Kaders, wo sie ihre Andacht verrichtet hatten; der fromme Zweck ihrer Fahrt schien sie aber durchaus nicht ernsthaft gestimmt zu haben. Man hörte, daß sie hinter ihren Schleiern lachten und kicherten und dabei eifrig Konfekt naschten. Tartarin glaubte zu bemerken, daß die Damen ihn sehr aufmerksam betrachteten. Eine besonders, die ihm gegenüber saß, hatte ihren Blick auf sein Gesicht geheftet und sah ihn während der ganzen Fahrt unverwandt an. Obgleich sie verschleiert war, so sagte ihm doch der feurige, lebenslustige Blick der großen schwarzen Augen, das reizende und zierliche, mit goldenen Armbändern geschmückte Handgelenk, das zuweilen zwischen den Schleiern sichtbar wurde, der silberhelle Ton ihrer Stimme, die graziösen, fast kindlichen Bewegungen des Kopfes, daß sein Gegenüber jung, schön, mit einem Worte anbetungswürdig sei. Der bedauernswerte Mann wußte bald nicht mehr, was er vor Verlegenheit machen sollte. Der stumme Ausdruck der Zuneigung, der in diesen schönen orientalischen Augen lag, verwirrte ihn, beunruhigte ihn. Er hätte in den Boden sinken mögen; ihm wurde heiß, ihm wurde kalt . . .

Um die Sache vollends auf die Spitze zu treiben, mischte sich nun gar noch der Pantoffel der Dame hinein. Er fühlte, wie das kleine reizende Pantöffelchen sich seinen plumpen Jagdstiefeln näherte, wie es gleich einem roten Mäuschen auf ihnen herumlief . . . .

Was sollte er tun? Sollte er den Blick, den Druck des Füßchens beantworten? Recht gern – aber die Folgen! . . . . Eine Liebesintrige im Orient, das ist der schrecklichste der Schrecken . . . . Mit Hilfe seiner regen südländischen Phantasie sah sich der gute Tarasconese im Geiste schon den Eunuchen in die Hände fallen, enthauptet, vielleicht gar in einen Sack genäht und ins Meer gerollt. Das kühlte ihn ein wenig ab.

Während diese Gedanken dem Biedermann durch den Kopf fuhren, setzte das Pantöffelchen ruhig seinen Spaziergang auf dem Jagdstiefel fort, und die großen Augen seines Gegenübers blickten ihn so bittend, so verlangend an wie zwei Blumen aus schwarzem Samt, die zu sagen schienen: »Pflücke uns!«

Der Omnibus hielt. Man war auf dem Theaterplatz, am Beginn der Straße Bab-Azun angelangt. Die Maurinnen zogen ihre Schleier fester zusammen, und eine nach der andern stieg leicht und graziös, nur etwas behindert durch die großen Beinkleider, aus dem Wagen. Tartarins Schöne erhob sich zuletzt, und sie neigte sich dabei so weit zu ihm hinüber, daß er den Hauch ihres Atems fühlte – o, welch ein wonnevoller, berauschender Hauch! Welch ein Duft von Jugend und Frische, von Jasmin, Muskat und Konfekt. Der Tarasconese konnte nicht mehr widerstehen. Trunken vor Liebe, zu allem bereit, stürzte er der Maurin nach. Auf das Geräusch seiner schweren Schritte hin wandte sie sich um, legte einen Finger an ihren Schleier, wie um ihn zur Vorsicht und zum Schweigen zu ermahnen; mit der andern Hand warf sie ihm einen kleinen parfümierten, nach Jasmin duftenden Rosenkranz zu. Tartarin von Tarascon war nicht geschickt genug, ihn aufzufangen. Er bückte sich, um ihn von der Erde aufzunehmen; da er aber erstens von Natur ein wenig korpulent und zweitens sehr schwer beladen und bewaffnet war, so ging das nicht so leicht vonstatten, und er gebrauchte geraume Zeit, bis er sich wieder aufgerichtet hatte.

Als er endlich, den nach Jasmin duftenden Rosenkranz an sein Herz drückend, wieder auf den Füßen stand, war die Maurin verschwunden.

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