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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Das Weibchen – Fürchterlicher Kampf – Zum Stelldichein der Karnickel

Das erste Gefühl, das Tartarin beim Anblick seines bedauernswerten Opfers empfand, war Ärger und Wut, denn der Unterschied zwischen einem Löwen und einen Bourriquot ist doch ziemlich groß. Dann aber bemächtigte sich seiner großen Seele tiefstes und innigstes Mitleid. Das arme Eselchen – es war so niedlich und sah so unendlich gutmütig aus; es hatte sicherlich noch niemand etwas zuleide getan. Seine Brust, die noch ganz warm war, hob und senkte sich wie eine im Sturm gepeitschte Woge.

Tartarin kniete nieder und versuchte, mit einem Zipfel seines algerischen Gürtels das Blut zu stillen, das noch immer aus der Wunde des armen Tieres lief. Man kann sich kaum denken, wie rührend es mit anzusehen war, als der große Mann sich so sorgsam um den kleinen Esel bemühte. Bei der leisen Berührung mit dem Stoffe des Gürtels schlug der Bourriquot, dem schon fast alle Lebensgeister enschwunden waren, noch einmal seine großen grauen Augen auf, bewegte zwei- oder dreimal seine langen Ohren, als wollte er sagen: »Dank! Tausend Dank!« Dann lief noch einmal ein Zucken durch seinen ganzen Körper – und er bewegte sich nicht mehr.

»Noiraud! Noiraud!« schrie plötzlich eine von Angst und Sorge fast erstickte Stimme. Zu gleicher Zeit bewegten sich in dem nahen Gestrüpp die Zweige – Tartarin hatte kaum noch Zeit, aufzuspringen und sich zur Verteidigung bereit zu machen.

Er hatte die Nacht über auf das Weibchen gewartet. Nun, jetzt wurde sein Wunsch erfüllt, jetzt kam das Weibchen. Es nahte unter Kreischen und Schreien – es war ein altes, häßliches Weib, nach ihrer Kopfhaube zu schließen, eine Elsässerin. Mit einem roten Regenschirm bewaffnet, den sie drohend schwang, erschien sie auf dem Schauplatz, und als sie gesehen, was sich zugetragen hatte, wehklagte sie mit so gellender Stimme um ihren Esel, daß man es in den entlegensten Gassen Mustaphas gehört haben muß. Für Tartarin wäre es jedenfalls vorteilhafter gewesen, mit einer wütenden Löwin zusammenzutreffen, als mit diesem keifenden alten Weibe. Vergeblich machte der Unglückliche den Versuch, ihr in Ruhe auseinanderzusetzen, wie die ganze Geschichte zugegangen war, wie er Noiraud für einen Löwen gehalten hätte – die Alte glaubte, er habe sie noch zum besten. »Schwindler! Alter Heuchler!« schrie sie in höchster Wut und überschüttete den Armen mit einem Hagel von Schirmschlägen. Tartarin war im ersten Augenblick ganz verdutzt; dann verteidigte er sich, so gut es ging und suchte die Hiebe mit seinem Gewehre zu parieren. Er mußte bald nach rechts, bald nach links springen, bald sich ducken, schwitzte und prustete und schrie dabei immer: »Aber liebe Frau! Aber mein bestes Frauchen – «

Vergebliches Bemühen. Das beste Frauchen blieb taub für jede vernünftige Erklärung und bewies nur mit immer neuen Schlägen ihre Kraft und Ausdauer.

Glücklicherweise erschien jetzt eine dritte Person auf dem Kampfplatze. Es war der Gatte der Elsässerin, der ebenfalls aus dem Elsaß stammte, hier bei Mustapha eine Schankwirtschaft betrieb und sehr gut rechnen konnte. Er ließ sich alles erzählen, und als er wußte, um was es sich handelte und daß der Mörder seines Esels bereit war, den Preis seines Opfers zu erlegen, entwaffnete er seine Ehehälfte, und man verständigte sich bald.

Tartarin zahlte zweihundert Franken. Der Esel war vielleicht zehn Franken wert; zu diesem Preise kann man die Bourriquots auf allen arabischen Märkten kaufen. Dann wurde der arme Noiraud am Fuße eines Feigenbaums eingescharrt, und der Elsässer, der durch die Banknoten des Tarasconesen in sehr gute Laune versetzt war, lud unsern Helden ein, mitzukommen und in seiner, wenige Schritte entfernt an der Landstraße gelegenen Schenke ein Frühstück einzunehmen.

Die Jäger aus Algier frühstückten, wie er dabei bemerkte an jedem Sonntage bei ihm, denn die Ebene war außerordentlich reich an Wild und zwei Meilen im Umkreise gab es keinen Platz, wo mehr Kaninchen hausten als gerade hier.

»Und wie ist es mit den Löwen?« fragte Tartarin höchst gespannt.

Der Elsässer sah ihn ganz erstaunt an, und als glaubte er nicht richtig gehört zu haben, wiederholte er: »Löwen?«

»Nun ja, wie ist es mit den Löwen? Bekommen Sie häufig welche zu sehen?« wiederholte der Ärmste schon etwas weniger zuversichtlich.

Der Schenkwirt lachte laut auf.

»Na, das hätte uns gerade noch gefehlt! Löwen! Was sollten wir denn mit denen anfangen?«

»Aber gibt's denn in Algerien überhaupt keine?«

»Meiner Treu! Ich habe noch keinen gesehen, und ich wohne nun doch schon an die zwanzig Jahre hier im Lande. Aber ich glaube gehört zu haben . . . auch in den Zeitungen liest man zuweilen davon . . . aber das ist viel weiter unten, im Süden . . .«

Sie waren jetzt vor der Schenke angelangt. Es war ein richtiges Vorstadt-Wirtshaus, wie man sie in Vanves oder in Pantin bei Paris sieht. Über dem Eingang hing ein ganz vertrockneter Zweig, an die Mauer waren ein paar Billardqueues gemalt, sowie die sehr harmlose Aufschrift:

»Zum Stelldichein der Karnickel«.

Das Stelldichein der Karnickel! O Bravida, welche teuere Erinnerung wurde da wachgerufen.

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