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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Ein Blick auf die gute Stadt Tarascon und ihre Bewohner die Mützenjäger

Zu der Zeit, von der ich erzähle, war Tartarin von Tarascon noch nicht der Tartarin, der er heute ist, der große Tartarin von Tarascon, bekannt und geehrt im ganzen südlichen Frankreich. Nichtsdestoweniger war er aber auch schon damals sozusagen der König von Tarascon.

Wie diese hohe Würde auf sein erhabenes Haupt kam, werden wir gleich erfahren.

Da unten im Süden ist bekanntlich jedermann ein Jäger; vom Höchsten bis zum Geringsten ist das so, und es vererbt sich auch von Geschlecht auf Geschlecht.

An jedem Sonntagmorgen greift ganz Tarascon zum Schießgewehr und hinaus gehts vor die Tore, die Büchse um die Schulter gehängt, den Quersack auf dem Rücken, unter Hundegebell, Trompeten- und Jagdhorngeschmetter. Schade nur, daß eine Kleinigkeit fehlt, die sonst zum Jagen als unerläßlich betrachtet wird – das Wild nämlich; davon ist aber auch nicht die geringste Spur zu finden Die Tiere sind von Haus aus dumm, das ist richtig; aber so dumm waren sie denn doch nicht, daß sie nicht mit der Zeit eingesehen hätten, wie wenig Gutes sie in dieser Gegend zu gewärtigen hatten.

Fünf Meilen im Umkreise von Tarascon sind die Waldungen verödet, die Nester und Höhlen leer und verlassen; nicht eine Amsel, nicht eine Wachtel, nicht das kleinste Kaninchen, auch nicht die lumpigste Bachstelze ist zurückgeblieben.

Man muß nun durchaus nicht glauben, daß die Umgebung von Tarascon reizlos und uninteressant wäre. O nein, im Gegenteil! Auf den kleinen Hügeln um die Stadt lagert der Duft der Myrten, des Lavendel und Rosmarin. Die süßen Muskatellertrauben, die da am Ufer der Rhone so herrlich gedeihen, sind auch ein höchst schätzbares und appetitliches Gut. Das ist also alles ganz gut und schön, nur was das kleine Getier angeht, das ein Fell auf dem Leibe oder Flügel und Federn hat, damit ist es in Tarascon sehr schlecht bestellt. Die Zugvögel sogar haben einen heiligen Respekt vor der Stadt; sie fliegen in einem großen Bogen um sie herum, und wenn die wilden Enten sich auf der Wanderung befinden und ihre Schwärme in Gestalt langgestreckter Dreiecke sich der Stadt nähern, dann ruft die vorderste, sobald sie nur die Kirchturmspitze sieht, so laut sie kann: »Tarascon! Da unten liegt Tarascon!« und der ganze Schwarm macht eine Schwenkung.

Kurz und gut – von alledem, was man als »Wild« bezeichnen kann, gibt es in jener Gegend einzig und allein einen alten Hasen, der wie durch ein Wunder den tarasconischen Metzeleien entgangen ist und in ganz unerklärlichem Eigensinn die Absicht kundgibt, hier bis an das Ende seiner Tage zu bleiben. In Tarascon ist der Hase allgemein bekannt; man hat ihm sogar einen Namen gegeben. Er heißt »Schnellfuß«. Man weiß auch, daß er sein Lager auf dem Grund und Boden des Herrn Bompard aufgeschlagen hat (was, nebenbei bemerkt, den Wert dieses Grundstücks verdoppelt, ja verdreifacht), aber man hat des durchtriebenen Tieres noch niemals habhaft werden können.

Daran soll sich übrigens bis zu dieser Stunde noch nichts geändert haben. Noch immer sollen zwei oder drei besonders Ausdauernde auf der Jagd nach diesem Hasen sein. Durch seine merkwürdige Zähigkeit ist »Schnellfuß« mit der Zeit Gegenstand fast abergläubischer Betrachtung geworden, obwohl die Tarasconesen sonst von Natur nicht gerade sehr zum Aberglauben neigen.

»Aber«, so wird man jetzt einwerfen, »wenn es in und um Tarascon wirklich gar so wenig Wild gibt, was mach denn die tarasconischen Jäger an jedem Sonntage?«

Ja, was machen sie eigentlich?

Nun, mein Gott, sie ziehen eben aufs Feld hinaus, so zwei bis drei Meilen von der Stadt. Dann teilt sich der große Schwarm in Gruppen von je fünf bis sechs Mann; diese lagern sich ruhig und seelenvergnügt im Schatten eines Ziehbrunnens, einer alten Mauer oder auch eines Olivenbaumes, ziehen ihre Quersäcke vor und packen ihre Vorräte aus. Der eine hat ein tüchtiges Stück Braten, der andere gibt die rohen Zwiebeln dazu; dieser hat Sardellen, jener eine Wurst – so wird denn in aller Gemütlichkeit gefrühstückt und die Kehle mit einem jener Weine aus dem Rhonegebiet angefeuchtet, die binnen kurzem zum Lachen und Singen bringen.

Wenn man sich nun recht schön ausgeruht hat, dann erhebt sich die ganze Gesellschaft; man greift nach den Flinten, pfeift den Hunden und geht ernsthaft ans Jagen. Und das machen diese guten Leute folgendermaßen: jeder Jäger nimmt seine Mütze ab, wirft sie in die Luft, und zwar so hoch er irgend kann – und feuert nun fünf, sechs Schüsse auf sie ab; manchmal werden's auch nur zwei, das kommt nun ganz auf den Schützen und seine Geschicklichkeit an. Wer seine Mütze am häufigsten getroffen hat, wird zum König der Jagd proklamiert und zieht abends im Triumphe in Tarascon ein. Er trägt die durchlöcherte Mütze auf der Mündung des Gewehrlaufes, blickt stolz um sich, die Leute jubeln, die Hunde bellen, die Hörner schmettern, die Freude ist riesengroß.

Es ist eigentlich überflüssig, noch besonders zu betonen, daß in der Stadt ein sehr schwunghafter Handel mit Jagdmützen betrieben wird. Es gibt sogar einige Fabrikanten, welche die Mützen gleich zerschossen und durchlöchert verkaufen, zum Vorteil für Schwindler. Es ist aber wirklich nicht hübsch, seine Genossen auf diese Weise betrügen zu wollen; ganz genau weiß man es eigentlich auch nur vom Apotheker Bezuquet, daß er eine solche Mütze im Laden gekauft hat.

Als Mützenjäger hatte Herr Tartarin nicht seinesgleichen. An jedem Sonntagmorgen zog er mit einer funkelnagelneuen Mütze zur Jagd hinaus, und an jedem Sonntagabend kam er mit einem alten formlosen Lappen voll Löcher wieder heim. Auf dem Boden des Häuschens mit dem Baobab befanden sich hunderte solcher ruhmreichen Trophäen. Alle Tarasconesen erkannten ihn auch als ihren Herrn und Meister an, und da Tartarin mit der Jagdkunde sehr genau Bescheid wußte – er hatte ja alle Abhandlungen und alle Handbücher über alle möglichen Jagden gelesen, von der Mützenjagd bis zur Jagd auf birmanische Tiger, – so hatten ihn alle zu ihrem obersten Schiedsrichter in Jagddingen erwählt. Bei jeder Streitigkeit wurde sein Urteil angerufen.

An jedem Nachmittag von 4 bis 5 Uhr konnte man beim Waffenschmied Costecalde einen dicken Herrn sehen; er saß mit ernster Miene, die lange Pfeife im Munde, bequem auf einem grünen Ledersessel. Um ihn drängten sich die Mützenjäger; sie füllten den Laden, und draußen schlugen sich die übrigen, die keinen Einlaß mehr finden konnten, um den Vortritt. Der Herr war Tartarin, der hier der Justizpflege oblag – zugleich ein Nimrod und ein Salomo.

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