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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Piff! Paff! Puff!

Er befand sich auf einer weiten Ebene, deren Boden mit allerhand seltsamen Pflanzen bedeckt war, wie sie nur die Vegetation des Orients hervorbringt und die das Aussehen wilder Tiere haben. Im matten Sternenlichte kamen sie ihm noch größer, noch seltsamer vor, weil sie mit ihren langen Schatten nach allen Seiten in eins verschwammen. Zur rechten Hand sah man die Umrisse einer sich weithin erstreckenden Bergkette – das konnte ganz gut der Atlas sein. Links befand sich das Meer; man sah es nicht, aber das Rollen und Rauschen der Brandung verriet seine Nähe. Das war der richtige Fleck, um auf wilde Tiere auf den Anstand zu gehen.

Die eine Flinte in den Händen, die andere vor sich, um sie in jedem Augenblick ergreifen zu können, so hatte sich Tartarin auf ein Knie niedergelassen und wartete. Er wartete eine Stunde, er wartete zwei Stunden – nichts rührte sich. Da fiel ihm etwas ein, was er in seinen Büchern gelesen hatte, daß nämlich die großen und berühmten Löwenjäger immer, wenn sie auf die Jagd gehen, eine junge Ziege mit sich nehmen. Sie binden sie einige Schritte vor sich an und bringen sie zum Meckern, indem sie an einem Bindfaden ziehen, der an einem Bein des Tieres befestigt ist.

Leider hatte der biedere Tarasconese aber keine Ziege mitgenommen; da kam er auf die ausgezeichnete Idee, die Lockrufe mit eigener Stimme nachzuahmen und fing mit möglichst feiner Stimme zu meckern an: »M–ä–ä! M–ä–ä!« Erst meckerte er ganz leise, denn im Grunde der Seele fürchtete er, ein Löwe könne es hören und sich wirklich täuschen lassen. Als er aber merkte, daß sich noch immer nichts rührte, wurde er kühner und blökte lauter: »M–ä–ä! M–ä–ä!«

Noch immer kein Erfolg.

Nun wurde er ungeduldig und M–ä–ä! M–ä–ä! M–ä–ä! schrie er so laut und kräftig in die Nacht hinein, daß die Töne weniger von einer Ziege als von einem Ochsen herzurühren schienen.

Da tauchte plötzlich, nur wenige Schritte von ihm entfernt, ein dunkler riesengroßer Körper auf. Tartarin gab keinen Laut von sich, er wagte kaum zu atmen.

Das geheimnisvolle Wesen duckte sich nieder, richtete sich dann wieder auf, beschnüffelte den Erdboden, drehte sich im Kreise herum, schien sich entfernen zu wollen, kehrte aber plötzlich zurück und blieb ganz nahe vor ihm stehen – das war der Löwe, kein Zweifel, das war er! Jetzt konnte man auch seine vier kurzen Füße erkennen, den Umriß seines mächtigen Nackens und zwei Augen – zwei Augen, die wie Kohlen glühten, leuchteten aus dem Dunkel. Das Gewehr an die Wange! Feuer! Piff! paff! Da war's geschehen. Nun rasch einen Sprung rückwärts und das Jagdmesser in die Faust genommen.

Als der Tarasconese Feuer gegeben, ertönte ein schreckliches Geschrei.

»Aha! Das hat gesessen!« rief Tartarin voll Entzücken. Dann stellte er sich fest auf beide Füße, um dem Angriff des verwundeten Tieres zu begegnen. Das aber war anderer Ansicht; es hatte an dem Schuß mehr als genug, wandte sich um und lief brüllend davon.

Tartarin rührte sich nicht vom Flecke; er erwartete das Weibchen, ganz wie er es in seinen Jagdgeschichten gelesen. Unglücklicherweise aber kam das Weibchen nicht. Nach zwei bis drei Stunden vergeblichen Wartens fühlte sich der große Tarasconese sehr abgespannt. Die Erde war feucht, die Nacht frisch, und vom Meere wehte ein ziemlich scharfer Wind herüber.

»Wie wäre es, wenn ich mich hier ein bißchen aufs Ohr legte, bis es wieder Tag ist?« sagte er sich. »Wenn ich meinen Schattenspender aufspanne, hält er den Wind ab, und ich bin sicher vor dem Rheumatismus.«

Gedacht – getan! Aber weiß der Teufel, wie es zuging, der Mechanismus des Schattenspenders war so famos konstruiert, daß es seinem Besitzer trotz aller Anstrengungen nicht gelingen wollte, ihn aufzuspannen.

Eine volle Stunde schlug er sich mit dem Dinge herum – alles Bemühen war vergeblich. Der verdammte Schattenspender wollte sich nicht aufspannen lassen, gerade wie manche Regenschirme ihren Trägern einen solchen Streich spielen, wenn eben ein Wolkenbruch herniederstürzt. Des vergeblichen Kampfes mit dem hartnäckigen Dinge überdrüssig, warf es der Tarasconese schließlich zu Boden und legte sich selbst darauf, um wenigstens nicht auf bloßer Erde kampieren zu müssen. Dabei fluchte er so gräßlich, wie eben nur ein Südfranzose fluchen kann.

»Trara! Taterata!«

Tartarin fuhr aus dem Schlafe auf und richtete sich empor.

»Was gibt's?«

Es waren die Töne der Reveille, die in der Kaserne der afrikanischen Jäger in Mustapha geblasen wurde. Der Löwenjäger blickte ganz erstaunt um sich und rieb sich die Augen, da er noch zu träumen meinte.

Er glaubte doch steif und fest mitten in der Wüste übernachtet zu haben – und wo sah er sich nun? Mitten auf einer Artischockenpflanzung; rechts war ein Feld mit Blumenkohl und links eines mit roten Rüben.

Eine Sahara mit Küchengemüse!

Fast in unmittelbarer Nähe sah er das ziemlich hochgelegene Mustapha auf den im freundlichsten Grün schimmernden Abhängen, und kleine, weiße algerische Villen, die im Morgensonnenlicht glänzten. Man hätte glauben mögen, man befände sich in der Umgebung von Marseille, wo auch Schlösser und Villen die Anhöhen krönen.

Nochmals sah sich Tartarin um. Kein Zweifel, er war in die Gemüsefelder geraten. Wie gemein, wie prosaisch sah das alles aus. Es stimmte seine gute Laune ganz bedeutend herab.

»Die Leute hier sind übrigens toll«, sagte er dann nach einigem Überlegen. »Pflanzen diese Menschen ihre Artischocken im Machtbereich der Löwen. Denn ich habe doch nicht geträumt, die Löwen kommen während der Nacht bis hierher. Da ist ja sogar der Beweis . . . .«

Als Beweis betrachtete er die blutige Spur, die das fliehende Tier hinter sich gelassen hatte.

Nun begann die Verfolgung; genau dieser Spur nachgehend, nach allen Seiten umherspähend, den Revolver in der Hand, so drang der tapfere Tartarin von Artischocke zu Artischocke vor und kam endlich auf ein kleines Haferfeld.

An einer Stelle war das Korn ganz niedergetreten; die Spur endete hier in einer Blutlache, und mitten in dieser Lache wälzte sich, auf einer Seite liegend und mit einer tiefen Wunde im Kopf – was meint Ihr wohl?

Ein Löwe natürlich!

Nein! Ein Esel! Einer von jenen kleinen Eseln, die in Algerien überall zu finden sind und die man da unten allgemein Bourriquots nennt.

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