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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Zum ersten Male auf Anstand

Die Uhr auf dem Regierungsgebäude verkündete eben die dritte Stunde, als Tartarin erwachte. Er hatte den ganzen Abend, die ganze Nacht, den ganzen Morgen über und noch ein gut Stück vom Nachmittag geschlafen. Was hatte der Fez aber auch für drei Tage der Aufregung hinter sich!

Als unser Held nun endlich wieder die Augen aufschlug, war sein erster Gedanke: »Nun bin ich also wirklich im Lande der Löwen.«

Du lieber Himmel! Warum hätte er sich das denn auch nicht sagen sollen? Allerdings – wenn er sich die Sache näher überlegte, wenn er bedachte, daß die Löwen so in seiner nächsten Nähe seien, kaum ein paar Schnitte von ihm entfernt, daß er sie nur zu locken brauchte – brr! hierher! – dann wurde es ihm doch etwas unbehaglich. Es überlief ihn eiskalt und er verkroch sich unter seine Bettdecke.

Aber schon im nächsten Augenblick wich die Mutlosigkeit wieder. Von den Straßen drang der Schall eines regen Lebens und Treibens zu ihm, der Himmel war so blau, die Sonne schien so lustig in sein Zimmer, das Frühstück, das er sich an sein Bett bringen ließ, war so vortrefflich und der Wein von Crescia so ausgezeichnet, daß er seinen alten Heldenmut schnell wieder gewann.

»Zu den Löwen! Zu den Löwen!« rief er begeistert, sprang aus dem Bette und kleidete sich schnell an.

Er hatte folgenden Plan entworfen: Ohne einer Menschenseele etwas von seinem Vorhaben zu sagen, wollte er die Stadt verlassen, sich direkt in die Wüste begeben, die Nacht abwarten, sich in einen Hinterhalt legen und dann, sobald ein Löwe in seine Nähe kam – piff! paff! Am nächsten Morgen könnte er dann zur Frühstückszeit wieder im Hotel de l'Europe sein, die Glückwünsche der Einwohner von Algier entgegennehmen, einen Wagen mieten und nach der Stelle fahren, an der er die Bestie erlegt hatte.

Er bewaffnete sich schnell, nahm seinen Zeltschirm auf den Rücken – die mittlere Stange des Gestells ragte ihm weit über den Kopf – und ging steif wie ein Stock die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus. Da er nun niemand nach seinem Wege fragen wollte, denn er fürchtete, auf diese Weise könnten seine Absichten erraten werden, wandte er sich erst schnell nach rechts, ging dann immer gerade aus bis an das Ende der Arkaden Bab-Azun, wo ihn das Volk der jüdischen Händler von Algier, die in ihren dunkeln Läden wie die Spinnen in ihrem Netze lauerten, beim Vorübergehen anstaunte; darauf ging er quer über den Theaterplatz, gelangte in die Vorstadt und endlich auf die große, staubige Landstraße nach Mustapha.

Hier herrschte ein buntes Leben und Treiben: Omnibusse, Fiaker, Equipagen, Militär-Trainwagen, große mit Ochsen bespannte Heukarren fuhren vorüber; da kamen einige Bataillone afrikanischer Jägerregimenter, dort Herden kleiner, fast zwerghafter Esel, dazwischen Negerinnen, die frischgebackene Brote zum Verkauf ausboten; hier nahten ein paar Wagen mit elsässischen Emigranten, dort sah man mehrere Spahis in ihren roten Mänteln – alles wogte vorbei in einer Wolke von Staub, von allen Seiten ertönte Schreien, Lachen, Singen, Trompetengeschmetter. Auf beiden Seiten der Straße sah man elende Häuschen, vor deren Türen sich große Frauen ungeniert die Haare kämmten, dann Schenken, voll von Soldaten, Fleischerläden, Abdeckereien u. s. w. »Was wollen denn die Leute eigentlich mit ihrem berühmten Orient, von dem sie mir so viele Loblieder gesungen?« fragte sich Tartarin. »Hier gibt es ja nicht einmal so viele Türken wie in Marseille.«

Plötzlich sah er dicht vor sich ein großes Kamel vorüberlaufen; es stolzierte mit seinen langen Beinen so gravitätisch wie ein Truthahn einher.

Das ließ ihm das Herz höher schlagen.

»Schon Kamele! Da können die Löwen ja gar nicht mehr weit sein.« Und in der Tat, nach kaum fünf Minuten sah er wirklich einen ganzen Trupp Löwenjäger mit übergehängten Gewehren auf sich zukommen.

»Diese Hasenfüße!« sagte er bei sich, als sie sich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatten. »Diese Hasenfüße! Gehen diese Menschen truppweise auf die Löwenjagd und nehmen sogar Hunde mit.«

Daß man in Algerien auch etwas anderes jagen könne als Löwen, fiel im auch nicht im Traume ein. Übrigens hatten die Leute solche treuherzigen Gesichter – es schienen sämtlich kleine Kaufleute zu sein, die sich zur Ruhe gesetzt hatten – und dann kam ihm die Art und Weise, mit Hunden und Jagdtaschen auf die Löwenjagd zu gehen, so rührend naiv vor, daß Tartarin dem Verlangen nicht widerstehen konnte einen von diesen Herren anzureden.

»Übrigens, gute Jagd hier, Kamerad?«

»Nicht gerade schlecht«, erwiderte jener und musterte mit erstauntem Blicke den Fremden, der aussah, als ziehe er in den Krieg und nähme gleich ein ganzes Zeughaus mit.

»Haben Sie etwas geschossen?«

»O ja, es geht an, sehen Sie einmal!« Der algerische Jäger zeigte seine Jagdtasche, die mit erlegten Kaninchen und Waldschnepfen vollgepfropft war.

»Was denn? Da – in Ihrer Jagdtasche? Sie stecken die Beute in Ihre Jagdtasche?«

»Na, wohin soll ich sie denn sonst stecken?«

»Ja –, aber . . . aber dann waren es wohl ganz junge?«

»Junge und alte«, entgegnete jener. Dann empfahl er sich schnell und lief seinen Gefährten nach, um möglichst bald wieder in der Stadt zu sein.

Der unerschrockene Tartarin war vor Verwunderung wie angedonnert mitten auf der Straße stehen geblieben. Endlich faßte er sich, und nach einem Moment der Überlegung sagte er: »Pah! Schwindel! Es sind Aufschneider! Sie haben überhaupt nichts geschossen.«

Damit setzte er seinen Weg fort.

Schon wurden die Häuser zu beiden Seiten der Straße immer seltener, und er begegnete auch immer weniger Leuten. Die Nacht brach herein, die Dinge ringsum waren kaum noch erkennbar. Tartarin von Tarascon marschierte noch eine halbe Stunde lang. Endlich machte er Halt. Es war mittlerweile vollständig dunkel geworden. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber zahllose Sterne funkelten am Himmel. Kein menschliches Wesen war weit und breit zu entdecken. Trotzdem sagte sich der große Mann sehr richtig, daß die Löwen keine Postwagen seien und keine Vorliebe für die große Heerstraße haben dürften. So ging er denn kurz entschlossen querfeldein. Bei jedem Schritte stolperte er über Gräben, Sträucher und Wurzeln, aber das kümmerte ihn nicht. Immer vorwärts! hieß die Losung.

Plötzlich blieb er stehen. »Es liegt etwas Eigentümliches in der Luft«, sagte er und zog prüfend mit der Nase die Luft ein. »Ganz gewiß, hier sind Löwen!«

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