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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Zu den Waffen! Zu den Waffen!

Das Schiff war nicht gescheitert, es war angelangt. Der »Zuave« fuhr in die Reede ein, eine sehr schöne Reede mit dunklem, tiefem Wasser, aber still und fast wie ausgestorben. Vor den Augen der Reisenden lag auf einem Hügel das weiße Algier ausgebreitet, mit seinen blendendweißen Häusern, die sich an das Meer hinunterzogen und von denen das eine so dicht an das andere gebaut war, daß es ganz so aussah, wie wenn die Bleicherinnen auf dem Hügel von Mendon ihre Wäschestücke nebeneinander auslegen. Über das alles spannte sich der Himmel in einer so herrlichen blauen Farbe, wie sie nur die Sonne und die Luft des Südens hervorzuzaubern vermögen.

Sobald der verehrte Herr Tartarin sich von seinem ersten Schrecken ein bißchen erholt hatte, betrachtete er das sich vor ihm entrollende Bild und lauschte ehrerbietig den Worten des montenegrinischen Prinzen, der neben ihm stand und ihm die verschiedenen Stadtteile nannte: die Kasba, die sogenannte Obere Stadt und die Straße Bab-Azun. Es war ein überaus liebenswürdiger Mensch, dieser montenegrinische Prinz! Und wie unterrichtet er war! Er kannte, nach seinen Reden zu urteilen, ganz Algerien und sprach das Arabische fließend. Tartarin nahm sich vor, sich so viel als möglich an ihn zu halten und diese Bekanntschaft recht zu kultivieren.

Plötzlich bemerkte er, daß von unten eine ganze Menge große schwarze Hände über der Brüstung, an der er mit dem Prinzen lehnte, auftauchten. Fast in demselben Augenblick erschien auch der kraushaarige Kopf eines Negers vor ihm, und bevor er noch den Mund zu einem Hilfeschrei öffnen konnte, wimmelte es auf dem Deck von fast hundert schwarzen und braunen Kerlen. Wie aus dem Boden gewachsen, so unerwartet waren sie gekommen, und immer noch drängten andere nach; wie Seeräuber kletterten sie an den Planken hinauf und schwangen sich über die Brustwehr – alle nur halb bekleidet, ein scheußlicher Anblick.

Tartarin erkannte sie sofort, diese Seeräuber. »Sie« waren es, die berüchtigten »sie«, die er nachts so oft vergeblich in den Straßen von Tarascon gesucht hatte. Endlich hatten »sie« sich entschlossen, zu kommen.

Im ersten Augenblick war er so überrascht, daß er keiner Bewegung fähig war. Sobald er aber sah, daß sich die Seeräuber auf das Passagiergepäck stürzten, die Segelleinwand, mit der es zugedeckt war, herunterrissen und sich offenbar an die Plünderung des Schiffes machten, kam er wieder zur Besinnung. Er zog sein Jagdmesser, schrie den übrigen Passagieren zu: »Zu den Waffen! Zu den Waffen!« und drang allen voran auf die Piraten ein.

»Was ist denn los? Was haben Sie denn? Was fällt Ihnen denn eigentlich ein?« fragte der Kapitän Barbassou, der gerade aus dem Zwischendeck heraufkam.

»Ah – Sie sind es, Kapitän! Schnell! Nur schnell! Bewaffnen Sie die Mannschaft.«

»Aber um Himmels willen, weshalb denn?«

»Sehen Sie denn nicht dort . . .«

»Was denn?«

»Da . . . da . . . vor Ihnen . . . die Piraten . . .«

Der Kapitän Barbassou sah sich ganz erstaunt im Kreise um. In diesem Augenblick lief ein riesengroßer Neger an ihnen vorbei, der die Reiseapotheke des tarasconischen Helden auf seiner Schulter trug.

»Warte, du elender Halunke!« schrie Tartarin und sprang mit gezücktem Messer auf ihn zu.

Barbassou hielt ihn zurück. Damit er nicht wirkliches Unheil anrichte, faßte er ihn an seinem Gürtel, zog ihn an sich heran und sagte: »Beruhigen Sie sich doch nur! Regen Sie sich und andere nicht auf! Es sind keine Piraten, in dieser Gegend gibt es seit sehr langer Zeit überhaupt keine Piraten mehr. Es sind Kofferträger.«

»Kofferträger?«

»Natürlich, Kofferträger, die das Gepäck der Passagiere ans Land bringen wollen. Seien Sie vernünftig und stecken Sie vor allen Dingen das Messer wieder in die Scheide. Dann geben Sie mir gefälligst Ihr Billett und gehen Sie ruhig hinter dem Neger her, den ich als einen ganz ehrlichen und braven Kerl kenne. Er wird Sie sicher ans Land bringen und wenn Sie es wünschen, bis an ein Hotel.«

Tartarin wurde durch diese Aufklärung ein bißchen enttäuscht. Verwirrt gab er dem Kapitän sein Billett, folgte dem Neger und stieg auf einer Falltreppe in ein ziemlich großes Boot hinunter, das an der einen Langseite des Dampfers lag. Hier fand er seine sämtlichen Gepäckstücke vor, seine Koffer, seine Waffenkisten und seine Konserven. Da das Boot von ihm und seinem Gepäck ziemlich gefüllt wurde, brauchte man auf andere Passagiere nicht mehr zu warten. Der Neger, der vorhin seine Apotheke rauben zu wollen schien, hockte auf den Koffern; wie ein Affe hatte er sich niedergekauert und hielt die Kniee mit den Händen umschlungen. Ein anderer Neger ergriff die Ruder. Beide sahen ihren Fahrgast an, lachten und zeigten dabei ihre blendend weißen Zähne.

Der große Tarasconese stand hinten im Boot und machte das grimmige Gesicht, das der Schrecken seiner Mitbürger gewesen war. Er beobachtete gespannt jede Bewegung seiner beiden Begleiter, und seine Hand umfaßte krampfhaft den Griff seines Messers. Denn ungeachtet der tröstlichen und beruhigenden Versicherungen Barbassous war er noch keineswegs von den friedlichen Absichten der ebenholzfarbigen Gepäckträger überzeugt, die ihren tarasconischen Standesgenossen so gar nicht ähnlich sahen.

Fünf Minuten später kam das Boot an der Landungsbrücke an, und Tartarin setzte den Fuß auf den kleinen Berberquai, woselbst drei Jahrhunderte früher ein spanischer Galeerensklave, namens Miguel Cervantes, an der Ruderbank einen unvergleichlichen Roman ersann, den er betitelte: »Don Quixote«.

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