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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Im Hafen von Marseille – zu Schiffe! zu Schiffe!

Man schrieb den 1. Dezember. Die Luft war klar und rein, die Sonne blickte freundlich vom wolkenlosen Himmel herunter – es war ein Wintertag, wie man ihn nur in der Provence erleben kann. Eben schlug es zwölf Uhr, da sahen die Marseiller zu ihrem größten Erstaunen einen Türken durch die Straßen wandeln. Und zwar einen Türken, wie sie gleich sonderbar ausstaffiert noch niemals einen zu Gesicht bekommen hatten. Das will viel sagen, denn an Türken ist doch in Marseille kein Mangel, das weiß der Himmel. Dieser das allgemeine Aufsehen erregende Türke war, wie wohl kaum noch ausdrücklich gesagt zu werden braucht, Tartarin, der große Tartarin aus Tarascon, der am Quai entlang schritt und von einigen Packträgern seine Waffenkisten, seine Apotheke, seine Konserven und das übrige Gepäck hinter sich hertragen ließ. Er kam eben aus dem Bureau der Dampfschiffsgesellschaft und wollte sich an Bord des Paketbootes »Der Zuave« begeben, das ihn nach Afrika hinüber befördern sollte.

Die lärmenden Kundgebungen seiner Landsleute klangen ihm noch in den Ohren; das merkwürdig klare Sonnenlicht und der eigentümlich kräftige Hauch, der vom Meere herüberwehte, kamen hinzu – so waren denn Tartarins Sinne einigermaßen befangen, als er mit stolz erhobenem Haupte, um jede Achsel eine Flinte, am Quai herumspazierte. Er riß die Augen weit auf und betrachtete mit stets neuem Staunen die Wunder, die sich ihm in dem prächtigen Hafen von Marseille enthüllten. Der arme Mann, der noch niemals auch nur etwas entfernt Ähnliches gesehen, glaubte zu träumen. Er kam sich vor wie Sindbad der Seefahrer und glaubte wie dieser in einer jener phantastischen Städte herumzuirren, von denen er in »Tausend und eine Nacht« gelesen hatte.

Da zog sich ein unabsehbarer Wald von Masten hin und ein Gewirre von Rahen, die sich nach allen Himmelsrichtungen kreuzten. Da waren Flaggen aus aller Herren Länder, russische, griechische, schwedische, tunesische, amerikanische. Von den Schiffen, die dem Quai zunächst lagen, ragten die Bugspriete über die Ufermauer hinaus, daß sie aussahen wie gefällte Bajonette; und darunter diese Menge von Najaden, Göttinnen, Jungfrauen und anderen aus Holz geschnitzten und bemalten Figuren, nach deren Bedeutung das Schiff den Namen trug. Und an allen konnte man Spuren von Zerstörung und Zersetzung durch das Seewasser wahrnehmen, von dem sie unausgesetzt umspült sind. Hier und da konnte man zwischen zwei Schiffen auch ein Stückchen von der See bemerken, einen ganz schmalen Wasserstreifen, wie ein großgemustertes Stück Zeug mit Ölflecken darauf. In dem Gewirr der Rahen saßen Scharen von Schiffsjungen; sie sahen von unten wie Möwen aus, ein reizender Anblick gegen den blauen Himmel; lachend und in allen möglichen Sprachen durcheinander plaudernd, amüsierten sie sich in ihrer luftigen Höhe.

Am Quai entlang führen Rinnsale von den Seifenfabriken die Abgänge in den Hafen, eine grünlich-schwärzliche Masse mit Bestandteilen von Öl und Soda. Mitten zwischen diesen Rinnsalen wogte ein ganzes Heer von Zollbeamten, von Kommissionären, Agenten und Lastträgern mit ihren Wagen, die mit kleinen korsischen Pferden bespannt sind.

Überall Kaufläden, in denen die seltsamsten Gegenstände ausliegen, und rauchgeschwärzte Baracken, in denen die Matrosen sich ihre Speisen selbst zubereiten; da haben Pfeifenhändler ihren Stand, Händler mit Affen, mit Papageien, mit Stricken, Segeltuch und tausenderlei anderem Kram, wie er sich eben nur bei einem Trödler in einer großen Hafenstadt ansammeln kann: alte Kanonenrohre, große vergoldete Laternen, alte Ankerwinden, alte verrostete Anker, altes Tauzeug, alte Segelblöcke, alte Sprachrohre und alte Seefernrohre aus den vordenklichsten Zeiten. In der Nähe hocken kreischende Verkäuferinnen von Seemuscheln und Austern. Hier heißt es aufpassen, es kommen ein paar Matrosen mit Teerkübeln – wer nicht acht gibt, wird rücksichtslos umgerannt oder kommt mit der schwarzen klebrigen Masse in unangenehme Berührung; dort wieder tragen Matrosen Kübel mit dampfender Suppe, andere gehen an die Brunnen mit Körben voll Seetieren, um sie dort zu waschen.

Wohin das Auge blickt, überall sieht es Berge von Waren der verschiedensten Art aufgestapelt: Seidenstoffe, Mineralien, Floßholz, Bleibarren, Tuche, Zucker, Johannesbrot, Rübsaat, Süßholz, Zuckerrohr. Orient und Okzident reichen sich hier die Hände. Da liegen große Haufen von holländischem Käse, der in Genua rot gefärbt wurde. Dort unten ist der Kornausladeplatz, wo die Packträger ihre vollen Säcke von hohen Gerüsten herab auf das Ufer entleeren. Wie ein goldener Strom rollt das Korn mit einer gelblichen Staubwolke hinab. Eine Anzahl Männer, einen roten Fez auf dem Kopfe, beeilen sich, das Getreide durch große Haarsiebe laufen zu lassen und zu prüfen; dann wird es auf bereitstehende Karren geladen und in die Speicher gefahren. Eine Schar von Frauen und Kindern mit Besen und Sammelkörben begleitet den Zug.

Noch weiter unten ist das Werftbassin. Die Rahen ins Wasser getaucht, liegen hier mehrere der großen Fahrzeuge auf der Seite; sie werden mit Gestrüpp abgesengt und so von den Seepflanzen gereinigt, die sich während langer Fahrten angesetzt haben. Das war ein Lärm, wenn die Werftarbeiter den Rumpf der Schiffe mit neuen Kupferplatten belegten. Das war ein Teergeruch!

Ab und an war in dem Mastenwalde eine Lichtung. Dann konnte Tartarin die Einfahrt zum Hafen sehen, wo unzählige Schiffe ein- und ausliefen. Da fuhr eine nach Malta bestimmte englische Fregatte ab; wie blitzte alles an Bord, wie war da alles so sauber und frisch gewaschen. Dort wurde eine große Marseiller Brigg unter Geschrei und Flüchen zum Auslaufen flott gemacht. Ein dicker Kapitän, der im Regenmantel und Seidenhut auf dem Hinterdeck stand, gab die Kommandos in Südfranzösisch. Mit vollen Segeln verließen eben einige Schiffe den Hafen, während man in der Ferne ein paar langsam hereinkommen sah; man hatte, da die Sonne voll auf sie fiel, ganz den Eindruck, als ob sie in freier Luft segelten.

Am Quai schien der betäubendste Lärm in Permanenz erklärt zu sein. Das war ein Rollen von Wagenrädern, ein Schreien, Fluchen, Singen der Matrosen, ein Pfeifen von den Dampfschiffen; dazwischen die Trommeln und Trompeten vom Fort Saint-Jean und vom Fort Saint-Nicolas und die Glocken von den Kirchen des Accoules und Saint-Viktor; dazu der Mistral, der alle Geräusche und Klänge vermischte und durcheinanderwirbelte zu einer wilden, tollen Musik – einer Musik, bei der man Lust bekam, auch zu fliegen wie der Südwind – sich auch aufzuschwingen über Berg und Tal – nach fernen, fernen Ländern . . . .

Und bei den Tönen dieser wilden Musik schiffte sich der unerschrockene Tartarin aus Tarascon ein nach dem Lande der Löwen.

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