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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Stechen Sie mich mit dem Degen meine Herren!
Mit Degen aber nicht mit Stecknadeln

Hatte er denn überhaupt wirklich die Absicht, die bewußte Reise jemals anzutreten?

Ja, das ist eine kitzliche Frage, und dem wahrheitsliebenden Erzähler der Geschichte Tartarins muß es schwer werden, eine einigermaßen befriedigende Antwort darauf zu geben.

Tatsache ist, daß Mitaines Menagerie seit länger als drei Wochen die Stadt Tarascon wieder verlassen hatte, aber der Löwentöter traf immer noch nicht die geringsten Anstalten . . .

Immerhin ist es ja auch möglich, daß der große und vielgefeierte Held durch eine merkwürdige Ausgeburt seiner Phantasie von neuem genarrt wurde und daß er sich nun einbildete, er hätte die Reise nach Algier schon gemacht. Es kann ja sein, daß er nach der allzu häufigen Erzählung seiner künftigen Jagden und Abenteuer schließlich wirklich glaubte, er habe sie schon überstanden – so wie sich ja auch bei ihm die Überzeugung eingewurzelt hatte, er hätte wirklich die Konsulatsflagge aufgehißt und piff! paff! auf die Tataren geschossen, in Schanghai.

Wenn nun aber Herr Tartarin auch diesmal ein unglückliches Opfer jener merkwürdigen Erscheinung geworden war, die Tarasconesen waren es offenbar nicht. Sie wußten ganz genau, daß der Biedermann jene versprochene Reise noch immer vor sich hatte, und als mehr als drei Monate ins Land gegangen waren, ohne daß er daran dachte, seine Sachen zu packen, da begann man darüber zu räsonieren. »Es wird diesmal genau so werden wie damals mit Schanghai«, meinte Costecalde mit boshaftem Lächeln. Dieser Ausspruch des Waffenschmiedes wirkte wie ein Funke, der ins Pulverfaß fällt, denn niemand glaubte mehr an Tartarin.

Die Dummköpfe und die Maulhelden, z. B. Leute wie Bezuquet, die vor einer Maus die Flucht ergriffen und die beim Abschießen eines Gewehres immer ängstlich beide Augen zudrückten, gerade diese schlugen am meisten Lärm und waren gar nicht zu besänftigen. Im Klub, auf der Promenade, kurz, wo sie den armen Tartarin trafen, machten sie ihn zur Zielscheibe ihrer plumpen, äußerst billigen Witze. »Übrigens, wann geht die Reise los?«, war die Formel, die man ihm anstatt einer Begrüßung entgegenschleuderte. In Costecaldes Laden wurden seine Entscheidungen nicht mehr als unumstößlich richtig betrachtet. Die Mützenjäger verleugneten ihren Herrn und Meister.

Bald wurde das Thema auch in Spottversen behandelt. Der Präsident Ladeveze, der in seinen Mußestunden der Muse der provençalischen Dichtkunst schon manchen argen Streich gespielt hatte, verfaßte ein Liedchen, welches ungemeinen Beifall fand. Es war in diesem Gedichte die Rede von einem gewissen Meister Gervais, dessen weit und breit gefürchtetes Gewehr dazu bestimmt war, allen afrikanischen Löwen den Garaus zu machen. Der Teufel mußte aber wohl sein Spiel bei der Konstruktion des Gewehrs getrieben haben – so oft man es auch lud, es ging nicht los.

»Es ging nicht los!« Wie fein war die Anspielung!

Im Handumdrehen war dieses Lied bekannt geworden und in aller Leute Munde. Wo Tartarin sich zeigte, mußte er die Spottverse hören. Die Lastträger am Quai, die kleinen Stiefelputzer, die sich vor seinem eigenen Hause niedergelassen hatten, die Straßenjungen, – sie alle sangen im Chor:

Das Gewehr des Herrn Gervais,
Ach, das ist doch ganz famos;
Das Gewehr ist stets geladen,
Aber niemals geht es los!

Selbstverständlich hielten sich die edlen Sänger immer in respektvoller Entfernung, schon wegen der »Doppelmuskeln.«

Oh, wie leicht verscherzt war sie, die Gunst der tarasconischen Bürgerschaft.

Der große Mann selbst stellte sich, als höre und sähe er nicht, was um ihn her vorging, und als ginge ihn die ganze Geschichte überhaupt nichts an. Aber im Grunde des Herzens fühlte er sich doch tief gekränkt über die häßliche und hämische Art, in der dieser Kleinkrieg gegen ihn geführt wurde. Außerdem merkte er auch nur zu wohl, daß ihm das Szepter seiner Herrschaft über Tarascon immer mehr entglitt und daß andere Männer sich schon größerer Popularität zu erfreuen hatten als er. Das entlockte ihm so manchen schweren Seufzer.

Ach, wie herrlich ist es doch, wenn wir uns allgemeiner Zuneigung zu erfreuen haben. Wir zehren schließlich von dem Gute und glauben, daß es immer so sein müßte. Welche bittere Enttäuschung, wenn wir die Entdeckung machen, daß ein Zufall, eine Kleinigkeit genügt hat, das Blatt zu wenden und die Gunst der Menge uns zu rauben. Heldenmütig verbiß Herr Tartarin seinen Schmerz; er lebte ruhig und gemütlich wie vordem, als sei zwischen ihm und seinen Mitbürgern nichts vorgefallen.

Zuweilen aber fiel die Maske der Harmlosigkeit und der inneren Ruhe, die er mit so viel Selbstverleugnung und so großem Stolze zur Schau trug, und dann sah man seine von Gram und Schmerz entstellten Züge.

So geschah es auch eines Morgens, als die nichtsnutzigen Stiefelputzer direkt unter den Fenstern seines Schlafzimmers das abscheuliche Lied sangen: »Das Gewehr des Herrn Gervais.« Herr Tartarin stand eben vor seinem Spiegel und war im Begriff, sich zu rasieren. Da drangen die Töne des Spottliedes herauf. Sofort wurde das Fenster aufgerissen und Tartarin erschien in Hemdsärmeln, mit einem Kopftuch und eingeseift in der Fensteröffnung, schwang sein Rasiermesser und seinen Seifennapf und schrie mit Donnerstimme:

»Degenstiche, meine Herren! Degenstiche, aber keine Nadelstiche!«

Schöne Worte, die es wohl verdienen, aufgezeichnet zu werden, und die nur den einen Fehler hatten, daß sie an dumme Jungen gerichtet waren, nicht viel größer als ihre Wichskasten, und an Ehrenmänner, die unfähig waren, einen Degen zu führen.

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