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Die Wunder des Antichrist

Selma Lagerlöf: Die Wunder des Antichrist - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorSelma Lagerlöf
titleDie Wunder des Antichrist
publisherNymphenburger
yearo.J.
isbn3485004863
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140731
projectid74651dac
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V. Eine Freske von Signorelli

Eine Woche später war Pater Gondo in Rom. Er erhielt eine Audienz bei dem alten Mann im Vatikan und berichtete diesem, daß er den Antichrist in der Gestalt Christi gefunden habe, wie dieser Antichrist das Volk in Diamante in Weltlichkeit verstrickt habe, und wie er, Pater Gondo, ihn hätte verbrennen wollen. Er erzählte auch, daß er die Leute nicht habe zu Gott zurückführen können. Statt dessen sei ganz Diamante dem Unglauben und dem Sozialismus anheimgefallen. Niemand dort wolle für seine Seele sorgen, niemand an den Himmel denken. Pater Gondo fragte, was er mit diesen armen Menschen nun anfangen solle?

Der alte Papst, der der weiseste aller Lebenden war, lachte nicht über Pater Gondos Erzählung, sondern wurde tief betrübt.

»Du hast unrichtig gehandelt, du hast sehr unrichtig gehandelt«, sagte er.

Er schwieg eine Weile und überlegte; dann sagte er: »Du hast wohl den Dom in Orvieto nicht gesehen?«

»Nein, heiliger Vater.«

»Geh dorthin und sieh ihn dir an«, sagte der Papst, »und wenn du zurückkommst, wirst du mir erzählen, was du dort gesehen hast.«

Pater Gondo gehorchte. Er ging nach Orvieto und sah den hochheiligen Dom. Zwei Tage später war er wieder im Vatikan.

»Was hast du in Orvieto gesehen? fragte der Papst.

Pater Gondo erzählte, daß er in einer Kapelle des Domes Fresken von Luca Signorelli gesehen habe, die die letzten Dinge darstellten. Aber er habe weder »Das jüngste Gericht« noch »Die Auferstehung der Toten« genau angesehen, sondern seine ganze Aufmerksamkeit dem großen Gemälde zugewandt, das der Guardiano »Die Wunder des Antichrist« genannt habe.

»Was sahst du auf diesem Gemälde?« fragte der Papst.

»Ich sah, daß Signorelli den Antichrist als einen armen und geringen Mann gemalt hat, wie der Sohn Gottes einer war, als er auf Erden wandelte. Ich sah, daß er ihn wie Christus gekleidet und ihm auch dessen Züge gegeben hat.«

»Was sahst du weiter?« fragte der Papst.

»Das erste, was mir an dem Bild auffiel, war, daß der Antichrist so gewaltig predigte, daß die Reichen und Mächtigen ihre Schätze zu seinen Füßen niederlegten.

Zweitens sah ich, daß ein Kranker zum Antichrist gebracht wurde und daß dieser ihn heilte.

Drittens sah ich, daß ein Märtyrer sich zu dem Antichrist bekannte und für ihn in den Tod ging.

Viertens sah ich da auf dem mächtigen Wandgemälde, daß die Menschen einem großen Friedenstempel zuströmten; der Geist der Zwietracht wurde vom Himmel herabgestürzt, und alle Gewalttäter wurden durch die Blitze des Himmels getötet.«

»Was dachtest du, als du dieses sahst?« fragte der Papst.

»Als ich dies sah, dachte ich, dieser Signorelli muß wahnsinnig gewesen sein. Meinte er denn, in den Zeiten des Antichrist werde die Zwietracht besiegt und die Erde heilig werden wie das Paradies?«

»Sahst du noch mehr?«

»Fünftens sah ich auf dem Gemälde dargestellt, daß Mönche und Priester auf einem großen Scheiterhaufen aufgehäuft waren und verbrannt wurden.

Und zum sechsten und letzten sah ich, daß der Teufel hinter dem Antichrist stand und ihm zuflüsterte, was er reden und wie er handeln solle.«

»Was dachtest du, als du das sahst?«

»Ich sagte mir: Dieser Signorelli ist nicht wahnsinnig, sondern ein Prophet gewesen. Der Antichrist wird sicherlich in der Gestalt Christi kommen und die Welt zu einem Paradies machen. Er wird sie so schön machen, daß die Menschen den Himmel darüber vergessen. Und dies wird die gefährlichste Versuchung für die Welt sein.«

»Nun wirst du begreifen«, sagte der Papst, »daß das, was du mir erzähltest, mir nichts Neues war. Die Kirche hat von jeher gewußt, daß der Antichrist kommen wird, ausgerüstet mit Christi Tugenden.«

»Wußtet Ihr auch, daß er wirklich gekommen ist, heiliger Vater?« fragte Pater Gondo.

»Sollte ich hier Jahre um Jahre auf Petri Stuhl sitzen und nicht wissen, daß er gekommen ist?« sagte der Papst. »Ich sehe eine Volksbewegung aufstehen, die in Liebe zum Nebenmenschen erglüht, aber Gott haßt. Ich sehe Menschen Märtyrer werden für die neue Hoffnung auf eine glückliche Erde. Ich sehe, wie sie neue Freude und neuen Mut schöpfen aus dem Wort ›Denkt an die Erde!‹ Freude und Mut, wie sie sie früher aus dem Wort ›Denkt an den Himmel!‹ schöpften. Ich wußte, daß der, den Signorelli angekündigt hat, gekommen ist.«

Pater Gondo verneigte sich schweigend.

»Begreifst du jetzt, inwiefern du unrecht gehandelt hast?«

»Heiliger Vater, erleuchtet mich über meine Sünde.«

Der alte Papst richtete seinen Blick nach oben. Sein klares Auge schaute durch den Schleier der Zufälligkeiten, der die Dinge umhüllt, hindurch und sah, was dahinter verborgen ist.

»Pater Gondo«, sagte er, »das kleine Kind, mit dem du in Diamante kämpftest, das Kind, das barmherzig und wundertätig war wie Christus, das verachtete arme Kind, das dich besiegte und das du Antichrist nennst, weißt du nicht, wer es ist?«

»Nein, heiliger Vater.«

»Und er, der auf Signorellis Gemälde Kranke heilt und den Reichen das Herz rührt und die Gewalttätigen zu Boden streckt, er, der die Erde in ein Paradies verwandelt und die Menschen verlockt, den Himmel zu vergessen, weißt du nicht, wer es ist?«

»Nein, heiliger Vater.«

»Wer anders könnte es sein, als das Antichristentum, der Sozialismus

Der Mönch sah entsetzt auf.

»Pater Gondo«, sagte der Papst streng, »als du das Bild in deinen Armen hieltest, wolltest du es verbrennen. Warum denn? Warum warst du nicht liebevoll zu ihm und brachtest es zu dem kleinen Kind auf das Kapitol, von dem es ausgegangen ist?

Aber so macht ihr es, ihr Bettelmönche. Ihr könntet diese große Volksbewegung auf eure Arme nehmen, während sie noch wie ein Kind in den Windeln liegt, und ihr könntet sie zu Jesu Füßen niederlegen, und dann würde der Antichrist sehen, daß er nichts anderes ist als eine Nachbildung Christi, und er würde ihn als Herrn und Meister anerkennen. Aber das tut ihr nicht. Ihr werft das Antichristentum auf den Scheiterhaufen, und bald wird es euch selbst dorthin werfen.«

Pater Gondo beugte seine Knie.

»Ich verstehe, heiliger Vater. Ich werde hingehen und das Bild suchen.«

Da erhob sich der Papst voller Majestät.

»Du sollst das Bild nicht suchen. Du sollst es seinen Weg machen lassen durch die Zeit. Wir fürchten es nicht. Wenn er gegen das Kapitol angestürmt kommt, um den Weltenthron einzunehmen, werden wir ihm entgegengehen und ihn zu Christus hinführen. Wir werden Erde und Himmel versöhnen. Aber ihr tut unrecht, ihr, die ihr ihn haßt«, fuhr er milder fort. »Ihr habt vergessen, daß die Sybille ihn zu den Welterneuerern rechnet. Auf der Höhe des Kapitols wird man beten zum Weltenerneuerer, Christ oder Antichrist –«

»Heiliger Vater, wenn die Leiden dieser Welt durch ihn geheilt werden und der Himmel durch ihn keinen Schaden erleidet, dann werde ich ihn nicht hassen.«

Über das Gesicht des alten Papstes flog sein feinstes Lächeln.

»Pater Gondo, erlaube, daß auch ich dir eine sizilianische Geschichte erzähle. Als der liebe Gott die Welt erschuf, wollte er einmal wissen, ob er noch viel daran zu tun habe. Und er schickte Sankt Peter aus, um zu sehen, ob die Welt fertig sei.

Als Sankt Peter zurückkam, sagte er zu dem lieben Gott: ›Alles weint und klagt und schluchzt.‹

›Dann ist die Welt noch nicht fertig‹, sagte der liebe Gott und arbeitete weiter.

Nach drei Tagen schickte er Sankt Peter abermals auf die Erde hinab.

›Alle lachen und jubeln und spielen‹, sagte Sankt Peter, als er diesmal zurückkehrte.

›Dann ist die Welt noch nicht fertig‹, sagte der liebe Gott und arbeitete weiter.

Zum drittenmal wurde Sankt Peter ausgesandt.

›Die einen weinen und die anderen lachen‹, sagte er bei seiner Rückkehr.

›Dann ist die Welt fertig‹, sagte der liebe Gott.

Und so wird es sein und bleiben«, sagte der alte Papst. »Niemand kann die Menschen von ihren Leiden befreien; aber dem wird viel vergeben werden, der ihnen wieder neuen Mut macht, ihre Leiden zu tragen.«

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