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Die Wunder des Antichrist

Selma Lagerlöf: Die Wunder des Antichrist - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSelma Lagerlöf
titleDie Wunder des Antichrist
publisherNymphenburger
yearo.J.
isbn3485004863
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140731
projectid74651dac
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III. Auf der Barrikade

Als die reiche englische Dame am nächsten Morgen erwachte, vermißte sie das Bild und fragte sich, wo sie es suchen solle. Sie dachte, niemand anders als die Mönche von Aracoeli könnten es ihr genommen haben. Und sie ging eilig zum Kapitol, um es zu suchen und danach zu forschen. So kam sie zu der großen Marmortreppe, die zu der Kirche Aracoeli hinaufführt, und ihr Herz begann in wilder Freude zu klopfen, denn da auf der untersten Stufe lag gerade, was sie suchte. Sie riß das Bild an sich, verbarg es unter ihrem Mantel, eilte damit nach Hause und stellte es wieder in ihrem Festsaal auf.

Als sie sich dann aber in die Betrachtung seiner Schönheit versenkte, entdeckte sie, daß die Krone eine Beule bekommen hatte. Sie nahm sie vom Bild ab, um zu sehen, wie groß der Schaden sei, und dabei fiel ihr Blick auf die Inschrift, die sie selbst hineingeritzt hatte: »Mein Reich ist nur von dieser Welt.« Da wußte sie, daß dies das falsche Christusbild war und daß das echte wieder nach Aracoeli gekommen sein mußte.

Sie zweifelte daran, jemals wieder in den Besitz des echten Bildes zu kommen, und beschloß daher, Rom am nächsten Tage zu verlassen, denn sie wollte nicht mehr dableiben, nachdem sie das Bild nicht mehr hatte. Aber als sie abreiste, nahm sie das gefälschte Bild mit, weil es sie an das erinnerte, das sie liebte, und es begleitete sie von nun an auf allen ihren Reisen.

Sie hatte nämlich nirgends Ruhe, sondern reiste ständig umher, und auf diese Weise wurde das Bild in der ganzen Welt umhergeführt.

Aber überall, wohin das Bild kam, schien die Macht Christi abzunehmen, ohne daß jemand so recht begriff, warum. Denn nichts sah so machtlos aus wie dies ärmliche Bildwerk aus Ulmenholz, das mit Messingringen und Glasperlen geschmückt war.

Als die reiche Engländerin, der das Bild zuerst gehört hatte, starb, fiel es als Erbschaft an eine andere reiche Engländerin, die auch immer reiste, und von dieser an eine dritte –. Einmal, und zwar noch zur Zeit der ersten Engländerin, kam das Bild nach Paris.

Als es in die mächtige Stadt einfuhr, war dort gerade Revolution. Volkshaufen zogen wild schreiend durch die Straßen und warfen mit Steinen nach den Palästen der Reichen. Das Militär rückte gegen sie aus; da rissen sie das Straßenpflaster auf, türmten Wagen und Hausrat darauf und bauten Barrikaden.

Als nun die reiche Engländerin in ihrem großen Wagen dahergefahren kam, stürzte sich die Volksmenge auf den Wagen, zwang die Engländerin auszusteigen und schleppte den Wagen dann zu einer der Barrikaden hin.

Als man versuchte, ihn auf all die tausenderlei Dinge, aus denen die Barrikaden gebaut worden waren, hinaufzuwälzen, fiel einer der großen Koffer zu Boden, der Deckel sprang auf, und mit vielem anderen rollte auch das weggeworfene Christusbild heraus.

Die Leute stürzten sich darauf, um es zu plündern, aber sie sahen bald, daß der glänzende Schmuck unecht und vollkommen wertlos war; da begannen sie über das Bild zu lachen und es zu verspotten.

Es ging von Hand zu Hand unter den Aufrührern, bis einer von ihnen sich vorbeugte, um die Krone zu betrachten. Da sah er die Worte, die darauf eingeritzt waren: »Mein Reich ist nur von dieser Welt.«

Der Mann las diese Inschrift ganz laut, und alle Umstehenden schrien, das kleine Bild solle ihr Feldzeichen sein. Sie stellten es oben auf die Barrikade und hißten es gleichsam als ein Banner auf.

Unter denen, die die Barrikade verteidigten, war auch ein Mann, der kein armer Arbeiter war, sondern ein Gelehrter, der sein ganzes Leben in seinem Studierzimmer zugebracht hatte. Er kannte all die Not, von der die Menschen heimgesucht waren, und sein Herz war voller Mitleid für sie, so daß er beständig nach einem Mittel suchte, um ihr Los zu verbessern. Dreißig Jahre lang hatte er schon darüber nachgegrübelt und auch geschrieben, ohne einen Ausweg gefunden zu haben. Als er nun die Sturmglocke vernahm, stürzte er hinaus auf die Straße.

Er hatte eine Waffe ergriffen und sich den Kämpfenden angeschlossen in dem Gedanken, daß das Rätsel, das er nicht zu lösen vermocht hatte, vielleicht durch Gewalt und Macht zu lösen sei und daß sich die Armen vielleicht ein besseres Los erkämpfen könnten.

Kämpfend stand er den ganzen Tag; die Menschen um ihn herum fielen, Blut spritzte ihm ins Gesicht, und da erschien ihm das Elend des Lebens größer und jammervoller denn je. Aber sooft der Pulverdampf sich verzog, leuchtete vor seinen Augen das kleine Bild, das bei all dem Kampfgetümmel unerschüttert hoch oben auf der Barrikade stand. Und sooft der Mann das Bild ansah, gingen ihm die Worte durch den Kopf: Mein Reich ist nur von dieser Welt. Schließlich war es, als stünden sie vor ihm in der Luft und als tanzten sie vor seinen Augen hin und her, bald in Feuer, bald in Blut, bald in Rauch.

Er wurde ganz still. Noch hielt er das Gewehr in der Hand, aber er hörte auf zu kämpfen. Plötzlich wußte er es: Das war das Wort, wonach er sein Leben lang gesucht hatte. Nun wußte er, was er den Menschen sagen sollte, siehe, das armselige Bild dort oben hatte ihm die Lösung eingegeben. Er wollte hinausziehen in die weite Welt und verkünden: »Euer Reich ist nur von dieser Welt.

Deshalb müßt ihr für dieses Leben sorgen und wie Brüder miteinander leben. Und ihr sollt eure Reichtümer miteinander teilen, damit keiner reich und keiner arm sei. Ihr sollt alle arbeiten, und die Erde soll allen gehören, und ihr sollt alle gleich sein.

Niemand soll hungern, niemand soll zur Üppigkeit verführt werden, und niemand soll Not leiden in seinem Alter. Und euer Bestreben soll das Glück aller sein, denn es wartet euer kein Ersatz. Euer Reich ist nur von dieser Welt!«

Alles das ging ihm durch den Kopf, während er da auf der Barrikade stand, und als ihm der Gedanke klargeworden war, legte er die Waffe nieder und erhob sie nicht mehr zu Kampf und Blutvergießen.

Aber gleich darauf wurde die Barrikade abermals gestürmt, und nun auch genommen; die Truppen rückten siegreich vor und unterdrückten den Aufruhr, und ehe der Abend anbrach, herrschte schon Ordnung und Ruhe in der ganzen großen Stadt.

Da sandte die Engländerin einige Diener aus, um nach ihrem verlorenen Eigentum zu suchen, und sie fanden Verschiedenes, wenn auch nicht alles. Was sie auf der erstürmten Barrikade zuerst fanden, war das aus Aracoeli hinausgeworfene Bild.

Aber der Mann, der während des Kampfes durch das Bild klug geworden war, begann der Welt eine neue Lehre zu verkünden, die Sozialismus genannt wird, aber in Wirklichkeit das Antichristentum ist.

Und diese Lehre liebt und entsagt und duldet und leidet wie das Christentum, so daß sie alle Ähnlichkeit mit diesem hat, so wie das falsche Christusbild von Aracoeli auch alle Ähnlichkeit mit dem echten hatte.

Und ebenso wie das falsche Christusbild sagt die neue Lehre: »Mein Reich ist nur von dieser Welt.«

Und während das Bild, das die Lehre verkündigte, unbeachtet und unbekannt ist, ist es mit seiner Lehre nicht so; diese geht durch die Welt, um sie zu erlösen und umzuschaffen.

Sie verbreitet sich mit jedem Tag weiter. Sie geht hin über alle Lande; sie hat vielerlei Namen und wirkt dadurch so verführerisch, daß sie allen ihren Anhängern irdisches Glück und Genuß verspricht; deshalb zieht sie mehr Anhänger an sich als irgend sonst etwas seit der Zeit Christi.

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