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Die Wunder des Antichrist

Selma Lagerlöf: Die Wunder des Antichrist - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorSelma Lagerlöf
titleDie Wunder des Antichrist
publisherNymphenburger
yearo.J.
isbn3485004863
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140731
projectid74651dac
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VIII. Ein Jettatore

In Catania lebte früher ein Mann mit dem »bösen Blick«, ein Jettatore. Er war fast der gefürchtetste aller Jettatoren auf ganz Sizilien. Sobald er sich auf der Straße zeigte, beeilten sich die Leute, ihre Finger zum Schutz zu krümmen. Und sehr oft half dies nicht einmal. Wer ihm begegnete, mußte darauf gefaßt sein, einen traurigen Tag zu erleben. Sein Essen brannte an, und die feine alte Obstschale zerbrach. Er erfuhr, daß sein Bankier die Zahlungen eingestellt hatte und daß das Liebesbriefchen, das er der Frau seines Freundes geschrieben hatte, in die unrechten Hände gekommen war.

Meist ist ein Jettatore ein großer, hagerer Mann mit blassen, scheuen Augen und einer langen, scharf gekrümmten Nase. Gott hat den Jettatoren die Habichtsnase gleichsam als Erkennungszeichen ins Gesicht gesetzt.

Aber alles auf der Welt ist veränderlich, nichts bleibt sich immer gleich. Dieser Jettatore war ein kleiner Mann, mit einer Nase gleich der des heiligen Michael.

Daher kam es, daß er noch viel mehr Unheil anrichtete als ein gewöhnlicher Jettatore. Wieviel häufiger sticht man sich an einer Rose, als daß man sich an einer Brennessel brennt. Ein Jettatore sollte nie heranwachsen, sondern immer ein Kind bleiben, denn nur als ein solches hat er es gut. Da hat er doch seine liebe Mutter, und diese sieht das böse Auge nicht. Sie begreift nicht, warum sie sich immer in den Finger sticht, sobald er ihrem Nähtisch nahekommt. Sie empfindet nie Furcht, wenn sie ihn küßt. Obgleich sie ständig Krankheit im Hause hat, die Dienstboten kündigen und die Freunde sich fernhalten, merkt sie doch nie etwas.

Aber sobald der Jettatore in die Welt hinauskommt, hat er es oft recht schwer. Man muß doch zuerst an sich selbst denken, und man kann sich doch nicht das ganze Leben verderben, nur um zu einem Jettatore gut zu sein.

Es gibt Jettatoren, die sogar Priester sind. Das ist gar nicht verwunderlich, der Wolf ist ja froh, wenn er viele Schafe zerreißen kann. Sie können wohl in keiner Stellung mehr Böses anrichten, als wenn sie Pfarrer werden. Man sollte nur wissen, wie es den Kindern geht, die von ihnen getauft werden, und den Brautpaaren, die sie trauen ...

Der Jettatore, von dem hier die Rede ist, wurde Ingenieur und wollte Eisenbahnen bauen. Er wurde auch an einer der Staatsbahnen angestellt; der Staat konnte ja nicht wissen, daß er ein Jettatore war. Ach, aber das Elend, das Elend! Sobald er seine Stelle bei der Bahn angetreten hatte, geschah lauter Unglück. Wenn man einen Hügel durchstechen wollte, Erdrutsch auf Erdrutsch! Wenn man eine Brücke bauen wollte, Einsturz über Einsturz! Wenn man eine Sprengung vornahm, wurden die Arbeiter von umherfliegenden Steinen getötet.

Der einzige, der niemals zu Schaden kam, war der Ingenieur, der Jettatore.

Aber die Ärmsten, die unter ihm arbeiteten! Sie zählten jeden Abend ihre Finger und ihre Glieder. »Morgen haben wir euch vielleicht verloren«, sagten sie.

Man teilte es dem Oberingenieur mit, man erstattete dem Minister Bericht. Aber keiner von beiden wollte der Klage Beachtung schenken. Sie waren zu klug und zu gelehrt, um an das böse Auge zu glauben. Die Arbeiter sollten bei ihrer Arbeit besser aufpassen. Sie seien selbst schuld daran, wenn sie ins Unglück gerieten. Und die Sandwagen stürzten um, die Lokomotiven explodierten!

Eines Morgens flüsterten die Leute sich zu, der Ingenieur sei verschwunden. Er war nicht mehr da, und niemand wußte, wo er geblieben war. Hatte ihn wohl jemand niedergestochen? O nein, o nein, wer würde es wagen, einen Jettatore zu erstechen?

Aber er war wirklich fort, kein Mensch sah ihn wieder. Es war mehrere Jahre nach diesen Ereignissen, daß Donna Micaela daran dachte, eine Eisenbahn zu bauen. Und um Geld dafür zu gewinnen, wollte sie in dem Franziskanerkloster vor der Stadt einen Bazar halten.

Dort ist ein von prächtigen alten Arkaden umgebener Klosterhof. Zwischen den Säulen stellte Donna Micaela Buden, Lotterietische und kleine Vergnügungszelte auf. Sie schlang Girlanden mit venetianischen Lampen von Säule zu Säule. Sie ließ große Fässer Ätnawein rings um den Klosterbrunnen auflegen.

Während Donna Micaela da draußen arbeitete, unterhielt sie sich oft mit dem kleinen Gandolfo, der nach Fra Felices Tod Klosterwächter geworden war.

Eines Tages ließ sie sich von Gandolfo im ganzen Kloster herumführen. Sie durchwanderte alle Räume vom Boden bis zum Keller. Als nun Donna Micaela diese unzähligen kleinen Zellen mit ihren vergitterten Fenstern, die weißgetünchten Wände und die harten Holzschemel sah, hatte sie einen seltsamen Einfall.

Sie verlangte, Gandolfo solle sie in eine der Zellen einschließen und da fünf Minuten allein lassen.

»Nun bin ich eine Gefangene«, sagte sie sich, als sie allein geblieben war. Sie rüttelte an der Tür, sie rüttelte am Fenster; sie war wirklich eingesperrt.

So war es also, wenn man gefangen war! Vier kahle Wände hatte man um sich. Grabesstille, Grabeskälte!

»Ich will fühlen, wie einem Gefangenen zumute ist«, dachte sie. Doch in demselben Augenblick vergaß sie alles andere über dem einen Gedanken, daß Gandolfo möglicherweise nicht wiederkommen würde, um sie herauszulassen. Er konnte ja weggerufen werden, oder er konnte plötzlich krank werden. Er konnte in einen der dunklen Gänge hinabstürzen und tot sein. Es konnte viel geschehen, das ihn am Wiederkommen hinderte.

Aber niemand wußte, wo sie war, niemand würde sie in dieser abgelegenen Zelle suchen. Wenn sie nur eine Stunde hierbleiben mußte, würde sie wahnsinnig werden vor Angst. Sie sah den Hunger vor sich, den langsamen Hungertod. Sie kämpfte sich durch die endlosen Stunden der Angst hindurch. Ach, wie sie auf Schritte lauschen würde, wie sie rufen würde!

Sie würde an der Tür rütteln, mit ihren Nägeln den Kalk von den Wänden abkratzen! Sie würde versuchen, die Eisenstäbe des Fenstergitters zu zerbeißen.

Wenn man sie dann endlich fand, lag sie tot am Boden, und überall würde man die Spuren finden, wie sie versucht hatte, sich zu befreien.

Warum kam nur Gandolfo nicht? Nun war sie doch schon eine Viertelstunde – eine halbe Stunde hier. Warum kam er nicht? Sie war überzeugt, daß sie eine volle Stunde eingesperrt gewesen war, als Gandolfo kam und sie fragte ihn, wo er denn so lange geblieben sei.

Er war gar nicht lange fortgewesen. Nur fünf Minuten.

Lieber Gott, so ist es also, wenn man im Gefängnis sitzt! Das ist Gaetanos Leben. Sie brach in lautes Weinen aus, als sie den freien Himmel wieder über sich sah.

Kurz nachher, als sie mit Gandolfo auf einer der offenen Loggien stand, zeigte ihr dieser ein paar Fenster mit Läden und grünen Jalousien.

»Wohnt dort jemand?« fragte sie.

»Ja, Donna Micaela, es wohnt jemand dort.«

Und Gandolfo erzählte, daß ein Mann dort wohne, der nur bei Nacht ausgehe, ein Mann, der nie mit einem Menschen spreche.

»Ist er wahnsinnig?« fragte Donna Micaela.

»Nein, er ist ebenso vernünftig wie Ihr und ich. Aber es heißt, er müsse sich verstecken. Er fürchte sich vor der Regierung.«

In Donna Micaelas Herzen erwachte ein lebhaftes Interesse für diesen Mann. »Wie heißt er?« fragte sie.

»Ich nenne ihn Signor Alfredo.«

»Wer bringt ihm zu essen?« fragte sie weiter.

»Ich koche für ihn«, sagte Gandolfo.

»Und seine Kleider?«

»Ich sorge dafür ... ich bringe ihm auch Bücher und Zeitungen.«

Donna Micaela ging eine Weile schweigend weiter. »Gandolfo«, sagte sie und gab ihm eine Rose, die sie in der Hand hielt. »Lege diese Rose auf das Brett, wenn du deinem Armen die nächste Mahlzeit hineinträgst.«

Von da an schickte Donna Micaela dem Mann im Kloster fast jeden Tag irgendeine Kleinigkeit, eine Blume, ein Buch oder ein paar Früchte. Dies machte ihr viel Freude. Sie ließ ihrer Phantasie freien Lauf. Es gelang ihr beinahe, sich einzubilden, daß sie das alles Gaetano schicke.

Als der Tag des Bazars herankam, war Donna Micaela schon in aller Frühe draußen im Kloster.

»Gandolfo«, sagte sie, »geh zu deinem Gefangenen hinauf und frage ihn, ob er nicht heute unserem Fest beiwohnen wolle.«

Gandolfo kam bald mit der Antwort zurück. »Er läßt vielmals danken, Donna Micaela, er werde kommen,« richtete der Bursche aus.

Donna Micaela war überrascht, denn sie hatte nicht geglaubt, daß er sich herauswagen würde. Sie hatte ihm nur eine Freundlichkeit erweisen wollen. Ein Geräusch ließ sie aufschauen. Sie stand auf dem Klosterhof, und in dem Gebäude über ihr wurde ein Fenster aufgemacht.

Donna Micaela sah, daß ein Mann in mittleren Jahren und von angenehmem Äußeren dort oben stand und sie betrachtete.

»Das ist er, Donna Micaela«, sagte Gandolfo.

Sie fühlte sich beglückt. Es war ihr, als habe sie diesen Mann erlöst und gerettet. Und es war noch mehr als das. Menschen, die keine Phantasie haben, werden es zwar nicht begreifen. Aber Donna Micaela ging den ganzen Tag zitternd und erwartungsvoll umher. Sie dachte darüber nach, wie sie sich anziehen solle. Es war, als erwarte sie Gaetano.

Aber bald bekam Donna Micaela anderes zu tun, als zu träumen. Den ganzen Tag verfolgte sie eine Widerwärtigkeit um die andere.

Zuerst kam ein Schreiben des alten Ätnaräubers Falco Falcone:

»Liebe Freundin Donna Micaela!

Da ich gehört habe, daß Du die Absicht hast, eine Eisenbahn auf dem Ätna zu bauen, tue ich Dir hiermit kund, daß dies mit meinem Willen niemals geschehen wird. Ich sage es Dir jetzt gleich, damit Du nicht noch mehr Geld und Mühe darauf verwendest.

Erhabene und hochgeborene Signora, ich verbleibe

Dein untertänigster Diener
Falco Falcone.

Passafiore, mein Neffe, hat den Brief geschrieben.«

Donna Micaela warf den schmutzigen Brief weg. Er kam ihr wie ein Todesurteil für die Eisenbahn vor, aber heute wollte sie nicht daran denken. Jetzt war der Bazar das Wichtigste. Gleich darauf kamen die beiden Straßenbauer Giovanni und Carmelo. Sie wollten ihr raten, einen Ingenieur zu berufen. Sie wisse nicht, was das für ein Boden da draußen auf dem Ätna sei. Zuerst komme Lava, dann Asche und dann wieder Lava. Ob sie wolle, daß die Bahn auf die oberste Lavaschicht oder auf das Aschenbett gelegt werde, oder ob sie noch tiefer graben sollten? Denn einen festen Grund brauche man eigentlich zu so einer Eisenbahn. Sie könnten nicht weitermachen, es müsse ein Mann her, der sich darauf verstehe.

Donna Micaela schickte sie fort. Morgen, morgen, heute habe sie keine Zeit, daran zu denken.

Nun kam Donna Elisa mit noch schlimmeren Nachrichten.

Es gab einen Stadtteil in Diamante, wo nur arme und verkommene Leute wohnten. Unter diesen Armen herrschte große Angst und Aufregung über die Eisenbahn. Es hieß, das gebe Ätnaausbrüche und Erdbeben. Der große Ätna dulde keine Fesseln. Er werde die ganze Eisenbahn abschütteln. Und deshalb sagten diese Leute nun, man müsse hinausgehen und die ganze Bahn zerstören, sobald die erste Schiene daraufgelegt würde.

O Unglückstag! Unglückstag! Donna Micaela glaubte sich dem Ziel ferner denn je.

»Was hilft es nun, wenn wir bei unserem Bazar heute Geld verdienen?« sagte sie niedergeschlagen.

Aber es schien, als ob sie auch auf dem Bazar kein Geld verdienen sollte. Denn am Nachmittag begann es zu regnen. Seit jenem Tag, als die Glocken läuteten, hatte es in Diamante nicht mehr so geregnet. Die Wolken senkten sich schwer auf die Dächer herab, und der Regen rauschte hernieder. Man wurde ganz durchnäßt, wenn man sich nur zwei Minuten im Freien aufhielt.

Um sechs Uhr, als Donna Micaelas Bazar beginnen sollte, regnete es am stärksten. Als sie aus dem Kloster heraustrat, war außer denen, die beim Verkaufen und Servieren helfen wollten, niemand da.

Donna Micaela kämpfte mit dem Weinen. Welch ein Unglückstag! Was hatte nur all dies Unglück heraufbeschworen?

Donna Micaelas Blick fiel auf einen fremden Mann, der an einem der Pfeiler lehnte und sie betrachtete. Plötzlich erkannte sie ihn. Es war der Jettatore, der Jettatore von Catania, den man sie schon als Kind fürchten gelehrt hatte.

Donna Micaela ging schnell zu ihm hin. »Kommt mit mir, Signor!« sagte sie und ging ihm voran. Sie wollte so weit weggehen, daß niemand zuhören konnte, und dann wollte sie ihn bitten, ihr nie wieder vor die Augen zu kommen. Sie konnte nicht anders. Er durfte nicht ihr ganzes Leben zerstören.

Sie war sich nicht klar darüber, in welche Richtung sie ging. Plötzlich stand sie vor der Tür der Klosterkirche; sie trat in die Kirche. Es war fast dunkel darin. Nur dort vorne bei dem Christusbild brannte ein Öllämpchen.

Als Donna Micaela das Christusbild sah, wurde sie bestürzt. Gerade hier hatte sie ihn nicht haben wollen.

Sie erinnerte sich daran, wie dessen Krone Gaetano vor die Füße gerollt war, als dieser den Banditen zürnte. Vielleicht wollte das Christusbild nicht, daß sie den Jettatore vertrieb.

Aber sie hatte wirklich Grund, den Jettatore zu fürchten. Und es war unrecht von ihm, daß er auf ihr Fest kam. Sie mußte sehen, wie sie ihn los wurde.

Donna Micaela war durch die ganze Kirche hindurchgegangen, sie betrachtete nun das Christusbild, und sie konnte dem Mann, der ihr folgte, nicht ein Wort sagen.

Es fiel ihr ein, welches Mitleid sie vor kurzem noch für ihn empfunden hatte, weil er ein Gefangener war wie Gaetano. Sie war so froh gewesen, daß sie ihn hatte ins Leben herauslocken können. Was wollte sie nun tun? Wollte sie ihn wieder ins Gefängnis zurückschicken?

Ihr Vater und Gaetano fielen ihr ein. Sollte dies der dritte sein, den sie ...

Schweigend stand sie da und kämpfte mit sich selbst. Schließlich ergriff der Jettatore das Wort.

»Nun, Signora, nicht wahr, jetzt habt Ihr genug von mir?« Donna Micaela machte eine verneinende Bewegung.

»Wünscht Ihr nicht, daß ich wieder in meine Zelle zurückkehre?«

»Ich verstehe Euch nicht, Signor.«

»Doch, doch, Ihr versteht mich wohl. Euch ist etwas Schreckliches begegnet. Ihr seht jetzt ganz anders aus als heute morgen.«

»Ich bin sehr müde«, sagte Donna Micaela ausweichend.

Der Mann trat dicht vor sie hin, als wolle er die Wahrheit aus ihr herauspressen. Die Fragen und Antworten fielen kurz und atemlos zwischen ihnen.

»Seht Ihr nicht, daß Euer ganzes Fest mißlingt?«

»Ich muß es auf morgen verschieben.«

»Habt Ihr mich denn nicht erkannt?«

»Doch, ich habe Euch früher in Catania gesehen.«

»Und Ihr habt den Jettatore nicht gefürchtet, wirklich nicht?«

»Ja, früher, als Kind.«

»Aber jetzt, fürchtet Ihr Euch jetzt nicht mehr?«

Sie vermied es, ihm zu antworten. »Fürchtet Ihr Euch selbst?« fragte sie.

»Sprecht die Wahrheit«, sagte er ungeduldig. »Was wolltet Ihr mir sagen, als Ihr mich hierher führtet?«

Sie schaute sich ängstlich um. Sie mußte etwas sagen, sie mußte ihm doch irgendeine Antwort geben. Da stieg ein Gedanke in ihr auf, der ihr ganz furchtbar erschien. Sie richtete ihren Blick auf das Christuskind. Forderst du dies? schien sie zu fragen. Soll ich das für den fremden Mann tun? Aber das ist ja soviel, wie meine letzte Hoffnung aufgeben.

»Ich weiß kaum, ob ich es wagen darf, Euch zu sagen, was ich von Euch wollte«, sagte sie.

»Nein, Ihr seht selbst, daß Ihr es nicht wagt.«

»Wißt Ihr, daß ich beabsichtige, eine Eisenbahn zu bauen?«

»Ja, ich weiß es.«

»Ich wollte Euch bitten, mir dabei zu helfen.«

»Ich Euch helfen?«

Nachdem Sie den Anfang gemacht hatte, wurde es ihr leichter, fortzufahren. Sie wunderte sich, wie natürlich es klang, als sie sagte: »Ich weiß, Ihr seid ein Eisenbahningenieur. Ja, Ihr versteht doch wohl, daß es bei meiner Eisenbahn kein Gehalt gibt? Aber ich meine, es wäre besser, wenn Ihr mir bei meiner Arbeit helfen würdet, anstatt hier eingesperrt zu sitzen. Ihr schlagt ja nur Eure Zeit tot.«

Er sah sie fast streng an. »Wißt Ihr, was Ihr sagt?«

»Es ist natürlich eine vermessene Bitte.«

»Ja, es ist eine vermessene Bitte.«

Nun versuchte der arme Mann sie abzuschrecken.

»Es würde mit Eurer Eisenbahn geradeso gehen wie mit Eurem Fest.«

Donna Micaela war derselben Ansicht; aber sie glaubte, sie habe sich nun doch jeden Ausweg versperrt, deshalb müsse sie dabei bleiben, gut zu ihm zu sein.

»Mein Fest wird bald in vollem Gang sein«, sagte sie zuversichtlich.

»Hört mich an, Donna Micaela«, sagte der Mann. »Das letzte, woran der Mensch den Glauben verliert, ist er selbst. Man kann nie aufhören, auf sich selbst zu hoffen.«

»Nein, warum sollte man auch?«

Er machte eine Bewegung, als sei er ärgerlich über ihr Vertrauen.

»Als ich zuerst über die Sache nachdachte«, fuhr er fort, »tröstete ich mich leicht. Es sind ein paar unglückliche Zusammentreffen gewesen, sagte ich mir, dadurch ist das Gerücht über dich entstanden, und aus dem Gerücht ist dann der Glaube geworden. Der Glaube ist es, der verhext. Man ist mir begegnet, und dann glaubte man Unglück haben zu müssen, und deshalb hatte man Unglück. Für einen Jettatore gehalten zu werden, das ist ein Unglück, schlimmer als der Tod. Aber man braucht sich ja nicht selbst dafür zu halten.«

»Es ist so unnatürlich«, sagte Donna Micaela.

»Allerdings. Warum sollte mein Blick die Macht haben, Unglück hervorzurufen? Und als ich dies dachte, beschloß ich, noch einen Versuch zu machen. Ich reiste an einen Ort, wo mich niemand kannte. Am nächsten Tag las ich in der Zeitung, daß der Zug, in dem ich gereist war, einen Bahnwärter überfahren hatte. Als ich einen Tag im Hotel wohnte, sah ich den Wirt verzweifelt die Hände ringen, und die Gäste waren im Begriff abzureisen. ›Was ist denn geschehen?‹ fragte ich. ›Einer unserer Hausknechte ist an Pocken erkrankt. Ach, welches Elend!‹

Nun wohl, Donna Micaela, seitdem schloß ich mich ein und entzog mich aller Berührung mit den Menschen. Nach Verlauf eines Jahres war ich ruhig geworden. Ich fragte mich, warum ich mich denn eigentlich so abschließe? Du bist ja doch ein ungefährlicher Mensch, sagte ich mir, und willst niemandem schaden. Warum lebst du denn so armselig wie ein Verbrecher? Ich hatte eben beschlossen, wieder ins Leben zurückzukehren, da begegnete ich in einem der Klostergänge Fra Felice. Fra Felice, wo ist die Katze? – Die Katze, Signor? – Ja, die Klosterkatze, die immer Milch von mir bekam. – Wo ist sie denn? – Sie hat sich in einer Rattenfalle verfangen. – Was sagt Ihr da, Fra Felice? – Sie geriet mit einer Tatze in eine Drahtfalle und konnte sich nicht wieder losmachen. Sie schleppte sich auf einen der Böden und ist da verhungert. – Nun, was sagt Ihr dazu, Donna Micaela?«

»Solltet Ihr daran schuld sein, daß die Katze starb?«

»Ich bin ja ein Jettatore.«

Sie zuckte die Achseln. »Ach, welche Torheit!«

»Als einige Zeit vergangen war, erwachte die Lust zu leben abermals in mir. Da klopfte Gandolfo an meine Tür und lud mich zu einem Fest ein. Warum sollte ich nicht hingehen? Es ist unmöglich, von sich selbst zu glauben, daß man durch sein bloßes Erscheinen Unglück bringe. Ach, Donna Micaela, das Ankleiden allein schon war ein wahres Fest! Die schwarzen Kleider herausnehmen, sie ausbürsten, sie anlegen! Aber als ich auf den Festplatz herunterkam, war er leer und verlassen, der Regen goß in Strömen, die venetianischen Lämpchen waren voller Wasser. Und ihr selbst saht aus, als sei Euch an einem einzigen Tag alles Unglück der Welt widerfahren. Als Ihr mich erblicktet, wurdet Ihr ganz fahl vor Entsetzen. Ich frage jemanden: Wie heißt die Signora Alagona mit ihrem Geschlechtsnamen? – Palmeri. – Ah, Palmeri, sie ist also aus Catania. Sie hat den Jettatore wiedererkannt.«

»Ja, das ist wahr. Ich hatte Euch wiedererkannt.«

»Ihr seid sehr freundlich, sehr gut zu mir gewesen, und ich bin tief betrübt darüber, daß ich Euer Fest verdorben habe. Aber nun verspreche ich Euch, daß ich mich von Eurem Fest und von Eurer Eisenbahn fernhalten werde.«

»Warum wollt Ihr Euch denn fernhalten?«

»Ich bin ein Jettatore.«

»Ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben.«

»Ich selbst glaube es auch nicht. Und doch, ja, ich glaube es. Seht, es heißt, niemand, der nicht ebenso böse sei wie der Jettatore, könne über diesen Macht gewinnen. Es geht die Sage, ein Jettatore habe sich einmal in einem Spiegel besehen, da sei er tot umgefallen. Nun wohl, ich betrachte mich niemals im Spiegel. Ich glaube also selbst an die Sage.«

»Aber ich glaube nicht daran. Es kann sein, daß ich daran glaubte, als ich Euch draußen erblickte, aber jetzt tue ich es nicht mehr.«

»Ihr wollt mich wirklich an Eurer Eisenbahn arbeiten lassen?«

»Ja, ja, wenn Ihr selbst wollt.«

Er trat wieder ganz dicht zu ihr, und sie wechselten ein paar kurze Sätze.

»Kommt hierher ans Licht, ich will Euer Gesicht sehen.«

»Ihr meint, ich verstelle mich?«

»Ich glaube, Ihr wollt nur höflich sein.«

»Warum sollte ich höflich zu Euch sein?«

»Hat diese Eisenbahn eine Bedeutung für Euch?«

»Sie bedeutet Leben und Glück für mich.«

»Wieso?«

»Sie soll jemandem helfen, den ich sehr liebhabe.«

»Sehr lieb?«

Sie erwiderte nichts, er las die Antwort in ihrem Gesicht. Da beugte er die Knie vor ihr und senkte den Kopf so tief, daß er den Saum ihres Kleides küssen konnte.

»Ihr seid gut, Ihr seid sehr gut. Ich werde es niemals vergessen. Wenn ich nicht der wäre, der ich bin, wie würde ich Euch dienen!«

»Ihr sollt mir dienen«, sagte sie. Und sie war so erschüttert von seinem Unglück, daß sie alle Furcht, er könne ihr schaden, vergaß.

Er sprang auf.

»Hört mich an, Donna Micaela – wenn ich Euch ansehe, könnt Ihr nicht durch diesen Raum gehen, ohne auszugleiten.«

»O doch«, sagte sie.

»Versucht es!«

Und sie versuchte es, aber sie hatte große Angst. Seit ihren ersten Kinderschrittchen hatte sie sich nicht mehr so unsicher gefühlt. Aber dann dachte sie: »Wenn ich es für Gaetano täte, dann könnte ich es wohl.« Und da konnte sie es.

Sie ging durch die Kirche und wieder zurück. »Soll ich es noch einmal tun?« fragte sie.

Er nickte.

Während sie so noch einmal hin und zurückging, kam ihr plötzlich der Gedanke: »Das Christuskind hat den Fluch von ihm genommen, weil er mir beistehen soll.«

Sie drehte sich plötzlich um und trat wieder zu ihm. »Wißt Ihr es nun, Ihr seid gar kein Jettatore.«

»Nicht?«

»Nein, nein.« Sie ergriff ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Seht Ihr es denn nicht, begreift Ihr es denn nicht? Es ist von Euch genommen.«

Die Stimme des kleinen Gandolfo erklang draußen vor der Kirche.

»Donna Micaela! Donna Micaela, wo seid Ihr? Es sind sehr viele Leute da, Donna Micaela! Kommt! Kommt!«

»Regnet es nicht mehr?« fragte der Jettatore mit unsicherer Stimme.

»Es regnet keine Spur mehr. Wie könnte es auch regnen! Das Christusbild hat den Fluch von Euch genommen, damit Ihr mir bei meiner Eisenbahn helfen sollt.«

Der Mann schwankte und griff mit den Händen in die Luft. »Er ist nicht mehr da ... Ja, auch ich glaube, er ist nicht mehr da. Vorhin war er noch da. Aber nun ...«

Er wollte wieder vor Donna Micaela niederknien.

»Nicht vor mir«, sagte sie, »nicht vor mir, vor ihm, vor ihm!« Und sie deutete auf das Christusbild.

Aber er kniete doch vor ihr nieder. Er küßte ihr die Hände, und unter heftigem Schluchzen erzählte er ihr, wie ihn die Menschen verfolgt und verabscheut hätten, und welch ein schreckliches Elend sein Leben gewesen sei. Am nächsten Tag ging der Jettatore auf den Ätna hinaus und steckte die Bahn ab. Und er war nicht gefährlicher als irgendein anderer Mensch.

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