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Die Wunder des Antichrist

Selma Lagerlöf: Die Wunder des Antichrist - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorSelma Lagerlöf
titleDie Wunder des Antichrist
publisherNymphenburger
yearo.J.
isbn3485004863
translatorPauline Klaiber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140731
projectid74651dac
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Einleitung

 

»Aber wenn der Antichrist
kommt, wird er Christus in allen
Dingen ganz gleich scheinen.«

 

I. Das Gesicht des Kaisers

Zu der Zeit, da Augustus Kaiser war in Rom und Herodes König in Jerusalem, da geschah es, daß sich eine große heilige Nacht auf die Erde herabsenkte. Es war die dunkelste Nacht, die man je gesehen hatte, man hätte glauben können, die ganze Erde sei in ein Gewölbe versunken. Es war unmöglich, Wasser und Land zu unterscheiden, und man konnte sich auf dem vertrautesten Wege nicht zurechtfinden. Und es konnte auch gar nicht anders sein, denn vom Himmel kam nicht ein einziger Lichtstrahl. Kein Stern war zu sehen, und der freundliche Mond hatte sein Antlitz abgewandt.

Und ebenso tief wie das Dunkel war auch die Stille und das Schweigen. Die Flüsse hatten haltgemacht in ihrem Lauf, kein Lufthauch rührte sich, selbst die Blätter der Espe hatten aufgehört zu beben. Wäre man ans Meer gegangen, dann hätte man entdeckt, daß die Wellen nicht mehr gegen den Strand schlugen, und wäre man in die Wüste gegangen, so hätte der Sand unter den Tritten des Wanderers nicht mehr geknirscht. Alles war wie versteinert und unbeweglich, um die heilige Nacht nicht zu stören. Das Gras durfte nicht wachsen, der Nebel konnte sich nicht herabsenken, die Blumen wagten nicht, ihren Duft auszuatmen.

In jener Nacht ging kein Raubtier auf Beute aus, es stach keine Schlange, es bellte kein Hund. Und was noch herrlicher war, keines der leblosen Dinge hätte die Heiligkeit der Nacht dadurch stören mögen, daß es sich zu einer bösen Tat hätte benützen lassen. Kein Dietrich hätte ein Schloß geöffnet, kein Messer wäre imstande gewesen, Blut zu vergießen. Und gerade in der Nacht zog in Rom eine kleine Schar Menschen vom Kaiserschloß auf dem Palatin herab und nahm ihren Weg über das Forum hinauf zum Kapitol. An dem soeben vergangenen Tage hatten nämlich die Ratsherren den Kaiser gefragt, ob er etwas dagegen habe, wenn sie ihm auf Roms heiligen Berg einen Tempel errichten würden. Aber Augustus hatte nicht sogleich seine Einwilligung gegeben, denn er war nicht sicher, ob es den Göttern angenehm wäre, wenn er einen Tempel neben dem ihrigen erhielte, und er hatte geantwortet, daß er zuerst seinem Genius ein nächtliches Opfer bringen wolle, um den Willen der Götter in dieser Sache zu erforschen. Und nun eben wollte er in Begleitung einiger Vertrauter dieses Opfer darbringen.

Augustus ließ sich in einer Sänfte tragen, denn er war schon alt, und die vielen Stufen, die zum Kapitol führten, fielen ihm schwer. Er hielt den Käfig mit den Tauben, die geopfert werden sollten, selbst in der Hand. Keine Priester, keine Ratsherren noch Soldaten begleiteten ihn, nur seine nächsten Freunde. Fackelträger schritten voran, wie um einen Weg in die Tiefe des nächtlichen Dunkels zu bahnen, und hinter ihm folgten Sklaven, die den dreifüßigen Altar, das Opfergewand, die Messer, das heilige Feuer und alle anderen Geräte trugen, die zum Opfer nötig waren.

Unterwegs plauderte der Kaiser munter mit seinen Vertrauten, und deshalb fiel keinem von ihnen die unendliche Ruhe und Stille der Nacht auf. Erst als sie ganz oben auf dem Kapitol den leeren Platz erreicht hatten, der für den neuen Tempel ins Auge gefaßt worden war, erkannten sie, daß etwas Ungewöhnliches vor sich ging.

Dies konnte keine Nacht sein wie alle anderen Nächte, denn oben am Felsenrand sahen sie eine wunderbare Erscheinung. Sie glaubten zuerst, es sei ein alter verwachsener Olivenstamm, dann meinten sie, ein uraltes Steinbild aus dem Jupitertempel sei an den Felsen herausgewandert. Schließlich jedoch schien es ihnen, als könne es nichts anderes sein als die alte Sibylle.

Etwas so Altes, so Verwittertes und so Riesenhaftes hatten sie noch nie gesehen. Dieses alte Weib war fürchterlich. Wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre, hätten sie sich alle nach Hause in ihre Betten geflüchtet.

»Das ist sie«, flüsterten sie einander zu, »sie, die so viele Jahre zählt, als es Sandkörner am Strande ihrer Heimat gibt. Warum ist sie denn gerade heute nacht aus ihrer Höhle herausgekommen? Was will sie dem Kaiser und dem Reich verkündigen? Sie, die ihre Prophezeiungen auf die Blätter der Bäume schreibt und weiß, daß der Wind das Orakelwort zu dem hinführt, für den es bestimmt ist?«

Sie waren so erschreckt, daß sie sicher mit vorgeneigter Stirn auf die Knie gesunken wären, wenn die Sibylle nur eine einzige Bewegung gemacht hätte. Aber sie verhielt sich so ruhig, als sei sie ohne Leben. Sie saß zusammengekauert auf dem äußersten Felsenrand und spähte, indem sie die Augen mit der Hand beschattete, in die Nacht hinaus. Es sah aus, als sei sie an den Felsenrand getreten, um etwas, das sich in weiter Ferne zutrug, besser sehen zu können. Sie konnte also etwas sehen, in einer solchen Nacht!

Plötzlich wurden sich der Kaiser und sein Gefolge bewußt, welch tiefe Finsternis herrschte. Niemand konnte auch nur seine Hand vor den Augen sehen. Und welche Stille, welches Schweigen! Nicht einmal das dumpfe Rauschen des Tibers konnten sie hören. Aber die Luft war erstickend, kalter Schweiß trat ihnen auf die Stirn, und ihre Hände waren starr und kraftlos. Sie fühlten, daß etwas Furchtbares bevorstehen mußte.

Aber keiner der Männer wollte zeigen, daß er sich fürchtete, sondern alle versicherten dem Kaiser, das sei ein gutes Omen; die ganze Natur halte den Atem an, um seinen Genius zu begrüßen.

Die Wahrheit aber war, daß die alte Sibylle von einer Erscheinung ganz hingenommen war und nicht einmal wußte, daß der Kaiser Augustus aufs Kapitol gekommen war. Sie war im Geist in ein fernes Land entrückt, und es war ihr, als wandere sie dort über eine große Ebene hin. In der Dunkelheit stieß sie beständig mit dem Fuß an etwas, das ihr kleine Erdhaufen zu sein schienen. Sie bückte sich und tastete mit der Hand danach. Nein, es waren keine Erdhaufen, sondern Schafe. Sie wandelte zwischen vielen schlafenden Schafen hin.

Nun bemerkte sie auch das Feuer der Hirten. Es brannte mitten auf dem Felde, und sie tastete sich bis zu ihm hin. Die Hirten lagen am Feuer und schliefen; neben ihnen lagen die langen, spitzigen Stäbe, mit denen sie die Herden gegen wilde Tiere zu verteidigen pflegten. Aber die kleinen Tiere dort mit den funkelnden Augen und den buschigen Schwänzen, die sich zum Feuer hinschlichen, waren das nicht Schakale? Und doch warfen die Hirten nicht die Stäbe nach ihnen, die Hunde schliefen weiter, die Schafe flohen nicht, und die wilden Tiere legten sich neben den Menschen zur Ruhe nieder.

Dies sah die Sibylle; aber sie wußte nichts von dem, was hinter ihr auf dem Berge vorging. Sie wußte nicht, daß man da einen Altar errichtete, Kohlen anzündete, das Räucherwerk darauf streute und daß der Kaiser die eine der beiden Tauben aus dem Käfig nahm, um sie zu opfern. Aber seine Hände waren so leblos, daß er sie nicht festhalten konnte.

Mit einem einzigen Flügelschlag machte sich die Taube frei und verschwand im Dunkel der Nacht. Als dies geschah, sahen die Hofleute mißtrauisch nach der alten Sibylle hin. Sie dachten, sie sei schuld an dem Unglück. Sie wußten ja nicht, daß die Sibylle noch an dem Kohlenfeuer der Hirten zu stehen meinte und daß sie einem leisen Tone lauschte, der durch die Totenstille der Nacht drang. Sie lauschte ihm lange, ehe sie erkannte, daß er nicht von der Erde herauf, sondern aus den Wolken herabkam. Aber schließlich erhob sie den Kopf, und da sah sie helle, schimmernde Gestalten droben aus dem Dunkel hervorgleiten. Es waren kleine Engelscharen, die selig sangen und wie suchend über der weiten Ebene hin- und herflogen. Während die Sibylle gerade diesem Engelgesang lauschte, bereitete sich der Kaiser zu einem neuen Opfer. Er wusch seine Hände, reinigte den Altar und ließ sich die zweite Taube geben. Aber obgleich er sich nun aufs äußerste anstrengte, sie festzuhalten, entglitt der weiche Körper doch seiner Hand, und der Vogel flog davon in die undurchdringliche Nacht.

Da entsetzte sich der Kaiser. Er stürzte vor dem leeren Altar auf die Knie und flehte zu seinem Genius. Er betete um Kraft, um das Unglück, das diese Nacht anzukünden schien, abwenden zu können.

Auch davon hatte die Sibylle nichts gehört. Sie lauschte mit ganzer Seele auf den Engelgesang, der immer lauter ertönte. Schließlich wurde er so mächtig, daß die Hirten erwachten. Sie richteten sich auf den Ellbogen auf und sahen, daß sich da droben im Dunkel leuchtende Scharen silberweißer Engel in langen flatternden Reihen, Zugvögeln gleich bewegten. Einige hatten Lauten und Violinen in den Händen, andere Harfen und Zithern, und ihr Gesang klang so fröhlich wie Kinderlachen und so sorglos wie Lerchengezwitscher. Als die Hirten den Gesang hörten, standen sie auf, um zur Stadt auf dem Berge zu gehen, wo sie zu Hause waren, und von dem Wunder zu erzählen.

Sie stiegen mühsam einen schmalen Zickzackweg hinan, und die alte Sibylle sah ihnen nach. Plötzlich wurde es licht dort droben auf dem Berge. Gerade über ihm leuchtete ein großer klarer Stern auf, und die Stadt auf dem Gipfel strahlte in dem Sternenschein wie Silber. Alle die umherirrenden Engelscharen eilten mit Jubelrufen dorthin, und die Hirten beschleunigten ihre Schritte, so daß sie fast rannten. Als sie die Stadt erreichten, fanden sie, daß die Engel sich über einem niedrigen Stall in der Nähe des Stadttores versammelt hatten. Es war ein ärmliches Gebäude mit einem Strohdach und dem kahlen Felsen als Rückwand. Gerade darüber stand der Stern, und hier scharten sich immer noch mehr Engel zusammen. Einige von ihnen setzten sich auf das Strohdach oder ließen sich auf der steilen Bergwand hinter dem Haus nieder, andere hielten sich mit flatternden Schwingen schwebend darüber.

In demselben Augenblick, wo der Stern über der Stadt auf dem Berge aufflammte, erwachte die ganze Natur, und die Männer, die auf der Höhe des Kapitols standen, nahmen es unwillkürlich auch wahr. Sie fühlten frische, aber sanfte Winde durch den Weltraum ziehen, süße Düfte stiegen ringsum empor, die Bäume rauschten, der Tiber begann zu brausen, die Sterne strahlten, und der Mond stand plötzlich hoch am Himmel und erhellte die Erde. Aus den Wolken aber kamen die beiden Tauben herniedergeflattert und ließen sich auf den Schultern des Kaisers nieder.

Als dieses Wunder geschah, richtete sich Augustus in stolzer Freude hoch auf; aber seine Freunde und Sklaven stürzten auf die Knie nieder. »Ave Cäsar!« riefen sie. »Dein Genius hat dir geantwortet! Du bist der Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden soll!«

Und die entzückten Männer jubelten diese Huldigung dem Kaiser so laut zu, daß die Sibylle sie hörte. Und dies erweckte sie aus ihrem Schauen. Sie stand auf, verließ den Felsenrand, und wie eine dunkle Wolke, die, einem tiefen Abgrund entstiegen, über den Berggipfel herwogt, trat sie unter die Männer. Sie sah fürchterlich aus durch ihr Alter; struppiges Haar hing ihr in dünnen Strähnen um den Kopf, die Gelenke hatten sich verdickt, und die unzähligen Runzeln der dunkel gewordenen Haut bedeckten den Körper wie eine harte Rinde.

Aber gewaltig und ehrfurchtgebietend schritt sie auf den Kaiser zu. Mit der einen Hand erfaßte sie ihn am Handgelenk, mit der anderen deutete sie nach dem fernen Osten. »Sieh!« gebot sie ihm. Und der Kaiser hob seine Augen auf und sah. Der Weltenraum öffnete sich vor seinen Blicken, und er konnte bis in das ferne Morgenland hineinschauen. Und er sah einen ärmlichen Stall unter einer steilen Felsenwand und in der offenen Tür einige kniende Hirten. Im Stall selbst sah er eine junge Mutter, die vor einem kleinen Kind kniete, das in einer Krippe auf dem Boden lag.

Und die großen, knochigen Finger der Sibylle deuteten auf dies arme Kind.

»Ave Cäsar!« sagte die Sibylle mit einem Hohnlachen. »Das ist der Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden soll.«

Da wich Augustus vor ihr zurück wie vor einer Wahnsinnigen.

Aber über die Sibylle kam der mächtige Sehergeist. Ihre trüben Augen begannen zu leuchten; sie streckte die Arme zum Himmel empor, ihre Stimme verwandelte sich, so daß es war, als sei es gar nicht mehr ihre eigene; denn sie bekam einen solchen Klang und eine solche Kraft, daß man sie auf der ganzen Welt hätte hören können. Und sie sprach die Worte, die sie da droben zwischen den Sternen gelesen zu haben schien:

»Auf der Höhe des Kapitols wird man beten zum Welterneuerer, Christ oder Antichrist, doch niemals zu sterblichen Menschen!«

Als sie dies gesagt hatte, schritt sie durch die Reihen der entsetzten Männer, stieg langsam den Berg hinab und verschwand.

Augustus aber ließ am nächsten Tag dem Volk streng verbieten, ihm auf dem Kapitol einen Tempel zu errichten. Statt dessen erbaute er dort ein Heiligtum für das neugeborene Götterkind und nannte es »Altar des Himmels«, Aracoeli.

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