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Gutenberg > Aristophanes >

Die Wolken

Aristophanes: Die Wolken - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleKomödien
authorAristophanes
translatorLudwig Seeger
firstpub1845-48
yearca. 1960
publisherVollmer Verlag
addressWiesbaden / Berlin
titleDie Wolken
pages63-64
created20070408
sendergerd.bouillon
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Zweite Szene

Der Chor. Sokrates. Strepsiades

Sokrates allein; tritt ärgerlich aus dem Hause:
Beim Atem schwör' ich's, bei der Luft, beim Chaos!
Nein, solchen Tölpel sah ich doch noch nie,
So bäurisch, linkisch, so stupid vergeßlich,
Der nicht die kleinste Tüftelei kapiert
Und kaum gelernt vergißt! Ich will's einmal
Mit ihm probieren hier in frischer Luft! –
Ruft hinein
Strepsiades, komm 'raus mit deinem Faulbett!

Strepsiades innen:
Ich bring's vor lauter Wanzen nicht vom Fleck!

Sokrates: Nur hurtig!
Strepsiades kommt heraus
                        Stell's da hin, paß auf!

Strepsiades:                                               Da steht's!

Sokrates: So! – Willst du jetzt was lernen, das für dich
Ganz nagelneu? Und was zuerst? – Die Lehre
Vom Wort, vom Rhythmus, den verschiednen Maßen?

Strepsiades: Die Maße, bitt' ich! Um zwei Mäßchen hat
Mich kürzlich erst geprellt ein Mehlverkäufer.

Sokrates unwillig:
Ich frag' dich, welches Maß dir mehr gefällt:
Das mit drei Füßen oder das mit vier?

Strepsiades: Potz Welt! Hat denn bei euch ein Fruchtmaß Füße?

Sokrates: Du schwatzst verkehrtes Zeug!

Strepsiades:                                           Da frag' ich jeden,
Ob ihm ein Maß mit Füßen vorgekommen?

Sokrates: Zum Henker! Wie stupid, wie ochsendumm! –
Vielleicht daß du vom Rhythmus was begreifst?

Strepsiades: Rhythmus? – Verschafft mir der mein täglich Brot?

Sokrates: Das kommt dir in Gesellschaft wohl zustatten:
Da weißt du, wenn man musiziert, doch gleich,
Wie sich der Takt, im Marsch zum Beispiel, macht.

Strepsiades: Im Arsch den Ticktack – o das kenn' ich gut!

Sokrates: Was meinst du denn?

Strepsiades mit einer unanständigen Gebärde:
                                        Den Pendel mein' ich da:
Das hab' ich schon als kleiner Bub gelernt.

Sokrates: Gemeine Bestie!

Strepsiades:                     Aber nein, du Narr!
Dergleichen wünsch' ich nicht zu lernen.

Sokrates:                                                     So? –
Was denn?

Strepsiades:     Die Kunst, die Unrecht macht zum Recht.

Sokrates: Du mußt zuvor noch manches andre lernen:
Vierfüß'ge Tiere nenne mir, die männlich!

Strepsiades: Wer das nicht wüßte, wär' ein Esel! Männlich
Sind Widder, Stier und Bock und Hund und Spatz.

Sokrates: Siehst du? So geht's: das Weibchen nennst du Spatz,
Und dann das Männchen wieder ebenso.

Strepsiades: Und dann?

Sokrates:                       Bedenk nur einmal, Spatz und – Spatz!

Strepsiades: Wahr, beim Poseidon! Nun, wie muß ich sagen?

Sokrates: Spatz heißt das Männchen, Spätzin heißt das Weibchen.

Strepsiades: Hem, Spätzin, also! Bei der Luft, recht hübsch!
Da muß ich wohl für diese Lehre schon
Dir bis zum Rand mit Mehl den Backtrog füllen.

Sokrates: Ein neuer Bock! Der Backtrog sagst du, männlich?
Das muß ja weiblich enden!

Strepsiades:                             Ei, wieso?
Die Endung weiblich?

Sokrates:                         Wie Kleonymos
Sollt' enden!

Strepsiades:       Nun, wo will denn das hinaus?

Sokrates: Dein Backtrog, sieh, geht nach Kleonymos.

Strepsiades: Der ging ja dem Kleonymos grad ab!
Drum knetet er sein Mehl im runden Mörser. –
Allein im Ernst, wie muß ich sagen?

Sokrates:                                             Wie? –
Backtrögin! wie du sagst: die Demagögin.

Strepsiades: Backtrögin? Sonderbar!

Sokrates:                                         Das einzig Richt'ge!

Strepsiades: Backtrögin also und Kleonymin?

Sokrates: Ich sehe schon: von Eigennamen weißt
Du nicht, was männlich und was weiblich ist.

Strepsiades: Was weiblich ist, das kenn' ich gut.

Sokrates:                                                         Zum Beispiel?

Strepsiades: Lysilla, Philina, Kleitagora, Demetria.

Sokrates: Und Männernamen?

Strepsiades:                           Weiß ich dir die Meng'!
Philoxenos, Melesias, Amynias.

Sokrates: Dummkopf! Die sind nichts weniger als männlich!

Strepsiades: Die sind bei euch nicht männlich?

Sokrates:                                                       Nein: wie sagst
Du denn, wenn du Amynias zärtlich grüßt?

Strepsiades: Ich denk': Amynchen, grüß' dich Gott, Amynchen!

Sokrates: Nun sieh: Amynchen sagst du, wie: Philinchen: –
Ein Weib!

Strepsiades:     'S ist wahr! Er zieht auch nicht zu Feld!
Allein du lehrst mich da, was jeder weiß.

Sokrates: Tut nichts! Da setz dich hin – Aufs Faulbett zeigend

Strepsiades:                                         Was soll ich tun?

Sokrates: Denk deinen Handel philosophisch durch!

Strepsiades: Nur dort nicht, möcht' ich bitten! Muß es sein,
Kann ich die Sach' am Boden auch durchdenken.

Sokrates: Nein 's geht nicht anders! Setz dich!

Strepsiades setzt sich:                                     Weh und Jammer!
So muß ich heut der Wanzen Opfer werden?!

Sokrates geht gravitätisch auf und ab. Strepsiades philosophiert

Chorführerin: Jetzt, Freund, studier' und spekulier',
Nimm deinen Kopf und deine
Fünf Sinne zusammen;
Behend, wenn du je dich verwickelst, spring
Auf einen andern
Gedanken ab; und der labende Schlaf
Bleibe fern deinem Augenlid!

Strepsiades vom Faulbett auffahrend:
Au au au au, au au au au!

Chorführerin: Was heulst du? Was ist dir?

Strepsiades: Ich bin des Tods! Da beißt ein Trupp Korinthier,
Die aus dem Bett gekrochen, mich zuschanden.
Und sie zwacken das Fleisch an den Rippen mir ab,
Uhuhu, und sie zapfen die Seele mir ab,
Und sie zwicken, Gott straf mich, die Hoden mir ab,
Und sie bohren sich ein in den Steiß – und hinab
Muß ich ins Grab!

Chorführerin: Ei, so jammre doch nicht so überlaut!

Strepsiades: Nicht jammern? – Und doch,
Was ich hatt', ist dahin, meine Börse, mein Teint,
Meine Seel' ist dahin, meine Schuhe dahin,
Und zu alle der Not muß ich Armer mich noch
Wach singen, bis daß
Auch dahin mein erlöschendes Leben!

Sokrates geht auf ihn zu:
He du, was machst du? Spekulierst du?

Strepsiades:                                               Ich?
Ja, beim Poseidon!

Sokrates:                     Nun, worüber denn?

Strepsiades: Ob mir am Leib ein Stück die Wanzen lassen!

Sokrates: Verdammter Kerl!

Strepsiades:                         Verdammt? Das bin ich schon!

Sokrates: Nicht so empfindlich! Wickle dich brav ein,
Besinn dich jetzt auf eine Wolfsidee,
Auf einen guten Griff! Geht wieder auf und ab

Strepsiades:                       Mein Gott, wie sollen
Mir auf dem Schafspelz Wolfsideen kommen! Sitzt vertieft

Sokrates: Ich muß doch sehen, was der Gimpel macht!
Rüttelt ihn
Du, Alter, schläfst du?

Strepsiades:                       Beim Apollon, nein!

Sokrates: Was hast du da?

Strepsiades:                       Nicht das geringste!

Sokrates:                                                         Nichts?

Strepsiades: Nichts – als in meiner rechten Hand das Ding da.

Sokrates streng:
Einwickeln sollst du dich und meditieren!

Strepsiades: Worüber? Gib ein Thema, Sokrates!

Sokrates: Durchdenke, was du willst, und sag mir's dann!

Strepsiades: Ja, was ich will, das hab' ich tausendmal
Dir schon gesagt: die Gläubiger will ich prellen.

Sokrates: Gut! Wickle dich brav ein, nimm deine Sinne
Zusammen, haarscharf denk der Sache nach,
Recht kritisch, logisch und exakt!

Strepsiades: sich kratzend:                   Au weh!

Sokrates: Sei ruhig! Und verwirrt dich ein Gedanke,
Dann laß ihn fahren! Später lenkst du wieder
Den Geist darauf und wiegst ihn hin und her.

Strepsiades: Ha, bester Sokrates!

Sokrates:                                   Was hast du, Alter?

Strepsiades: 'Nen guten Griff – in meiner Gläubiger Tasche!

Sokrates: Laß hören!

Strepsiades:             Sag, wie wär's, wenn ich 'ne Hexe
Mir in Thessalien holt' und nachts für Geld
Den Mond herunterziehen ließ' und ihn
In eine runde Spiegelkapsel packte
Und fest verschlossen im Gewahrsam hielte?

Sokrates: Was soll dir das denn nützen?

Strepsiades:                                         Was? Wenn nirgends
Der Mond mehr aufging' in der Welt, da braucht' ich
Auch keine Zinsen mehr zu zahlen.

Sokrates:                                             Wie?

Strepsiades: Nun, weil man monatlich das Geld verzinst.

Sokrates: Nicht übel! – Nun ein zweites Probstück! Höre!
Wenn man auf fünf Talente dich verklagte,
Wie schafftest du den Handel dir vom Hals?

Strepsiades windet und dreht sich:
Wie? – Wie? – Das weiß ich nicht – die Frag' ist ernst!

Sokrates: Dreh nicht so eingeschrumpft dich um dich selbst,
Laß die Gedanken in die Lüfte fliegen,
Wie Maienkäfer, an dem Fuß den Faden!

Strepsiades: Ich weiß ein Mittel wider diese Klage,
Ganz schlau, das wirst du selbst gestehen!

Sokrates:                                                       Welches?

Strepsiades: Hast du in Krämerbuden je ein Glas
Gesehn – du weißt, durchsichtig, schön und hell,
Womit man Feuer macht?

Sokrates:                               Du meinst ein Brennglas?

Strepsiades: Das mein' ich.

Sokrates:                           Nun, was soll dir das?

Strepsiades:                                                         Wie wär's,
Wenn vor Gericht ich in die Sonne träte
Und dann dem Schreiber unterm Griffel weg
Das Wachs der Klagschrift gegen mich zerschmelzte?

Sokrates: Schön, bei den Grazien!

Strepsiades:                                 Ei, wie gut ist's doch,
Daß ich die Fünftalentenklag' beseitigt!

Sokrates: Jetzt mach dich noch an etwas! Schnell!

Strepsiades:                                                       An was?

Sokrates: Wie wehrst du dich, wenn dir ein Kläger zusetzt
Und du, weil ohne Zeugen, siehst, du mußt
Verlieren?

Strepsiades:     Lump'ge Kleinigkeit!

Sokrates:                                         Wieso?

Strepsiades: Nun – während der Verhandlung, just bevor
Mein Handel käme, ging' und henkt' ich mich.

Sokrates: Dummheit!

Strepsiades:               Bei allen Göttern, nein! Wenn ich
Gestorben bin, wer will mich da verklagen?

Sokrates: Unsinn! Geh fort! Den Schüler hab' ich satt!

Strepsiades: Warum denn aber, liebster Sokrates?

Sokrates: Was? Du vergißt ja alles, kaum gelernt!
So sprich: was hab' ich dich zuerst gelehrt?

Strepsiades: Laß sehn: was war das Erste doch – das Erste –?
Wie hieß das Ding, worin man Brotteig knetet? –
Ach Gott, was war's doch –?

Sokrates:                                   Geh zu allen Teufeln,
Vergeßlich dummer, alter Eselskopf!

Strepsiades: Um Gottes willen, ach, wie wird mir's gehn?
Werd' ich kein Rabulist, bin ich verloren!
Zum Chor
Ihr Wolken, hört: gebt ihr mir guten Rat!

Chorführerin: Der Rat, den wir dir geben, Alter, ist:
Schick deinen Sohn her, wenn du einen hast
Im rechten Alter, um für dich zu lernen.

Strepsiades: Den hab' ich – ist ein hübscher, wackrer Junge:
Nur lernen will er nichts! – Wie wird mir's gehn?

Chorführerin: Das duldest du?

Strepsiades:                           Er ist voll Kraft und Mark,
Aus Koisyras hochfliegendem Geschlecht! –
Gut denn! Ich will ihn holen! – Will er nicht,
Dann ist's vorbei: ich werf ihn aus dem Haus!
Zu Sokrates
Du, geh indes hinein und wart ein bißchen! Ab

Chorführerin zu Sokrates:
Nun siehst du wohl, welchen Gewinn
Uns du, vor allen Göttern
Uns hast zu danken?
Bereit ist der Mann zu vollbringen, was
Du immer forderst.
Du siehst, wie angeschossen, wie
Gläubig erhitzt er auf Wunder sich spitzt;
Faß ihn und saug ohne Verzug gründlich ihn aus!
Denn du weißt: so ein Fang entschlüpft gar leicht –
Bester, dann hast du das Nachsehn!

Sokrates ab ins Haus.

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