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Gutenberg > Aristophanes >

Die Wolken

Aristophanes: Die Wolken - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleKomödien
authorAristophanes
translatorLudwig Seeger
firstpub1845-48
yearca. 1960
publisherVollmer Verlag
addressWiesbaden / Berlin
titleDie Wolken
pages63-64
created20070408
sendergerd.bouillon
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Erste Szene

Morgendämmerung. Straße einer Vorstadt von Athen. Wohnung des Sokrates. In deren Nähe das Haus des Strepsiades, in dessen Schlafzimmer man hineinsieht

Strepsiades. Pheidippides. Im Hintergrund Sklaven. Alle schlafend auf ihrem Nachtlager

Strepsiades erwacht und gähnt:
I-uh! I-uh!
Allmächtiger Zeus, welch ewig lange Nächte!
Nein, zum Verzweifeln! – Will's denn gar nicht tagen?
Den Hahnenschrei hab' ich doch längst gehört. –
Die Sklaven schnarchen – – Sonst vertrieb man's ihnen!
Mit der Faust agierend, auffahrend
Ein wahres Elend, der verdammte Krieg!
Man muß sich scheu'n sogar, die Kerls zu prügeln.
Und auch mein hoffnungsvoller Junker dort,
Der wacht die ganze Nacht nicht auf und farzt,
In Geißfelldecken fünffach eingewickelt! –
Meinthalb! – Ich deck' mich zu und schnarche mit. –
Nach einer Pause
Ja, wenn ich schlafen könnte! – Au, das zwickt,
Das Zahlen, Rossefüttern, Schuldenmachen
Für dieses Früchtchen da! – Und er? – Mit langen
Gelockten Haaren reitet er und fährt,
Und träumt von nichts als Rossen. – Ich – verzweifle.
Sooft der Monat halb vorüber ist:
Da rückt der Zins heran. – He, Bube, Licht!
Und bring das Hausbuch! – Muß doch nachsehn, wem
Ich alles schuld', und was die Zinsen machen.
Ein Sklave bringt Licht und Buch
Laß sehn: was bin ich schuldig? – Pasias –
Zwölf Pfund! – dem Pasias zwölf? – wofür? – Aha!
Der Goldfuchs, den ich kauft'! – Ein Auge gäb' ich
Darum, hätt' ich gespart die goldnen Füchse!

Pheidippides im Schlafe
Philon, das geht nicht! Fahr auf deiner Bahn!

Strepsiades: Da habt ihr's! Das ist grade mein Ruin!
Von nichts als Rossen spricht er selbst im Traum.

Pheidippides wie oben:
Wie viele Fahrten gilt's mit dem Gespann?

Strepsiades: Mir gilt's! Mich, deinen Vater, jagst du 'rum!
Liest weiter im Buch
Pasias! – »Was lastet sonst für Schuld auf mir?« –
Amynias – für Rad und Sitz: drei Minen.

Pheidippides wie oben:
Fort mit dem Roß zur Schwemm', und dann nach Haus!

Strepsiades lauter:
Mich schwemmst du weg von Haus und Hof, du Schlingel!
Der will sein Geld zurück, zehn andre drohn
Mich aufzupfänden für die Zinsen –

Pheidippides erwachend:                         Vater,
Was stöhnst und wälzt du dich die ganze Nacht?

Strepsiades: Die Brummer beißen mich zum Bett hinaus.

Pheidippides: Hör, Alter, laß mich noch ein wenig ruhn!

Strepsiades: Schlaf du nur zu; die ganze Schuldenlast,
Das sag' ich dir, fällt doch auf deinen Kopf! –
Verdammte Kupplerin, die mich beschwatzt,
Daß ich zum Weibe deine Mutter nahm!
Das schönste Leben hätt' ich auf dem Lande:
Hübsch durcheinander, recht im Speck und Dreck,
Behaglich unter Honig, Woll' und Trestern!
Da nahm ich, Bauer, aus dem Haus Megakles
Megakles' Nichte, städtisch, üppig, stolz
Und flott, die eingefleischte Koisyra:
Als ich mit der das Hochzeitsbett bestieg,
Roch ich nach Hefe, Käs und schmutz'ger Wolle,
Sie nach Pomade, Schmink' und Zungenküßchen,
Hoffart, Verschwendung, Schlemmerei und Buhlschaft.
Faul war sie nicht, o nein, sie zettelte
Am Webstuhl, und ich zeigt' ihr oft mein Wams
Und sprach verblümt: ›Frau, du verzettelst viel!‹

Sklave: In unsrer Lamp' ist nicht ein Tropfen Öl!

Strepsiades: Was brennst du denn auch die versoffne Ampel?
Komm her, ich will dir! Schlägt nach ihm

Sklave:                               Aber, Herr, warum denn?

Strepsiades: Was steckst du grad den dicksten Docht hinein?
Sklave ab
Danach, als uns dies Söhnchen ward beschert,
Will sagen, mir und meiner wackern Ehfrau,
Gleich zankten wir uns über seinen Namen:
Sie wollt' ein ›Hippos‹ dran, 'nen Ritternamen,
Philipp, Charipp, Xanthipp, Kallipides,
Ich, nach dem Großpapa: Pheidonides.
Wir stritten hin und her, bis wir zuletzt
Eins wurden, ihn Pheidippides zu nennen.
Sie nahm ihn auf den Arm und streichelt' ihn:
›Wenn du mal groß bist und im Purpurrock
Zur Stadt fährst wie Megakles‹ – ›Nein, wenn du
Im Schafpelz‹ – fiel ich ein – ›vom Phelleuswald
Heim mit den Ziegen fährst, wie einst dein Vater – –‹
Was half's? Auf meine Lehren hört' er nicht,
Und hat mir nun auch Hab und Gut verrösselt.
Da sinn' ich nun die Nacht durch hin und her,
Und einen Ausweg hab' ich jetzt gefunden,
Nein, göttlich, einzig! – Folgt er mir, bin ich
Geborgen! – Vorderhand will ich ihn wecken;
Doch ja recht sanft! – Laß sehn, wie mach' ich das? –
Pheidippides! Geht an sein Lager
                    Pheidippides'chen!

Pheidippides:                                   Vater?

Strepsiades: Komm, küsse mich und gib mir deine Hand!

Pheidippides steht auf:
Da! Und was weiter?

Strepsiades:                     Sag: hast du mich lieb?

Pheidippides: Das weiß Poseidon dort, der Gott der Rosse!

Strepsiades: Ich bitt' dich, laß den Roßgott aus dem Spiel:
Der hat mich in das Herzeleid gebracht;
Nein, wenn du in der Tat mich zärtlich liebst,
Dann folge mir, mein Sohn!

Pheidippides:                           Was soll ich denn?

Strepsiades: Kehr um von Stund' an, führ' ein andres Leben,
Und geh und lerne, was ich dir empfehle!

Pheidippides: Sag nur, was willst du?

Strepsiades:                                     Folgst du auch?

Pheidippides:                                                         Ich folge,
Beim Dionys!

Strepsiades:         Komm her, da schau hinaus:
Siehst du das Pförtchen und das Häuschen dort?

Pheidippides: Ich seh' es, Vater! Und was ist's damit?

Strepsiades: Das ist die Werkstatt tiefgelehrter Denker,
Da wohnen Männer, die beweisen dir:
Der Himmel sei ein mächtiger Backofen,
Der uns umgibt, und wir die Kohlen drin;
Die lehren dich fürs Geld die Kunst, mit Worten
Recht oder Unrecht glücklich zu verfechten.

Pheidippides: Wer sind denn die?

Strepsiades:                               Die Namen weiß ich nicht:
Ideologen, Herrn von Stand und Bildung.

Pheidippides: Pah! Schurken sind's, die kenn' ich wohl; du meinst
Die blassen windigen Barfüßer, jenen
Beseßnen Sokrates und Chairephon!

Strepsiades: Pst! Pst! So schwatze doch nicht wie ein Kind!
Und liegt dir was am Brotkorb deines Vaters,
Dann halte dich an sie, und laß das Rösseln!

Pheidippides: Nein, beim Dionys, und wenn du auch die schönsten
Wallachen des Leogoras mir schenktest!

Strepsiades: »Mein Liebstes auf der Welt!« Geh hin, studiere
Mir dort!

Pheidippides:   Was soll ich denn für dich studieren?

Strepsiades: Sieh, die verstehn sich auf zwei Künste dort,
Die Kunst der guten und der schlechten Sache.
Der Redner, der der schlechten sich bedient,
Gewinnt, und wenn er zehnmal unrecht hätte.
Nun sieh, wenn du die schlechte Kunst mir lernst,
Dann kriegt kein Gläubiger von allem Geld,
Das ich für dich geborgt, 'nen Obolos.

Pheidippides: Das kann ich nicht: so käsegelb, wie die –
Wie könnt' ich noch ins Aug' den Rittern sehn?

Strepsiades: Dann, bei Demeter, friß wo anders, du,
Ja, du, dein Rennpferd und dein Sattelgaul!
Ich jag' dich aus dem Haus, verdammter Schlingel!

Pheidippides: Was scher' ich mich um dich? Mein Ohm Megakles
Läßt mich nicht ohne Roß: ich geh' zu dem! Ab

Strepsiades allein:
Da lieg' ich nun! – – Ich steh' auch wieder auf!
Mit Gottes Hilfe lern' ich selbst noch was;
Ich selber geh' jetzt in die Denkerklause.
Geht auf Sokrates' Wohnung zu, bleibt stehen
Doch – werd' ich, alt, vergeßlich, langsam, wie
Ich bin – kapieren all die Tüftelei'n?
Entschlossen
Nur zu! Was zaudr' ich da noch lang? – Wohlan,
Ich klopf einmal! He, Junge, Jüngelchen!

Scholar kommt heraus:
Zum Henker auch! Wer klopft da an die Tür?

Strepsiades: Strepsiades, Sohn Pheidons, von Kikynna.

Scholar: Du roher Mensch, bar aller Zucht des Denkens,
So barsch zu klopfen! – Ein Begriff, soeben
Im Werden, ward durch dich zur Fehlgeburt.

Strepsiades: Verzeih! Ich bin halt bäurisch aufgewachsen;
Doch sag: was ist das mit der Fehlgeburt?

Scholar: Nur den Scholaren wird das anvertraut.

Strepsiades: Dann sag du mir's nur frei: denn als Scholar
Komm' ich hierher zur Philosophenklause.

Scholar: Nun denn: – allein betracht' es als Geheimnis! –
Den Chairephon fragt Sokrates soeben:
›Wieviel Flohfüße weit ein Floh wohl hüpft?‹
Dem Meister nämlich sprang just auf den Kopf
Ein Floh, der Chairephon am Aug' gestochen.

Strepsiades: Wie hat er das gemessen?

Scholar:                                             Hör und staune:
Er fängt den Floh, läßt Wachs zergehn und taucht
Ihn mit den Füßen drein, das Ding erkaltet,
Pantoffeln trägt der Floh, ganz angegossen,
Die nimmt er ab und mißt damit die Weite.

Strepsiades: Großmächt'ger Zeus! Das nenn' ich Geist und Scharfsinn!

Scholar: Was sagst du erst, wenn du von einer andern
Idee des Meisters hörst?

Strepsiades:                         Von welcher? Sprich!

Scholar: Denk! Chairephon aus Sphettos fragt ihn jüngst,
Wofür er sich entscheid': ob durch das Mundstück
Die Schnaken singen oder durch den Bürzel?

Strepsiades: Ei, und wie löst' er dann die Schnakenfrage?

Scholar: Er sprach: ›Der Darmkanal der Schnaken ist
Sehr eng: da drängt die eingepreßte Luft
Nun mit Gewalt sich durch, dem Bürzel zu;
Und weil die Öffnung plötzlich sich erweitert,
Fährt mit Musik der Wind zum Loch heraus.‹ –

Strepsiades: So wär' ein Schnakenloch 'ne Art Trompete! –
Heil dem aposteriorisch tiefen Forscher!
Wer so durchdringt den Hintern einer Schnake,
Kriecht leicht auch durch die Gänge der Justiz.

Scholar: Jüngst freilich kam um einen Kraftgedanken
Er durch 'ne Eidechs.

Strepsiades:                     Ei, wieso? Laß hören?

Scholar: Nacht war's! Des Mondes Bahn und Wechsel eben
Erforschend, sah er auf mit offnem Mund;
Da schmeißt vom Dach herab auf ihn das Tierchen.

Strepsiades lachend:
Ein lustig Tierchen! – Schmeißt auf Sokrates?!

Scholar: Hör! Gestern abend – hatten wir nichts zu essen. –

Strepsiades: Ei nun, wie griff er's an, euch Brot zu schaffen?

Scholar: Im Ringhof streut' er feine Asche hin,
Nahm einen Bratspieß, bog ihn krumm, und – husch!
Hatt' er ein Opferstück vom Tisch gezirkelt.

Strepsiades: Was? Und wir staunen noch den Thales an?
Geschwind! Mach auf die Philosophenklause!
Ich muß, ich muß ihn sehn, den Sokrates!
Mich schülert's ganz entsetzlich: tu mir auf!

Durch die geöffnete Türe sieht man in die gemeinsame Studierstube der Philosophen hinein: der Meister hoch oben in einer Hängematte, die Schüler zusammengekauert am Boden zwischen mathematischen Instrumenten und Bücherrollen

Strepsiades fährt zurück:
Herakles! Was sind das für Wundertiere?

Scholar: Du staunst? Wie kommen sie dir vor?

Strepsiades:                                                   Wie die
Von Pylos, die spartanischen Gefangnen. –
Was sehn denn die so bleich und stier zur Erde?

Scholar: Sie suchen, was die Erde birgt.

Strepsiades:                                         Ha ha,
Sie suchen Zwiebeln: o bemüht euch nicht!
Ich zeig' euch, wo recht schöne, große stecken. –
Was tun denn die, gebückt, die Nas' am Boden?

Scholar: Sie spähn dem Urgrund nach tief unterm Hades.

Strepsiades: Ihr Hinterer aber schaut ja auf zum Himmel?

Scholar: Der treibt Astronomie auf eigne Hand.
Leise zu den Scholaren, die neugierig herbeikommen
Hinein! Wenn Er uns jetzt bemerkte! Fort!

Strepsiades: So laß sie doch, sie sollen bleiben, bis
Ich ihnen mein Geschäftchen vorgetragen.

Scholar: Nein, nein, beileib, sie dürfen nicht so lang
Hier außen bleiben an der frischen Luft!

Strepsiades folgt den Scholaren, die sich zurückziehen, bis an die Schwelle und erblickt einen Globus:
Bei allen Göttern, sprich, was ist denn das?

Scholar: Astronomie, mein Freund!

Strepsiades auf einen Meßtisch deutend:   Und dieses da?

Scholar: Geometrie.

Strepsiades:             Wofür ist das denn gut?

Scholar: Um Land zu messen.

Strepsiades:                           Wie? Verlostes Land?

Scholar: Land überhaupt, das Erdreich.

Strepsiades:                                       Ganz charmant!
Das ist doch was fürs Volk, erklecklich, praktisch.

Scholar auf eine Landkarte zeigend:
Hier ist die ganze Erde: siehst du hier
Athen?

Strepsiades:   Das soll Athen sein? Seh mir einer!
Wo sitzt denn da auch nur ein einz'ger Richter?

Scholar: Verlaß dich drauf, hier siehst du Attika!

Strepsiades: Wo sind denn meine Landsleut' in Kikynna?

Scholar: Da drinnen stecken sie! Sieh her, daneben
Liegt auch Euboia, hier, lang hingestreckt.

Strepsiades: Weiß schon: wir und Perikles streckten's hin. –
Wo ist denn Lakedaimon?

Scholar:                                 Wo? Da, hier!

Strepsiades kopfschüttelnd:
So nah bei uns? – Studiert doch ernstlich drauf,
Daß ihr das Nest da wegschafft weit von uns!

Scholar: Du Narr, das geht nicht.

Strepsiades:                               Ei so geht zum Schinder!
Sieht in die Höhe und erblickt den Sokrates
Wer ist denn der dort in der Hängematte?

Scholar mit gedämpfter Stimme:
Er!

Strepsiades laut:   Wer Er?

Scholar:                           Sokrates.

Strepsiades:                                   Du, Sokrates! – – –
Sokrates bleibt unbeweglich. Zum Scholaren
Du, schrei mir ihn einmal recht tüchtig an!

Scholar: Ruf du ihn selbst, ich habe keine Zeit.
Geht hinein und macht sich zu tun

Strepsiades: He, Sokrates! – –Sokrates'chen – – Du dort!

Stimme aus der Höhe: Was rufst du mich, du Sohn des Staubes?

Strepsiades: Nein, aber sag, was machst du denn da oben?

Sokrates langsam und feierlich:
In Lüften schweb' und Helios überseh' ich.

Strepsiades: So? Über unsre Götter siehst du weg? –
Warum denn hoch im Korb und nicht am Boden?

Sokrates: Wie könnt' ich wahr das Überird'sche deuten:
Wenn schwebend nicht des Geistes zarter Äther
Mit dem verwandten Element sich mischte?
Umsonst vom Boden unten schaut' ich auf
Nach oben: denn die Erde zieht zu sich
Unwiderstehlich des Gedankens Tau: –
Ein Beispiel hast du an der Brunnenkresse.

Strepsiades: Was sagst du da? – –
Das Denken zieht den Tau der Kresse zu? –
Hör, Sokrates'chen, komm zu mir herunter,
Ich will was lernen, komm und sei mein Lehrer!

Sokrates läßt sich herab:
Was willst du lernen?

Strepsiades:                     Reden, lieber Mann!
Die Zinsen und die groben Gläub'ger, denk,
Die plündern, pfänden, ziehn mich völlig aus.

Sokrates: Wie kamst du denn in Schulden, dummer Mensch?

Strepsiades: Roßfieber heißt die Krankheit, die mich frißt. –
Jetzt lehre mich von deinen beiden Künsten
Die: Nichts zu zahlen, und das Honorar
Erleg' ich gleich, das schwör' ich bei den Göttern!

Sokrates: Bei welchen Göttern? – Denn die Götter sind
Hier abgeschätzte Münz'.

Strepsiades:                           Wie schwört denn ihr?
Bei eisernen, wie's in Byzanz gebräuchlich?

Sokrates: Willst du der Götter Wesen aus dem Grund
Begreifen lernen? –

Strepsiades:                 Ja, bei Zeus, womöglich.

Sokrates: Und mit den Wolken selber Zwiesprach halten,
Die unsre Götter sind?

Strepsiades:                     Das möcht' ich gern.

Sokrates deutet nach einem Lotterbett:
So setze dich auf diesen heil'gen Sitz!

Strepsiades: Das kann ich schon! Da sitz' ich.

Sokrates:                                                     So! Jetzt nimm
Den Kranz!

Strepsiades:       Wozu den Kranz? Ängstlich Ach, Sokrates,
Wollt ihr mich opfern, wie den Athamas?

Sokrates: Mitnichten! – Solches tun wir stets, wenn einer
Wird eingeweiht.

Strepsiades:             Was hab' ich denn davon?

Sokrates setzt ihm einen mit Sand und Staub bedeckten Kranz aufs Haupt

Sokrates: Ein Sprecher wirst du, flink, gewandt, gerieben,
Wie Mehlstaub fein –
Strepsiades, dem der Sand ins Gesicht fällt, schüttelt sich
                                So halt doch still!

Strepsiades:                                               Wahrhaftig,
So ist's, schon bin ich um und um voll Staub.

Sokrates mit Salbung:
Andächtiges Schweigen geziemt dem Greis, und es lausche sein Ohr dem Gebete! –
Betend
Allwaltende Herrin, unendliche Luft, die du hältst in der Schwebe den Erdball!
Und du, strahlender Äther, ihr Göttinnen hehr, blitzdonner- und hagelgewaltig,
Erhebt euch, erscheinet, erhabene Frau'n, in den Höhen dem sinnenden Forscher!

Strepsiades: Nein, ich bitte, noch nicht! Laß den Mantel mich erst um den Kopf ziehn wider die Nässe!
Verdammt, daß ich heut auch gerade von Haus bin gegangen ohne den Filzhut!

Sokrates: Kommt, kommt, hochheilige Wolken, und gönnt ihm den Anblick eurer Gestalten!
Wo ihr immer verweilt, auf Olympos' Höh'n, den beschneiten, heiligen, oder
In Vaters Okeanos' Gärten, vereint mit den Nymphen zum festlichen Reigen,
Ob am flutenden Nil ihr soeben die Flut in goldenen Eimern heraufzieht,
Ob ihr schwebt am maiotischen See oder fern auf dem schneeigen Gipfel des Mimas:
Wo ihr seid, o erhört mich und schauet mit Huld auf das Opfer der heiligen Weihe!

Chor der Wolken noch unsichtbar; Blitz und Donner
Schwimmende Wolken, ans Licht
Ziehn wir, die leuchtenden, ewig beweglichen,
Unversieglichen,
Ziehen herauf aus dem Schoße des tosenden
Vaters Okeanos, auf zu den waldigen
Gipfeln der Berge, schaun
Nieder auf fernhin erglänzende Zinnen, auf
Saaten, hinab auf die säugende, heilige
Erd' und die göttlichen, rauschenden Ströme bis
Hin zu des wogenden, stöhnenden Meeres Flut:
Denn unermüdet ja leuchtet das Auge des Äthers
Schwimmend in heitrer Klarheit! –
Auf denn! Wie schütteln von unsern unsterblichen
Leibern die tauige Hüll', und mit leuchtendem
Aug' überschaun wir die weite Erde.

Blitz und Donner

Sokrates: Ihr erhabenen Wolken, ihr habt mich erhört und erscheint mir von Auge zu Auge!
Zu Strepsiades
Und vernahmst du die göttliche Stimm' und den Knall des rollenden heiligen Donners?

Strepsiades: O gewißlich, ich bet', ihr Erhabnen, euch an, und es drängt mich, den Knall zu erwidern;
Ach, es kommt mir, es kommt: so entsetzliche Furcht, solch Zittern und Beben ergreift mich,
Ob ihr gut dazu seht oder nicht, ich vermag es nicht länger zu halten – ich kacke!

Sokrates: Mensch, laß mir die Possen, geriere dich nicht wie die teuflischen Hefengesichter!
Andächtige Stille! Der Göttinnen Schar, sie naht sich mit heil'gem Gesange!

Chor: Jungfraun mit tauendem Haar
Schweben wir hin zu Athenes gesegneten
Gauen, des Kekrops
Heldenerzeugende, liebliche Flur zu schaun,
Die das Geheimnis mystischer Feier wahrt,
Wo sich das Heiligtum
Öffnet am Feste der Weihe den Schauenden,
Dort wo Geschenke, Bilder und ragende
Tempel die himmlischen Götter verherrlichen,
Festliche Züge der Frommen, der Seligen,
Jubel der Blumenbekränzten und Schmausenden,
Wechselnd im Tanz der Horen;
Heut', mit dem nahenden Lenze, des Bakchos Fest,
Fröhlich mit Tanz und Gesang um die Wette zum
Helltönenden Klang der Flöten!

Strepsiades: Ich beschwöre dich bei dem allmächtigen Zeus, wer sind sie denn, Sokrates, die da,
Die so prächtig singen, so furchtbar schön? Halbgöttinnen, sollte man glauben!

Sokrates: Bewahre, die himmlischen Wolken sind's, der Müßigen göttliche Mächte,
Die Gedanken, Ideen, Begriffe, die uns Dialektik verleihen und Logik,
Und den Zauber des Worts, und den blauen Dunst, Übertölplung, Floskeln und Blendwerk.

Strepsiades: Drum ist mir doch auch, da ihr Lied ich vernahm, meine Seel' in den Äther entflogen
Und versucht jetzt schon dialektisch den Rauch zu zerlegen in seine Atome,
Jeden Satz zu zersetzen mit Sätzchen und fein auf die Silben mit Silben zu stechen;
Drum verlangt es mich sehr, wenn es irgend erlaubt, sie von Antlitz zu Antlitz zu schauen.

Sokrates: So blicke nur hin nach dem Parnes dort: schon seh' ich gemessenen Schrittes
Sie herniederwandeln.

Strepsiades:                     Ei zeig mir doch, wo?

Sokrates:                                                         Dort rücken heran sie in Masse,
Durch Schluchten und Büsche, dort seitwärts herab, siehst du?

Strepsiades:                                                                                 Das begreif mir ein andrer!
Ich seh' sie ja nicht!

Sokrates:                       An dem Eingang dort!

Strepsiades:                                                   Eine Spur kaum seh' ich von ihnen!

Der Chor der Wolken tritt in die Orchestra ein

Sokrates: Aber jetzt doch wohl: sonst glaub' ich, du hast Schmalzklumpen, wie Kürbsen, im Auge.

Strepsiades: Beim Zeus, ja, ja! Ihr Erhabnen, ich seh', schon wimmelt der Boden von Wolken.

Sokrates: Und du wußtest es nicht, und du glaubtest es nicht, daß sie Göttinnen sind und unsterblich?

Strepsiades: Meiner Seel', ich sah sie mein Lebtag an für Tau und Nebel und Dünste.

Sokrates: So, so? Und du weißt also nicht, daß sie die Sophisten, die vielen, ernähren,
Quacksalber, Propheten echt thurischen Stammes, brillantring-fingrige Stutzer,
Dithyrambische Schnörkelverdrechsler zu Hauf, sternschnuppenbeguckende Gaukler:
Sie füttern sie alle, das müßige Volk, das ihnen zu Ehren lobsinget.

Strepsiades: Drum singen sie auch von »des feuchten Gewölks blitzschlängelndverheerendem Sturmschritt«,
Von »der duftigen, tauig krummklauigen Schar luftmeerdurchschwimmender Vögel«
Und von »Wassergüssen des Regengewölks«; und für diese Ergüsse verschlingen
Sie die leckersten Stücke des prächtigsten Aals und die köstlichsten Krammetsvögel!

Sokrates: Und verdienen sie das um die Wolken denn nicht?

Strepsiades:                                                                     Meinthalben! Erklär' mir nur eines:
Wenn sie Wolken doch sind, leibhaftig, wie kommt's, daß wie sterbliche Weiber sie aussehn?
Die droben, die sind doch wahrhaftig nicht so!

Sokrates:                                                             Ei nun, und wie sehen denn die aus?

Strepsiades: Das kann ich so recht nicht beschreiben, ich mein': wie ein Haufen verzettelter Wolle;
Von Weibern einmal nicht die mindeste Spur! Und die da – die haben ja Nasen!

Sokrates: Du, gib einmal Antwort! Ich frage dich –

Strepsiades:                                                         Schnell, nur heraus damit, ohne Präambel!

Sokrates: Hast du nie in der Höh' eine Wolke gesehn, an Gestalt gleich einem Kentauren,
Oder Panthertier, oder Wolf, oder Stier?

Strepsiades:                                                 Ei warum nicht? Aber was soll das?

Sokrates: Sie geben sich jede belieb'ge Gestalt; zum Exempel, sie sehn einen geilen,
Langhaarig verwilderten Bubenfreund, unter andern den Sohn Xenophantos',
Gleich äffen sie nach des Verrückten Figur, und verwandeln sich selbst in Kentauren.

Strepsiades: Was machen sie denn, wenn sie Simon sehn, mit der Hand in dem Säckel des Staates?

Sokrates: Sie zeichnen ihn treu ganz nach der Natur und verwandeln sich selber in Wölfe.

Strepsiades: So, drum! Als sie gestern Kleonymos sahn, den Schildwegwerfer, da wurden
Sie beim ersten Blick auf die Memme sogleich in flüchtige Hirsche verwandelt.

Sokrates: Und weil sie den Kleisthenes, den dort, erblickt, du siehst ihn? Drum wurden sie Weiber.

Strepsiades zum Chor:
Nun, so seid mir gegrüßt, ihr erhabenen Frau'n! Wenn einem, tut mir den Gefallen
Und laßt, ihr Durchlauchtigen, tönen einmal die himmeldurchrollende Stimme!

Chor zu Strepsiades:
Sei mir auch gegrüßt, du bemooster Greis, du ideenverfolgender Weidmann!
Zu Sokrates:
Hoherpriester des Gallimathias, auch du! Tu kund dein Verlangen! Wir hören!
Denn der Überschwenglichen keinem, fürwahr, von der Zunft der Sophisten verleihen
Wir Gehör, als etwa dem Prodikos, der es verdient durch Weisheit und Tiefsinn,
Und dir, weil du breit durch die Straßen stolzierst und die stierenden Augen umherwirfst,
Stets barfuß gehst und den Leib kasteist und die Nas' – als der Unsre – so hoch trägst.

Strepsiades: Alle Welt! Wie erhaben die Stimme tönt, majestätisch, übernatürlich!

Sokrates: Kein Wunder; die einzigen Götter sind sie, und das andre ist all Larifari!

Strepsiades: Wie, – Zeus, der olympische Zeus, der soll kein Gott sein? – nicht existieren?

Sokrates: Nur nicht albern! Was faselst du da mir von Zeus? Es gibt keinen Zeus!

Strepsiades:                                                                                                     Ei, was sagst du?
Und wer regnet denn dann? Das mußt du nun doch mir vor allen Dingen erklären!

Sokrates: Wer? Diese, sonst niemand! Das will ich dir gleich mit gewichtigen Gründen beweisen!
Du, sag mir einmal, ob du jemals den Zeus hast regnen sehn ohne Wolken?
Bedenk doch: ein Regen aus blauer Luft, und die Wolken sind dann wohl auf Reisen?

Strepsiades: Bei Apollon! Das sitzt ja wie angeschweißt: das hast du vortrefflich bewiesen!
Sonst freilich, da glaubt' ich: wenn Zeus durch ein Sieb sein Wasser abschlage, dann regn' es.
Jetzt sag mir: wer macht denn den Donner? Denn sieh: da fahr' ich halt immer zusammen.

Sokrates: Sie donnern, wenn übereinandergerollt sie sich wälzen.

Strepsiades:                                                                             »Tollkühner, was sagst du?«

Sokrates: Wenn in reichlichem Maße mit Wasser gefüllt sie von innen getrieben dahinziehn,
Erdwärts durch die Schwere des Regens gedrückt, dann stürzen die wogenden Wasser
Sich übereinander und bersten entzwei und krachen und poltern im Platzen.

Strepsiades: Wer treibt sie denn aber? Das ist doch Zeus, der sie nötigt, sich fortzubewegen?

Sokrates: Nein, Mensch! Der ätherische Wirbel ist's!

Strepsiades:                                                           Wirr-Wirbel? Ich kenne den Gott nicht!
Zeus also ist nicht, und an seiner Statt regiert so ein Zeisig – der Wirbel?
Doch immer noch hast du mir eins nicht erklärt, dies Donnern und Krachen und Wettern.

Sokrates: Ei, hörst du denn nicht, was ich eben gesagt von den Wolken, den wassergefüllten,
Wie sie übereinander sich stürzen gebläht, und zusammengeworfen zerplatzen?

Strepsiades: Wie versteh' ich denn das?

Sokrates:                                             Nun, so merk einmal auf: an dir selber mach' ich's dir deutlich.
Ist dir's nie an den Panathenaien passiert, daß dein Magen, mit allerlei Brühen
Überfüllt, dir mit Knurren Molesten gemacht, mit Reißen und Blähn und Rumpumpeln?

Strepsiades: Beim Apollon, gar oft; und da währt es nicht lang, und es wurmt mir und fährt durch die Därme.
So 'ne lumpige Brüh', die verführt einen Lärm und tut akkurat wie der Donner:
Erst halblaut nur: bumbum, bumbum, dann vernehmlicher schon: bububumbum!
Bis donnernd gerad wie die Wolken zuletzt es herausfährt: bubububumbum!

Sokrates: Drum sieh: wenn dein Bäuchlein, winzig und klein, so gewaltige Bumbums herausfarzt,
Wie entsetzlich muß erst im erhabenen Raum rumoren das Rollen des Donners?

Strepsiades: Ich verstehe: drum sind sich auch Donner und Furz so ähnlich im brummenden Tone!
Nun aber der Blitz, wo kommt er denn her, und sein feuriges Leuchten und Zünden,
Der, wenn er uns trifft, uns zu Asche verbrennt, und wenn er nicht tötet, doch röstet;
Den sendet doch Zeus, das ist klar wie der Tag, meineidige Sünder zu strafen?

Sokrates: O du antediluvianischer Kauz, o du märchengläubiges Mondkalb!
Meineidige soll er erschlagen? Warum zerschmettert er dann nicht den Simon,
Den Kleonymos nicht, den Theoros nicht, und was machen sich die aus 'nem Meineid?
Wo schlägt er denn ein? – In sein eigenes Haus auf Sunions heiliger Spitze,
Und in stämmige Eichen – was fällt ihm denn ein? Meineidige Eichen! Man denke!

Strepsiades: Weiß nicht! – doch es scheint, was du sagst, das ist wahr. Nur erkläre mir noch, was der Blitz ist?

Sokrates auf die Wolken deutend:
Wenn in diesen ein trockener Wind sich verfängt, der empor in die Lüfte gewirbelt,
Dann schwellt er sie auf, wie Blasen, und fest zusammengepreßt durch die Spannung
Zersprengt er sie plötzlich und drängt mit Gewalt sich heraus aus der platzenden Masse,
Und vom Stoß und der heftigen Reibung entflammt, mit Sausen und Zischen verglüht er.

Strepsiades: Ei der Tausend! Aufs Haar ganz dasselbe ist mir am Diasienfeste begegnet:
Meine Vetterschaft hatt' ich zu Gast und briet eine Magenwurst; potz, da vergess' ich
Sie zu stechen zur Zeit, und da schwillt sie nun auf, und plötzlich zerplatzt sie und spritzt mir
Gerad in die Augen den ganzen Dreck und verbrennt das Gesicht mir erbärmlich!

Chorführerin zu Strepsiades:
O du Menschensohn, der du trachtest, von uns ausströmende, heilige Weisheit
Zu erlernen, wie groß, wie beglückt wirst du, wie berühmt in Athen und in Hellas,
Wenn stark dein Gedächtnis, tiefsinnig dein Geist, für Strapazen und Hunger und Kummer
Unempfindlich, und wenn du nicht müde wirst vom Spazierengehen und Stehen,
Wenn du frierst ohne Murren, wenn ohne Verdruß du ein Frühstück weißt zu entbehren,
Wenn du meidest den Wein und den Turnplatz fliehst und die übrigen Werke der Torheit,
Wenn du allzeit, wie dem verständigen Mann es geziemt, für das Höchste es achtest,
Im Handel und Wandel mit fertiger Zung' als Sieger das Feld zu behaupten.

Strepsiades: Was das nun betrifft: starrsinnigen Kopf, bettdeckenumwälzendes Grübeln,
Unverwöhnten, nüchternen Magen dazu, gegen Wasser und Brot nicht rebellisch –
Da sei du nur ruhig, da lass' ich auf mir, wenn es sein muß, hämmern und schmieden.

Sokrates: Und erkennst du nun auch gleich uns fortan, daß kein anderes göttliches Wesen
Existiert, denn allein diese heiligen Drei: das Chaos, die Wolken, die Zunge?

Strepsiades: Mit den andern verlier' ich, und wenn sie mir auch auf der Straße begegnen, kein Wörtchen,
Noch werd' ich an sie Speis'opfer und Trank und Weihrauchkörner verschwenden.

Chorführerin: So rede getrost: was verlangst du von uns? Wir werden dich sicher erhören,
Da du Ehr' uns gern und Bewund'rung zollst und bemüht bist, weise zu werden.

Strepsiades: Durchlauchtige Fraun! Dann bitt' ich euch nur um ein Kleines: gewährt mir die Gnade,
Laßt hundert Meilen, als Rednergenie, mich vor allen in Hellas voraus sein!

Chorführerin: Wir gewähren die Bitte; von Stund' an soll es nicht einem gelingen, daß öfter
Als du, er Gesetzesentwürfe beim Volk durchsetze mit glänzender Mehrheit.

Strepsiades: Nach politischer Größe gelüstet mich's nicht, ich befasse mich nicht mit Gesetzen,
Strepsiades strebt für sich selbst nur das Recht zu verdrehn, zu entschlüpfen den Zinsherrn.

Chorführerin: Eine Kleinigkeit das! Den bescheidenen Wunsch, wie sollten wir den nicht erfüllen?
Übergib dich getrost nur mit Leib und Seel' der Behandlung unserer Priester!

Strepsiades: Das tu' ich im vollen Vertrauen auf euch: ich muß – denn ich steck' in der Klemme,
Ruiniert durch die Füchs' und die Rappen, und dann durch die unglückselige Heirat.
Ich gehöre den Herrn mit Leib und Seel':
Was sie wollen, ich tu's und ich trag' es ja gern,
Durst, Hunger und Prügel und Hitz' und Frost!
Ja, laßt sie das Fell mir vom Leibe ziehn!
Und studier' ich mich nur aus den Schulden heraus,
Tituliere mich dann nach Belieben die Welt:
Frech, naseweis, grob, maulfertig, infam,
Unflat, Aufschneider und Lügenschmied,
Rechtsfälscher, mit allen Hunden gehetzt,
Schwadroneur, Windfahne, Fuchs, Klappermaul,
Nasrümpfer, Scharwenzler, aufdringliche Klett',
Aas, Neidhard, Galgenstrick, Lumpenhund,
Arschleckergesicht – –
Mag, wem es beliebt, auf der Gasse mir nach
Diese Titel schreien: nur zugeschimpft!
Meintwegen, verhackt
Mich zu Würsten, bei der Demeter, und gebt
Sie den Herrn Philosophen zu fressen!

Chorführerin: Nun, das nenn' ich einmal herzhaft,
Unerschrocken,
Rasch entschlossen! – Sei gewiß:
Lernst du hier fleißig, so ragt an das Himmelsgewölbe
Deines Namens Glorie!

Strepsiades: Und was wird's dann mit mir?

Chorführerin: Die seligsten Tage mit uns,
Beneidet von allen, verlebst du, Hochbeglückter!

Strepsiades: Aber werd' ich es auch noch Wirklich erleben?

Chorführerin: Scharenweis werden an deiner
Schwelle die Leute sich
Tagtäglich lagern,
Um sich mit dir zu besprechen,
Dich, wenn es glückt, zu befragen
Und in Prozessen und Händeln um schwere Summen
Mit dem erfahrnen Anwalt
Sich zu beraten, mit dir!
Zu Sokrates
Nimm du ihn jetzt vor, diesen Alten, und gib von dem Unterricht ihm einen Vorschmack;
Jag auf die Gedanken in seinem Kopf, sieh, ob er kapiert, und sondier' ihn!

Sokrates: Nun denn! Sag an, wie ist dein Naturell,
Damit ich weiß, mit welchen neuen Waffen
Ich demgemäß dich anzufassen habe!

Strepsiades: Was Henkers? Denkst du Sturm auf mich zu laufen?

Sokrates: Nein! Laß mich vor der Hand nur eins dich fragen:
Hast du Gedächtnis?

Strepsiades:                   Zweierlei, bei Zeus!
Eins – wenn mir jemand schuldet – sehr verläßlich:
Das andre – schuld' ich einem – sehr vergeßlich.

Sokrates: So wirst du doch Geschick zu Reden haben?

Strepsiades: Zum Reden? Nein! Doch desto mehr zum Rapsen.

Sokrates: Du willst studieren?

Strepsiades:                           Sei nur ruhig, 's geht!

Sokrates: Nun gut, so paß mal auf: Lass' ich was Tiefes,
Was Metaphysisches fallen, schnapp' es auf!

Strepsiades: Aufschnappen soll ich, wie ein Hund, den Tiefsinn?

Sokrates: Barbarisch roher Bauer, der du bist,
Du brauchst wohl, fürcht' ich, Prügel, alter Kerl! –
Was machst du, wenn dich einer schlägt?

Strepsiades:                                                 Ich lasse
Mich schlagen, paß' auf Zeugen, und dann fasse
Vor Amt ich ihn und fülle mir die Kasse.

Sokrates: Komm, leg den Rock ab!

Strepsiades ängstlich:                     Was verbrach ich denn?

Sokrates: Nichts! Unbekleidet tritt man hier nur ein.

Strepsiades: Ich kam ja nicht, gestohlnes Gut zu suchen.

Sokrates: Leg ab: wozu die Possen?

Strepsiades legt Oberkleid und Schuhe ab:   Nur noch eins!
Wenn ich recht fleißig bin und eifrig lerne,
Sag', welchem deiner Schüler gleich' ich dann?

Sokrates: Du wirst an Geist ein zweiter Chairephon!

Strepsiades: Um Gottes willen, ein lebend'ger Leichnam?

Sokrates: Genug der Faxen! Komm und folge mir
Sogleich – nur schnell!

Strepsiades:                       So gib mir in die Hand
Doch einen Honigkuchen: denn mir bangt,
Als wenn ich in Trophonios' Höhle stiege.

Sokrates: Geh zu! Was tappst du um die Tür herum?

Beide hinein

Chor: So gehe mit Glück, wie dein Mut es verdient,
Dein entschlossener Sinn! –
Heil und Gelingen dem Mann,
Der, soweit er im Alter
Vorgerückt schon, dennoch den Geist
In Studien taucht, jugendlich frisch,
Und seinen Kopf, hart und ergraut,
Gibt in die Zucht des Denkens.

Chorführerin: Laßt mich, ihr Athener, einmal euch die Wahrheit sagen frei,
Lautre Wahrheit, beim Dionys, der mich großgezogen hat!
So gewiß ich heute den Preis wünsch' als Meister meiner Kunst,
Traun, so wahr ist's, daß ich gebaut nur auf eure Kennerschaft
Und den Wert des komischen Stücks, das ich für mein bestes hielt,
Als ich euch zu kosten es bot, euch zuerst, dies Stück, das mir
Wohl die meiste Mühe gemacht! – Dennoch zog man plumpe Kerls
Unverdienterweise mir vor. – Dieses Unrecht klag' ich euch
Weisen Kennern, denen zulieb' ich mir all die Mühe gab –:
Nicht als gäb' ich unter euch selbst die Vernünft'gen treulos auf:
Weiß ich doch, daß Männern wir ihr, die man anzureden schon
Glücklich ist, mein ›Liederlich und Tugendsam‹ einst wohlgefiel,
Jenes Erstlingsfrüchtchen –: ich war Jungfer noch, und heimlich mußt'
Ich's gebären, mütterlich nahm auf das ausgesetzte Kind
Eine andre, aber ihr selbst wart ihm Vater, Lehrer, Freund.
Seitdem ist mir sicher verbürgt eure Einsicht, eure Gunst.
Gleich Elektra kommt sie denn nun diesmal, die Komödie,
Um zu finden, wenn es ihr glückt, solch erprobte Kennerschar:
Ihres Bruders Locke, wofern sie sie findet, kennt sie wohl.
Seht, wie sie sich züchtig gebärd't! Vorn herunter, angenäht,
Läßt sie nicht das lederne Ding hängen, baumeln, feuerrot
An der Spitz' und fürchterlich dick, schlimmen Buben nur zum Spaß;
Spottet auch Kahlköpfe nicht aus, hopst im Kordax nicht herum,
Läßt nicht alte Männer den Stock deklamierend schwingen auf
Die Mitspieler – ärmlicher Spaß–Antwort auf gemeinen Witz!
Stürmt auch nicht mit Fackeln herein, heult und brüllt nicht Ju, Juhu!
Nein, sich selbst und ihrem Gehalt stolz vertrauend tritt sie auf.
Und obwohl ich weiß, was ich bin, trag' ich doch nicht hoch den Busch.
Zwei- und dreimal bring' ich euch nie einen Witz und täusch' euch nicht,
Bin euch nagelneue Sujets vorzuführen stets bedacht,
Witzige Figuren und keck, keine je der andern gleich.
Stieß ich nicht den mächtigen Mann Kleon mächtig auf den Bauch?
Doch ich trat, sobald er im Staub lag, nicht mehr auf ihm herum.
Andre – seit Hyperbolos sich einmal eine Blöße gab –
Trampeln auf dem ärmlichen Kerl stets und seiner Mutter 'rum.
Eupolis vor allen – er schleppt seinen ›Marikas‹ herein:
Schmählich! ein gewendeter Rock! meine ›Ritter‹ dumm verhunzt!
Nebenbei, dem Kordax zulieb, ein versoffnes altes Weib,
Die er stahl dem Phrynichos, wo sie das Ungeheuer frißt. –
Gleich drauf kommt Hermippos und macht auch was auf Hyperbolos,
Auch die andern werfen sofort all' sich auf Hyperbolos,
Und mein Gleichnis äffen sie nach: wie man Aal' im Trüben fischt. –
Nein, wer solche Stümper belacht, dessen Beifall wünsch' ich nicht;
Aber wenn das sinnige Spiel meiner Mus' euch Freude macht,
Dann für alle Zeiten erscheint ihr als Männer von Geschmack.

Erster Halbchor: Zeus, den erhabenen, ruf ich zuerst:
Mächt'ger Fürst der Götter, o schau
Gnädig auf unsern Reigen!
Dich auch, Gewalt'ger, der du den Dreizack
Schwingst und die Erd' und das salzige Meer
Mächtig erschütterst und aufwühlst!
Vater der Menschen, auch dich, den Gepriesenen,
Himmlischer Äther, Ernährer von allem, was atmet!
Dich auch, Rosselenker, der du
Rings in leuchtende Gluten die Welt
Tauchst, unter Göttern und Sterblichen
Hochgefeiert und strahlend!

Chorführerin: Jetzt, ihr hochwohlweisen Männer, bitten wir euch um Gehör.
Unrecht tut ihr uns, wir müssen euch verklagen vor euch selbst.
Mehr als alle andern Götter segnen wir doch eure Stadt:
Gleichwohl bringt ihr nie zum Opfer weder Trank noch Speis' uns dar,
Uns, die wir euch treu beschirmen: immer wenn im Unverstand
Ihr beschließet auszurücken, donnern oder regnen wir.
Neulich, als den gottverhaßten, paphlagon'schen Gerber ihr
Auserkoren euch zum Führer, runzelten wir gleich die Stirn,
Schnitten grimmige Gesichter, »Blitz und Donner sprühten wir«,
Und es trat der Mond aus seiner Bahn, die Sonne zog zurück
In sich selbst den Docht der Lampe und erklärt' euch rund heraus,
Daß sie keinen Strahl euch sende, wenn euch Kleon kommandiert.
Dennoch nahmt ihr ihn zum Feldherrn; denn man sagt: verkehrter Rat
Sei in eurer Stadt zu Hause; dumme Streiche, die ihr macht,
Werden aber durch der Götter Huld zum besten stets gekehrt.
Dieser Fall auch kann zum Vorteil sich euch wenden, hört mich an:
Wenn ihr Kleon, den bestochnen Schuft, den überwies'nen Dieb,
An dem Kragen packt und unters Holz ihm niederdrückt den Kopf,
Dann, trotz eurer vielen Böcke, wird zurück ins alte Gleis
Alles kehren und zum besten euch und eurer Stadt gedeih'n!

Zweiter Halbchor: König Apollon, Delier,
Hoch auf dem kynthischen Felsenhorn
Thronend, erschein', o erhör uns! –
Du auch, o Sel'ge im goldnen Tempel
Prangend zu Ephesos, wo dich verehrt
Lydischer Jungfrau'n Andacht! –
Komm, o Beschirmerin unserer Burg und Stadt,
Pallas Athene, gewaltige, Aigisbewährte! –
Du auch, der auf Parnassos' Höh'n
Schwärmt und im Kreise der delphischen Frau'n
Unter flammenden Fackeln beim Tanz
Strahlt, o komm, Dionysos!

Chorführerin: Als wir uns zur Reise fertig machten, hier zu euch herab,
Gab Selene, die uns eben traf, uns diesen Auftrag mit:
Grüßen läßt sie schön die Bürger und Verbündeten Athens;
Doch sie sei euch ernstlich böse, daß ihr sie so schlecht belohnt,
Sie, die so reelle Dienste augenscheinlich euch erwies
Und an Fackeln nur euch jeden Monat eine Drachme spart;
Wenn die Leut' am Abend ausgehn, sagen sie zum Sklaven: ›Bursch,
Fackeln brauchst du nicht zu kaufen, heut ist prächtger Mondenschein!‹ –
Andrer Dienste zu geschweigen! Dennoch habt auf ihre Tag'
Ihr nicht pünktlich acht und werft sie durcheinander kunterbunt
Darum lesen ihr die Götter ein Kapitel jedesmal,
Wenn sie nach der alten Rechnung zählend kommen und kein Fest
Treffen, und um Schmaus und Opfer schnöd geprellt nach Hause gehen:
Denn am Tage, wo ihr opfern solltet, richtet, foltert ihr;
Wenn wir Götter aber einen Fasttag haben, etwa wenn
Wir um Memnon trauern oder um Sarpedon, opfert ihr
Wein und lacht und scherzt. – Drum haben wir auch dem Hyperbolos,
Der Amphiktyonenbote heuer war, vom Haupt den Kranz,
Wir die Göttinnen, gerissen: merken soll er sich's fortan,
Daß man »seine Lebenstage nach dem Mondlauf ordnen« soll!

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