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Die Witwe Bosca

René Schickele: Die Witwe Bosca - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/schickel/bosca/bosca.xml
typefiction
authorRené Schickele
titleDie Witwe Bosca
publisherUllstein Taschenbuch
seriesDie Frau in der Literatur
isbn3548301665
year1983
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101111
projectid7d051d52
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Park Stellamare

Die Jahreszeiten der Provence wechseln leise in der Nacht.

Du siehst, du hörst sie nicht kommen. Eines Morgens wachst du auf und hast einen neuen Schatz ...

Das Blühen findet kein Ende von Valence, dem Tor des Sonnenreiches, bis hinunter ans Meer, dem die hellen Götter entstiegen. Selbst in den kahlsten Monaten, November und Dezember, blühen immer noch Rosen, roter Centranthus und weißer Thymian an Rain und Fels, Geranien und Ringelblumen in den Garten, im Pinienwald das hohe Heidekraut, es blühen schon die frühen Mimosen, die Nelken. Die Blüten des Mispelbaumes sind unscheinbar, aber wenn dich plötzlich ein Duft einhüllt, süß und dicht, fast glaubst du, ihn mit Händen zu greifen, so ist es der Duft der Mispel – der leiseste Wind spült ihn über Hecken und Mauern.

In Trupps sprudeln die Blumen aus dem Boden, du gerätst in Düfte wie in überströmendes Quellwasser, das auf gut Glück seinen Weg sucht. Frauen sind dann einfach entzückt von solcher Liebeserklärung aus heiterem Himmel, wohingegen die Männer sich gewohnheitsmäßig nach dem Ursprung und Ausgangspunkt der Überrumpelung umsehen.

Nachts hängt der Sternenstaub in Wolken am Himmel, unruhig zucken die Fackeln der großen Gestirne. Du siehst: die Schöpfung ist nicht zu Ende, sie ruckt und gärt, ruhelos geht sie weiter. So ist es von Valence, dem Tor des Lichtreiches, bis hinunter ans Meer.

Es gibt einen Wind, der geht so leicht wie das Wehen von Schmetterlingsflügeln, kein Ast rührt sich, kein Halm, der Wind bewegt nur die Düfte.

Du hast ihn anderswo auch, es sind örtlich begrenzte Luftwirbel, die von der heißen Erde aufsteigen – ein Wind wie um eine Wiege. Aber nirgends nimmst du ihn mit solcher Dankbarkeit wahr wie hier, wo die Windorgel in voller Größe über dem Lande steht und oft genug ihr ganzes Register entfaltet.

In den Stunden des kleinen Windes träumt die Provence mit allen ihren Maisfeldern, Äckern und Rebgärten, ihren Weiden und Olivenwäldern den Traum eines Kindes, sie hat einen Ausdruck von rührender Sorglosigkeit. Über die Silberberge am Horizont rieselt ein dünnes Licht, und wenn du stillstehst, glaubst du im Himmel das Geräusch einer Sanduhr zu hören ... »Die Engel schleichen zu ihren Liebsten«, sagt das Volk.

Als Paul klein war und mit seiner Mutter spazierenging, suchte er auf den Zehenspitzen sowohl nach den Engeln wie nach ihren Liebsten, aber er scheuchte höchstens ein Kaninchen auf.

»Sie hören den leisesten Schritt«, erklärte die Mutter, »und dann verstecken sie sich in den Zypressen.«

Paul bewunderte die schlauen Engel und haßte die Zypressen.

»Und wo sind die Liebsten?« fragte er.

Frau Pauline blickte sich verlegen um, und da sie auf der Erde keinen geeigneten Schlupfwinkel für die Liebsten der Engel ausfindig machen konnte, deutete sie auf eine Wolke, die einsam im blauen Himmel hing.

»Dort in der Wolke«, behauptete sie.

»Alle zusammen in einer Wolke?« fragte das Kind mit gerunzelter Stirn. »Und warum suchen die Engel so lange auf der Erde, wenn sie wissen, daß ihre Liebsten fliegen können?«

»Das ist es eben«, meinte Pauline, »sie wissen es nicht. Frauen, siehst du, mein Junge, Frauen sind immer noch schlauer. Ihre besten Eigenschaften verheimlichen sie. Während die Engel hier unten suchen, sitzen ihre Liebsten in der Wolke und lachen sie aus. Und wenn sie genug haben, fliegen sie herunter und tun so, als wären sie nie anderswo gewesen.«

Paul, der annahm, alle Liebsten, die himmlischen so gut wie die irdischen, glichen seiner Mutter, stellte sich vor, wie Frau Pauline in der Wolke hockte und ihn, der in den Furchen der Weinäcker nach ihr suchte, heimlich auslachte.

»Na ja«, sprach er einsichtsvoll, »warum nicht – wenn sie Ferngläser haben!« Auf dem Tisch der Mutter lag ein Fernglas, mit dem suchte sie bisweilen den Horizont nach Schiffen ab. »Aber weißt du, Mutter, wenn ich fliegen könnte – ich könnte es nicht für mich behalten.«

Inzwischen ist Paul zu einem achtzehnjährigen Jungen herangewachsen. Seinen Widerwillen gegen die Zypressen hat er behalten. Wenn er an Tagen des kleinen Windes mit seiner Mutter über Land fährt, nennt er sie gern ›Rabenbäume‹ und verlangt, nach Gebrauch sollten sie in der Versenkung verschwinden. Denn tatsächlich verdanken sie ihr häufiges Vorkommen in der Provence nicht der Liebhaberei der Bewohner. Sie sind nicht für das Auge da, sondern für den Mistral. Seinetwegen hat man sie in langen Reihen angepflanzt, sie sind die Windbrecher, die schwarzen Molen, hinter denen die Blumen- und Weingärten sich an sturmbewegten Tagen ducken.

Außerdem stehn sie hochmütig wie Pfaffen bei den Toten und schüchtern die Lebenden ein. Frau Pauline behauptet, sie hätten in ganz anderem Maße noch als Totengräber den ›bösen Blick‹, und man täte gut, sich rechtzeitig abzuwenden. Freilich, sie verabscheut alles Düstere, sogar das Halbdunkel der gegen die Sonne verschlossenen Zimmer, ohne das ein Leben in den heißesten Monaten kaum erträglich ist. Sie zieht es vor, im Notfall der Hitze mit ihrem kleinen, offenen Wagen zu entfliehen. »Wo kein Wind ist, mache ich ihn mir«, sagt sie. »Nur hell muß es sein.«

»Nur hell muß es sein«, sagt auch Paul. Aber damit meint er nicht nur das Licht. Das Wort ›hell‹ ist das Wort, das ihn am frühesten beeindruckte, er vermutet, es sei das Wort, das in seiner Kindheit am häufigsten vorkam. Es wohnt in ihm als das Maß der Dinge. Was er lebensfördernd und begehrenswert findet, das nennt er hell.

Mit dieser ihrer Veranlagung könnten Mutter und Sohn im Süden auf Schwierigkeiten stoßen, nicht zuletzt auf solche häuslicher Art. Glücklicherweise ist es dem unscheinbaren, blonden Wesen in weißer Küchenschürze, das Haus Rosmarin seit Jahren betreut, ganz gleich, ob die Zimmer über Mittag der Sonne geöffnet bleiben, ob Fenster und Türen schlagen und alles, was beweglich ist, stürmisch aufbricht, um dem großen Ruf des Windes zu folgen. Das Mädchen hat die Anpassung der Kreatur auf die Spitze getrieben. Es schmilzt in der Hitze, ohne die Arbeit zu unterbrechen, und gewinnt mit zunehmender Kühle seine Festigkeit zurück. Ursprünglich ein wildes, störrisches Bauernkind, ist ihr der Kopf frühzeitig zurechtgesetzt worden. Von wem? Sie würde gläubig antworten: vom Leben. Sie ahnt nicht, daß die vielberufene ›Erziehung durch das Leben‹, wie sie von den Stärkeren unter uns als Bevollmächtigten der Gemeinschaft geübt wird, lediglich die Summe ihres Eigennutzes darstellt. Für sie waren die richtungweisenden, nachhaltigen Ohrfeigen Äußerungen einer Vorsehung, deren Absichten sich erst dem erfahrenen, am Ziel angelangten Gemüt enthüllen.

Als nach Erwerb der Rosmarin durch Frau Pauline die einzige Zypresse im Garten fiel, sah das Hausmädchen der Gewalttat von fern wie der Austreibung des bösen Geistes zu, mit Neugier und Gruseln und einem feenhaften Lächeln – bereit, beim ersten Anzeichen einer Gefahr dorthin zu fliehen, wo es auf der Welt am sichersten war: in ihre Küche.

Sie wußte, warum. Zehnjährig hatte sie die Eltern verloren, an deren Grab stand eine Zypresse, die hatte an beiden Tagen, während der Sarg in der Grube versank, ganz entsetzlich um sich geschlagen, als wollte sie damit andeuten, daß mit dem Tode der Eltern die Prügel nicht aufhörten, Verfolgung und Züchtigung vielmehr auf weit gefährlichere Mächte übergingen. Das Mädchen war beide Male vom offenen Grab weggelaufen und allmählich in fremdem Dienst sanft und furchtsam geworden. Es hieß Marie-Luise, aber so sagte man im Haus Rosmarin nur, wenn es ernstlich Tadel verdiente, sonst rief man es ›Schäfchen‹.

Schäfchens Argwohn gegen die Zypressen ging auf schmerzliche Erfahrungen zurück und saß dementsprechend tief. Mutter und Sohn hingegen nährten ihre Abneigung, weil der glücklichste Mensch Feinde braucht, und wäre es nur, um seine Freunde auszuzeichnen. Da sie sonst alles an der provenzalischen Landschaft guthießen, blieb auch der im Grunde mehr scherzhaft verfolgte Popanz als Abstich und Gegenbild in ihre Liebe eingeschlossen. Das Angebot eines Gottes, das Land davon zu befreien, hätte sie nicht nur in Verlegenheit gebracht, es hätte sie entsetzt, sie wären in die Knie gesunken, um für die Erhaltung ihres Popanzes zu beten.

Das Fällen der Zypresse im Garten des Hauses Rosmarin hatte übrigens zur Folge, daß die Witwe Bosca, die dem Schauspiel auf der Veranda der Santa Maria beiwohnte, ganz unvermutet eine heftige Bewunderung für diese Bäume in sich entdeckte. »Es sind Soldaten«, sprach sie zu ihrer Tochter. »Stramm und verschwiegen. Aber undisziplinierte Naturen stoßen sich bereits an ihrer Haltung ...« Schäfchen, das zufällig zur Veranda des Nachbarhauses hinüberblickte, fing einen Blick auf, unter dem sie zusammenzuckte wie unter einer zum Schlage erhobenen Hand. Aber sie verlor nicht ihr Lächeln – das Lächeln hielt sich wacker und verzog sich nur sekundenlang zu einer kleinen Grimasse.

An besonders heißen Sommertagen, wenn selbst ihre Küchenkasematte unbewohnbar wurde, durfte Schäfchen in der ›Windmaschine‹ mitfahren. Sie zog sich dann schön an wie zum Kirchgang, saß hinten auf dem Klappsitz und rührte sich nicht. Mit ihrem im Luftzug erstarrten Lächeln und den halb ängstlich, halb verwundert erhobenen Augenbrauen glich ihr Gesichtchen dem einer gotischen Madonna.

Die Leute rundum kennen den kleinen rahmgelben Wagen und die Insassen, und viele halten Mutter und Sohn für ein Liebespaar. Obgleich Frau Pauline gegen die Vierzig geht, verkörpert sie in Erscheinung und Gehaben, was Frauenkenner wie der Notar Burguburu den ›ewigen Frühling‹ nennen. Sie ist straff und zierlich und stets hell gekleidet. Die Baskenmütze vermag die Haare nicht zu halten, und weil die Damen die Kappe jetzt auf dem Ohr tragen, tanzen ihr beim Fahren Locken um den Kopf. Und dies verleiht ihr erst recht das Aussehen eines jungen Mädchens. Außerdem, finden die Leute, passen die beiden zusammen, sie sind für einander ausgesucht im Vorratshaus der Natur, sowohl dem Stoff nach wie in der Ausführung. Er ist blond, sie ist braun, er überragt sie um Haupteslänge, auch das macht sich gut, man könnte sie, meinen die Leute, nebeneinander ins Schaufenster stellen und darunter schreiben: »Ein schönes Paar – nach Maß gemacht.«

 

Der Mistral! Wie eine parfümierte Mänade kommt er daher.

Es gibt Stunden, wo er dich buchstäblich nicht zu Atem kommen läßt, wo es im Freien unmöglich ist, gegen ihn anzugehn, du mußt umkehren und dorthin gehn, wohin auch er geht, bis es dir gelingt, dich in einen der rasenden Schlachtwagen, Autocar genannt, zu flüchten.

Du hättest sehn sollen, wie neulich der gute, alte Pfarrer von Ranas-sur-mer (er hatte seinen Amtsbruder in Cantal besucht und, wie sich's für einen Nachfolger der Heilsboten gehörte, per pedes apostolorum den Heimweg angetreten) hinter einem Busch hervorschoß und sich der ›roten Linie‹ entgegenwarf. Die Nase in dem hageren Gesicht war doppelt so lang wie sonst, die Füße doppelt so groß, die weißen Haare, seine vier Gliedmaßen, jede Faser seiner Soutane und der Hut, den er in krampfhaft winkenden Händen hielt, all das flatterte gequält im Wind, es war, als hätte der Gottseibeiuns ihn gepackt und wollte ihm auf der Stelle den Kragen umdrehn, von den Socken bis zum Halswirbel.

Als er eingestiegen war, mußte er erst umständlich versorgen, was nicht von Natur an ihm festsaß, und dann rief er etwas, was man wegen des Lärms nicht recht verstehn konnte. Es bezog sich aber auf Petrus und jenen Sturm im See Genezareth, der sicherlich kein solcher Teufel von Mistral gewesen sei ... Am Hafen von Ranas-sur-mer hielt gerade der ehrenwerte Bürgermeister Doktor Blanc – der ließ den Pfarrer schnell in seinen Wagen schlüpfen und fuhr ihn, über den Gehsteig, bis vor die Tür des Pfarrhauses. Dies (meinst du nicht auch?) darf sich ein Bürgermeister mit gutem Gewissen erlauben, zumal wenn es sich um die Rettung eines alten Pfarrers aus Windnot handelt.

Der Gemeindepolizist unter der Tür des Rathauses jedoch machte einen Buckel wie ein erzürnter Kater und guckte weg, um nicht Zeuge solcher Ungehörigkeit zu sein.

 

Schlimmer, viel schlimmer als der Mistral ist für den Bewohner der Provence der Regen.

Seiner ewig durstigen Erde zwar tut er gut, er selbst aber kann ihn nicht ausstehn.

Beim geringsten Nieseln leeren sich die Felder. So weit du sehn kannst, befinden sich Mensch und Tier auf der Flucht, als seien sie aus einem Stoff gemacht, der sich im Wasser auflöst, und da der hartgesottenste Landstreicher sich verkriecht, verkriecht sich auch der Gendarm. Diebe, die den Regen nicht scheuen, könnten jetzt die Weinäcker ernten oder die Kirche aus dem Dorf stehlen, ohne von den paar unter der Tür stehenden Einwohnern gestört zu werden. Boulespieler, die selbst dem Mistral trotzen, verwandelt ein Regenschauer in Wettläufer – im Nu sind die Gassen ausgestorben, und der Bäcker verkauft sein Brot nicht. Leider ist der Baum noch nicht entdeckt, der ähnlichen Schutz vor dem Regen gewährte wie die Zypresse vor dem Mistral ...

Zu den wenigen Einheimischen, die den Regen nicht scheuen und deshalb einen Schirm besitzen, gehören Notar Burguburu und die Witwe Bosca. Darüber hinaus sind sie die einzigen Bewohner von Ranas, die einander bei Regen auf der Straße begegnen, denn sie lieben es, mit ihrer Furchtlosigkeit zu prahlen. Beide tragen sie den Schirm sehr hoch, um sich zu vergewissern, ob die Stadt hinter ängstlich geschlossenen Fenstern ihr kühnes Unternehmen verfolgt. Sie grüßen, sprechen sich aber nicht an. Jede ihrer Begegnungen hinterläßt bei ihnen das Gefühl eines gemeinsamen Fehltrittes, weshalb sie auch nicht zögern, einander in die Arme zu laufen, sobald es auf Ranas herabzuregnen beginnt. ›Meine tapfere Nixe‹ nennt er sie für sich und, wenn er mit andern von ihr spricht, den ›vergnügten Grabengel‹ – dies letzte ironisch. Seine geheimen Gedanken über die Witwe stehn nämlich in Widerspruch zur öffentlichen Meinung. Kurz gesagt, vermutet er in ihr Eigenschaften, die er mit ›höllischem Temperament‹ bezeichnet, wohingegen die Ranasser Juliette Bosca für eine Gegnerin des Geschlechts halten, dem Manne tödlich verfeindet und jeder Frau abhold, die ohne Furcht und Tadel auf ihre Brüste herniedersieht. Burguburu verleugnet sein besseres Ahnen und heult mit den Wölfen.

Nur Juliettes Hausarzt, dem ehrenwerten Doktor Blanc, gegenüber drängte es ihn seit Jahr und Tag, den Schleier ein wenig zu lüften. Leider ist der Doktor sein Freund und mundfaul. Als der Notar sich endlich einmal mit der heuchlerischen Behauptung hervorwagte, Frau Bosca sei eine schöne, aber kalte Frau, wobei er das ›kalt‹ erwartungsvoll betonte, sagte der Doktor lange Zeit überhaupt nichts. Er wälzte seinen Kaugummi (eine Unart, die er im Krieg von den Amerikanern übernahm), und erst als Burguburu schweigend, mit bohrendem Blick auf einer Antwort beharrte, ließ er sich zu der wenig befriedigenden Auskunft herab:

»Sie könnte schön sein.«

»Aber kalt«, meinte Burguburu.

Darauf erklärte der Doktor in abweisendem, fast beleidigendem Ton, derartige Diagnosen überschritten seine ärztlichen Befugnisse und gehörten in ein Gebiet, das die Wissenschaft mit mitleidigem Lächeln sogenannten Frauenkennern überlasse ...

Das Gespräch fand vor dem Rathaus statt, an der Haltestelle des Autobusses.

Im Augenblick, da der Wagen abfuhr, tauchte die Witwe Bosca auf und sprang auf das Trittbrett. Ohne sich vom ehrenwerten Doktor Blanc zu verabschieden, sprang Burguburu hinterher und half Juliette in den Wagen. Des Windes wegen hatte sie den Schleier um den Oberkörper gewickelt. Sie setzte sich hinten, er vorn.

Der Mistral blies, die Fahrt nach Cantal wurde zu einem Kampf, an dem die Insassen des Wagens mehr oder minder verängstigt teilnahmen. Burguburu jubelte! Er lobte den Mistral. Er dankte ihm, daß er ihn von dem Sturm in seinem Innern entband.

An Tagen wie diesem, mußt du wissen, wenn der Mistral gleich einem wahnsinnig gewordenen Organisten mit allen Registern lostobt, befindet sich das Land in Aufruhr von Valence, dem Tor des Lichtreiches, bis hinunter ans Meer. Alles Wachstum, das sich höher als einen Fingerbreit über der Erde erhebt, liegt in Strähnen am Boden. Jeder Busch gleicht einer verzweifelten Vogelscheuche. Die Äcker mit weißen und gelben Narzissen, mit weißen und rötlichen Levkojen sind nur noch ein farbiger Schaum, der in der Sonne brodelt. Die Pinien möchten mit allen ihren Wurzeln aus der Erde fahren. Die Ölbäume, deren Stamm du nicht mehr erkennst, weil der Wind große silberne Kugeln aus ihnen macht, versuchen in der Windrichtung davonzurollen ... Sie kommen nicht vom Fleck, die Erde hält sie fest, sie alle, so weit die Provence reicht, müssen aushalten unter den sausenden Schlägen des Mistrals.

Endlich landest du im Hafenstädtchen, ganz gleich wie es heißt, es ist überall dasselbe. Wenn du dich bis zur Caféterrasse durchgekämpft hast, sind da zwei Glaswände, die beschützen dich notdürftig. Vor dir die Palmen werfen die Arme um sich – jetzt könntest du einmal zählen, wieviel Blattarme so eine Palme besitzt, aber es geht zu rasch, und es sind auch zu viel.

Das Wasser im kleinen Hafen ist tintenschwarz, das Meer dahinter eine Seifenbrühe. Die gegen die Mole anrollenden Wellen werden vom Wind gegen den Strich gekämmt, jede trägt einen flatternden Schleier, und in dem Gewebe aus Wasserdunst zerbrechen Regenbogen in kleinste Stücke.

Um nach Hause zu gehn, mußt du eine Ermattungspause des Windes abwarten – ich rate dir gut. Und inzwischen sollst du den Mistral loben! Er ist der Verbündete der Sonne, für sie fegt er Himmel und Erde rein, bis die Provence eine einzige blitzende Freude ist und der Himmel darüber die reine Wonne.

Wenn der Wind sich legt und die Sonne von einer gründlich gereinigten und gelüfteten Erde Abschied nimmt, erhebt sich die Landschaft; und zeigt eine Fülle, die bei sinkender Nacht immer dichter wird.

Es dunkelt schon, da liegt noch immer der Sonnenuntergang auf den Hängen. Es ist aber gar nicht der Sonnenuntergang, es sind blühende Mandelbäume. Massen von blühenden Mandelbäumen – die Berge hinauf bis an den Rand des nackte Gesteins.

Mit denen, die wir in nordischen Gärten sehn, haben sie wenig Ähnlichkeit. Dies hier sind alte, geräumige Kerle, halb Busch, halb Baum, deren dicht am Boden ansetzende Äste wie Arme eines Kandelabers emporsteigen und ein Blütendickicht bilden von der Erde bis zur Krone ... Und da geht der Mond auf, groß und rot wie eine Sonne. Und bevor sie silbern wird, errötet die Nacht, als wäre es schon Morgen ... Alle Erde ist hier ein Garten, ob sie Wein oder Oliven oder Mais oder Blumen trägt, alle Bauern sind Gärtner und die einfachsten, anspruchslosesten Menschen der Welt. Mit einer kurzstieligen Hacke, deren Blatt im spitzen Winkel zum Schaft steht, bearbeiten sie sorgsam die herrliche gelbe oder rote Erde. Ihr Wein ist gut und billig.

Manchmal riecht es nach Schweinen, was im Konzert der provenzalischen Gerüche dem Knoblauch in der Speisezubereitung entspricht.

Du gewöhnst dich daran oder auch nicht ...

Die Jahreszeiten wechseln leise in der Nacht.

Du siehst sie, du hörst sie nicht kommen. Eines Morgens wachst du auf und hast einen neuen Schatz.

Schwarze Straßen durchlaufen das Land, geteert, von Automobilen geglättet – das grelle Licht frißt sie an wie eine Säure.

Eine von ihnen verläßt Ranas-sur-mer und die Bucht, die seinen Namen trägt, und steigt in wenigen, scharfen Kurven auf die Höhe über dem Städtchen. Und hier, wo die letzten Häuser zwischen Ölbäumen verschwinden, erblickst du bereits wieder eine andre Bucht mit dem dazugehörigen Städtchen. Das ist Cantal.

Ranas fügt seinem Namen die Bezeichnung sur mer hinzu – Meer adelt, das Mittelmeer doppelt. Cantal dagegen hält es nicht für nötig, seinen Glanz mit einem Kunstgriff zu erhöhen. Cantal besitzt ein Riesenhotel mit Englisch radebrechender Bedienung, ein Kasino modernsten Stils, das bereits dreimal verkracht ist, und eine Tanzdiele mit Glasboden. Der Glasboden wird von unten erleuchtet, und zwar werden die Farben der Eigenart des jeweiligen Tanzes angepaßt. Wechselt innerhalb des gleichen Tanzes die Musik die Laune, dann wechselt (eine Neuerung der letzten, sehr schlechten Saison) auch das Licht unter den tanzenden Sandalen und Stöckelschuhen die Farbe. Soeben erglühte dein Traum in bengalischem Rot, jetzt strahlt er giftiggrün, für eine Weile hältst du die schönste Wasserleiche im Arm, und der Kolonialwarenhändler aus Marseille ahnt die Wollust der Verwesung. Jeder Tanz aber, und führte er noch so tief in die Abgründe der Seele, nimmt mit einem Nachthemdrosa sein zuversichtliches Ende.

Die beiden Orte können einander nicht sehn, die Wahrheit zu sagen, tragen sie auch kein Verlangen danach. Ein Vorgebirge steht mit dem Absatz seiner Felsen im Meer und trennt ihre Buchten oder Meergärten, wo unter Sonne und Wind das Licht blüht wie in den Gärtnereien des Festlandes die Blumen. Die Buchten sind schön geschweift, von blanken, steinigen Ufern eingefaßt, die Gärtnereien groß und sauber – so sauber, daß sich die Blumen in der rötlichen Erde der Beete zu spiegeln scheinen ...

Von der übrigens nur mäßigen Anhöhe zwischen den beiden Ortschaften zweigt ein Weg ab, ein ländlicher Weg trotz seiner Breite, staubig und voller Löcher. Er führt um einen mit Pinien bewachsenen Hügel, dessen Namen ein Schild verkündet:

»Park Stellamare, Baugelände, unvergleichlicher Rahmen und Ausblick, mit Wasser, Gas, Elektrizität und allen Bequemlichkeiten. Weitere Auskunft erteilen Notar Burguburu und Agentur Ad astra

Darunter folgen, rechts und links nach ihrer Lage geordnet, die Namen der fertigen Villen in weißer Schrift. Für die noch nicht vorhandenen Häuser ist der Platz ausgespart, blau wie die Farbe des Schildes und des Himmels. Sie sind gleichsam schon im Ei da und warten nur darauf, daß die Sonne sie ausbrütet. Tatsächlich schlüpft alle paar Monate eines davon aus.

Den Park kannst du als Naturpark ansprechen, als Überrest, vielleicht auch als Auslese eines Pinienwaldes. Er stellt eine gemäßigte Wildnis dar mit Felsen, die im windbewegten Schatten wie Robben oder Wale vor dem Spaziergänger auftauchen, an seinem Rand wachsen Thymian, Ginster und Schwarzdorn, hartes niedriges Gras zeigt an, wo sich bei Regenfällen das Wasser sammelt, Sträucher und Laubbäume, im Steinboden zu ewiger Kindheit verurteilt, erfrischen mit ihrem lichteren Grün. Wo der Wald am dichtesten ist, duckt sich ein Brunnen mit rostigem Gestänge, den du biblisch nennen würdest, weil er genau so in der illustrierten Schulausgabe der Heiligen Schrift stand. Hochmütig schaut aus einiger Entfernung ein Wasserturm auf ihn herab.

Abends, manchmal um sieben Uhr, manchmal um zehn, beginnt in einem verschlossenen Häuschen an der Landstraße die Pumpe zu arbeiten, die das Wasser in den Turm befördert. Wenn der Mann, der sie bedient, anderweitig beschäftigt ist, arbeitet die Pumpe zu lange, der Wasserturm läuft über, und dann hört man es im Walde rumoren. Es ist ein merkwürdiges Geräusch, statt nach Wasser klingt es nach Feuer – du hörst es knistern, wie wenn der Wald brennte.

»In unserm Wasserturm wohnt der provenzalische Pan«, erklärte Pauline vor Jahren ihrem Sohn. »Ungern natürlich, aber wo sollte er schließlich ein Unterkommen finden bei der Jagd, die sie alle auf ihn machen – von Valence bis herunter ans Meer? Er sitzt also da im Turm. Und wenn er abends ein Bad nimmt, läuft das Wasser über.«

Die meisten Häuser stehn nicht im Gehölz, sondern an der andern Seite des Rundwegs. Erst in letzter Zeit hat die Baulust auch den Wald angefallen. Man hat sich dabei so einzurichten gewußt, daß nur selten ein Baum der Hacke zum Opfer fiel.

Im Wettbewerb mit den Blumen können sich die Häuser des Südens nicht farbig genug herausputzen. Leider werden sie neuerdings übermütig, sie regen sich künstlich auf. Warum? Niemand vermag es genau zu sagen. Wahrscheinlich liegt es am Fortschritt, von dem du jetzt auch in der Provence schon reden hörst. Die Häuser am Rundweg bilden eine anerkennenswerte Ausnahme. Ockergelb, die alte, königliche Farbe der Provence, ockergelb in allen Abstufungen wird bevorzugt, man kann es nicht laut genug loben.

Burguburu, als ›nüchterner Provenzale‹ (so nennt er sich gelegentlich zur Freude seiner Landsleute, die hierin den Gipfel seiner Übertreibungslust sehn), bekämpft den Farbenrausch der Malermeister nach Kräften. Im Fall einer Niederlage zieht er sich auf die Sonne, seine glorreiche Verbündete, zurück.

»Sie ist zu stark«, sagt er, »die Kerle kommen gegen sie nicht auf! Sie überblendet ihre tollsten Schmierereien – die herrliche, unverwüstliche Sonne. Zum Glück können sie nicht an sie heran. Sonst – du lieber Gott! Wir hier unten würden frieren, aber oben auf der Sonne stände im Transparent: ›Jedem sein Ford!‹«

Das ist der Park Stellamare, der Hauptschauplatz der folgenden Ereignisse.

Weitere Auskünfte über das Baugelände erteilen Notar Burguburu und Agentur Ad astra.

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