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Die wissenschaftliche Emancipation der Frau

Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDie wissenschaftliche Emancipation der Frau
noteNach dem Reprint der 1874 erschienenen Abhandlung, Wedekind & Schwieger 1874, Berlin
year1874
publisherAla Verlag Zürich
isbn3-85509-008-4
senderhelga.luebcke@t-online.de
created20030102
firstpub1874
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Wir kehren zu Herrn von Bischof zurück. Fünf Gründe sind es, auf die er seine Abschreckungstheorie, das medicinische Studium der Frauen betreffen, stützt. Sie heißen: 1) Erregung von Ekel, 2) Verletzung der Schamhaftigkeit, 3) Kränklichkeit der Frau, 4) Rohheit der Studenten, 5) Autoritätlosigkeit der Frau.

Indem ich voll glühenden Verlangens, einer neuen socialen Weltordnung zu dienen, die Anschauungen des Herrn von Bischof bekämpfe, kann ich unmöglich von der Widerlegung seiner Hauptgründe, die sich auf das physische Leben der Frauen beziehen, Abstand nehmen. Ungern folge ich dem Herrn der Wissenschaft auf dieses Gebiet, denn ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich damit jene bekannte sittliche Entrüstung gegen mich herausfordere, die sich bei einer großen Anzahl von Menschen, wenn von den natürlichen Funktionen des Körpers die Rede ist, einzustellen pflegt. Leicht könnte man sich dieser lästigen Tugendschnüffler erwehren durch die Androhung, ihre Worte und ihre Handlungen, ihre auswendige sittliche Exaltation und ihre wirkliche Lebensführung confrontiren zu wollen; denn ich bin der festen Ueberzeugung: ein kluger Mensch von reiner Gesinnung wird nie und nimmer etwas Anstößiges und Verletzendes in der Erörterung einfacher physischer Vorgänge finden, sobald diese Erörterungen den Zweck haben, über eine große Frage Licht zu verbreiten. Nicht braucht die Schminke der Tugend, wer die Tugend selbst besitzt.

Jene Parade-Tugendhelden aber sind moralische Tartuffes oder Narren und Lakaien der souveränen Herrscherrin: Gewohnheit.

1) Das medicinische Studium erregt Ekel.

»Wie mancher Mann«, sagt Herr von Bischof, »bedarf der stärksten Berücksichtigung des Zweckes und der höchsten Abstraktion von dem Mittel für den Zweck, um das Abschreckende der Leiche und der Beschäftigung mit ihr zu überwinden. Es ist die Pflicht und die Aufgabe des Mannes, das zu überwinden. Für das Weib ist das nicht möglich, oder es ist ein Zeichen der äußersten Rohheit des Gefühls und Charakters. Und das sollen die Wesen sein, welche wegen der Feinheit ihres Zartgefühls den Kranken zu empfehlen sind. Es ist eine Beleidigung und Sünde wider die Natur, in meinen Augen ebenso unverzeihlich, wie eine Sünde wider den heiligen Geist.«

An einer anderen Stelle dagegen bezeichnet Herr von Bischof den Beruf einer Krankenwärterin als einen unübertrefflich und naturgemäß für das weibliche Geschlecht geeigneten.

Ich frage nun die zartesten unter meinen Mitschwestern: wenn sie die Wahl hätten, was würden sie lieber thun, einen lebendigen verkommenen Proletarier seine eiternden eklen Geschwüre ausdrücken, während sein Stöhnen ihr Ohr zerreißt, seine blutigen Lappen waschen, oder von einem todten Körper die Sehnen, Muskeln und Knochen zu einem wissenschaftlichen Zweck untersuchen?

Ich würde das Letztere vorziehen; doch über den Geschmack ist nicht zu streiten. Das aber glaube ich behaupten zu dürfen, und der wärmste Anhänger des Herrn von Bischof wird mir zustimmen: der Grad des Ekels vor einem Leichnam kann unmöglich ein viel intensiverer sein, als der vor einem mit einer widrigen Krankheit behafteten Lebendigen.

Herr von Bischof wird vielleicht einwenden, vor dem Krankenbette überwinde die Frau vermöge ihrer Barmherzigkeit und allgemeinen Menschenliebe den Ekel.

Ich antworte darauf: Allgemeine Menschenliebe ist die abstrakteste und erhabenste aller Tugenden, und eine Frau, die im Stande ist, unter ihrem Einfluß zu handeln, wird auch wohl so viel Abstraktion haben, wie der erste beste einfältige Knabe (oder lauschen Ihren Worten in der Anatomie nur geistreiche Jünglinge?), der vor dem Leichname sich »durch die Höhe des angestrebten Zweckes« über so viel Abschreckendes hinwegzusetzen vermag.

Solange Herr von Bischof der Krankenwärterin nicht garantiren kann, daß der ihrer Pflege anvertraute Soldat das Anstandsgefühl haben wird, sich nur oberhalb des Uniformkragens verwunden zu lassen, solange nicht jeder Patient eines Hospitals, dessen Leiden irgend einen Sinn widerwärtig berühren, die Weisung erhält, seine Krankenwärterin zu fliehen, solange ihr nicht der tägliche Konsum von einem kleinen Eimer Eau de Cologne gütigst gestattet wird – so lange erlaube ich mir die Meinung, daß am Krankenbett ebenso viel Schamhaftigkeit verletzt und Ekel erregt wird, als vor dem Sektionstisch.

Und warum dürfen denn die Hebammen ihr Zartgefühl abstumpfen, und die Köchinnen und die Schlächterfrauen mit ihrem blutigen Fleisch, und jene Weiber, die an mißduftenden Orten struppige Besen handhaben?

Ich bin überzeugt, wenn das tägliche Honorar für eine Krankenwärterin zehn Goldstücke betrüge, so würde kein Beruf der Welt weniger für eine Frau geeignet sein, als dieser; keiner würde die Schamhaftigkeit mehr verletzen, den Ekel stärker erregen, und in gewohnter Huld würde man nimmer mehr der schwächlichen Frau die ungeheure Last der Krankenpflege aufgebürdet haben!

Hand aufs Herz, Herr von Bischof, was würden Sie mit Ihrer Köchin thun, die den Aal, den Sie so gern essen, abzuschlachten sich weigerte, und sich bei Ihnen mit ihrem Zartgefühl entschuldigen wollte? Würden Sie nicht vielleicht diese Köchin grade ihres Zartgefühls wegen entlassen, um sie durch eine Andere, frisch darauf losschlachtende zu ersetzen?

Wenn die Köchin, Herr von Bischof, vor ihrem zappelnden Huhn oder Fisch keiner Ohnmachtsanwandlungen sich zu unterziehen braucht, um ihre Weiblichkeit zu beweisen, wenn Sie die Hebammen, Schlächterfrauen, Krankenwärterinnen u.s.w. ruhig gewähren lassen, ohne gegen sie zu polemisiren – so verdammen Sie auch die Aerztin nicht, weil sie gesunde Nerven hat, weil sie vermöge ihrer Energie und sittlichen Kraft möglicherweise auch einfach durch die Macht der Gewohnheit, dahin gelangt ist, gewisse Gefühlserregungen zu überwinden, die weder ihr, noch irgend einem andern Menschen Nutzen bringen! Sie verwechseln nämlich zweierlei: schwache Nerven oder Zartgefühl für »die elegante Welt« mit dem wahren Zartgefühl, das allein auf der Gesinnung beruht und nicht im Auf- und Niederzucken von einem Paar Nerven besteht.

Angesichts dieses Aufsatzes werden Sie mich gewiß nicht für eine zartsinnige Frau halten, sondern viel eher für ein sogenanntes Mannweib; und doch kann ich Ihnen versichern, daß schon der Anblick einer todten Maus mich mit Schaudern erfüllt; ja, das Gefühl des Ekels ist bei mir so leicht erregbar, daß ich Uebelkeit empfinden kann, wenn ich ein Kind mit auffallend entwickelten Lichterchen am Näschen erblicke.

Sie haben aber in der That nicht nöthig, Herr von Bischof, mich deshalb für »eine schöne Seele« zu halten. Solche schleunige Gefühlseruptionen sind nichts als Symptome jammervoller Nerven, und diese Virtuosität im Ekeln, dieses physische Zartgefühl hat mir auch von verständigen Leuten nie etwas Anderes als Spott oder höchstens Mitleid eingetragen.

Es ist wahr, liebenswürdige Damen der Gesellschaft, angebleicht und angekränkelt von poudre de riz und tausend und einem Roman und versehen mit der ganzen üblichen Garderobe des Zartgefühls: Nervenzucken, Parfüm, Spitzen und Fächer u.s.w., werden meistentheils vor einem Secirtisch in Ohnmacht fallen. Diese Feinfühligkeit wird sie aber unter Umständen nicht hindern, durch raffinirte Koketterie ein treues Herz zu martern oder das Lebensglück einer ehrenwerthen Mitschwester durch niederträchtige Verleumdung zu zerstören.

Seien Sie unbesorgt, meine Damen, derartige kleine Salonscherze werden den Ruf Ihrer zarten Weiblichkeit nicht compromittiren, so lange die Männer dekretiren, was weiblich und was unweiblich zu thun und zu wissen ist!

Wenn es übrigens Herrn von Bischofs voller und heiliger Ernst ist, sich in große Unkosten zu stürzen für die Konservirung oder Herstellung des weiblichen Zartgefühls, so will ich seine Aufmerksamkeit auf ein Feld lenken, wo er diesem Ritterthum in großartiger und umfassender Weise fröhnen kann.

Die paar hundert Aerztinnen würde ja, schon ihrer geringen Zahl wegen, keine bemerkenswerthe Abnahme des weiblichen Zartsinnes herbeiführen.

Wollen Sie wissen, was das Zartgefühl bis auf die letzte Faser ausrottet, es unrettbar zerstört?

Das ist die Armuth!

Unter hundert Prostituirten haben sich 99 ihres Zartgefühls im Interesse ihres Magens begeben.

In einem elenden oberschlesischen Dörfchen kannte ich eine Frau, deren Mutter und ihren Mann, alle Drei rechtliche brave Leute. Aber sie waren arm, bitterlich arm. Die Frau starb. Da stürzte die Mutter über den Strohsack, auf dem der noch warme Leichnam der Tochter lag, und ein wüthendes Gezeter erhob sich zwischen ihr und dem Wittwer über ihr Eigenthumsrecht an dem Strohsack. Das war nicht zartfühlend von der Frau Mutter; aber die Nachbarn fanden es ganz in der Ordnung.

Selbst von Zahnärztinnen will Herr von Bischof Nichts wissen.

»Gesetzt«, sagt er, »eine Frau besäße so viel Kraft, Sicherheit und Ruhe in ihren Bewegungen, um Zahnoperationen auszuführen, so ist das nicht ohne eine gleichzeitige Rohheit und Gefühllosigkeit zu denken, welche man dem Manne verzeiht, bei ihm nichts anderes erwartet, bei einem Weibe aber den unangenehmsten und widerwärtigsten Eindruck machen muß«.

»Man« denkt nicht daran, Ihre Toleranz gegen männliche Rohheit und Gefühllosigkeit zu theilen, Herr von Bischof! Jeder Patient würde bei der geringsten Wahrnehmung dieser »natürlichen« männlichen Eigenschaften den Arzt zur Thür hinaus werfen. Ich verachte einen rohen und gefühllosen Mann ebenso gründlich wie eine dito Frau, und das thut, außer Ihnen, wohl so ziemlich ein Jeder.

Zu welchen Absurditäten und widersinnigen Verleumdungen gegen das ganze männliche Geschlecht einzelne Herren in ihrem Eifer, die Frauen in ihrer Sphäre zu erhalten, sich hinreißen lassen, grenzt ans Unglaubliche!

Uebrigens konnte ich die obige Stelle nicht ohne Lachen lesen. Ich musste dabei an unsere erste und einzige Berliner Zahnärztin denken, an die kleine, überaus zarte und schwächliche Frau Dr. Tiburtius, die mir erst kürzlich mit so großer Geschicklichkeit einen colossalen Backzahn mittels Gasbetäubung ausgezogen hat. Versäumen Sie ja nicht, Herr von Bischof, wenn Sie einmal nach Berlin kommen, diese liebenswürdige Dame und vortreffliche Zahnärztin zu besuchen. Sie brauchen doch Beispiele, um Ihre Theorien zu illustriren!

»Welches Mannweib«, sagt Herr von Bischof, »würde dazu gehören, um eine Operation zu vollführen«.

Herr Anatom, glauben Sie wirklich, daß eine Zahnärztin, um einen Zahn auszuziehen, mehr Kraft in ihren Armen nöthig hat, als eine Tänzerin Kraft in ihren Beinen braucht, um ihre Luftsprünge zu exekutiren?

Und Sie haben kein Anathema gegen diese Beine?

Auch die Waschfrau, die von Nachts drei Uhr bis zum andern Abend wäscht, consumirt mehr Armkraft als die Aerztin bei einer chirurgischen Operation. Warum gestatten Sie diesen Händen und Armen ihre brutale Kraftprobe? Wo bleibt Ihr Anathema gegen die Waschfrau?

Und die Seiltänzerinnen mit ihren Muskeln von Stahl?

Hervor mit Ihrem Bannstrahl gegen diese lebendige Sprungfeder, die mit ihrer Muskelkraft einem halben Dutzend ordentlicher Professoren aushelfen könnte.

Entzückend weiblich erscheinen diese Damen den Männern (das heißt: die Waschfrauen abgerechnet), und das: »Anathema sit« verwandelt sich bei ihrem Anblick in ein Wonneschmunzeln. Diese Frauen leisten das Höchste, was Männer von den Frauen fordern: sie amusiren!

Zweiter Grund gegen das medicinische Studium der Frau: »Verletzung der Schamhaftigkeit

»So gewiß«, sagt Herr von Bischof, »als das weibliche Geschlecht von Natur sittsamer, schamhafter und keuscher ist, als das männliche – so gewiß ist es, daß die nothwendige Mißachtung und Vernachlässigung dieser Eigenschaften, welche medicinische Studien mit sich führen, das absolute Verdammungsurtheil über dieses unsittliche Unternehmen unserer Zeit ausspricht«.

Ich kehre einfach den Satz um und sage: so gewiß als das weibliche Geschlecht von Natur sittsamer, schamhafter, keuscher ist, als das männliche, u.s.w., so gewiß müssen wir ein absolutes Verdammungsurtheil aussprechen über das unsittliche Unternehmen vieler Jahrhunderte, Frauen in Geschlechtskrankheiten von Männern behandeln zu lassen.

Die Daily News theilten im April 1860 folgendes Faktum mit:

In einer Stadt in Straffordshire bewarb sich vor einiger Zeit Miß Harriet Cordon um ein Amt für die Registratur der Geburten und Todesfälle. Was sie sagte, nahm dergestalt für sie ein, daß man sie auf die engere, aus drei Personen bestehende Wahlliste setzte. Ein Geistlicher aber sprach aufs hartnäckigste gegen ihre Ernennung, indem er darauf hinwies, daß bei Ausübung ihres Berufes sie nicht vermeiden könne, verletzende Worte zu hören. Ihre Fürsprecher erwiderten, daß sie ja hauptsächlich mit Müttern werde zu verhandeln haben. Des Geistlichen Meinung drang durch, und Miß Cordon wurde zurückgewiesen.

Der schamhaften Frau soll es unerträglich sein, mit anderen Frauen in amtlicher Weise über geschlechtliche Verhältnisse zu sprechen! Natürlich aber verletzt es ihre Schamhaftigkeit nicht im mindesten, wenn man sie zwingt, Männern gegenüber derartige Dinge zur Sprache zu bringen, vorausgesetzt, daß diese amtlichen Unterhaltungen dem Manne ein hübsches Einkommen abwerfen!

Herr von Bischof möchte es für ganz gewiß halten (Seite 35), »daß manche Frau ihre Heimlichkeiten, wie die alte Medicin es nannte, viel lieber einem männlichen als weiblichen Arzt offenbart«. (Die Voraussetzung, daß sie Beiden gleiche Geschicklichkeit zutraut, ist hier selbstverständlich, sonst hätte diese Auslassung des Herrn von Bischof überhaupt keinen Sinn.) Nur ein schamloses Weib könnte sich zu einer so erstaunlichen Mittheilung herbeigelassen haben. Ein Mann wie Herr von Bischof ist über den Verdacht eines Verkehrs mit einer solchen Frau unbedingt erhaben, und wir müssen mithin annehmen, daß der Professor, indem er das kühne Wort gelassen aussprach, nur seinem Genius gehorcht habe. Alle Achtung vor den zünftigen Inspirationen eines ordentlichen Professors; aber – mir fehlt der Glaube.

Ich kenne sehr viel Frauen und bin die Vertraute mancher Kranken gewesen, und ich weiß, wie viel Kummer und Thränen es selbst derbgearteten Frauen kostet, ehe sie, wo es sich um eine Frauenkrankheit handelt, zu dem Entschluß kommen, einen Arzt zu consultiren.

Der weitaus größere Theil unterleibskranker Frauen zieht ein lebenslanges Siechthum ärztlicher Untersuchung vor.

Eine Aerztin, die zu Boston in einem Hospital für Frauen und Kinder studirte, berichtet: Sehr oft habe ich mit angehört, daß roh geartete Frauen der niedersten Klassen, wenn man sie fragte, warum sie bei einem eingewurzelten Frauenleiden nicht früher ärztliche Hülfe nachgesucht, zur Antwort gaben: »Wie? Ich konnte doch mit meiner Krankheit nicht zu einem Manne gehen, und ich habe bis jetzt nicht gewußt, daß die Frauen solche Dinge thäten (did this work)«. Nur in akuten Fällen pflegen Frauen Aerzte zu Rathe zu ziehen. Isabella von Kastilien starb, weil die Scham sie verhinderte, sich einem Arzte anzuvertrauen.

Zugegeben wird Herrn von Bischof, daß eine Reihe von Vorlesungen besser den beiden Geschlechtern in gesonderten Cursen zu halten sind. Die Schwierigkeiten aber, die einem solchen Arrangement entgegenstehen, geben wohl kaum Stoff zu ernster Diskussion. Ein Urtheil darüber, ob besondere Universitäten für Frauen den Universitäten für beide Geschlechter vorzuziehen seien, erlaube ich mir vorläufig nicht.

Das sensitive Zurückbeben, dieses schamhafte Schaudern vor dem Bau des menschlichen Körpers und den natürlichen Verrichtungen desselben – Dinge, die doch nach frommem Glauben von Gott selbst eingesetzt sind – was ist es schließlich Anderes, als eine Anklage Gottes auf Unanständigkeit?

Nichts, scheint mir, corrumpirt mehr die Reinheit unserer Phantasie, als diese falsche Scham, diese Verleumdung der Natur, die das einfach Menschliche mit einem geheimnißvoll lüsternen Schleier verhüllt. Nicht immer sind die Frauen aus Schamhaftigkeit schamhaft. Jedenfalls wäre es wünschenswerth, wenn man bei der Erziehung der weiblichen Jugend mehr Gewicht darauf legte, jene edle Scham in ihr zu entwickeln über feile Gesinnung und nichtswürdige Denkungsart, die wir nur zu oft an den Frauen vermissen.

Man fürchtet die Befleckung der Frauenseele durch das Studium? Unsern Jünglingen giebt man getrost griechische und römische Schriftsteller in die Hände, Schriften des Aristophanes und Plato, die Dinge zur Sprache bringen, welche die obscönsten und kecksten Schriftsteller moderner Jahrhunderte niemals gewagt haben würden auszusprechen.

Man geht von dem Grundsatz aus, daß man nicht das Recht habe, der Jugend vorzuenthalten, was ihren Geist bereichern und ihren Horizont erweitern könne, und daß eine Tugend, die jeder verführerischen Anregung unterliege, werthlos sei.

Dieses »Noli me tangere« als Devise des Frauenthums, diese zarte Unwissenheit und Seelen-Unberührtheit, die man von der Frau fordert (ob mehr aus ästhetischen und sinnlichen, als aus sittlichen Motiven, lasse ich dahingestellt), läßt sich in keinem Fall, wenigstens nicht bei einem klugen Weibe bewahren, man müßte sie denn niemals allein bis zur nächsten Straßenecke gehen lassen, man müsste sie zeitlebens von der Luft ihrer Zeit, von Wissenschaft und Erkenntniß überhaupt absperren.

Solange die Unkenntniß der physischen Vorgänge für heilig gilt und als Schutz der weiblichen Tugend gepriesen wird, so lange stehen wir nicht über den Verehrern des Harems.

Aus allen Jahrhunderten lesen wir von schamlosen Weibern. Sie gehören fast ausnahmslos den höchsten Kreisen der Gesellschaft an, den Kreisen der eleganten, unbeschäftigten Damen, und sie erläutern auf das schlagendste die Anschauung, daß ein leeres Leben fast immer demoralisirt.

Unter den vielen Aerztinnen Amerika’s aber findet sich nicht ein einziges Beispiel einer verworfenen sittenlosen Kreatur, und diese Frauen begehen keine andere Schamlosigkeit, als bei diesem »unsittlichen Unternehmen unserer Zeit« wohlhabend zu werden – möglicher, sogar wahrscheinlicher Weise auf Kosten männlicher Aerzte.

Wer die Reinheit des häuslichen Herdes bewahren will, der lasse die Frau theilnehmen an den idealen Interessen der Zeit, der lasse sie trinken aus dem Quell lebendiger Erkenntniß, und lasse sie ausschauen in das Land der Kunst. Wer heimisch geworden im Reich der Kunst und Wissenschaft, der kann, davon bin ich überzeugt, niemals ganz schlecht werden.

Dritter Grund gegen medicinisches Frauenstudium: »Rohheit der Studenten«.

Herr von Bischof sagt (Seite 40): »Es unterliegt keinem Zweifel, daß der weibliche Theil der Zuhörerschaft beständigen Angriffen von Seiten des männlichen Theiles ausgesetzt sein wird ..... Die Studentinnen aber werden entweder dem fortwährenden Andrange von Seiten der männlichen Zuhörerschaft unterliegen, oder wenn sie ihm Widerstand leisten, so wird die unausbleibliche Folge Anfeindungen, Beleidigungen, Spott u.s.w. sein.«

Miß Putman, die erste Frau, die von der medicinischen Schule zu Paris als Studentin zugelassen worden ist, schreibt: »Nicht die leiseste Inconvenienz hat sich herausgestellt bei meinen Studien und meiner Gegenwart in den Hörsälen; nicht die geringste Schwierigkeit hat sich gegen mein Zusammensein mit den jungen Leuten erhoben, mit denen ich nicht nur in den Vorlesungen, sondern auch in den Hospitälern, in den Lesezimmern, Laboratorien u.s.w. gemeinsam studirte. Ich bin stets mit ebenso freimüthiger als achtungsvoller Courtoisie behandelt worden.«

Eine junge Dame, die gegenwärtig in Zürich studirt, schildert das Verhalten der Studenten den Damen gegenüber als durchaus freundlich, hülfreich und achtungsvoll.

Als Antwort auf eine offizielle Nachfrage schreibt der Dekan der medicinischen Fakultät in Zürich: »Seit 1867 sind Damen regelrecht als immatrikulirte Studentinnen in Zürich zugelassen worden und haben Theil gehabt an allen Privilegien der cives academici. So weit unsere Erfahrung reicht, hat diese neue Praxis in keiner Weise die Interessen der Universität geschädigt. Die weiblichen Studenten, die bis jetzt die Universität besucht, haben großen Takt bewiesen und sich als fleißige Studenten gezeigt.«

Man beachte: Früher hieß es, der Studirende der Medicin besitze die Abstraktion, wegen »der Höhe des angestrebten Zweckes jeden Ekel vor den Schrecknissen der Anatomie zu überwinden.«

Mit einem Male paßt Herrn Bischof »die Abstraktion und die Höhe des Zweckes« nicht, und schleunigst wird die Sache umgekehrt: ein paar hübsche Augen ziehen den Studenten von der abstrakten Höhe zur konkreten Sünde nieder!

Gehört Konsequenz zu den männlichen Tugenden?

So viel ich weiß, gibt es Universitätsgesetze und Universitätsrichter. Betragen die Studenten sich pöbelhaft gegen Damen, so jage man sie von der Universität weg (wegen mißliebiger politischer Aeußerungen hat man früher dasselbe gethan), oder man sperre sie, je nach dem Maß ihrer Rohheit, auf längere oder kürzere Zeit ins Karzer.

Das nennen die guten Männer noch nicht Unterdrückung der Frauen, wenn sie ihnen die Hörsäle der Universität verschließen, weil etliche Studenten in ihnen Objekte zur Bethätigung ihrer Rohheit sehen könnten.

In einem Aufsatz hebt Herr von Bischof verschiedentlich hervor, daß die Idealität der studirenden männlichen Jugend zu Grunde gehen müsse, sobald das andere Geschlecht in den Hörsälen sich zeige. Eine saubere Idealität, deren Besitzer sich nicht scheuen, wehrlose Geschöpfe zu verspotten und zu verleumden, weil sie ihre unzüchtige Gesinnung nicht theilen wollen!

Worin, o Jüngling, besteht denn deine Idealität, die Herr von Bischof besingt? Ist sie nur an das Universitätslokal gebunden, und dein Denken und Fühlen weiß nichts davon?

Daß die studirenden Herren gegen so schnöde Beleidigung, die der Professor ihnen mit seiner Seelendiagnose anthut, nicht reagiren, nimmt mich Wunder.

Und diese unberechenbaren Weiber, diese Sphinxe – nein, diese Medusen der Wissenschaft, vor denen alle Idealität erstarrt, sobald sie auf der Schwelle der Universität erscheinen! Daheim aber tritt (wie es nach den herkömmlichen Phrasen heißt) Idealität, Poesie und alles Schöne und Herrliche mit ihnen über die Schwelle des Hauses!

Armes Menschengeschlecht – gleich wie in jener mythologischen Dichtung Sonne und Mond sich ewig suchen und ewig fliehen, so kommen Mann und Weib in ihrem Seelenleben nie zusammen! Wo der Eine aufhört, ideal zu sein, fängt der Andere erst an. Armes Menschengeschlecht!

Vierter Grund: »Die Frau wird durch ihren Gesundheitszustand an der Ausübung ärztlicher Praxis gehindert

Selbstverständlich wird hier in erster Linie Schwangerschaft und Kindbett angeführt.

In Deutschland beträgt die Durchschnittszahl der Kinder in einer Familie, wenn ich recht berichtet bin, 3 – 4.

Die Frau der niederen Stände wird durch eine Entbindung höchstens eine Woche ihren gewöhnlichen Beschäftigungen entzogen.

Für die gut situirte Frau wollen wir die von den Aerzten festgesetzte Zeit von 6 Wochen auf je ein Kind an Anspruch nehmen – kommt auf ein ganzes Menschenleben ungefähr ein halbes Jahr der Abhaltung.

Daß die Frauen in solchen Fällen sich herzlich gern gegenseitig vertreten würden, ist selbstverständlich.

Dieses halbe Jahr der Abhaltung verträgt sich gerade so mit dem Beruf einer Frau, wie sich mit dem eines Mannes ein ab und zu wiederkehrender Rheumatismus verträgt – von jenen böswilligen, periodisch wiederkehrenden Uebeln, die oft ein halbes Leben hindurch Männer zeitweise arbeitsunfähig machen, gar nicht zu reden.

Es soll vortreffliche Minister gegeben haben, die alljährlich, Jahrzehnte hindurch, an Gicht litten und dabei ein ganzes Land regierten. Fürst Bismarck zieht sich um eines Nervenleidens willen in jedem Jahr auf einige Zeit nach Varzin zurück, und Niemand wird ihn um dessentwillen für ein im Staatsdienst untaugliches Subjekt halten.

Ich gestehe, daß mir dieser Einwand mehr komisch als ernsthaft erscheint; und von wie schaudererregender Lieblosigkeit ist er! Das weibliche Geschlecht leidet Schmerz und Krankheit für die Erhaltung des menschlichen Geschlechtes. Und sein Lohn? Die Leibeigenschaft!

Wollte man Auffassungen wie die des Herrn von Bischof bis zu den äußersten Konsequenzen verfolgen, so würde schließlich jede Erkältung, die sich ein Beamter etwa durch Leichtsinn zuzieht, als eine Pflichtversäumniß erscheinen. Ueber die alljährlichen Besucher von Karlsbad, Kissingen, Wiesbaden u.s.w. müßte das Damoklesschwert der Amtsentsetzung schweben, ja jeder hartnäckige Schnupfen wäre schließlich eine politische Heimtücke oder gar ein hochverrätherisches Unternehmen gegen den Staat. Aber, meine Beste – erinnert der Herr Professor – Sie haben die Zeit der Schwangerschaft vergessen!

Die Proletarierfrau arbeitet bis zum Augenblick ihrer Entbindung im Schweiße ihres Angesichtes, die Dame amusirt sich bis zum letzten Augenblick. Sie besucht und empfängt Gesellschaft, sie reist und pflegt überhaupt ihre gewohnte Lebensweise unverändert beizubehalten.

Bei besonders krankhaften Organisationen pflegt der Zustand der Schwangerschaft allerdings von den traurigsten Erscheinungen begleitet zu sein. Diese krankhaften Organisationen aber sind nichts von der Natur Gewolltes, sondern nur das Resultat unserer corrumpirten Gesellschaftszustände, die zu reformiren eben unser Zweck ist.

Aber selbst in den bedauerlichsten Zuständen einer solchen Leidenden gewährt eine ernste, geistig anregende Beschäftigung (ich weiß es aus Erfahrung) die einzige Linderung, sie ist mitunter das einzige Mittel, das bei der höchsten Steigerung des Leidens vor Verzweiflung schützt.

Mit dem Zustand der Schwangerschaft bringt Herr von Bischof einen Abschreckungsgrund in Verbindung, der einen jeden, der nicht ganz rohen Anschauungen fröhnt, in das höchste Erstaunen setzen muß. Er sagt (Seite 38): »Wie interessant, passend und würdevoll muß es nicht sein, die Frau Aerztin sich mit schwangerem Leibe am Krankenbette und Operationstisch umherbewegen zu sehen.« Und einige Zeilen weiter: »Alles dieses ist so sinnlos, so widerwärtig und naturwidrig, daß man glauben sollte, der entfernteste Gedanke daran müsse jeden Versuch auf einem solchen Wege unmöglich machen.«

Die Erscheinung einer schwangeren Frau im Krankenzimmer erfüllt Herrn von Bischof mit Hohn und Widerwillen.

Was ist dabei widerwärtig? Nur zweierlei kann Herr von Bischof meinen. Entweder wirkt die Erscheinung einer solchen Frau lächerlich und widerwärtig vermittelst der Vorstellung, daß sie in ihrem Schooß ein neues Leben trägt, das sie gebären soll.

Wem eine solche Vorstellung eine solche Wirkung erzeugt, der macht sich der Gotteslästerung schuldig. Im Allgemeinen erregt wohl bei allen Menschen (Herrn von Bischof ausgenommen), selbst bei roh gearteten, der Anblick einer schwangeren Frau ein Gefühl von Sympathie und Rücksicht.

Eine würdige Frau büßt nicht von ihrer Würde ein um ihrer Schwangerschaft willen; im Gegentheil, selbst einer würdelosen verleiht dieselbe einen Schimmer von Würde.

Oder – und das ist es wohl, was Herr von Bischof im Sinne gehabt hat – die Erscheinung einer Frau, die guter Hoffnung ist, verletzt das Schönheitsgefühl ihrer Umgebung, stört ihr ästhetisches Behagen.

Bei Gott, ich weiß nicht, was einer Patientin gleichgültiger wäre als die schönen Körperlinien ihres weiblichen Arztes. Der Herr Professor hat vergessen, daß die weiblichen Aerzte nur Frauen und Kinder behandeln wollen, nicht Männer.

Und dann, Herr von Bischof, müßten nicht von diesem ästhetischen Gesichtspunkt aus auch alle Männer, die sich von der Normalgestalt des Apollo von Belvedere um so und so viel Linien böswillig entfernt haben, aller öffentlichen Aemter beraubt und ihrer ärztlichen Funktionen enthoben werden?

Es gibt so und so viel würdige und tüchtige Männer, die durch ihren Umfang, den man mit einem Volksausdruck zu bezeichnen pflegt, das Schönheitsgefühl zu verletzen keine Scheu tragen.

Und sie haben für ihre harmonielose Erscheinung nicht einmal die schöne Entschuldigung, die jene Frauen für sich in Anspruch nehmen dürfen.

Herr von Bischof scheint die Schwangerschaft nicht für eine Gnade Gottes, sondern für eine Krankheit und ein Strafgericht Gottes zu halten, wie die Hindu früherer Zeiten den Aussätzigen ihre Kaste nahmen, weil sie Gegenstände des göttlichen Zornes seien.

Herr von Bischof weiß indessen unser Erstaunen noch zu steigern. Er thut es durch folgenden Ausspruch: »Wie wird es der Aerztin ergehen, wenn sie alle vier Wochen den ihrem Geschlecht schuldigen Tribut zu leisten hat, der ihren eigentlichsten Beruf in der menschlichen Gesellschaft bezeichnet. Selbst wenigstens 3 – 4 Tage meistens in ihrem gesunden Gefühl getrübt, soll sie anderen Leidenden helfen und sich körperlich und geistig frei am Krankenbette bewegen!«

»Warum sind die Frauen zu allen Zeiten und bei fast allen Nationen in dieser Periode für unrein gehalten worden, warum ziehen sie sich zu dieser Zeit selbst in den gebildetsten Kreisen zurück? Ist es nicht empörend, und im höchsten Grade verletzend, die Aerztin sich auch zu dieser Zeit bewegen zu sehen, oder ihr zuzumuthen, sich zu bewegen, als wenn gar Nichts los wäre?«

Diese Stelle las ich zweimal, denn ich traute meinen Augen nicht. Sie fragen: warum sind die Weiber zu allen Zeiten und bei fast allen Nationen in dieser Periode für unrein gehalten worden?

Aus demselben Grunde, Herr Professor, aus dem man Jahrhunderte lang bei fast allen Nationen Frauen mit roth geränderten Augen als Hexen verbrannte – darum, weil jeder Aberglaube seine Zeit braucht, um überwunden zu werden; darum glaubte man auch Jahrtausende, daß die Sonne sich bewege und die Erde still stände. Einige Pastoren glauben noch daran. Wie es scheint, haben sie Mitgläubige!

Herr von Bischof hält die Frau um dieses körperlichen Vorgangs willen für unrein. Ein den modernen Frauenbestrebungen ebenso abgeneigter gelehrter Herr, der Philosoph und Historiker Michelet, ist entgegengesetzter Meinung: »Nous connaissons«, sagt er, »cet être sacre, qui justement en ce que le moyen âge taxait impureté, se trouve en réalité le saint des saints de la nature.«

Wir Frauen haben nun die Wahl zwischen Herrn von Bischof und Herrn Michelet: entweder wir sind Heilige oder eine Art Vice-Menschen mit einem starken animalischem Beigeschmack.

Wenn es empörend ist, eine Frau als Aerztin in diesen Tagen beschäftigt zu sehen, warum ist es nicht auch empörend und verletzend, die Arbeiterin und das Dienstmädchen arbeiten zu sehen? Glauben Sie wirklich, daß es für eine Aerztin viel angreifender ist, in einem kühlen Zimmer einen Krankheitsfall zu überdenken und Rezepte zu schreiben, als es für eine Krankenwärterin mühevoll ist, an einem schwülen Tage vom Morgen bis zum Abend Kranke zu pflegen, oder für eine Köchin, in einer brennend heißen Küche heiße Eierkuchen zu backen? Sie freilich, Herr von Bischof, davon bin ich überzeugt, begnügen sich in diesen Tagen mit kalter Küche, und ehe sie eine Waschfrau engagiren, stellen Sie ein Sanitäts-Verhör mit ihr an. Ich fürchte aber, Niemand wird Ihrem edlen Beispiel folgen!

Solange nicht jeder Arbeitgeber seine Arbeiterin während dieser drei bis vier Tage bezahlt, während er ihre Arbeit anzunehmen sich hartnäckig weigert, solange nicht der Staat allen Wittwen und Unverheiratheten während dieser Tage eine ihren sonstigen Einnahmen entsprechende Geldsumme gewährt, so lange können wir diese Frage unerörtert lassen; sie erledigt sich von selbst.

Eine gesunde Frau oder auch nur eine nicht ganz kränkliche Frau weiß Gott Lob nichts von einer merklichen Beeinträchtigung ihrer geistigen und körperlichen Kräfte während dieser Tage; ich bin unter sieben Schwestern aufgewachsen, und mir fehlt es demnach nicht an Erfahrung. Von einer leichten Nervenverstimmung aber, von einer kleinen Abspannung ein besonderes Aufheben machen zu wollen, würde zu einer abgeschmackten Verweichlichung führen. Niemand fragt den müden, abgehetzten, schwindsüchtigen Lehrer, ob er sich nicht ab und zu ein paar Ruhetage gönnen wolle.

Ist es »empörend und verletzend«, wenn eine Frau in diesen Tagen krankhaften Befindens ihre Pflichten als Aerztin erfüllt, warum ist es nicht ebenso empörend und verletzend, wenn z.B. ein Hämorrhoidarius (ich habe von Aerzten gehört, daß der größere Theil der Männer in mittleren Jahren zu dieser Kategorie zu rechnen ist) bei seinen periodisch wiederkehrenden Krankheitserscheinungen seine gewohnten Funktionen versieht?

Und wenn Sie mir antworten, daß ja von solchen Krankheitszuständen des Mannes Niemand etwas weiß, so scheinen Sie ganz unglaublicher Weise dieses Argument für die Frauen nicht gelten zu lassen, unbeschadet der Schamhaftigkeit, die Sie als specielle Tugend des Weibes preisen.

Uebrigens würde ja diese Behinderung, ebenso wie die des Wochenbettes, bald nach dem vierzigsten Jahre fortfallen, und so bliebe den Frauen immer noch eine halbe Lebenszeit für ärztliche Praxis.

Diesen körperlichen Vorgang, dem die Frau monatlich unterworfen ist, nennt Herr von Bischof ihren »eigentlichsten Beruf in der menschlichen Gesellschaft.« Nicht die Encyclopädisten in ihren verwegensten Ausschreitungen, nicht La Mettrie in seinem verrufenen Buch: »L’homme machine« ist so weit gegangen wie unser conservativer deutscher Professor. Die Materialisten des vorigen Jahrhunderts sind nur Zwerge im Vergleich zu diesem materialistischen Goliath, Herrn von Bischof, der den Daseinszweck der Hälfte des menschlichen Geschlechtes in einer animalischen Funktion sieht. Nur consequent, Herr Professor! Gehen Sie noch einen Schritt weiter und sprechen Sie es aus, das kühne Wort: der Zweck des ganzen Menschengeschlechtes ist der Stoffwechsel.

Sonderbare Leute, diese Aerzte, Anatomen und Physiologen. Ein krankhafter Zustand, als ein Attribut des weiblichen Geschlechtes, soll die Frauen von jeglichem Beruf fern halten; schickt aber so eine arme Frau bei den verzweiflungsvollsten hysterischen Leiden, bei andauerndem, unerträglichen Unbehagen, das mit ihrem Geschlechtsleben zusammenhängt, zu einem Arzt oder zu einem Dutzend Aerzten, so wird sie, in wunderbarer Uebereinstimmung, stets dasselbe von ihnen hören: Unsinn! Ihnen fehlt gar Nichts, werthe Frau; thun Sie, als wären Sie ganz gesund; nichts als Einbildung – beschäftigen Sie sich nützlich, das ist die beste Kur!

Herr von Bischof meint, die Frauen seien kränklich in Folge des mit großer Anstrengung von ihnen Erlernten. (Seite 22.)

»Man unternehme es nur«, fährt er fort, »dem jugendlichen weiblichen Organismus in noch weiterer und allgemeinerer Ausdehnung einen, seinem natürlichen entgegengesetzten Entwickelungsgang, die Gehirnentwicklung auf Kosten der Geschlechtsentwicklung zuzumuthen und die Strafe der Natur wird in großartigem Maße nicht ausbleiben.«

Aber die Strafe der Natur, Herr von Bischof, ist ja bereits erfolgt; nur umgekehrt als Sie denken, nicht dafür, daß die Frau zu viel denkt und lernt, sondern dafür, daß sie zu wenig lernt und denkt.

Fragen Sie irgend einen vielbeschäftigten Frauenarzt, und er wird Ihnen ein schreckenerregendes Bild von der Nervenzerrüttung der heutigen Frauenwelt entwerfen. Ein Gesinnungsgenosse von Ihnen behauptet sogar, wie ich an einer anderen Stelle schon angeführt habe, daß 75 % des weiblichen Geschlechtes in Folge von allzu vielem Lernen schief geworden sei.

Ich will Ihnen sage, was Sie als Mann gar nicht wissen können, aus welcher Quelle, zum Theil wenigstens, diese Nervenzerrüttung stammt.

In einem Alter, in welchem der erwachende Geist eine positive Nahrung braucht, bietet man dem Mädchen nichts als die nervenerregenden Zerstreuungen der Gesellschaft, Bälle, Musik, Theater und mechanische häusliche Verrichtungen. Alle überschüssigen Geisteskräfte des begaben Mädchens schießen in die Phantasie, und je nach ihrem Temperament wird sie sich in phantastische Träumereien, in sinnliche Vorstellungen oder religiöse Schwärmereien vertiefen und verlieren. Das massenhafte Lesen von Büchern, die nur das Gefühlsleben anregen, überfluten ihre unentwickelte Intelligenz mit vagen Ideen und führen sie in ein Land der Illusionen, das im herben Contrast zur Wirklichkeit steht. Eine krankhafte Unruhe zehrt an dem jungen Leben und zerrüttet den Körper.

Sie ahnen nicht, Herr von Bischof, daß man Jahrzehnte hindurch träumen kann, und immer träumen, und erwachen, wenn es zu spät ist. Viele Frauen kämpfen Jahre lang und ergeben sich endlich mit stumpfer Resignation in ihr Schicksal. Und die Leute sagen dann, sie seien zufrieden.

Dummheit oder auch nur Beschränktheit des Gesichtskreises ist wie ein dickes Fell, das gleichmäßig vor Ueberhitzung und Erstarrung schützt.

In derselben Weise wie das Turnen oder eine andere kräftigende körperliche Bewegung die Glieder stärkt, so kräftigt unausgesetzte Uebung und Anwendung der Hirnthätigkeit das Denkvermögen.

Wo die Ueberreizung beginnt, ist ganz individuell. Der Verständige muß seine geistige Verdauungskraft selber controliren können. Man kann ihm das Maß des zu Erlernenden nicht abwägen, ebenso wenig wie man einem Erwachsenen die Quantität und Qualität der Speisen, die er zu consumiren hat, vorschreiben wird.

Träge Ruhe ist für Geist und Körper gleich gefährlich. Der erschlaffte oder mit ungesunder Nahrung überfütterte Geist produzirt bei dem weiblichen Geschlecht entweder Pflanzenmenschen, wie sie uns der Orient in den Bewohnerinnen des Harems zeigt, oder nerven- und unterleibskranke Frauen, wie die höheren Stände Europa’s sie liefern.

Daß ein weiterer Grund der Kränklichkeit des weiblichen Geschlechtes in dem Mangel weiblicher Aerzte zu suchen ist, habe ich bereits erwähnt. Die Aerzte in der Komödie Milière’s erklären: »qu’il vaut mieux qu’un malade meure selon les règles que d’en échapper contre les règles.« Besser, die Frauen siechen hin oder sterben, als daß der weibliche Arzt auf dem Markt des Lebens erscheine!

Eigentlich hätte ich mir diese Abhandlung über die Kränklichkeit der Frau sparen können; denn – man staune – die Thatsache, daß die Frau kränklicher ist als der Mann, steht nichts weniger als fest. Ich gestehe, daß ich selber nie an der Richtigkeit dieser Thatsache gezweifelt habe, aus dem einfachen Grunde, weil von jeher und von Jedermann die schwache Gesundheit der Frau mit souveräner Sicherheit behauptet worden ist. Wie angemessen aber in diesem Falle der Zweifel gewesen wäre, beweisen nachfolgende Mittheilungen.

Aus den französischen Gesellschaften für gegenseitige Unterstützung (mutuell secours), die unter der vorigen Regierung gegründet wurden, waren die Frauen entweder ganz ausgeschlossen, oder sie mußten, wie z.B. in Rouen, einen höheren Beitrag zahlen und erhielten während ihrer Krankheiten keine Entschädigungsgelder.

Als diese Associationen (nachdem sie eine Zeitlang außer Wirksamkeit gewesen) durch ein Dekret vom 26. März 1852 wieder hergestellt und vom Staate mit Geldmitteln unterstützt wurden, versuchten die Mitglieder der Kommission ihnen eine vernünftigere und humanere Basis zu geben, indem sie darzuthun sich bemühten, daß ein gleicher Beitrag auch die gleichen Rechte der Frauen bedinge; sie machten sich anheischig, zu beweisen, daß die Frauen der Gesellschaft weniger zur Last fielen als die Männer, und daß ihre Krankheiten von kürzerer Dauer seien.

»Die Zulassung der Frauen,« heißt es in dem Referat, »vermehrt unsere Hilfsquellen eher, als daß sie dieselben verminderte (l’admission des femmes ajoute aux ressources plutôt, qu’elle ne les diminue).

Da die Frauen bei der Vertheilung der Gelder keine berathende Stimme hatten, blieben sie trotz dieser Argumentation im Nachtheil.

Der Bericht der Gesellschaft von 1865 lautet: »Die Zahl der im Laufe des Jahres zugelassenen Frauen ist verhältnißmäßig größer als die der Männer; aber die Wohlthaten der Gesellschaft gleichmäßig unter die Geschlechter zu vertheilen, ist bis jetzt nicht gelungen, und die Kommission muß ihr Bedauern ausdrücken, in den Statuten verschiedener Gesellschaften noch immer jenen Vorurtheilen zu begegnen, die sie im Namen der Erfahrung und der Menschenliebe so oft bekämpft hat, und die dabei beharren, auf Kosten der Frau eine ungerechte Ungleichheit festzuhalten.«

Ich lasse hier wörtlich die statistische Tabelle dieser Gesellschaft, die Krankheiten der Männer und Frauen betreffend, folgen:

»Selons les rapports triennaux, la moyenne des journées de maladie des sociétaires a été de:

Pour les hommes 18 jours en l’année 1857; pour les femmes 14 jours.

Pour les hommes 21 jours en l’année 1861; pour les femmes 18 jours.

Pour les hommes 5 jours en l’année 1864; pour les femmes 4 jours.

Pour les hommes 5,58 jours en l’année 1867; pour les femmes 4,37 jours.

Le rapport adressé à l’Empereur (Moniteur du 26. janviers 1869) sur la situation de ces sociétés dit: »La moyenne des journées payées par malade a été de 21,03. La moyenne des hommes a été de 21,85 , celles des femmes de 16,83.« 

La moyenne des journées de maladie pour chaque sociétaire est la même en 1867 qu’en 1866, mais elle est encore plus favorable aux femmes.«

So wäre nach diesen Berichten die größere Kränklichkeit der Frau nur ein Märchen, zum Zweck ihrer Unterdrückung erfunden.

Die Statistik ist eine schneidende Waffe, eine unanfechtbare, die allen leeren Behauptungen ein jähes Ende macht, vor welcher die schnöde Phrase wie Spreu im Winde verweht.

Nicht allzu schwer dürfte es sein, nach dem Vorgang dieser französischen Gesellschaften in allen Ländern statistisches Material zur Vergleichung des Gesundheitszustandes von Mann und Frau zu sammeln.

Bestätigen sich dann die Angaben der französischen Hülfsgesellschaft, so fiele damit nicht nur ein Hauptargument unserer Widersacher gegen das amtliche und wissenschaftliche Wirken der Frau fort – wir dürften sogar, wenn wir consequent denken wollten wie die Männer, den Spieß umkehren und von den Männern die Niederlegung sämmtlicher Aemter auf Grund ihrer größeren Kränklichkeit verlangen.

Diese statistischen Angaben mögen uns wiederum eine Warnung sein, nimmer mehr auf Treu und Glauben hinzunehmen, was auf dem Wege der Tradition, und möge sie Jahrtausende alt sein, an uns gelangt ist. Verwerfen sollen wir alle Behauptungen, solange nicht die genaueste wissenschaftliche Prüfung und die eigene Vernunft sie bestätigt haben.

Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborne Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen, und es könnte geschehen, daß eines Tages die Männererde der alten Germanen zur Menschenerde würde, gleichermaßen für Mann und Weib.

Man wird einwenden, daß die mitgetheilten statistischen Berichte aus Frankreich nur auf die niederen Stände Bezug haben. Das ist wahr. Sie beweisen aber nichts destoweniger, daß die in den höheren Klassen herrschende Kränklichkeit der Frau mit ihrer Originalnatur nichts zu thun hat.

Ich vermuthe sogar: käme es dem Weibe darauf an, ihre Körperkomplexion bis zur brutalen Kraft auszuarbeiten, so würde die Natur gegen die Befriedigung dieses ehrgeizigen Wunsches keinen Einspruch erheben.

Um junge Atlethinnen zu erzielen, wäre nichts erforderlich als eine, in früher Jugend begonnene, unausgesetzte Uebung und Stählung der Muskeln. Für Liebhaber von Beispielen sei angeführt, daß 1722 und 1728 in England Frauen öffentlich als Boxerinnen auftraten.

Limburga, Gemahlin des Erzherzogs Ernst des Eisernen von Oesterreich, eine geborene Prinzessin von Masovien, war so stark, daß sie einen Nagel mit der bloßen Hand in die Wand schlagen konnte und wälsche Nüsse mit den Fingern knackte.

Elisabeth, Tochter des Herzogs Boguslav von Pommern, letzte Gemahlin Karls II. und Mutter von Sigismund und Johann, zerbrach Eisenstäbe wie Holz. Eiserne Kettenpanzer riß sie wie Leinwand auseinander, und als der Kaiser 1371 zu Prag ein Turnier hielt, ließ sie sich ein neues, großes und dickes Hufeisen reichen und brach es mit Leichtigkeit in Stücke. Ein englischer Reisender berichtet, daß in Arabien alle Arbeiten außerhalb des Hauses (out-door-work) von den Frauen verrichtet werden, und daß diese starkgliedriger seien als die Männer.

Daß diese Ausarbeitung der Muskelkraft begehrenswerth erscheine, möchte ich nicht behaupten. Geringere physische Kraft ist kein Beweis für intellektuelle Inferiorität. Die ausgestorbenen Racen gigantischer Bildungen waren von geringerer Organisation als irgend eine jetzt existirende Race. –

Fünfter Grund gegen das Studium der Frauen: »Die Frau kann keine Autorität ausüben

»Man denke sich,« sagt Herr von Bischof, »eine Frau als ärztliche Dirigentin eines Hospitals oder als Gerichtsärztin. Muß nicht Jeder bei dem Gedanken lachen, oder aber auch weinen, daß eine Frau den hohen Grad von Autorität ausüben soll, welcher dem Dirigenten eines Spitals unentbehrlich ist?« u.s.w. Und an einer anderen Stelle: »Ich kann mir unmöglich denken, daß das frisirte Haar und die rauschenden Röcke einer Frau dem Kranken diese Hoffnung und diesen Trost (die der Patient erwartet) bringen werden.«

Die Antwort darauf ist außerordentlich einfach.

Vorläufig aber möchte ich bemerken, daß verschiedenen Menschen sehr verschiedene Dinge lächerlich erscheinen. Lächerlich werden der großen Menge immer erscheinen alle Dinge, die den hergebrachten Sitten und der Tradition widersprechen. Ich erinnere mich z.B., in der Zeit, als große Crinoline getragen wurden, wagte ich mich eines Tages ohne Crinoline auf die Straße. Ich erregte einen wahren Jubel unter dem Volk und der Schuljugend und wurde derartig ausgespottet und gehöhnt, daß ich mich nie wieder zu der maßlosen Lächerlichkeit, ohne den Umfang eines respektablen Tonnengewölbes auszugehen, hinreißen ließ.

Welcher Dirigent oder welche Dirigentin eines Hospitals sollte aber nun wohl einem denkenden Europäer lächerlich erscheinen?

Zweifellos eine jegliche Persönlichkeit, deren Anspruch auf Autorität in einem ausgesprochenen Contrast zu ihren Leistungen steht.

Wodurch kann oder müßte von einem Dirigenten Autorität erworben werden?

Herr von Bischof kann dabei nur zweierlei im Auge haben: eine mehr äußerliche Bedingung, die kräftig auftretende Persönlichkeit des Dirigenten, und die innere wesentliche Bedingung, die auf der Tüchtigkeit der Leistung beruht.

Nun wird Herr von Bischof gewiß nicht bezweifeln (daß er es durchaus nicht bezweifelt, geht aus einem seiner Aussprüche hervor, von dem sogleich die Rede sein wird), daß es Dirigenten irgend welcher Anstalten gibt, die zu Hause unter dem Pantoffel ihrer Frau stehen.

Die Frau, sollte ich meinen, die Energie und Kraft genug hat, den Dirigenten selbst zu dirigiren und außerdem möglicher Weise noch eine Anzahl widerhaariger Dienstboten, eine solche Frau wird auch verstehen, sich in einem Hospital Gehorsam zu verschaffen.

Finden Sie aber, Herr Professor, daß Autorität vorzugsweise erworben wird durch tüchtige Leistungen – nun so würden eben die Tüchtigkeit und die Leistung und nicht das Geschlecht für den Grad des Respekts entscheidend sein, und die Beamten und Patienten eines Hospitals würden eben so wenig Respekt empfinden vor einem untüchtigen Arzt als vor einer untüchtigen Aerztin.

Ich bin überzeugt, wenn Miß Nigthingale im Krimkriege die Hospitäler betrat, so erschien sie dem Auge der Kranken wie ein Erzengel, und jedes Haupt beugte sich in Demuth vor dieser Frau. Nur ein Haupt hätte sich nicht gebeugt, nur ein Mann würde sich beim Anblick dieser Dirigentin vieler Hospitäler vor Lachen geschüttelt haben – Herr von Bischof!

Der Herr Professor können sich nicht denken, daß frisirtes Haar und rauschende Röcke dem Kranken Trost und Hoffnung bringen.

Das glaube ich auch nicht; ich glaube aber auch nicht, daß knarrende Stiefel, hohe Cylinderhüte oder Kahlköpfe Trost und Hoffnung zu bringen im Stande sind. Auch daß die Anmuth einer wohlfrisirten Perrücke Trost und Hoffnung bringe, muß ich bezweifeln.

Und woher beziehen denn nun die männlichen Personen, die, wenn auch nicht krank, so doch unglücklich sind, und die man vorzugsweise auf das weibliche Geschlecht zu verweisen die Gewohnheit hat, ihren Trost und ihre Hoffnung? – Du armer, unglücklicher Mann, der du vielleicht an unheilbarem Bankerott leidest, dich kann dein Weib nicht trösten! – Wehe! Ihre Kleider rauschen! Keine Hoffnung kann die Mutter in die liebeskranke umnachtete Seele der Tochter hauchen! Wehe! sie lässt sich frisiren!

Die armen Chinesen! Sie alle tragen Zöpfe – bei ihnen gibt’s überhaupt keine Hoffnung und keinen Trost!

Mein Respekt, offen gesagt, würde eher durch einen Pickel auf der Nase oder eine Warze auf der Stirn beeinträchtigt werden, als durch hübsch frisirtes Haar.

Als Randbemerkung erlauben Sie mir wohl noch, als einer Sachverständigen, die Berichtigung, daß wollene Kleider nicht rauschen; seidene Kleider dienen im Allgemeinen nur zur Gesellschaftstoilette.

Nach des Herrn Professors Erfahrung bedürfen selbst Männer der vollen Concentration ihrer Geisteskräfte, um bei einer unvorhergesehenen Schwierigkeit während einer Operation nicht zu verzagen. Die Frau liegt natürlich gleich auf der Nase.

Die schwierigste Operation, von der man Zeuge sein kann, ist wohl die, bei welcher Einem selber die Glieder bei langsamem Feuer abgeschmort werden; Solches ist Männern und Frauen zu verschiedenen Zeiten und oftmals geschehen; und wer hätte je gehört, daß auf dem Scheiterhaufen oder unter der Guillotine die Frauen an Heldenmuth und Geistesgegenwart hinter den Männern zurückgeblieben wären?

Die Mutter aus dem Hause der Makkabäer ließ, weil Antiochius sie und ihre sieben Söhne zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen, sich und ihre sieben Söhne martern und hinrichten, und sie starb, die Söhne tröstend, mit unglaublichem Heroismus. Leicht wäre es, mit den Beweisen von physischem und sittlichem Heldenmuth der Frauen ganze Bände zu füllen.

Nachdem Herr von Bischof weitläufig die Inferiorität der Frauen bewiesen zu haben glaubt, knüpft er daran folgenden Ausspruch: »Wären die Weiber im Besitz der größeren Geisteskräfte, so hätten sie die Männer längst noch mehr zu ihren Sklaven gemacht, als dieses schon so in fast allen Gebieten des Lebens offner und versteckter der Fall ist, mit Ausnahme der Wissenschaften

Wollen Sie mit diesem Ausspruch, Herr Professor, die Frauen verhöhnen?

Wie? Diese untergeordneten Geschöpfe machen heimlich und offen die Männer zu Sklaven?

Wodurch?

Bei den Männern beherrscht die Vernunft die Gefühle – so haben Sie uns belehrt; aus Gefühlen kann das Narrenseil also nicht gedreht sein, an dem die Frauen die Männer leiten. Von größerer Intelligenz kann selbstverständlich nicht die Rede sein, wie Sie wissen. Ueber mehr Muskelstärke als der Mann gebietet die Frau ebenso wenig; es kann also nicht die Furcht vor Handgreiflichkeiten sein, die ihn zu ihrem Sklaven macht.

Aber so helfen Sie mir doch, Herr Professor! Was ist es denn? Bleibt doch nur thierischer Magnetismus, oder das Wunder. Wissen Sie etwas Anderes?

Wenn ein Volk das andere, eine Klasse die andere, ein Mensch seinen Nebenmenschen beherrscht, so kann ich mir als Bedingung der Herrschaft nur denken: entweder eine größere geistige oder physische Kraft, die geistige Kraft als Intelligenz oder als Charakterenergie gedacht – oder zweitens: der Besitz der Macht, diese mag nun eine ererbte oder eine durch Gesetz oder Tradition festgestellte sein.

Klingt nicht aus dem seltsamen Ausspruch des Herrn von Bischof etwas wie Eifersucht? Fürchtet er vielleicht die Rivalität derjenigen, die zu verachten er sich den Anschein giebt? Und erinnern seine Worte nicht an ein Bekenntniß Laboulaye’s: »Je me suis demandé tout bas,« sagt dieser geistreiche Schriftsteller, »si la femme n’était pas naturellement supérieure à l’homme. Elle a des passions moints violentes et une plus grande facilité d’éducation. Tandis qu’Adam s’en dormait dans son innocence, Eve était déjà curieuse de savoir. – Je crois, avec Molière, qu’il est prudent de ne pas trop instruire ce sexe malicieux est inquiet; à tenir les femmes dans une honnète ignorance, nous leur donnons touts les vices, mais aussi toutes les faiblesses de l’esclave; notre règne est assuré. Mais si nous élévions ces âmes ardentes et naives, si nous les enflammions de l’amour de la vérité, qui sait, si bientôt elle ne rougiraient pas de la sottise et de la brutalité de leurs maitres? Gardons le savoir pour nous seuls; c’est lui qui nous divinise: Notre empîre est détruit si l’homme est reconnu.« 

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