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Die wissenschaftliche Emancipation der Frau

Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDie wissenschaftliche Emancipation der Frau
noteNach dem Reprint der 1874 erschienenen Abhandlung, Wedekind & Schwieger 1874, Berlin
year1874
publisherAla Verlag Zürich
isbn3-85509-008-4
senderhelga.luebcke@t-online.de
created20030102
firstpub1874
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Ob Frauen studiren können? (Im Sinne ihrer Befähigung.)

Die Herren Professoren mussten selbstverständlich die Frage, ob Frauen studiren dürfen, bejahen. Wie wären sie sonst im Stande gewesen, mit so unbedingter Sicherheit, mit so absoluter Gewißheit der Frau die Fähigkeit zum Studiren abzusprechen?

Hören wir zuerst, wie der Professor der Philosophie das geistige Unvermögen der Frau beweist.

Er thut zuvörderst wiederum einen tiefen Blick in die Culturgeschichte, und diese offenbart ihm als ersten Beweisgrund: Die Leistungen der Frauen sind bisher hinter denen der Männer zurückgeblieben, also müssen auch ihre Fähigkeiten beschränktere sein.

Daß diese Leistungen an und für sich, ohne gewissenhafte Erwägung der socialen, politischen und geschichtlichen Verhältnisse, unter denen sie entstanden sind, keine Beweiskraft haben, darin dürfte wohl die Majorität der Denkenden mit mir übereinstimmen.

Es ist den Frauen unaufhörlich eingeschärft worden: für Euch denken die Männer, - daß sie schließlich aufgehört haben zu denken. Lange Reihen von Frauengenerationen sind unter dem Drucke der Verachtung ihrer Intelligenz aufgewachsen, und natürlich haben sie Manches gethan um diese Verachtung zu rechtfertigen. Und wo eine auserwählte Frauenseele, voll glühender innrer Lebenskraft, dieser Verachtung entgegentretend, die Schwingen entfaltete, da hat sie der Ostracismus der Gesellschaft getroffen, und in vielen Fällen wäre der Schmetterling gern wieder als Puppe in sein stilles Gefängniß zurückgekrochen. Wahrlich das größte aller Wunder wäre es, wenn die Leistungen der Frauen nicht hinter denen der Männer zurückgeblieben wären.

Mit mehr Wahrscheinlichkeit ließe sich behaupten, daß die Neger, die seit Jahrtausenden die wüsten Steppen Afrika’s durchschwärmen, menschenfressend, aller Cultur baar, Thiermenschen seien, für Zeit und Ewigkeit zum Menschenfressen prädestinirt.

Und nun blicken wir nach Amerika!

Die Stammverwandten jener Kannibalen sind dort seit kaum zwanzig Jahren emancipirt, und die Resultate, die sich uns aufdrängen, grenzen ans Wunderbare.

Ich selbst habe in Rom die Tochter einer schwarzen Sclavin gekannt, die eine ausgezeichnete Bildhauerin ist, und die mir auch sonst in keiner Weise dummer erschienen ist als andere Menschenkinder.

Mit welchem Staunen erfüllt uns heute Japan, das aus einem tausendjährigen Schlummer zu erwachen scheint.

»Die Frau soll nicht studiren, weil ihre Fähigkeiten beschränkt sind.«

Schreiben Frauen schlechte Bücher und malen sie garstige Bilder, so ist das die Sache der Buch- und Kunsthändler und der Recensenten. Ihnen aber die literarischen und künstlerischen Mißgriffe Einzelner als ein Geschlechtsverbrechen anrechnen und sie auf Grund derselben zu ewiger geistiger Unmündigkeit verdammen zu wollen, ist eine – hochmännliche Absurdität.

Zweiter Beweisgrund. »Drei Frauen, von denen der Professor zuversichtlich weiß, daß sie die beste Förderung ihres geistigen Strebens fanden, die sie zu ihrer Zeit wünschen konnten: Olympia Morata, Frau Dacier und Anna Maria Schurrmann, haben dennoch, wie er sagt, der Wissenschaft keine wesentliche Förderung gebracht.« Immerhin aber müssen diese Frauen recht bedeutend gewesen sein; denn er selber theilt mit, daß Schriftsteller wie Bayle und Voltaire ihnen Bücher widmeten, daß die ersten Männer der Zeit sich den Umgang mit ihnen zur Ehre schätzten, daß berühmte Reisende sie aufsichten u.s.w.

Nehmen wir aber einmal an, der Professor hätte Recht und die Frauen wären außer Stande, der Wissenschaft eine wesentliche Förderung zu bringen, so müßten sie dennoch studiren. Die Grenzen der Wissenschaft zu erweitern, der Menschheit neue Gesichtskreise zu eröffnen, ist nur außergewöhnlichen Menschen gegönnt, die wir als Genies zu bezeichnen pflegen. In Geistern wie Newton, Keppler, Lamark, Darwin gipfelt nur die Schaffenskraft der Natur, und es erfordert die geistige Oekonomie eine große Zahl kluger und umsichtiger Arbeiter, um Jenen die Wege zu bahnen.

Die erhabene Lehre Christi wäre ohne seine Apostel untergegangen. So braucht jede Wissenschaft ihre verständnißvollen Jünger, um sie auszubreiten, zu lehren, zu erläutern und um sie im Einzelnen zu vermehren. Geister ersten Ranges findet man auch unter den Männern nur in einzelnen Exemplaren.

Untersagt man der Frau das Studium auf Grund ihrer ungenügenden Geisteskräfte, so müßte man auch allen mittelmäßig begabten und unbedeutenden Männern (von den Dümmerlingen gar nicht zu sprechen) die Universitätspforten vor der Nase zuschlagen.

Der gelehrte Herr spricht der Frau die Fähigkeit ab, auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Politik etwas Bedeutsames und Epochemachendes zu leisten.

Sollte man nicht voraussetzen, daß ein Professor der Philosophie die Geschichte der Elisabeth von England, der Katharina von Rußland, der Isabella von Kastilien kenne? Was verlangt er denn von einer politischen Leistung?

Dasjenige Buch, das in unserm Jahrhundert den weitgreifendsten Einfluß auf die sociale Welt geübt hat, ist das Buch einer Frau gewesen: Onkel Tom. Die Präsidentschaft Lincolns ist aus »Onkel Toms Hütte« hervorgegangen. Der größte Prosaiker unseres Jahrhunderts vielleicht ist eine Frau: George Sand. Der größte Romanschriftsteller der Gegenwart ist, wenigstens meiner Meinung nach, George Elliot, eine Frau.

Solon wollte ein Lied der Sappho noch in seinem Alter lernen, um fröhlicher sterben zu können. Ein geistreicher Feuilletonist der Nationalzeitung nennt freilich diese Sappho »ein älteres blaustrümpfiges Frauenzimmer.« Schade, daß der Grieche von der Correktur des Berliners nicht mehr profitiren kann. Seltsam, daß man es Frauen stets so übel anrechnet, daß sie mit den Jahren älter werden. Ob es züchtige Gesinnung und edle Denkart ist, welche die »alte Frau« so gerne in den gesellschaftlichen Kehricht wirft?

Der Ausspruch des Professors könnte nur, wo es sich um deutsche Frauen handelt, eine bedingte Anwendung finden.

Aus der Naturverschiedenheit der Geschlechter leitet der Bonner Herr die Nothwendigkeit verschiedener Arbeitsgebiete für Mann und Frau ab.

Er gesteht der Frau nicht nur scharfes logisches Denkvermögen zu, sondern auch außergewöhnliche Willenskraft und schöpferischen Geist; er spricht ihr aber die andauernde Kraft ab, diese Fähigkeiten durch bedeutsame Leistungen zu bethätigen.

Ist das nicht gerade, als ob mir Jemand sagte: du hast die normalsten, kräftigsten Beine, die sich nur ein Mensch wünschen kann; sobald du dich aber ins Weite damit wagst, knicken sie dir um.

Ich danke für diese Kräftigkeit!

In einem alten Märchen haben die Feen einem jungen Prinzen alle möglichen herrlichen Eigenschaften verliehen. Eine war nicht eingeladen. Ich kann, sagte sie, die Gaben meiner Schwestern dem Prinzen nicht nehmen, aber ich will sie unnütz machen.

Eine allegorische Anspielung auf das Geschick der Frauen! Wir besitzen alle Seelenschätze der Welt; sie haben nur einen Fehler: sie nützen uns nichts.

Die Formel, in die der Professor wiederholentlich seine Ansicht von der Naturverschiedenheit der Geschlechter zusammenfasst, lautet: »Die Seelenkräfte bei beiden Geschlechtern sind gleich, nur in dem Verhältniß der Seelenkräfte zu einander liegt der Unterschied.« Wer versteht diesen Ausspruch des Philosophen? Ich nicht. Die Frau hat, nach ihm, ebensoviel Verstand, ebensoviel Willen, ebensoviel Gefühl, als der Mann, aber – die Ehe dieser Seelenkräfte, die bei dem Manne fröhliche Nachkommenschaft erzeugt, bleibt bei ihr kinderlos.

Vielleicht stellt sich der Professor das Arbeiten der weiblichen und männlichen Seelenkräfte in folgender Weise vor: Während bei dem Manne diese Kräfte, wie Räder einer festgefügten Maschine, immer zu rechter Zeit und zum rechten Zweck in einander greifen, haben die Kräfte der Frau etwas Kometenhaftes; plan- und regellos würden sie am Horizonte ihres Seelenlebens umhertreiben oder sich wohl gar auf revolutionäre Umtriebe einlassen, wenn der Mann, der weise, nicht mit seinem unfehlbaren Geiste in den wilden Tanz der Kohlen-, Stick-, und Sauerstoffe des weiblichen Gehirns Plan und Ordnung brächte.

Oder denkt er sich die praktische Anwendung dieser so verschieden gemischten Seelenkräfte etwa so:

Der Mann braucht zu einer Handlung 2/4 Verstand, 1 ½ Viertel Willen und als Zuthat oder Gewürz ½ Viertel Gefühl und – siehe da: die Mischung war richtig, und herrlich steht die vollendete Handlung vor ihm da.

Die Frau hingegen braucht zu derselben Handlung 1 Viertel Willen, ½ Viertel Verstand und 2 ½ Viertel Gefühl; eine so ungeschickte Mischung, als wollte sie zu einer Torte 3 Viertel Theile Rosinen und 1 Viertel Teig verwenden.

Natürlich geht die Handlung nicht auf, sondern mißräth vollständig.

Was verstehen wir unter Gesundheit der Seele?

Ich verstehe darunter ein annäherndes Gleichgewicht der Kräfte, aus dem die Harmonie erblüht. Allzugroßes Uebergewicht der einen Kraft erstört die Harmonie und erzeugt krankhafte Erscheinungen. Und so, in der That, erscheint die Frau dem Denker Michelet und seinen Anhängern als ein krankhaftes Exudat Gottes.

Im Verlauf seiner Abhandlung weist nun der Philosoph den herrlichen Seelenkräften der Frau diejenigen socialen Lokalitäten an, in denen er ihnen Bewegung und Wirksamkeit gestattet. Er sagt: »Die Frau ist willensstark in allen Fällen lebhafter Gemüthsbetheiligung. Sie besitzt diese Willensstärke aber nur, so lange sie sieht, daß von dem Bewahren dieser Kraft das Glück ihres Hauses abhängt. Dasselbe Gefühl giebt ihr Willenskraft genug, die Lasten und Schmerzen der Geburt zu ertragen.« (Nun, mein Herr Professor, und wenn sie nicht die Willenskraft hätte, diese Lasten und Schmerzen zu tragen, glauben Sie, daß der junge Weltbürger es sich würde gefallen lassen, nicht geboren zu werden?)

»Im Gedränge des Berufslebens aber ist es oftmals nothwendig, daß der Wille Kraft hat ohne Gemüthsbeteiligung, das von der kalten Pflicht oder dem nackten Bedürfniß Geforderte zu thun; es ist daher naturgemäß, daß ihre eigentliche Wirkungssphäre nicht in den Kreisen des öffentlichen Lebens gesucht werden kann, in denen die üblen Folgen eines durch Gefühlsrücksichten irregeleiteten Verstandes auch Andere leicht in Mitleidenschaft ziehen können und deshalb schwer wiegen müssen.«

»Die Frauen sind nur willensstark in allen Fällen lebhafter Gemüthsbetheiligung

Sollte das nicht annähernd von allen Menschen gelten?

Müßten wir nicht blödsinnig sein, wollten wir unsere ganze Willenskraft an die Erreichung eines Zieles setzen, das wir nicht inbrünstig wünschen?

Und wie sollen wir Etwas inbrünstig wünschen, ohne unser Gemüth dabei zu betheiligen?

Mit eiserner Willenskraft setzte Luther seine großen Reformen ins Werk. War sein Gemüth etwa unbeteiligt dabei?

Im Gegentheil, ich glaube, es war eine einzige lodernde Flamme.

Als Napoleon bei der Niederwerfung Europa’s einen fast übermenschlichen Willen entfaltete, da war es wiederum nicht eine abstrakte Verstandeskraft, die ihn über die Schlachtfelder jagte, sondern glühende, verzehrende Herrschsucht.

Pflegen gigantische Leidenschaften dem kalten Pflichtgefühl zu entspringen?

Ich glaube fast, es ist dasselbe unberechenbare Gemüth, das einen Menschen antreibt, den Kopf seines Kindes an seine Brust und die Köpfe seiner Feinde unter die Guillotine zu legen.

Die Anwendung einer starken Willenskraft ohne lebhafte Gemüthsbetheiligung erscheint brutal oder gespenstisch, ich muß dabei an das Schwert eines Scharfrichters denken. Nur reine Geister oder verthierte Menschen können sie üben.

»Wegen ihres durch Gefühlsrücksichten leicht irregeleiteten Verstandes ist die Wirkungssphäre der Frauen nicht in den Kreisen des öffentlichen Lebens zu suchen

Wodurch aber, wenn ich fragen darf, werden denn nun die Männer im öffentlichen Leben irregeleitet?

Nur durch Dummheit?

Wäre es nun nicht ganz gleichgültig für das Wohl des Staates und der Gesellschaft, ob die Fehler und Verbrechen der Männer im Berufsleben dem Gehirn oder dem Herzen, einem Gefühlsübermaß oder der Gefühllosigkeit ihren Ursprung verdankten?

Oder, Herr Professor, geht Ihre Meinung dahin, daß Männer als Staatsbürger im Allgemeinen nicht irregeleitet werden, und daß dieses starke Geschlecht aus reinen Geistern besteht, die in der Fabrik des Staatslebens nur Tugenden fabriciren und höchstens das Haus als eine Niederlage betrachten, wo sie ihre Sünden en gros und en détail um jeden Preis an Frau und Kinder losschlagen? (Bildlich gesprochen natürlich.)

Blicken Sie um sich, Herr Professor! Sie gewahren kein Gebiet männlicher Thätigkeit, auf dem nicht abwechselnd Haß und Parteileidenschaft, maßlose Eitelkeit, Ehrgeiz, Rache, Aberglauben und Genusssucht ihr wüstes Spiel treiben.

Man hat mir gesagt, daß ältere ernste Männer der Wissenschaft in Haß gegeneinander entbrennen und sich Marktweibern gleich mit Schimpfworten überhäufen, weil sie zufällig über die Entstehung des Nibelungenliedes nicht miteinander einverstanden sind.

Ich erinnere meine Leser an den tragischen Vorgang in der Bartholomäusnacht, wo ein sehr geachteter Philosoph seinen Collegen, den Hugenotten La Ramée, gegen den er, wegen Meinungsverschiedenheit über Aristoteles, in leidenschaftlichem Haß entbrannt war, in seinem Versteck aufsuchte und bezahlten Mördern überlieferte.

Ich frage jeden Vorurtheilsfreien: können Frauen in ihrer heftigsten Gemüthsbeirrung mehr thun, als sich gegenseitig meuchelmörderisch umbringen?

Wünschen Sie eine derartige, mit dem Gefühlsstempel versehene männliche Verwirrung im Großen, so blicken Sie nach Frankreich.

Welchen Umfang verlangen Sie denn von einer durch das Gefühl herbeigeführten Verstandesbeirrung bei dem starken Geschlecht, um einen Mann vom öffentlichen Leben auszuschließen?

Die Leidenschaften haben von jeher bei Männern wie bei Frauen vorzugsweise die Handlungen der Menschen bestimmt, und wer weiß, vielleicht werden sie es thun bis in alle Ewigkeit!

Das Gemüth, das Herz ist die Königin der Welt; es ist die Quelle aller größten und aller ärgsten Thaten der Menschheit; und ob sie ihren Purpur in Blut oder in die Morgenröthe lauterer Empfindung tauche, von jeher haben Verstand und Vernunft ihr Handlangerdienste geleistet.

Möglicherweise aber hat der Professor, indem er seine Bedenken über die Wirksamkeit der Frau im öffentlichen Leben aussprach, weniger die betrübsamen weltgeschichtlichen Consequenzen solcher Ungehörigkeiten im Sinne gehabt. Er hat vielleicht vorzugsweise an subalterne Professionen gedacht, wie Post- und Telegraphen- oder Lehr- und Kaufmannsberuf, zu deren Ausübung eine vorherrschende Gefühlsrichtung die Frau untauglich mache!

Wie denken Sie sich nun, Herr Professor, in welcher Weise die Irreleitung des Verstandes durch Gefühlsrücksichten bei einem derartigen Beruf der Frau vor sich gehen werde?

Vielleicht so:

Frau B. hat eine Professur der Geschichte inne. Sie soll von den Gräuelthaten der römischen Kaiserzeit berichten. Da erstickt der Schmerz um die Ermordeten ihre Stimme, der Abscheu raubt ihr den Athem, sie verliert den Faden der Gedanken und muß ohnmächtig hinausgetragen werden.

Oder an der Börse:

Sie ist eben im Begriff einen großen Coup zu machen. Sie kann in einer Stunde 30,000 Thlr. gewinnen; da erbebt ihr Gemüth. Wer verliert die 30,000? fragt sie sich; vielleicht Unbemittelte, Wittwen und Waisen! Gott im Himmel – eine Thräne der Gerechtigkeit schmückt ihr Auge, sie schnappt ab, die 30,000 sind dahin!

Oder als Telegraphistin:

Jemand läßt den Tod eines Kindes telegraphiren. Das Mitgefühl übermannt die Telegraphistin, die Buchstaben verschwimmen ihr vor den Augen, und anstatt »August ist todt«, telegraphirt sie »August lebt«.

Oder eine Postmeisterin:

Es wird ihr von einem Menschen ein Packet übergeben, dessen Gesicht ihr heftigen Widerwillen einflößt. Sie bringt das Packet um die Ecke, um ihrer Antipathie zu fröhnen.

Als Kriegerin geht es ihr wie der Jungfrau von Orleans: »Konnte sie den Jüngling tödten, da sie ihm ins Auge sah?«

So schreckliche Dinge sind zu befürchten, wenn die Frauen außerhalb des Hauses ins volle Menschenleben greifen wollen; nicht aber ist zu befürchten, daß innerhalb der vier Wände ihr Gefühl jemals mit dem Verstande in Collision gerathe – oder meinen Sie, Herr Professor, daß eine Irreleitung auf diesem Terrain keine unangenehmen Folgen für die menschliche Gesellschaft nach sich ziehen werde?

Wenn der durch Gefühlsrücksichten beirrte Verstand eine Mutter verleitet, ihr Kind zu verfuttern und zu verziehen und es an den Rand seelischen und leiblichen Verderbens zu bringen, so wird dadurch dem Staat in dem Verlust eines tüchtigen Bürgers ein unersetzlicher Schaden zugefügt.

»Es ist gut«, sagt der Philosoph, »wenn ihr in den schweren Kampf von Pflicht und Neigung keine allzu große Prüfung auferlegt wird.«

Wo, Herr Professor, spielen sich denn all’ die großen Frauentragödien ab, von denen wir schaudernd Jahr ein, Jahr aus, in den Zeitungen lesen? Tragödien von Gattenmord, Prostitution, Pistolenschüssen u.s.w.? Wo? – Im Hause!

Ich kann Ihnen versichern, mein Herr, daß die Frauen selbst in den bis jetzt ihnen zugewiesenen Berufskreisen oft das von der »kalten Pflicht« oder dem »nackten Bedürfniß« Geforderte thun müssen ohne jegliche Gemüthsbetheiligung, selbst im Gegensatz zu ihrem Gefühl. Und Sie selbst, Herr Professor, wenn Sie Hausherr sein sollten, und Ihre Köchin wäre verliebt und ließe in Folge dieser Stimmung die Suppe anbrennen, würden Sie ihr nicht diese Gemüthsbetheiligung beim Kochen durchaus nachtragen? Und von der Waschfrau, die zwei Nächte hintereinander in Ihrem feuchten Keller steht, und die vielleicht an ein todtkrankes Kind daheim zu denken hat, verlangen Sie Unmensch, daß sie Ihnen die Wäsche, der kalten Pflicht genügend, klar und rein abliefere?

Ach Gott, edler Herr, wer von uns Staubgebornen müsste nicht ab und zu der kalten Pflicht Genüge leisten! Und die Frauen wahrscheinlich noch ein paar Mal öfter als die Männer!

In Amerika funktioniren Frauen in allen möglichen öffentlichen Aemtern.

Ich verweise den Professor mit seinen Studien auf dieses Land, wenn es ihm ernstlich darum zu thun ist, in Erfahrung zu bringen, wie viel im Staatsdienst angestellte Frauen durchschnittlich in einem Jahre an Gemüthsbeirrungen zu Grunde zu gehen pflegen.

Die Statistik ist die beste Waffe, die bei derartigen Fragen einem Manne der Wissenschaft ziemt.

Alle diese abenteuerlichen und schnörkelhaften Widersprüche und Begriffsverwirrungen haben ihren alleinigen Ursprung in der Unehrlichkeit und Feigheit der Männer. Ein Gemisch von Schlauheit, von Verschämtheit über ihre eigene souveräne Herrlichkeit, und Leutseligkeit gegen uns, hindert sie einfach auszusprechen, was doch all’ der langen Rede kurzer Sinn ist: Uns Männern kommen auf Grund unserer geistigen und leiblichen Suprematie die höheren, euch Frauen die niederen Arbeitsgebiete zu.

Eine andere Auslegung ist für mich undenkbar. Dem einfachsten Verstande muß es doch klar sein, daß eine Willenskraft, die sich nur in untergeordneten Lebensverhältnissen bewährt, bei höheren Ansprüchen aber erlischt, eben keine außergewöhnliche, sondern eine geringe ist, daß ein schöpferischer Geist, der sich höchstens in hübschen Blumen und Landschaftsbildern und mittelmäßigen Versen manifestirt, nicht in vollen Zügen aus dem kastalischen Quell getrunken, sondern nur die Lippen daran genetzt hat.

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