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Die wissenschaftliche Emancipation der Frau

Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDie wissenschaftliche Emancipation der Frau
noteNach dem Reprint der 1874 erschienenen Abhandlung, Wedekind & Schwieger 1874, Berlin
year1874
publisherAla Verlag Zürich
isbn3-85509-008-4
senderhelga.luebcke@t-online.de
created20030102
firstpub1874
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Die Frage, ob Weiber zum Studiren berechtigt seien, ist nicht neuen Datums. Nicht nur viele Schriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert discutiren diese Frage, sie findet noch öfter eine Illustration durch Thatsachen. In allen Zeiten, bis an die Schwelle unseres Jahrhunderts haben Frauen Lehrstühle der Wissenschaft inne gehabt, vornehmlich in Italien. Wer diese Angaben bezweifeln sollte, blättere in der »Geschichte der Frauen von Klemm« nach, eines absoluten Gegners der Frauenemancipation, und er wird erstaunt sein über die große Zahl weiblicher Individuen, die in allen Ländern und in jedem Zweige der Wissenschaft Anerkennung und Ruhm unter ihren Zeitgenossen erworben haben.

In Bezug auf das Studiren der Frauen werde ich mir und meinen Lesern zur Beantwortung folgende drei Fragen vorlegen:

  • Ob Frauen studiren dürfen?
  • Ob Frauen studiren können (im Sinne ihrer Befähigung)?
  • Ob Frauen studiren sollen?

Mir persönlich erscheinen diese Untersuchungen ebenso müßig, als wollte Jemand fragen: darf der Mensch seine Kräfte entwickeln? soll er seine Beine zum Gehen gebrauchen? u.s.w. Da aber vorläufig die Majorität meiner deutschen Zeitgenossen das Recht der Frau an wissenschaftlichem Beruf leugnet, so dürfen wir kleine Minorität nicht müde werden, für unsere Ueberzeugung zu kämpfen, wenn es auch absolute Gewissheit für uns ist, daß dasjenige, was heut sonderbar und paradox erscheint, in Kurzem für eine der trivialsten Wahrheiten gelten wird.

Um mir nicht den Vorwurf der Willkür zuzuziehen, oder mich dem Verdacht auszusetzen, als unterschlüge ich kräftige und Hauptgründe gegen das wissenschaftliche Wirken der Frau und begnügte mich mit der Widerlegung leichten, oberflächlichen Geschwätzes, will ich die Meinungen geschätzter und bekannter Professoren gegen mich aufrufen, die Meinungen von Männern der Wissenschaft, von denen man annehmen muß, daß ihre Gründe wohl durchdacht und tiefsinnig seien. Sind dennoch ihre Argumente leicht zu widerlegen, so wird es nicht an der Schwäche der Deduktionskraft der Professoren liegen, sondern an der Stärke der Sache, gegen die sie ankämpfen.

Wenn ich in dieser Schrift dem Frauenstudium im Allgemeinen das Wort rede, so werde ich doch meine specielle Aufmerksamkeit dem medicinischen Studium zuwenden. Vielseitige Erfahrungen haben mir die Ueberzeugung aufgedrängt, daß die Gesundheit der Frau und somit des Menschengeschlechtes wesentlich von der Einführung der Frau in die ärztliche Praxis abhängt. Ich habe mir deshalb zu meinem Hauptgegner einen geschätzten Physiologen und Anatomen, den Professor Bischof von der Universität in München, ausersehn, und ich werde mich wiederholentlich auf seine kleine Schrift: »Das Studium und die Ausübung der Medicin durch Frauen« beziehen.

Ein namhafter Professor der Philosophie aus Bonn, ein milder und wohlwollender Mann, der für ein bekanntes Journal eine Reihe von Artikeln über Frauenbildung geliefert hat, wird Herrn von Bischof secundiren.

Einige einleitende Worte über Frauenarbeit im Allgemeinen gestatte man mir vorauszuschicken.

Die genannten Professoren, wie überhaupt alle Gegner der Frauenfreiheit, pflegen stets in aller Bestimmtheit und Schärfe männliche und weibliche Arbeit zu unterscheiden, gewissermaßen einen Sanitätscordon zwischen Mann und Frau auf dem Gebiete der Arbeit zu ziehen.

Herr v. Bischof sagt an einer Stelle: Jedes Geschlecht habe seine besonderen Funktionen, Frauen könnten nicht leisten, was Männer leisten, und umgekehrt, Männer nicht, was Frauen. – Ist das wahr? Nein!

Wer nennt mir eine einzige Hantierung (die an den Körper gebundenen Funktionen selbstverständlich ausgenommen), eine einzige Form der Arbeit, die sich auf Frauen beschränkt, und an denen zu participiren den Männern durch Sitte oder Gesetz verboten wäre?

Es giebt keine!

Männer nähen, kochen, waschen, bügeln, führen Wirthschaften u.s.w. In vornehmen Häusern findet man anstatt Köchin und Wirthschafterin Köche und Wirthschafter. Das sind unbestreitbare Thatsachen, die wegzuleugnen unmöglich ist. Es muß also heißen: Nur den Frauen sind bestimmte Beschäftigungen zugewiesen; die Männer aber leisten Alles, was Menschen überhaupt zu leisten im Stande sind und wozu sie Lust und Neigung haben.

Ich hoffe im Laufe meiner Abhandlung beweisen zu können, daß die Frauen zu Arbeiten gezwungen werden, für die sie nicht geeignet sind, und ausgeschlossen von solchen, die ihrer Natur zusagen.

Ich hoffe beweisen zu können, daß zwei Grundprincipien bei der Arbeitstheilung zwischen Mann und Frau klar und scharf hervortreten: die geistige Arbeit und die einträgliche für die Männer, die mechanische und die schlecht bezahlte Arbeit für die Frauen; ich glaube beweisen zu können, daß der maßgebende Gesichtspunkt für die Theilung der Arbeit nicht das Recht der Frau, sondern der Vortheil der Männer ist, und daß der Kampf gegen die Berufsarbeit der Frau erst beginnt, wo ihr Tagelohn aufhört nach Groschen zu zählen.

Zuverlässige Schriften über deutsche Frauenarbeit aufzutreiben, ist mir nicht gelungen. Entweder fehlt es an solchen Schriften, oder sie herbeizuschaffen ist für eine Frau, die öffentliche Bibliotheken nur mit einem unverhältnißmäßigen Aufwand von Energie und Unbescheidenheit benutzen kann, allzu schwierig. Ich mußte mich mit französischen und vornehmlich englischen Schriften begnügen, die glücklicherweise ein ausreichendes und zuverlässiges Material liefern.

Die ökonomischen Verhältnisse, die Anschauungen über Frauenwesen und Frauennatur sind im civilisirten Europa ziemlich überall dieselben; so werden auch die daraus resultirenden Thatsachen keine wesentlichen Abweichungen zeigen, und was in England und Frankreich an der Tagesordnung ist, wird auch in Deutschland üblich sein.

Alle mir über diesen Gegenstand (die Frauenarbeit) vorliegenden Schriften lassen darüber keinen Zweifel: Nie und nirgend hat man die Frau von den mühsamsten und widerwärtigsten Beschäftigungen fern gehalten, etwa auf Grund ihrer zarten Constitution oder ihrer Schamhaftigkeit – Schranken, die aufzuführen man niemals versäumt, wo es sich um höhere und einträglichere Arbeitsgebiete handelt. Im Gegentheil, für die unteren Stände scheint der Grundsatz zu gelten: je gröber, je anstrengender die Arbeit, desto besser für die Frauen. Einige Stellen aus zuverlässigen Berichten bewährter englischer Schriftsteller über Frauenarbeit in England mögen das Gesagte bestätigen.

In einigen Distrikten in England finden wir die Frauen mit Bereitung der Ziegelsteine beschäftigt. Sie legen die gekneteten Steine zum Behuf des Trocknens auf dem Boden in Reihen aus, sie helfen bei dem Prozeß des Feststampfens und gehen mit nackten Füßen über den nassen Thon und zuweilen auch über heiße Röhren. Tausende von Frauen sind bei Fabrikarbeiten an der Tyne in chemischen und Schnurfabriken, in Glashütten, Papiermühlen, Leimsiedereien, in Geschirr- und Tabaksfabriken beschäftigt; sie arbeiten in Baumschulen und als Feldarbeiterinnen, und stets fallen ihnen die niedrigsten, schwierigsten und schmutzigsten Arbeiten zu.

Im Distrikt um Vigan ist das Verfertigen der Nägel eine den Frauen sehr geläufige Beschäftigung. In jener Gegend sieht man auch Frauen an den Canalbooten bauen, die Schleusen öffnen, die Pferde treiben, ja man sieht sie mit den Schiffstauen über der Schulter.

In den glühenden Räumen der Baumwollenmühlen werden Frauen beschäftigt. Um die heiße Luft ertragen zu können, müssen sie halb entkleidet arbeiten. Das Schwingen der Mühlräder wirbelt eine so dichte Wolke von Staub und Schmutz auf, daß diese Frauen, um einer langsamen, aber sicheren Erstickung zu entgehen, sich gezwungen sehen, Mund und Nase mit Lumpen und Baumwolle zu verstopfen. Wenn sie ihre Arbeit verlassen, sind sie mit einer Lage fettigen Staubes und Schmutzes bedeckt.

In Liverpool und Dublin verdienen Frauen täglich 6 d dadurch, daß sie ungeheure Lasten von Sand durch die Straßen karren, bis sie dieselben verkauft haben. Ungefähr 50,000 Frauen hökern mit Fischen, Früchten und Eisenwaren durch die Straßen, ohne daß man ihre Lust am Handel zu erschüttern versuchte durch jenen bekannten Schrei sittlicher Entrüstung gegen das öffentliche Auftreten der Frau. Niemand findet sich, der ihr zuruft: Hebe dich weg von deinen Fischen und Radieschen, gehe heim und thue Buße, lege dich auf’s Stroh und verhungre! Eine große Zahl von Frauen graben und hacken Kartoffeln, jäten das Unkraut, stechen Steine aus dem Boden, breiten den Dünger über das Land, schneiden Getreide während der Erndte und beladen die Wagen in jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Nach dem letzten Census waren in jener Gegend 43,964 Frauen als Feldarbeiterinnen angemeldet.

Ehe die Bill für die Regulation der Bergwerke und Kohlengruben in Kraft trat, waren Tausende von Frauen und Mädchen an die Arbeiten in den Bergwerken dergestalt gewöhnt, daß sie diese Beschäftigung für den eigentlichen Zweck ihres Lebens hielten.

In den Flachsspinnereien sind die Verhältnisse von der traurigsten Art. Der Flachs wird bei einer sehr hohen Temperatur bereitet, und die Arbeit ist mit dem Verbrauch einer großen Quantität Wassers verbunden. Die Arbeiterinnen müssen den größten Theil ihrer Kleider ablegen und stehen oft bis zum Knöchel im Wasser. Die Unglücklichen, welche bei diesen Arbeiten beschäftigt werden, sterben größtentheils im Alter von 28 – 30 Jahren an langsamer Abzehrung oder auch wohl zwischen dem 18. und 20. Lebensjahre an der galoppirenden Schwindsucht, die sie oft in wenigen Tagen hinrafft. Viele kennen das Schicksal, das sie erwartet, und weihen sich dem Tode, um die fabelhafte Summe von 1 Fr. 50 Ct. pro Tag zu verdienen.

Es giebt Werkstätten und Fabriken, wo diejenigen Arbeiterinnen bevorzugt werden, welche Kinder zu versorgen haben. Der reiche Fabrikherr weiß, daß sie Brod schaffen müssen für ihre Kinder um jeden Preis, und darum vor keiner Arbeit zurückschrecken. Sie lassen sich eine Verlängerung der Arbeitszeit gefallen, die in kurzer Zeit ihre Kraft und ihr Leben aufreibt.

Ein Einblick in französische statistische Berichte bestätigt lediglich die Resultate der englischen Untersuchungen.

Die Durchschnittsziffer des Arbeitslohnes in Paris beträgt für Männer 4 Fr 41; für Frauen 2 Fr. 41. Der Hauptgrund ihrer Inferiorität liegt in ihrer mangelhaften professionellen Ausbildung.

Paris hat mehr als 14,000 Lehrjungen aufzuweisen und nur 5500 Mädchen, von denen der weitaus größte Theil sich mit einer Lehrzeit von kurzer Dauer begnügen muß. Mädchen, die eine dreijährige Lehrzeit durchmachen, gehören zu den Ausnahmen.

Weisen wir die Lohndifferenz aus der Statistik einzelner Gewerbe nach.

Beim Anfertigen der Kleider, eine Industrie, die mehr Männer als Frauen beschäftigt, beträgt der Arbeitslohn der Letzteren die Hälfte oder den dritten Theil desjenigen der Männer. Eine zu kurze Lehrzeit ist ein Hinderniß, ihre Geschicklichkeit zu entwickeln.

Nach der letzten Statistik der Posamentier-Industrie ist der tägliche Arbeitslohn für Männer 1 – 9 und 10 Fr. festgesetzt, der der Frauen in demselben Erwerbszweig auf 1 – 5 und 6.

Die Handschuhmacherei in Leder beschäftigt ungefähr ebenso viel Frauen wie Männer. Der Lohn der Arbeiter schwankt zwischen 3 – 10 Frs., der der Arbeiterinnen zwischen 1 – 4 Frs. Der Mangel professioneller Ausbildung macht sie unfähig für das Zuschneiden und Glätten der Handschuhe. Nur das Nähen, Steppen und Sticken bleibt ihnen überlassen. Seit 1845 ist der Lohn der guten Handschuhmacher um 35 Procent gestiegen, der der Handschuhmacherinnen ist stehen geblieben, so daß der Durchschnittslohn für sie sich nur auf 1 Fr. 90 Centimes beläuft.

Der Juwelenhandel und die Goldschmiedekunst in Paris, welche verschiedene Spezialitäten umfassen, beschäftigen mehr als 4000 Arbeiterinnen; aber die höheren Lohnsätze der Former, Ciseleure, Graveure und Emaillirer sind für die Frauen nicht vorhanden, die sich fast ausschließlich mit dem Poliren und Glätten beschäftigen. Die Lehrlingschaft dieser Industrie zählt 2000 Knaben und nur 100 und einige Mädchen.

Beim lithographischen Zeichnen kommt auf 36 männliche Lehrlinge 1 weiblicher. In den Buchbindereien verdienen die Männer täglich 3 – 8 Frs., die Frauen 1 – 3.

Verschiedene typographische Gesellschaften erlauben ihren Prinzipalen nicht, eine Setzerin in Arbeit zu nehmen, selbst dann nicht, wenn er ihr denselben Lohn wie dem Arbeiter bewilligen wollte.

Im Jahre 1860 autorisirte der Kaiser selbst eine Gesellschaft, deren Statuten jedem strikenden Setzer pro Tag 2 Frs. Schadenersatz zuerkannten, einzig und allein um die Einführung der Frauen in die Werkstätten zu verhindern.

Die französischen Steinschneider beschäftigen eine große Zahl von Menschen beim Schneiden der Krystalle, der Brillen, beim Schleifen der Diamanten u.s.w. Auch hier sehen wir die mühsamsten und schlechtest bezahlten Arbeiten einigen Polirerinnen und Einfasserinnen aufgebürdet. Tag für Tag drehen sie mit dem Fuß das Rad, auf dem sie das einzusetzende Glas schleifen. Die Krystallschleiferinnen arbeiten, über das Schleifrad gebeugt, mit den Händen im Wasser.

In allen Gewerben, welche Kenntnisse und eine gründliche Lehrzeit erfordern, sind die Frauen untergeordnet, in den ungesunden Gewerben dagegen, welche kurze Lehrzeit beanspruchen, herrschen sie vor. In Wollkämmereien und Strohflechtereien, in Garnfabriken und Wirkereien ziehen die Fabrikanten, um der billigeren Production willen, die Frauen vor. In und um Lyon arbeiten in den Fabriken tausende von Frauen täglich 14 Stunden lang gleichzeitig mit Händen und Füßen am Webestuhl. In den Kattundruckereien versehen die Männer diejenigen Arbeiten, welche Geschicklichkeit erfordern und einträglich sind. Die mit der Appretur beschäftigten Frauen arbeiten täglich 12 Stunden bei einer Temperatur von 26-40 Grad, und ihre Gesundheit wird durch die plötzlichen Uebergänge von Hitze zur Kälte untergraben.

Es giebt Fabriken, in denen die Frauen zu jeder Jahreszeit täglich 12 Stunden mit den Füßen im Wasser stehend arbeiten.

Wir wollen von weiteren Ausführungen auf diesen Gebieten der weiblichen Arbeiten Abstand nehmen; leicht ließe sich ein Buch damit füllen. Dieselben ökonomischen Erscheinungen wiederholen sich überall: die niedrigsten und schlechtest bezahlten Arbeiten für die Frau!

Nur noch einige Worte über die Näherin – einen Stand, zu dem nicht nur die unteren, sondern auch die mittleren Klassen ein nicht unbeträchtliches Contingent stellen.

Der Engländer James Clark berichtet, daß die Untersuchungen, die Lage der Näherinnen betreffend, viel erschreckendere Resultate geliefert haben, als selbst die der Manufaktur-Kommission.

Es stellte sich heraus, daß 18 Stunden täglich die für Näherinnen übliche Arbeitszeit sei, und daß nur starker Kaffee sie befähigte, ihre Nadeln so lange zu halten. Diese Frauen, meist im Alter von 16-30 Jahren, arbeiten sich buchstäblich zu Tode. Sie arbeiten Jahr ein, Jahr aus, fest auf ihren Stühlen angeschmiedet, vom Morgen bis in die Nacht, in der Kälte des frühen Wintermorgens, in der Mittagsglut des Sommers, rastlos, ohne Abwechselung, ohne Lebensfreude, um, wenn sie geschickt sind, täglich 2 Frcs. zu verdienen. Ihr Auge und ihre Brust leidet; ihr Leben ist ein langsames Sterben, ein allmäliges Verhungern – und wehe ihr, wenn sie krank wird! Die Näherinnen von London sind, zum größeren Theil, entweder mit unbeschäftigten oder kranken Ehemännern belastet oder sie sind Wittwen und die Ernährerinnen ihrer Kinder.

Der Bericht einer Vorsteherin der Nationalwerkstätten zu Paris giebt uns einen erschreckenden Einblick in das Elend dieser Arbeiterinnen. Als die Regierung 1848 einige Werkstätten eröffnete, drängten sich mehr als 12000 armer Frauen nach Paris. Unter andern nahm ein enges, nicht genügend ventilirtes Lokal ihrer 1200 – 2000 auf, die hier in der glühenden Hitze der Sommermonate fast erstickten. Viele von ihnen, krank und gebrechlich, hatten eine Familie zu erhalten und verdienten 6 Sous täglich; bei Andern, die Hemden nähten, betrug der Lohn 12 Sous.

Der Engländer Wakley, der für eine beachtenswerthe Autorität auf diesem Gebiete gilt, hält dafür, daß nicht weniger als 6000 Kinder alljährlich in Folge der schlechtbezahlten Frauenarbeit in’s Grab sinken.

Mit Fingern müde und dürr,

Mit Lidern schwer und roth,

In Lumpen saß und nähte ein Weib

Und nähte auf Leben und Tod.

Stich! stich! stich!

In Hunger, Schmutz und Noth.

Die Stimm’, die mit dem Schmerze rang,

Sang »von dem Hemde« den Gesang.

[»The song of the shirt« erregte bei seinem Erscheinen so großes Aufsehen, daß des Dichters Wunsche gemäß auf seinen Grabstein nur die Worte: »He sang the Song of the Shirt« (Er dichtete »das Lied von dem Hemde«) gesetzt worden sind.]

Wahrlich nicht seiner hohen poetischen Schönheit wegen ist das Lied »vom Hemde« weltberühmt geworden, nein, um der furchtbaren Wahrheit willen, mit der Thomas Hood den öden, hoffnungslosen Jammer einer Menschenklasse bloßlegt, - dieses »Lied vom Hemde«, die Marseillaise des Weibes von der Nadel. Aber nein, keine Hymne, ein Todtenlied, ein Grabgesang über dem Abgrund des Volksschmerzes!

Wenn Frauen der mittleren und höheren Stände als vermögenslose Wittwen oder Unverheirathete sich nach Existenzmitteln ausschauen, so bieten sich ihnen nur die Erwerbszweige dar, die bereits von Unglücklichen überfüllt sind. Diese Arbeitsgebiete werfen nur so viel Gewinn ab, als für ihre Lebensfristung unumgänglich nothwendig ist – wenn sie mit Fleiß und gutem Willen die Kunst erlernt haben, mit wenig Nahrung auszukommen.

Die weiblichen Zöglinge von St. Denis in Frankreich sind Töchter oder Waisen höherer Offiziere. Diese Anstalt ist vollständig in Verruf gekommen, ja man ist so weit gegangen, zu behaupten, daß sich unter den Gefangenen von St. Lazare 20 frühere Schülerinnen dieser Anstalt befunden. Das Unterrichts-Programm der Anstalt enthält alle für eine zukünftige Hausfrau nothwendigen Kenntnisse: die Küche, die Arbeiten des Waschhauses, das Kleidermachen u.s.w. Die Wäsche des Etablissements wird von den Schülerinnen selbst verfertigt. Gewiß schätzenswerthe Kenntnisse für die Frau, die am häuslichen Heerde leben kann. Man vergisst, daß ein großer Theil der Mädchen der mittleren und höheren Stände, die sich mit ihrem Vermögen keinen Mann kaufen können, für ihre Existenz auf ihre eigene Thätigkeit angewiesen ist. Wenn der männliche Freischüler die Anstalt verlässt, öffnet sich ihm eine ehrenvolle, auch wohl glänzende Laufbahn. Mit 18 Jahren muß die weibliche Freischülerin die Anstalt verlassen; sie wird in die Welt gestoßen mit ihren Näh- und Kochkenntnissen zu ihrem Unterhalt. Es verfertigt aber keine Frau ein Kleid, es sei denn, sie habe den Stoff dazu; es kocht keine Frau, es sei denn, man liefere ihr die Materialien zum Kochen. Erziehung und sociale Stellung verhindern sie, als Köchin oder Näherin ein Unterkommen zu suchen. Was bleibt ihr? Elend, Verzweiflung, Corruption. Die Frauen werden zur Abhängigkeit erzogen; ob sich aber in der Noth des Lebens Jemand findet, von dem sie abhängen, darum bekümmert man sich nicht! Die 20 Gefangenen von St. Lazare dürfen uns nicht wunder nehmen.

Ich möchte fast glauben, daß es eine nationalökonomische List war, die den indischen Frauen die Ueberzeugung in das Herz wachsen ließ, daß sie nach dem Tode ihrer Versorger sich aus dem Leben zu empfehlen hätten. Ein staatsmännischer Kniff war es, der diesen Opferlämmern den Scheiterhaufen als die Vorhalle zum Himmel pries. Unsere Wittwen verbrennen sich nicht mehr; nichtsdestoweniger verzehren sie sich in Kummer und Noth. Jules Simon, ein energischer Gegner der Frauenfreiheit, sagt: »Une course rapide à travers les professions exercées par les femmes, va nous donner la preuve irréfragible, que leur salair n’est presque jamais égal à leurs besoins.«

Geringgeschätzte und halbbezahlte Arbeit ist ein Sclaverei in milderer Form, und das ist die allgemeine Lage der Frauen auf all’ den Gebieten, die wir freie Arbeit nennen.

Ich verstehe von Staatswesen und Politik nicht allzu viel, das aber weiß ich: jegliche Gesetzgebung muß, oder müsste, auf einer sittlichen Basis ruhen, auf der Basis der Gerechtigkeit und Menschenliebe.

Versagt Sitte und Gesetz den Frauen diejenige Arbeit, die sie in den Stand setzt, sich und ihre Kinder zu ernähren, so muß der Staat und die Gesellschaft nach den einfachsten Begriffen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit vermögenslose Wittwen und Unverheirathete standesgemäß erhalten. Erkennt er aber eine solche Verpflichtung nicht an und beschränkt er dennoch die Frauen auf ein kleines Gebiet unzureichender Arbeit, so zeigt eine solche Gesetzgebung Spuren von Barbarei, sie vergewaltigt die Frau und privilegirt die eine Hälfte der menschlichen Gesellschaft auf Kosten der andern.

Weist man wieder und wieder auf die ehe als die große Versorgungsanstalt der Frauen hin, so mögen statt meiner – Zahlen antworten, Zahlen, die unwiderleglich sind und die keine Phrase und keine Lüge dulden. Wo es sich um Millionen handelt, hören die Ausnahmen auf. Auf Preußen allein kommen mehr als 1¼ Millionen unverheiratheter Frauen.

Uebrigens könnte man ebenso gut behaupten, daß die Ehe eine Versorgungsanstalt für Männer sei; denn was für einen anderen Sinn hat dieses Wettrennen nach der Hand von Erbinnen, von dem wir täglich Zeuge sind?

Daß die Frage der Concurrenz, die Furcht vor Concurrenz bei der Einschränkung der Frau bewußt oder unbewusst eine große Rolle spielt, ist für mich zweifellos. Die Majorität der Menschen urtheilt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Magen. Ein Beweis dafür ist der Umstand, daß jeder Mann das unermesslich wichtige Geschäft, das er gerade betreibt, für denjenigen Beruf hält, den auszufüllen Gott und die Natur der Frau versagt habe. Herr v. Bischof glaubt, daß die Frau alles Andere eher leisten könne, als die Ausübung der Medicin. Unter den schädlichen Folgen der medicinischen Studien der Frauen hebt er hervor: »die unausbleibliche Verdrängung männlicher Aerzte«. Er giebt aber den Frauen seinen Segen für irgend welche Beschäftigung beim Post- und Telegraphendienst, und die unausbleibliche Verdrängung männlicher Postbeamten vergisst er dabei. Der Herr General-Postdirektor Stephan dagegen ist der Ansicht, daß die Frau zu allem Anderen eher geeignet sei, als zum Postdienst. Wiederum Professor v. Sybel behauptet, sie könne eher Medicin studiren, als irgend eine andere Wissenschaft. Eine Empörung entstand unter den Schneidermeistern, als die ersten Schneiderinnen sich zeigten. Es gehöre nicht zum Beruf der Frauen, meinte man, Kleider für Ihresgleichen anzufertigen.

Der hochgebildete Philologe nickt freundlich und leutselig der dürftigen Seminaristin zu, die die kleinen Kinder in der Schule unterrichtet, an welcher er den großen Mädchen für ein angemessenes Honorar höhere Weisheit beibringt. Wollte die mit monatlich 20 Thalern begnadigte Seminaristin aber in der ersten Klasse als Physik- oder Geschichtslehrerin Gehalt und Ehre mit ihm theilen, er würde vielleicht vornehm, sehr vornehm die Achseln zucken über diese »unsittliche Neuerung«.

Arbeiten, die umsonst geleistet werden, lassen sich die Männer schon eher von den Frauen gefallen. Man ließ Miß Nightingale gewähren; hätte sie aber ein paar hundert Pfund Gehalt als Hospital-Direktorin verlangt, wer weiß – das massenhafte Hinsterben der Kranken hätte vielleicht mit Gottes und der männlichen Aerzte Hülfe seinen ungeschwächten Fortgang genommen!

Schlimm ist es, wenn, wie es gemeiniglich geschieht, die Leute ihre Vorurtheile für sittliche Gesinnung halten; wenn sie aber ehrlose Regungen und Triebe wie die Concurrenzfurcht als sittliches Gefühl anerkannt wissen wollen, so erwehren wir uns schwer des Zorns und der Verachtung.

Wie sonderbar diese Concurrenzfurcht ist! Sind die Männer wirklich das höhere Geschlecht, das heißt, mit höheren Kräften für alle die Fächer begabt, von denen sie die Frauen ausschließen, so brauchen sie doch die Concurrenz nicht zu fürchten, im Gegentheil, die Frauen werden ihnen zur Folie dienen; sind ihre Kräfte aber nicht höher, so setzen sie sich dem Verdacht aus, daß sie die Frauen einsperren, damit dieselben ihnen die Preise nicht verderben, und ihr Verhalten wird zur Gewaltthat, zur widerrechtlichen Aneignung eines Monopols.

Handel, Geschäft, Handwerk und Wissenschaft ist den Frauen verschlossen. Unterricht und Lehrlingschaft verweigert man ihnen theilweise oder ganz. »Sie qualificiren sich für diese Beschäftigungen nicht!«

Wofür qualificiren sie sich denn? Für den Hunger, für den Selbstmord, für die Prostitution?

Ich ziehe das Facit meines Berichtes und wiederhole: Der maßgebende Gesichtspunkt bei der Frauenarbeitsfrage ist nicht das Recht der Frauen, sondern der Vortheil der Männer. Man zwingt die Frauen zu Arbeiten, für die sie nicht geeignet sind und versagt ihnen diejenigen, für die sie sich ungleich besser qualificirten. Man raubt ihnen ein menschliches Anrecht, das Recht der Existenz.

Aber es wird ein Tag kommen, wo die Frau, der Nadel und des Kochlöffels überdrüssig, diese Geschlechtssymbole von sich wirft, wo sie, müde der abgedroschenen Phrasen, mit denen sie bisher betrogen worden, dem Despoten »Mann« den Gehorsam kündigen und Gehorsam fordern wird von denen, die ihr unterthan im Geiste.

Kommen wird der Tag, wo sie in die Tempel der Männer dringen, ihre Kanzeln besteigen und ein neues Evangelium predigen wird, die frohe Botschaft von der Menschwerdung des Weibes. Doch nicht braucht ihr zu erschrecken, ihr ehrsamen Familienhäupter und Männer, bis dahin ist’s noch lange Zeit. So lange ihr lebt und eure Söhne und eures Sohnes Söhne, wird das Weib fortfahren zu säumen und zu kochen und zu backen und zu vegetiren und sich auszulöschen als Individualität. Sie wird fortfahren Euch zu beglücken und sich zu degradiren durch ihre Magdseligkeit.

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