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Die wissenschaftliche Emancipation der Frau

Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDie wissenschaftliche Emancipation der Frau
noteNach dem Reprint der 1874 erschienenen Abhandlung, Wedekind & Schwieger 1874, Berlin
year1874
publisherAla Verlag Zürich
isbn3-85509-008-4
senderhelga.luebcke@t-online.de
created20030102
firstpub1874
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Wenn die geistigen und physischen Fähigkeiten der Frau den Aufgaben der Wissenschaft nicht gewachsen wären, so würde das große Gesetz der politischen Oekonomie in Kraft treten: die Bevölkerung würde von ihren unzureichenden Diensten keinen Gebrauch machen. Ehe aber diese Zurückweisung erfolgt ist, darf nicht das Vorurtheil diese unermeßlich wichtige Frage entscheiden. »Jahrhunderte und Jahrtausende haben bewiesen,« sagt Herr von Bischof, »daß die Frauennatur nicht angelegt ist zu diesem Studium der Wissenschaft.«

Wenn die Jahrtausende ein Beweis wären, dann müßten die Männer ebenso wenig zum Studiren taugen; denn wer zählt die Jahrtausende, in denen sie, aller Kunst und Wissenschaft bar, in Höhlen und Pfahlbauten ein grammatikloses Dasein führten!

Ist die Haushaltung wirklich die Naturbestimmung des Weibes, so wird keine Macht der Erde diesen Naturtrieb in ihr ausrotten können. »Ein revolutionärer Frosch,« sagt Heine, »welcher sich gern aus dem dicken Heimathgewässer erhübe, und die Existenz des Vogels in der Luft für das Ideal der Freiheit ansieht, wird es dennoch im Trocknen, in der sogenannten freien Luft nicht lange aushalten können, und sehnt sich gewiß bald zurück nach dem schweren soliden Geburtssumpf.«

Immer sollen wir uns aus der »Culturgeschichte« Belehrung über den weiblichen Beruf schöpfen! Mit dieser Culturgeschichte hat es eine eigene Bewandtniß: sie hält so geduldig still, man kann so Vieles aus ihr heraus und in sie hineinlesen! So lesen die Herren der Wissenschaft in sie hinein, daß das Haus die Sphäre der Frauen ist, war, und sein wird bis in alle Ewigkeit.

Ich aber lese aus der Culturgeschichte, daß seit Anbeginn aller Zeiten der Stärkere, mag seine Kraft auf seinen Fäusten, auf den Gewehren seiner Soldaten oder auf Privilegien beruht haben, den Schwächeren unterdrückt und ihm seine Lebensstellung angewiesen hat nach seinem Willen und zu seinem Nutzen, nimmermehr fragend nach den Naturgesetzen des Unterdrückten.

Ich lese heraus, wie die Stellung der Frau in der menschlichen Gesellschaft von Jahrhundert zu Jahrhundert eine andere geworden ist, wie sie aus tiefster Schmach und Schande sich allmälig empor gerungen zu einem annähernd menschenwürdigen Dasein. Ich lese aus der Culturgeschichte, wie die Frau vor Beginn der Civilisation die Beute des gierigen Mannes war; wie man sie später raubte, dann, sobald der zärtliche Vater inne ward, daß er in seiner Tochter einen lucrativen Consumtionsartikel besitze, sie verkaufte und verschacherte; wie man sie darauf, gleich einer Heerde Schafe, in das Serail trieb. Ich sehe sie geprügelt, geknechtet, gemästet, als Lastthier benutzt, als Preis des Wettkampfes ausgesetzt wie eine Gans oder ein Kalb.

Ich sehe sie als »Unreine« aus dem Tempel gestoßen; ich sehe sie als Magd an der Seite des Mannes.

Aber nicht das allein lese ich aus der Culturgeschichte. Ich höre auch den Athemzug der Geschichte darin, der die Frau vorwärts getrieben hat aus dem dumpfen vegetirenden Pflanzenleben zum bewußten Fühlen und Denken. Und der Athemzug der Geschichte und die unbewußt wirkende Kraft der Natur wird sie vorwärts treiben, unaufhaltsam, bis auch ihre Stirn strahlen wird in der Glorie des Gottmenschen.

Sie glauben, und mit Ihnen die Majorität der Männer, daß Gott und die Naturgesetze in der Frauenfrage längst entschieden haben; ich aber meine, daß der bewußte Kampf erst beginnt, und daß er nur enden wird, wenn die Frau das allen menschlichen Wesen angeborene Recht erobert hat: Mensch zu sein. Ich denke mit Fichte: »Der Mensch soll ein eigenes, für sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er ein Mensch.«

»Die Naturgesetze haben entschieden

Jene Asiaten aber, jene Mongolen, Chinesen und Türken, wenn sie ihre Frauen heerdenweise ins Serail trieben, glaubten auch mit bester Einsicht nach einem »Naturgesetz« zu handeln.

Wenn der Inder die zuckende lebendige Frau mit dem Leichnam ihres Mannes verbrannte – er handelte ebenfalls nach einem »Naturgesetz«.

Wenn der nordische Wilde die Geräthe, welche seine Frau, die »Unreine«, berührt hatte, durch brennende Rennthierhaare reinigte – er handelte nach einem »Naturgesetze«.

Woher nehmen unsere gelehrten und studirten Herren die sonderbare Anmaßung, jene Männer, welche durch Jahrtausende geheiligte Sitten übten, eines Verstoßes gegen die Naturgesetze zu bezüchtigen?

Woher die Anmaßung der Behauptung, daß nur der Europäer in den letzten Jahrhunderten die Naturgesetze der Frauen richtig interpretirte?

Die behaupteten (nicht zu verwechseln mit den begründeten) Naturgesetze haben eine verzweifelte Aehnlichkeit mit den Religionen: Jeder glaubt die richtige zu haben.

»Gott und die Natur haben der Frau ihre Sphäre bestimmt.« So wird Gott sie auch durch seine Gesetze darin erhalten ohne Zuthun der Herren Professoren! Warum mischen Sie sich in des lieben Gottes Angelegenheiten?

Seite 45 bemerkt Herr von Bischof ausdrücklich: daß nach göttlicher und natürlicher Anordnung – und nach der deutschen Professoren Verdict, hätte er hinzufügen müssen – dem weiblichen Geschlechte die Befähigung zur Pflege und Ausübung der Wissenschaften fehle.

Wenn diese Herren Professoren die Macht besäßen, sie würden im Namen Gottes und der Natur alle wissenschaftlichen Vorstellungen im Kopfe einer Frau als Contrebande, und alle ihre politischen Gedanken als landstreicherisches Gesindel arretiren! Sie würden verordnen, daß solches Fühlen und solches Denken als geistige Mißgeburt und moralische Abnormität in Schmortöpfen zu ersticken und in Waschzubern zu ersäufen sei!

In Indien giebt es ein Gesetz, welches einem Arbeiter verbietet, Reichthümer zu erwerben, während eine andere Clausel erklärt, selbst wenn ihm sein Herr die Freiheit geben sollte, so bliebe er in Wahrheit doch ein Sklave; »denn«, heißt es im Gesetzbuch des Menu, »ein Sudra, wenn auch von seinem Herrn freigelassen, wird dadurch seinem Knechtstande nicht enthoben, denn durch wen könnte er seines natürlichen Standes entkleidet werden?«

Nicht um eine Linie, nicht um den kleinsten Gedanken stehen die Auffassungen à la Bischof in Bezug auf die Frauen höher als die Weisheit, die wir in dem großen indischen Gesetzbuch niedergelegt finden.

Schaut nur zurück, weit in die Jahrtausende, ihr Leibeigenen der Sitte und Tradition, und seht die Zeit wie eine felsenfeste Pyramide an, in der ihr eure schönen Gedanken-Mumien für alle Ewigkeit glaubt conserviren zu können! Es hilft euch doch nichts! Das Zeitalter der Ruinen- und Alterthümer-Sentimentalität ist vorüber; die urältesten Pyramiden werden erbrochen, und die morschen, vergilbten Gedanken, die fossilen Vorstellungen müssen heraus ans Licht der sonnigen Wahrheit, um als Curiositäten die Verwunderung der Menschen zu erregen; und über dem bankerotten Alterthümler sitzt eine neue Zeit zu Gericht und spricht ihr: »Schuldig

Ich fasse, was ich fordere, noch einmal zusammen: Völlige Gleichberechtigung der Geschlechter auf dem Gebiete der Wissenschaft, in Bezug auf Bildungsmittel und Verwerthung der erworbenen Kenntnisse. Und ich schreibe auf meine Fahne den Spruch, den die Könige von Granada in ihrem Banner trugen: »No puedo desear mas, ni contentarme con menos« – nicht mehr kann ich fordern und nicht mit weniger mich begnügen. -

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