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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 39
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
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Die Debatten über Brest-Litowsk und die Gewerkschaften

Was ich mit Beispielen aus dem Jahre 1917 nachgewiesen habe, könnte ich auch weiterhin aus allen den folgenden Jahren aufweisen. Ich behaupte nicht, daß es keine Meinungsverschiedenheiten zwischen Lenin und mir gegeben hat. Es gab deren. Die Meinungsverschiedenheiten über den Frieden von Brest-Litowsk dauerten mehrere Wochen und nahmen für einige Tage einen scharfen Charakter an. Der Versuch aber, diese Meinungsverschiedenheiten als eine Folge meiner angeblichen Geringschätzung des Bauerntums hinzustellen, ist lächerlich und kann nur in der Absicht geschehen sein, mir jetzt nachträglich die Bucharinschen Ansichten, mit denen ich nichts zu tun hatte, aufzubürden. Ich habe auch nicht einen Augenblick daran gedacht, 1917 und 18 die Massen der Bauern zu einem revolutionären Krieg aufzurufen. In der Beurteilung der Stimmung, wie sie unter den Massen der Arbeiter und Bauern nach dem imperialistischen Kriege bestand, war ich mit Lenin völlig einig. Ich habe zwar darauf bestanden, den Augenblick der Kapitulation vor den Hohenzollern solange wie möglich hinauszuschieben. Aber das tat ich nicht, um einen revolutionären Krieg hervorzurufen, sondern um den deutschen und überhaupt den europäischen Arbeitermassen zu zeigen, daß es zwischen uns und den Hohenzollern keine geheimen Abmachungen gab, und um die Arbeiter Deutschlands und Österreichs zu einer größeren revolutionären Tätigkeit anzuspornen. Zu dem Beschluß, den Kriegszustand als beendet anzusehen, ohne dabei den Gewaltfrieden zu unterschreiben, kamen wir dann, weil wir prüfen wollten, ob die Hohenzollern noch fähig seien, einen Krieg gegen die Revolution zu führen. Dieser Beschluß wurde von der Mehrheit unseres Zentralausschusses angenommen. Lenin betrachtete den Beschluß als ein kleineres Übel, da ein bedeutender Teil der führenden Kommunisten für den von Bucharin propagierten revolutionären Krieg war, wobei sie die Stimmung der Arbeiter und Bauern völlig ignorierten. Nach der Unterschrift unter den Friedensvertrag mit den Hohenzollern war die vorübergehende Meinungsverschiedenheit mit Lenin erledigt, und unsere beiderseitige Arbeit ging im besten Einvernehmen weiter. Bucharin aber machte aus seinen Brester Differenzen einen großen Kampf gegen den »linken Kommunismus«, zu dem ich gar keine Beziehungen hatte.

Noch immer gibt es kluge Leute, die sich über die Losung »Weder Krieg noch Frieden!« nicht beruhigen können. Diese Losung scheint ihnen einen Widerspruch in sich zu enthalten, während es doch oft, sowohl zwischen den Klassen, wie zwischen den Staaten zu einem Zustande kommt, der weder ein Krieg noch ein Frieden ist. Man braucht nur daran zu denken, daß einige Monate nach Brest, als sich die revolutionäre Lage in Deutschland ziemlich geklärt hatte, wir einfach den Brester Frieden als ungültig erklärten, aber durchaus nicht an einen Krieg mit Deutschland dachten. Auch mit den Ententestaaten hatten wir in den ersten Jahren der Revolution weder Krieg noch Frieden, und im Grunde besteht zwischen uns und England auch heute noch dasselbe Verhältnis. Zu der Zeit der Brester Verhandlungen kam schließlich alles auf die Frage an, ob in Deutschland im Anfang des Jahres 1918 sich die revolutionären Verhältnisse schon so weit entwickelt hätten, daß wir, ohne weiter Krieg zu führen – denn eine Armee besaßen wir ja gar nicht mehr –, trotzdem den Frieden nicht zu unterschreiben brauchten.

Die Erfahrung hat dann gezeigt, daß Lenin im Recht war: Eine solche Entwicklung war in Deutschland noch nicht eingetreten. Die ungeheuerliche Übertreibung, die man dieser Meinungsverschiedenheit beigelegt hat, habe ich im 14. Band meiner »Werke« und in den Anmerkungen zu diesem Bande mit Dokumenten widerlegt.

Diese Meinungsverschiedenheit ließ auch nicht den Schatten irgendeiner Bitterkeit in unseren persönlichen Beziehungen zurück. Gerade wenige Tage nach der Unterzeichnung dieses Friedens wurde ich – auf Anweisung Wladimir Iljitschs (Lenins) – an die Spitze des Militärwesens gestellt.

Der Zwiespalt über die Gewerkschaftsfrage war schärfer und zog sich auch länger hinaus. Die Schärfe dieser Meinungsverschiedenheit war eine Folge der Tatsache, daß die Wirtschaft des Landes in eine Sackgasse geraten war. Der Ausweg aus dieser Sackgasse durch die »Neue Wirtschaftspolitik«, durch die Einführung eines gewissen Privatkapitalismus, wurde aber vollständig einmütig beschlossen. Mit derselben Einmütigkeit wurde einige Monate später die neue Resolution über die Gewerkschaften, die die entgegenstehende Resolution des zehnten Kongresses ersetzte, angenommen.

Wenn man den jetzigen Parteihistorikern glauben wollte, so könnte man annehmen, die ersten sechs Jahre der Revolution seien ganz mit Streitigkeiten über Brest-Litowsk und die Gewerkschaften ausgefüllt gewesen. Alles übrige ist verschwunden: Die Vorbereitung des Oktoberaufstandes, der Aufstand selbst, die Einsetzung der Regierung, die Bildung der roten Armee, der Bürgerkrieg, die vier Kongresse der kommunistischen Internationale, die ganze literarische Arbeit der kommunistischen Propaganda, die Arbeit der Leitung der ausländischen kommunistischen Parteien und unserer eigenen. Von dieser ganzen Arbeit, über die ich mich in allen wichtigen Fragen in völliger Übereinstimmung mit Lenin befand, verbleiben nach unseren jetzigen Historikern nur zwei Momente, Brest-Litowsk und die Gewerkschaften.

Stalin und seine Lakaien haben sich die härteste Mühe gegeben, aus der Gewerkschaftsdiskussion einen »bitteren« Kampf Trotzkis gegen Lenin zu machen.

Ich will hier nur anführen, was ich in der Zeit der heftigsten Diskussion, am 26. Januar 1921 dem Genossen Schliapnikow, dem entschiedenen Gegner der Leninschen Politik, auf dem Bergarbeiterkongreß sagte:

»Genosse Schliapnikow sagte hier – vielleicht drücke ich seinen Gedanken etwas grob aus: »Glaubt nicht an diese Meinungsverschiedenheit zwischen Trotzki und Lenin. Sie werden sich schon wieder einigen, und der Kampf wird sich dann nur gegen uns richten!« Er sagt: »Glaubt nicht daran!«

Ich verstehe nicht, was er mit diesem Glauben oder Nichtglauben eigentlich meint. Natürlich werden wir uns wieder einigen. Wir mögen uns streiten bei der Entscheidung einer wirklich wichtigen Frage, aber der Streit treibt doch nur unsere Gedanken nach der Richtung einer Einigung.«

Dies waren meine Schlußworte auf dem zweiten allrussischen Bergarbeiterkongreß am 26. Januar 1921.

Den folgenden Absatz aus der gleichen Rede hat Lenin in seiner Broschüre (im 18. Band seiner Werke) zitiert: »In meiner schärfsten Polemik mit dem Genossen Tomski habe ich immer betont, es sei mir völlig klar, daß unsere Führer in den Gewerkschaften nur Leute mit einer Erfahrung und einer Autorität sein könnten, wie sie Genosse Tomski besitzt. Eine Meinungsverschiedenheit in der Partei bedeutet doch keine gegenseitige Unterdrückung und Ablehnung.«

Und hier ist, was Lenin über dieselbe Frage in seinem die Diskussion über die Gewerkschaften zusammenfassenden Schlußwort auf dem zehnten Parteikongreß sagte: »Schliapnikow meinte, Lenin und Trotzki würden sich schon wieder einigen, und Trotzki antwortete: »Wer nicht versteht, daß es notwendig ist, sich zu einigen, geht gegen die Partei; natürlich werden wir uns einigen, denn wir sind Parteigenossen.« Ich habe Trotzki zugestimmt. Gewiß waren Trotzki und ich verschiedener Meinung. Aber wenn sich im Zentralausschuß eine mehr oder weniger gleichstarke Meinungsverschiedenheit bildet, dann entscheidet die Partei, und sie entscheidet in einer solchen Weise, daß wir uns auf den Willen und den Kurs der Partei einigen. Dies ist die Ankündigung, mit der Trotzki und ich zum Bergarbeiterkongreß gegangen und mit der wir auch hierher gekommen sind.«

Gleicht das irgendwie dem verächtlichen Geschreibsel, das man heutzutage als Geschichte der Gewerkschaftsdiskussion ausgibt?

Die Sache wird lächerlich, wenn Bucharin sorglos versucht, die Gewerkschaftsdiskussion zu einer Waffe gegen den »Trotzkismus« auszunutzen. Auf folgende Art kennzeichnet Lenin (im 18. Band seiner Werke) Bucharins Haltung in jener Diskussion:

»Bis jetzt ist Trotzki der ›Häuptling‹ in dem Kampfe gewesen, aber nunmehr hat ihn Bucharin eingeholt und ihn sogar völlig überrundet. Bucharin hat eine ganz neue Lage in dem Kampfe herbeigeführt, denn er hat sich in einen Irrtum hineingeredet, der hundertmal schlimmer ist als alle Irrtümer Trotzkis zusammengenommen.

Wie konnte Bucharin sich in diese Abkehr vom Kommunismus hineinreden? Wir kennen alle das weiche Wesen des Genossen Bucharin, eine Eigenschaft an ihm, wegen der wir ihn gern haben und gern haben müssen. Wir wissen, daß man ihn oft im Scherz ›weiches Wachs‹ genannt hat. Es scheint, daß ›jeder grundsatzlose Mensch‹ jeder ›Demagoge‹ in dieses weiche Wachs hineindrücken kann, was er will. Die Worte dieser scharfen Kennzeichnung stammen vom Genossen Kamenew aus der Diskussion vom 17. Januar. Er hatte ein Recht, sie anzuwenden, aber es wäre natürlich niemals Kamenew oder irgend jemand anderem eingefallen, das Vorgefallene als grundsatzloses Demagogentum zu bezeichnen oder es auf ein solches zurückzuführen.«

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