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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 38
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
publisherAvalun-Verlag
translatorWilhelm Cremer
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Die zwei Meinungen Olminskis und Lunatscharskis.

Unter den Bekämpfern des »Trotzkismus« hat Olminski eine ziemlich bedeutende Rolle gespielt. Er wandte sich mit besonderem Eifer, wie ich mich erinnere, gegen mein ursprünglich in deutscher Sprache erschienenes Buch »1905«. Aber Olminski hat über dieses Buch zwei Meinungen gehabt: eine in den Tagen Lenins, eine in den Tagen Stalins. Im Oktober 1921 schlug irgend jemand vor, mein Buch »1905« auf russisch herauszubringen. Olminski schrieb mir darüber folgenden Brief:

»Lieber Leo Davidowitsch!

Das Bureau für Parteigeschichte wird natürlich entzückt sein, Ihr Buch auf Russisch herauszubringen, aber es entsteht die Frage: Wer soll es übersetzen? Man kann doch nicht den ersten besten Menschen ein Buch von Trotzki übersetzen lassen! Die ganze Schönheit und Persönlichkeit des Stils würde verloren gehen. Vielleicht wäre es Ihnen möglich, eine Stunde täglich von Ihrer für den Staat so wichtigen Arbeit für diese Arbeit – die ja schließlich für den Staat ebenfalls von Wichtigkeit ist – zu erübrigen und den russischen Text einer Stenographin zu diktieren.

Noch eine andere Frage: Warum beginnen Sie nicht, eine vollständige Ausgabe Ihrer literarischen Arbeiten vorzubereiten? Wir könnten sehr leicht jemand mit der dazu nötigen Arbeit beauftragen. Es ist Zeit, damit anzufangen. Die neue Generation, die die Parteigeschichte nicht so kennt, wie sie es sollte, und in den älteren und neueren Schriften der Parteiführer wenig bewandert ist, gerät immerzu aus dem Geleise. Ich übersende Ihnen das Buch in der Hoffnung, daß es bald in einem russischen Text zum Bureau zurückkommt.

Mit den besten Wünschen

10. Oktober 1921.«
M. Olminski.

So schrieb Olminski Ende 1921 – also lange nach den Meinungsverschiedenheiten wegen des Brest-Litowsker Friedens und der Gewerkschaften – Meinungsverschiedenheiten, denen Olminski und Genossen jetzt eine so übertriebene Bedeutung beizulegen versuchen. Im Herbst 1921 hielt Olminski die russische Herausgabe des »1905« für eine Arbeit von staatlicher Wichtigkeit. Olminski war auch der Anreger zur Veröffentlichung meiner gesamten Werke, die er zur Erziehung der Parteimitglieder für nötig hielt. Im Herbst 1921 war aber der jetzt neunzigjährige Olminski kein Kind. Er kannte die Vergangenheit. Meine Meinungsverschiedenheiten mit dem Bolschewismus waren ihm besser bekannt, als irgendeinem anderen Menschen. Er selbst hatte ja mit mir in alten Tagen polemisiert. Alles dieses hinderte ihn aber nicht, im Herbst 1921 auf die Herausgabe einer vollständigen Sammlung meiner Werke im Interesse der Erziehung der Parteijugend zu bestehen. War vielleicht Olminski 1921 ein »Trotzkist«?

Genosse Lunatscharski erscheint jetzt ebenfalls unter den »Entlarvern« der Opposition. Wie die andern klagt er uns des Pessimismus und des mangelnden Vertrauens an. Diese Rolle steht Lunatscharski besonders gut.

Wie die andern begnügt sich Lunatscharski nicht damit, Leninismus und »Trotzkismus« in Gegensatz zu stellen, sondern er bewirft uns auch in einer kaum verhüllten Form mit persönlichen Verdächtigungen. Wie gewisse andere versteht es auch Lunatscharski, über ein und dieselbe Frage sowohl lobend wie tadelnd zu schreiben. 1923 gab er ein kleines Buch heraus: »Revolutionäre Silhouetten«. Ein Kapitel in dem Buch ist mir gewidmet. Ich will dieses Kapitel wegen der Überschwänglichkeit seines Lobes zitieren, und zwar werde ich nur zwei Stellen herausnehmen, in denen Lunatscharski über meine Haltung gegenüber Lenin spricht:

»Trotzki ist eine leicht gereizte, gebietende Persönlichkeit. Nur in seinem Verhältnis zu Lenin zeigte Trotzki seit seiner Einigung mit ihm immer eine verehrende, rührende Hingabe, und mit einer Bescheidenheit, die ein Kennzeichen wirklicher Größe ist, erkannte er Lenins höhere Autorität an.«

Und ein paar Zeilen vorher:

»Als Lenin, wie wir fürchteten, tödlich verwundet dalag, drücke keiner unsere Gefühle gegen ihn besser aus als Trotzki. In dem schrecklichen Sturm der Weltereignisse sagte Trotzki, der andere Führer der russischen Revolution, der doch durchaus nicht zur Sentimentalität neigte: ›Wenn man denkt, Lenin könnte jetzt sterben, so erscheint das Leben von uns allen wertlos, und man möchte aufhören, weiter zu leben‹.«

Was sind das nun für Menschen, die wie bezahlte Sekretäre bald so und bald so schreiben können?

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