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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 37
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
publisherAvalun-Verlag
translatorWilhelm Cremer
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Die Zwei Meinungen Jaroslawskis

Neunzehntel seiner Verleumdungen und Fälschungen widmet Jaroslawski dem Schreiber dieser Zeilen, und es würde schwer sein, sich dümmere und zugleich verächtlichere Lügen auszudenken. Aber man darf sich nicht einbilden, daß Jaroslawski immer so geschrieben hat. Er hat einmal ganz anders geschrieben. Es waren genau dieselben knalligen Worte, es war genau derselbe schlechte Geschmack, aber die Richtung war eine ganz entgegengesetzte. Im Frühjahr 1923 schrieb Jaroslawski einen Aufsatz über die Anfänge meiner politischen Tätigkeit. Der Aufsatz triefte so von schreienden Lobsprüchen, daß man ihn fast nicht lesen konnte. Nur mit Überwindung kann man daraus zitieren, aber es ist notwendig. Als Inquisitor der Partei macht es Jaroslawski ein wollüstiges Vergnügen, Kommunisten ins Kreuzverhör zu nehmen, die das Verbrechen begangen haben, das Testament Lenins, die Briefe Lenins über die nationale Frage und andere illegale Dokumente, in denen Lenin Stalin zu kritisieren wagte, zu verbreiten. Heute wollen wir Jaroslawski ins Kreuzverhör nehmen.

»Die glänzende literarisch-publizistische Tätigkeit des Genossen Trotzki«, so schrieb Jaroslawski 1923 in den »Sibirischen Feuern«, »haben ihm den weltbekannten Namen des »Fürsten der Journalisten« erworben. Der englische Schriftsteller Bernhard Shaw nannte ihn so. Wer seine Tätigkeit im Verlauf eines Vierteljahrhunderts verfolgt hat, erkennt deutlich, wie sich seine Begabung als Flugschriftenschreiber und Polemiker allmählich entwickelt hat, wie es heranwuchs und in den Jahren unserer proletarischen Revolution zu einer glänzenden Blüte kam. Aber schon im Anfang seiner Tätigkeit war es klar zu sehen, welch ein tiefes Talent wir in ihm hatten. Alle seine Zeitungsartikel sprühten von Feuer, sie besaßen Anschaulichkeit und Farbe. Und dabei waren sie unter den eisernen Krallen der zaristischen Zensur geschrieben, die einen freien Gedanken und eine freie Form für jeden unmöglich machten, der diesen Krallen entgehen und sich doch über die Durchschnittsansichten erheben wollte. Aber so groß waren die heranreifenden unterirdischen Kräfte, so stark fühlte man den Herzschlag des erwachenden Volkes, so scharf waren die Widersprüche der Entwicklung, daß alle Zensoren der Welt nicht die Schaffenskraft einer solchen ausgesprochenen Persönlichkeit, wie es damals schon L. D. Trotzki war, hätten unterdrücken können.

Sicherlich haben viele die weitverbreitete Photographie des jungen Trotzki gesehen, aus der Zeit seiner ersten Verbannung nach Sibirien – diesen Kopf mit dem wilden Haar, mit den charakteristischen Lippen und den gewölbten Augenbrauen. Unter dem dichten Haar dieses Kopfes, hinter den gewölbten Augenbrauen wirbelte ein gewaltiger Strom von Ideen, Gedanken und Gefühlen – die manchmal den Genossen Trotzki etwas von der breiten Straße der Geschichte abbrachten, die ihn manchmal zwangen, einen langen Umweg zu machen, oder auch in anderen Fällen ihn antrieben, furchtlos einen Weg zu gehen, von dem ihm alle abrieten. Aber bei all seinem Suchen blieb er immer voll tiefer Hingabe für die Sache der Revolution, ein geborener Volksredner mit einer scharfen und doch geschmeidigen Zunge, die mit jedem Feinde fertig wurde, und mit einer Feder, die wie Perlen die Reichtümer seiner Gedanken verstreute.«

Und weiter sagt Jaroslawski: »Die uns zur Verfügung stehenden Artikel umfassen eine Periode von mehr als zwei Jahren – die Zeit vom 15. Oktober 1900 bis zum 12. September 1902. Die sibirischen Genossen lasen mit Entzücken diese brillanten Artikel und erwarteten ungeduldig ihr Erscheinen. Wenige wußten, wer ihr Verfasser war, und die, die ihn kannten, hätten wohl in jenen Tagen nie daran gedacht, daß er einer der anerkannten Führer der revolutionärsten Armee und der größten Revolution der Welt sein würde.«

 

Und so schloß er: »Seinen Protest gegen den Pessimismus der müde gewordenen russischen Intelligenz erhob Genosse Trotzki später. Nicht in Worten, sondern in Taten erhob er ihn, Schulter an Schulter mit dem revolutionären Proletariat der großen proletarischen Revolution. Dazu war eine gewaltige Kraft erforderlich. Das sibirische Dorf hatte diese Kraft nicht in ihm zerstört. Es stärkte ihn nur noch mehr in den Entschluß, gründlich bis zur Wurzel mit diesen ganzen Verhältnissen zu brechen, unter denen die von ihm geschilderten Dinge möglich waren.«

Obgleich der Genosse Jaroslawski sich in einigen seiner Einschätzungen um 180 Grad gedreht haben mag, so muß man doch gestehen, daß er in einer Hinsicht sich gleich geblieben ist: Er ist ebenso unerträglich in seiner Beschimpfung wie in seinem Lob.

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