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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 36
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
publisherAvalun-Verlag
translatorWilhelm Cremer
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Verlorene Dokumente

Kurz nach der Oktoberrevolution bildeten sich unter den Führern der Partei scharfe Meinungsverschiedenheiten über unsere Beziehungen zu den andern »sozialistischen Parteien«. Es handelte sich vor allem um die Frage, ob wir eine einheitliche bolschewistische Regierung oder eine Verbindung mit den Menschewisten und Sozialrevolutionären bilden sollten. Am 14. November sprach Lenin über diese Frage auf der Versammlung des Petrograder Ausschusses. Die Berichte der Zentralausschußversammlungen vom Jahre 1917 wurden am zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution veröffentlicht. Ursprünglich befand sich auch der Bericht über diese Versammlung vom 14. November darunter, und in dem ersten Probeabzug des Inhaltsverzeichnisses war er aufgeführt. Aber dann wurde der Bericht vom 14. November auf höheren Befehl entfernt und vor der Partei verheimlicht. Der Grund ist leicht zu verstehen. Über die Koalitionsfrage sagte nämlich Lenin zum Ausschuß folgendes:

»Was eine Koalition angeht, so kann ich darüber nicht einmal ernstlich sprechen. Trotzki hat schon vor langer Zeit gesagt, daß eine Verbindung unmöglich sei. Trotzki begriff das, und von jener Zeit an hat es keinen besseren Bolschewisten gegeben.«

Die Rede schloß mit der Losung:

»Kein Kompromiß! Eine einheitlich bolschewistische Regierung.«

Wie erzählt wird, kam der Befehl zur Entfernung dieses Berichts vom Bureau für Parteigeschichte, und zwar mit der Erklärung, die Rede Lenins sei »offenbar« falsch wiedergegeben worden. Sicherlich ist eins wahr, nämlich, daß die Rede Lenins nicht mit der Geschichte der Oktoberrevolution, wie sie jetzt geschrieben wird, übereinstimmt.

Übrigens zeigt auch gerade dieser Bericht über die Versammlung des Petersburger Ausschusses, wie sich Lenin zur Frage der Disziplin stellte, sobald man hinter dieser Disziplin eine ausgesprochen opportunistische Politik verstecken wollte. Nach der Rede des Genossen Fenigstein erklärte Lenin:

»Wenn ihr eine Spaltung wollt, dann führt sie durch. Wenn ihr die Mehrheit bekommt, dann ergreift die Macht im Zentralausschuß und geht weiter. Wir aber werden zu den Matrosen gehen.«

Gerade durch diese kühne, entschlossene und unnachgiebige Haltung rettete Lenin die Partei vor einer Spaltung.

Eiserne Disziplin, jawohl! Aber auf der Grundlage einer revolutionären Politik!

Am 4. April sagte Lenin auf einer Parteikonferenz, dessen Bericht Stalin vor der Partei verbirgt:

»Selbst unsere Bolschewisten zeigen Vertrauen zur provisorischen Regierung. Offenbar sind sie betäubt von dem Rausch der Revolution. Aber das ist das Ende der Revolution. Ihr, Genossen, habt also Vertrauen zu dieser Regierung. Wenn das wirklich so ist, dann können wir nicht mehr zusammenarbeiten.«

Und weiter sagte er:

»Ich höre, daß eine Tendenz zur Koalition in Rußland herrscht, zu einer Koalition mit den Anhängern der nationalen Verteidigung. Das ist ein Verrat am Sozialismus. Ich halte es für besser, allein zu bleiben, wie Liebknecht – einer gegen hundertundzehn.«

Warum drückte sich Lenin so drastisch aus – einer gegen hundertundzehn? Weil auf der Märzkonferenz von 1917 die Tendenzen nach einem halben Kompromiß sehr stark waren.

Stalin war auf jener Konferenz für die Resolution des Krasnojarsker Sowjets, welcher vorschlug:

»Unterstützt die provisorische Regierung in ihrem Vorgehen nur soweit, als sie die Forderungen der Arbeiterklasse und der revolutionären Bauernschaft in der sich entwickelnden Revolution befriedigt.«

Aber noch mehr: Stalin trat für eine Koalition mit Tseretelli, dem Führer der Menschewisten ein. Hier ist ein genauer Auszug aus einem Bericht über die Konferenz:

Auf der Tagesordnung der Antrag Tseretellis für eine Koalition.

Stalin: »Wir müssen darauf eingehen. Es ist notwendig, unsere Bedingungen zu einer solchen Koalition festzulegen. Eine Koalition wäre auf der Linie Zimmerwald-Kienthal möglich.«

Auf den Einwurf verschiedener Mitglieder der Konferenz, daß eine solche Koalition doch sehr buntscheckig sein würde, antwortete Stalin:

»Es hat keinen Zweck, schon vorzeitig Meinungsverschiedenheiten vorzubringen. Meinungsverschiedenheiten gibt es immer im Parteileben. Wir werden aber geringe Meinungsverschiedenheiten schon innerhalb der Partei überwinden.«

Meinungsverschiedenheiten mit Tseretelli betrachtet Stalin als geringfügig. In seinen Beziehungen zu den Anhängern Tseretellis war Stalin für weitherzige Demokratie. »Meinungsverschiedenheiten gibt es immer im Parteileben«, sagte er.

Nun, Genossen, die ihr Leiter im Bureau für Parteigeschichte seid, erlaubt mir eine Frage an euch: Warum sind die Berichte über die Parteikonferenz vom März 1917 bis jetzt noch immer nicht veröffentlicht worden? Ihr überschwemmt das Land mit Fragebogen, die von Rubriken und Zahlen wimmeln. Ihr sammelt alle möglichen Kleinigkeiten, manchmal solche ohne jeden Wert. Warum verbergt ihr die Berichte über die Märzkonferenz, die eine monumentale Bedeutung für die Geschichte unserer Partei haben? Diese Berichte enthüllen die Haltung der leitenden Elemente der Partei am Vorabend von Lenins Rückkehr nach Rußland. Im Sekretariat des Zentralausschusses und im Vorstand des Zentralkontrollausschusses habe ich wiederholt die Frage gestellt: Warum verbirgt das Bureau für Parteigeschichte vor der Partei ein Dokument von so außerordentlicher Bedeutung? Das Dokument ist euch bekannt, es ist in eurem Besitz. Ihr veröffentlicht es aus dem einfachen Grunde nicht, weil es ein grelles Licht auf die politische Haltung Stalins von Ende März und Anfang April wirft, also von jener Zeit, als Stalin ganz selbständig eine politische Betätigung versuchte.

In seiner angeführten Rede auf der Konferenz vom 4. April sagte Lenin:

»Die Prawda verlangt von der Regierung, daß sie von Annexionen zurücktritt. Unsinn. Offenbarer Hohn des...«

Der Bericht ist nicht herausgekommen. Es ist hier eine Lücke. Aber der allgemeine Gedanke und die allgemeine Richtung der Rede sind ganz klar. Einer der Redakteure der Prawda war Stalin. Stalin schrieb in der Prawda halbpatriotische Artikel und trat für die provisorische Regierung ein, »so weit sie« usw. Mit Vorbehalten begrüßte Stalin das Manifest Kerenskis und Tseretellis an das Volk – ein verlogenes, sozialpatriotisches Dokument das bei Lenin nur Unwillen auslöste.

Das ist der Grund, und es ist der einzige Grund, warum ihr Genossen vom Bureau für Parteigeschichte den Bericht über die Konferenz vom März 1917 nicht veröffentlicht, sondern ihn vor der Partei versteckt.

Ich habe die Rede Lenins auf der Sitzung des Petersburger Ausschusses vom 14. November zitiert. Wo ist der Bericht über diese Sitzung veröffentlicht worden? Nirgends. Und warum? Weil ihr es verboten habt. Soeben ist eine Sammlung von Protokollen des ersten legalen Petersburger Ausschusses vom Jahre 1917 erschienen. Der Bericht über die Sitzung vom 14. November hat sich anfänglich in dieser Sammlung befunden und war auch in dem Inhaltsverzeichnis aufgeführt. Aber dann wurde, wie ich schon sagte, auf dem Bureau für Parteigeschichte der Bericht aus dem Buche entfernt, und zwar mit der merkwürdigen Erklärung, daß »offenbar« die Rede Lenins bei der Niederschrift durch den Sekretär falsch wiedergegeben sei. Worin besteht nun diese »offenbar« falsche Wiedergabe? Sie besteht darin, daß Lenins Worte aufs schärfste die falschen Behauptungen der jetzigen historischen Schule der Stalin und Jaroslawski in bezug auf Trotzki widerlegen. Jeder, der die Sprechart Lenins kennt, wird ohne Bedenken die Echtheit der ihm zugeschriebenen Worte anerkennen. Hinter den Leninschen Worten über das Kompromiß, hinter seiner Drohung: »Wir werden zu den Matrosen gehn!« – fühlt man deutlich den lebendigen Lenin jener Tage. Ihr verbergt ihn vor der Partei. Warum? Wegen seines Urteils über Trotzki. Nur deshalb.

Die Berichte über die Märzkonferenz vom Jahre 1917 verbergt ihr, weil sie Stalin bloßstellen. Den Bericht über die Sitzung vom 14. November verbergt ihr, weil er euer Fälschungswerk gegen Trotzki stört.

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