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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 34
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
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Mai bis Oktober 1917.

Eine Reihe von Dokumenten, die die Bolschewisten im Mai, Juni und Juli 1917 herausbrachten, sind von mir oder mit mir zusammen geschrieben worden. Hierzu gehören zum Beispiel die Erklärung der bolschewistischen Fraktion des ersten Sowjetkongresses zu dem beabsichtigten Vorgehen an der Front, der Brief an den Exekutivausschuß der bolschewistischen Partei in den Tagen der Junidemonstration und andere. Ich bin zufällig auf eine ganze Anzahl von bolschewistischen Resolutionen aus dieser Zeit gestoßen, die ich ganz oder zum Teil geschrieben habe. In allen meinen Reden, auf allen Versammlungen habe ich mich mit den Bolschewisten solidarisch erklärt.

Einer der »marxistischen Historiker« des neuen Stils versuchte unlängst, zwischen mir und Lenin Zwistigkeiten wegen des verunglückten Juliaufstandes zu entdecken. Solche Leute wollen natürlich auch ihr Schärflein zu dem allgemeinen Verleumdungsfeldzug beitragen, weil sie hoffen, dafür hundertfältig belohnt zu werden. Man muß ein Gefühl des Ekels überwinden, um solche Fälschungen auch nur zurückzuweisen. Ich werde keine Erinnerungen zitieren. Ich begnüge mich mit Dokumenten. In meiner Erklärung an die damalige vorläufige Regierung schrieb ich:

»Ich teile die grundsätzlichen Ansichten Lenins, Sinowjews und Kamenews und habe sie in meiner Zeitung und überhaupt in allen meinen öffentlichen Reden vertreten...

Daß ich nicht an der Redaktion der Prawda teilnehme und nicht zur bolschewistischen Organisation gehöre, hat nichts mit politischen Differenzen zu tun, sondern kommt aus Verhältnissen unserer Parteigeschichte, die jetzt jede Bedeutung verloren haben.«

Aus Anlaß des Juliaufstandes berief der sozialrevolutionär-menschewistische Vorstand eine Versammlung des ausführenden Zentralkomitees. Die bolschewistische Fraktion lud mich ein, ihre Erklärung über die neue Lage und über die Probleme der Partei abzugeben. Es geschah das vor meinem formellen Beitritt zur Partei und trotz der Tatsache, daß Stalin zum Beispiel sich damals in Petrograd befand. Die »marxistischen Historiker« des neuen Stils existierten damals noch nicht, und die versammelten Bolschewisten stimmten einmütig den Grundgedanken meiner Erklärung über den Juliaufstand und die Probleme der Partei zu. Es gibt gedruckte Zeugnisse dafür, besonders in den Erinnerungen N. I. Muralews.

Lenin litt, wie wohl bekannt ist, nicht gerade an einem gutmütigen Vertrauen auf Menschen, wenn er unter schwierigen Umständen auf deren politische Gesinnung oder Haltung angewiesen war, und eine solche Gutmütigkeit lag ihm völlig fern gegenüber Revolutionisten, die in einer früheren Periode außerhalb der Reihen der bolschewistischen Partei gestanden hatten. Es war der Juliaufstand, der alle Überbleibsel der alten, trennenden Linien niederriß. In seinem Briefe über die Liste der bolschewistischen Kandidaten für die konstituierende Versammlung schrieb Wladimir Iljitsch:

»Wir können uns nicht eine so übermäßige Anzahl von Kandidaten mit geringer Erfahrung gestatten, die, wie U. Larin, sich gerade erst der Partei angeschlossen haben. Wir müssen die Liste darauf hin noch einmal durchsehen und verbessern ...

Selbstverständlich würde sich zum Beispiel niemand einer solchen Kandidatur, wie der L. D. Trotzkis, widersetzen, denn zunächst einmal hat Trotzki vom Tage seiner Ankunft an sofort eine internationale Stellung eingenommen; zweitens kämpfte er unter den Meschrajontzi für eine Vereinigung mit den Bolschewisten; und drittens zeigte er sich in den schwierigen Julitagen auf der Höhe seiner Aufgabe als ein glühender Verteidiger der Partei des revolutionären Proletariats. Es ist einleuchtend, daß das für die Mehrzahl der jüngeren Parteimitglieder, die in der Liste erscheinen, nicht gesagt werden kann.« Die Frage unserer Stellung zu dem Vorparlament, zu dem Versuch der zusammenbrechenden halbbürgerlichen Regierung der Menschewisten und Sozialrevolutionäre, sich durch eine Entscheidung der demokratischen Konferenz noch einmal auf ein Kompromiß aller Parteien zu stützen, wurde in Lenins Abwesenheit entschieden. Ich erschien als Sprecher für diejenigen Bolschewisten, die das Vorparlament boykottieren wollten. Die Majorität der bolschewistischen Fraktion auf jener demokratischen Konferenz stimmte, wie wohlbekannt ist, gegen den Boykott. Lenin trat entschieden für die Minorität ein. Er schrieb folgendes über die Angelegenheit:

»Wir müssen das Vorparlament boykottieren. Wir müssen den Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernvertreter verlassen und zu den Gewerkschaften, zu den Massen im allgemeinen gehen. Wir müssen sie zum Kampf aufrufen. Wir müssen ihnen die klare und ehrliche Losung geben: Zerstreut die Bonapartistenbande Kerenskis, mit seinem falschen Vorparlament, mit seiner Tseretelli-Bulyginski-Duma. Die Menschewisten und Sozialrevolutionäre haben unseren Kompromißvorschlag einer friedlichen Übergabe der Gewalt an die Sowjets abgelehnt, obgleich wir damals darin nicht die Majorität hatten. Sie versanken wieder in den Sumpf schmutzigen Verhandelns mit den Kadetten. Nieder mit den Menschewisten und Sozialrevolutionären! Beginnt einen rücksichtslosen Kampf gegen sie!

Treibt sie ohne Erbarmen aus allen revolutionären Organisationen. Keine Verbindungen, keine Verhandlungen mit diesen Freunden der Grundeigentümer und Kapitalisten.«

Und am 23. September schrieb Lenin:

»Trotzki war für den Boykott. Bravo, Genosse Trotzki!

Der Boykott ist von der bolschewistischen Fraktion auf der Tagung der demokratischen Konferenz abgelehnt worden. Es lebe der Boykott!«

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