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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 29
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
publisherAvalun-Verlag
translatorWilhelm Cremer
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Wirkliche und angebliche Meinungsverschiedenheiten

Nichts beweist so klar den falschen politischen Kurs der Stalingruppe, wie ihr beharrliches Ankämpfen, nicht gegen unsere wirklichen Meinungen, sondern gegen angebliche Meinungen, die wir gar nicht haben und nie gehabt haben.

Wenn die Bolschewisten mit den Menschewisten, Sozialrevolutionären und anderen kleinbürgerlichen Richtungen disputierten, dann erklärten sie vor den Arbeitern das wirkliche System der von ihren Gegnern vorgebrachten Ansichten. Wenn aber die Menschewisten oder Sozialrevolutionäre mit den Bolschewisten disputierten, dann unterschoben sie, statt die wirklichen Meinungen der Bolschewisten zu widerlegen, ihnen Dinge, die diese nie behauptet hatten. Die Menschewisten und Sozialrevolutionäre durften gar nicht die Ansichten der Bolschewisten vor den Arbeitern einigermaßen gerecht auseinanderlegen, denn dann hätten die Arbeiter sich auf die Seite der Bolschewisten gestellt. Überhaupt verstanden diese kleinbürgerlichen Gruppen unter Klassenkampf nichts anderes, als die Bolschewisten anzugreifen und sie Verschwörer, Verbündete der Gegenrevolution und später Agenten Wilhelms zu nennen. Genau in der gleichen Weise darf jetzt eine kleinbürgerliche Clique in unserer Partei gegen unsere leninistischen Ansichten kämpfen, indem sie uns Worte unterschiebt, die wir nie gesagt haben. Die Stalingruppe weiß ganz genau, daß, wenn wir unsere wirkliche Meinung auch nur mit einer Spur von Freiheit aussprechen dürften, eine ungeheuere Mehrheit von Parteimitgliedern sich auf unsere Seite stellen würde.

Selbst die einfachsten Grundsätze einer ehrlichen innerparteilichen Auseinandersetzung werden nicht beachtet. Über die Frage der chinesischen Revolution, eine Frage von Weltbedeutung, hat der Zentralausschuß bis jetzt auch nicht ein Wort von allem, was die Opposition darüber gesagt hat, drucken lassen. Nachdem man die Opposition ganz von der Presse ausgeschlossen und der Partei gehörig die Augen verschlossen hat, bekämpft man uns immer wieder mit dem gleichen Argument, indem man uns eine fortwährend anwachsende Reihe von Dummheiten und Verbrechen vorwirft. Die Parteimitglieder zeigen aber mit jedem Tag geringere Neigung, diese Anklagen zu glauben.

  1. Wenn wir feststellen, daß die gegenwärtige Erstarkung des Kapitalismus keine Erstarkung für Jahrzehnte ist und daß unsere Epoche, wie es Lenin gesagt hat, eine Epoche imperialistischer Kriege und sozialer Revolutionen bleibt, so unterschiebt uns die Stalingruppe, wir leugneten die Erstarkung des Kapitals überhaupt.
  2. Wenn wir, wiederum in den Worten Lenins, sagen, daß zur wirklichen Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande der Sieg einer proletarischen Revolution in einem oder mehreren der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder nötig und daß der endgültige Sieg des Sozialismus in einem Lande allein, und dazu noch in einem rückständigen, unmöglich sei, wie es auch Marx, Engels und Lenin überzeugend nachgewiesen haben, dann behauptet die Stalingruppe fälschlicherweise, wir glaubten überhaupt nicht an den Sozialismus und an die Möglichkeit seines Aufbaus in der Sowjetunion.
  3. Wenn wir, Lenin folgend, auf den anwachsenden Bureaukratismus in unserem proletarischen Staat hinweisen, dann schiebt uns die Stalingruppe die Meinung zu, unser Sowjetstaat sei überhaupt nicht proletarisch. Wenn wir vor der ganzen kommunistischen Internationalen ankündigen, daß »jeder unserer Anhänger, der den proletarischen Charakter unserer Partei und unseres Staates und den sozialistischen Charakter des Aufbauwerks der Sowjetunion leugnet, rücksichtslos von uns bekämpft und aus unseren Reihen entfernt wird«, dann unterschlägt die Stalingruppe unsere Ankündigung und fährt fort, gegen uns zu hetzen.
  4. Wenn wir darauf hinweisen, daß die thermidorischen, die antirevolutionären Elemente mit dem ziemlich ernsthaften Charakter unserer Wirtschaftslage im Lande zunehmen; wenn wir fordern, daß die Parteileitung diesen Erscheinungen und ihrem Einfluß auf gewisse Glieder unserer Partei einen entschlosseneren und festeren Widerstand entgegensetzen sollte, dann macht die Stalingruppe daraus die Behauptung, die Partei sei thermidorisch, und die proletarische Revolution sei degeneriert. Wenn wir der ganzen Internationale sagen: »Es ist nicht wahr, daß wir der Mehrheit unserer Partei ein Abweichen nach rechts vorwerfen; wir glauben nur, daß es rechtsgerichtete Tendenzen und Gruppen in unserer Partei gibt, die einen unverhältnismäßig großen Einfluß haben, die aber durch die Partei überwunden werden können« – dann unterschlägt die Stalingruppe unsere Erklärung und fährt fort, gegen uns zu hetzen.
  5. Wenn wir auf das enorme Anwachsen der reichen Bauern, der Kulaks, hinweisen; wenn wir, Lenin folgend, immerzu versichern, daß »der Kulak nicht ruhig in den Sozialismus hineinwachsen kann«, daß er ein höchstgefährlicher Gegner der proletarischen Revolution ist – dann erhebt die Stalingruppe gegen uns die Anklage, wir wollten die Bauern berauben.
  6. Wenn wir die Aufmerksamkeit unserer Partei auf das Erstarken des privaten Kapitals, auf seine immer größer werdende Anhäufung und auf seinen Einfluß im Lande richten, dann beschuldigt uns die Stalingruppe eines Angriffs auf die Nep, auf die das Privatkapital gestattende Wirtschaft und des Verlangens, zum militärischen Kommunismus zurückzukehren.
  7. Wenn wir zeigen, wie falsch unsere Parteipolitik hinsichtlich der materiellen Lage unserer Arbeiter ist, wie unzulänglich die Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot sind; wenn wir zeigen, daß der Anteil der nichtproletarischen Elemente am Nationaleinkommen unverhältnismäßig wächst – dann beschuldigen sie uns einer gildensozialistischen Ketzerei und des Demagogentums.
  8. Wenn wir auf das allseitige Zurückbleiben der Industrie hinter den Anforderungen der öffentlichen Wirtschaft hinweisen und auf ihre unvermeidlichen Konsequenzen – auf das Mißverhältnis der Preise, auf Warenhunger, Differenzen zwischen Stadt und Land – so nennt sie uns »Überindustrialisten«.
  9. Wenn wir die falsche Preispolitik beleuchten, die, statt die hohen Lebenskosten herabzusetzen, den Privatkapitalisten einen wahnsinnigen Profit erlaubt, dann beschuldigt uns die Stalingruppe, wir wollten höhere Preise herbeiführen. Als wir vor einem Jahre vor der ganzen Internationale erklärten: »Die Opposition hat nie in irgendeiner Äußerung höhere Preise verlangt oder vorgeschlagen, sondern sieht den Hauptfehler unserer Wirtschaftspolitik gerade in der Tatsache, daß wir nicht mit gehöriger Energie auf eine Beseitigung des Warenmangels und der damit unvermeidlich verbundenen hohen Detailpreise hinarbeiten« – da wurde unsere Erklärung unterschlagen und die Hetze gegen uns fortgesetzt.
  10. Wenn wir gegen das »herzliche Einvernehmen« mit den Verrätern des Generalstreiks, den Konterrevolutionären des englischen Generalausschusses, die offen die Rolle von Agenten Chamberlains spielen, auftreten, dann klagt man uns als Gegner des Zusammenarbeitens der Kommunisten mit den Gewerkschaften, als Gegner der Taktik der gemeinsamen Front an.
  11. Wenn wir Widerspruch gegen den Eintritt der Gewerkschaften der Sowjetunion in die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale oder gegen irgendein Liebäugeln mit den Führern der zweiten Internationale erheben, dann beschuldigt man uns einer sozialdemokratischen Ketzerei.
  12. Wenn wir einer Politik widersprechen, die sich auf die chinesischen Generale stützt, wenn wir einer Unterwerfung der chinesischen Arbeiterklasse unter die bürgerliche Kuomintang widersprechen, wenn wir der in China geübten menschewistischen Taktik unserer jetzigen Regierung widersprechen, dann wirft man uns vor, wir seien gegen die agrarische Revolution in China, wir seien die Spießgesellen Tschang Kai-scheks.
  13. Wenn wir auf Grund unserer Ansicht über die Weltlage zu dem Schluß kommen, daß ein Krieg im Anzüge ist, und die Partei rechtzeitig warnen, so erheben die Stalinisten gegen uns die schimpfliche Anklage, wir sehnten einen Krieg herbei.
  14. Wenn wir, getreu den Lehren Lenins, daran erinnern, daß gerade die Kriegsgefahr dringend eine feste und scharfumrissene Klassenpolitik verlangt, behaupten die Stalinisten ohne Scham, wir wollten überhaupt nicht die Sowjetrepublik verteidigen, wir seien Angsthasen und Defaitisten.
  15. Wenn wir auf die unzweifelhafte Tatsache hinweisen, daß die gesamte kapitalistische und sozialdemokratische Presse der Welt auf Seite Stalins in seinem Kampf gegen die Opposition in der russischen kommunistischen Partei steht, daß sie Stalin wegen seiner Unterdrückung des linken Flügels belobt und ihn ermuntert, die Opposition aus dem Zentralausschuß und aus der Partei auszuschließen, dann behaupten die Prawda und die ganze Parteipresse fälschlich, die Bourgeoisie und die Sozialdemokratie seien für die Opposition.
  16. Wenn wir uns dem Übergang der Führerschaft der kommunistischen Internationale in die Hände des rechten Flügels und der Ausschließung Hunderttausender von Arbeiterbolschewisten widersetzen, so beschuldigt uns Stalin des Versuchs einer Spaltung der kommunistischen Internationale.
  17. Wenn unter dem jetzigen verderbten Parteiregime Oppositionsangehörige, die glühende Parteianhänger sind, Mitglieder über ihre Ansichten aufzuklären suchen, dann werden sie aus der russischen kommunistischen Partei hinausgeworfen. Man beschuldigt sie der Stiftung von Zwietracht und beginnt gerichtlich gegen sie wegen versuchter Parteispaltung vorzugehen. Die allerwichtigsten Parteifragen werden, anstatt daß man sie bespricht, unter einem Wirrwarr von Phrasen zur Seite geschoben.
  18. Aber die Lieblingsanklage der letzten Jahre besteht doch darin, wir glaubten an den »Trotzkismus«. Wir haben vor der ganzen kommunistischen Internationale gesagt: »Es ist nicht wahr, daß wir Trotzkismus verteidigen. Trotzki hat der Internationale erklärt, daß in allen grundsätzlichen Fragen, über die er sich mit Lenin gestritten hatte, Lenin im Recht war – besonders in der Frage der ständigen Revolution und des Bauerntums«. Diese, für die ganze kommunistische Internationale bestimmte Aussage weigert sich die Stalingruppe zu drucken. Sie fährt fort, uns des Trotzkismus zu beschuldigen. Natürlich bezieht sich diese Aussage auf zurückliegende Meinungsverschiedenheiten mit Lenin und nicht auf die von Stalin und Bucharin gewissenlos erfundenen angeblichen Zwistigkeiten. Alles, was sie über unsere Differenzen in jüngerer Vergangenheit, besonders aus der Zeit der Oktoberrevolution, entdeckt haben wollen, ist Einbildung.

Die Stalingruppe reißt einzelne Sätze von uns aus dem Zusammenhang, sie mißbraucht in einer brutalen und unehrlichen Weise falsch ausgewählte, alte polemische Bemerkungen Lenins, wobei sie vor der Partei andere und spätere Bemerkungen verbirgt, sie fälscht direkt die Parteigeschichte und die Tatsachen der Vergangenheit, und was noch wichtiger ist, sie verdreht und ändert einfach alles, was wir über die gegenwärtig zur Debatte stehenden Fragen schreiben. Dadurch entfernt sich die Gruppe der Stalin und Bucharin immer weiter von den Grundsätzen Lenins und versucht zugleich die Partei in den Glauben zu versetzen, es handele sich um einen Kampf zwischen Leninismus und Trotzkismus. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Kampf zwischen Leninismus und dem Stalinschen Opportunismus. Unser unbekümmerter, gemeinsamer Kampf gegen den Stalinkurs war nur möglich, weil wir uns alle durchaus einig waren in dem Wunsch und der Entschlossenheit, den echtleninistischen, proletarischen Kurs zu verteidigen.

Das vorliegende Programm ist die beste Antwort auf die Anklage des »Trotzkismus«. Jeder, der es durchliest, weiß, daß es vom ersten bis zum letzten Wort auf den Lehren Lenins beruht. Es ist durchtränkt von dem echten Geist des Bolschewismus.

Möge die Partei unsere wirklichen Ansichten herausfinden. Möge sie die wirklichen Unterlagen unserer Zwistigkeiten kennen lernen – vor allem unserer Zwistigkeiten in der Frage von internationaler historischer Wichtigkeit, der chinesischen Revolution. Lenin hat uns gelehrt, im Falle von Meinungsverschiedenheiten nicht an ein bloßes Gerede zu glauben, sondern Dokumente zu verlangen, beide Parteien anzuhören, leere Behauptungen zurückzuweisen und deutlich herauszufinden, wie es um die Sache steht. Wir, die Opposition, wiederholen den Rat Lenins.

Wir müssen ein für allemal unmöglich machen, daß, wie es auf dem vierzehnten Kongreß geschehen ist, Meinungsverschiedenheiten plötzlich, zwei oder drei Tage vor dem Kongreßbeginn, der Partei vorgelegt werden. Wir müssen eine ehrliche Besprechung und eine ehrliche Entscheidung über den Grund der Meinungsverschiedenheiten ermöglichen, wie es unter Lenin auch immer der Fall war.

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