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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 27
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
publisherAvalun-Verlag
translatorWilhelm Cremer
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Die Hauptschlußfolgerungen

1. In den herrschenden Kreisen unserer Majorität werden unter dem Einfluß unseres Zerwürfnisses mit England und anderer auswärtiger und einheimischer Schwierigkeiten folgende Pläne erwogen: Man will die zaristische Staatsschuld anerkennen. Man will mehr oder weniger das Monopol des auswärtigen Handels aufheben. Man will sich von China zurückziehen, das heißt, man will für eine Zeit auf eine Unterstützung der chinesischen Revolution und der allgemeinen nationalrevolutionären Bewegung verzichten. Man will sich im Lande nach rechts entwickeln und der Nep, dem Privatkapitalismus, eine kleine Ausdehnung gestatten. Um diesen Preis hofft man, die Kriegsgefahr abzuwenden, die internationale Lage der Sowjetunion zu verbessern und auch die inneren Schwierigkeiten zu beseitigen, oder wenigstens zu vermindern. Der ganze Plan basiert auf der einzigen Annahme, daß der Kapitalismus auf Jahrzehnte hinaus gesichert ist.

In Wirklichkeit bedeutet dieses »Manöver« unter den augenblicklichen Umständen eine völlige Kapitulation der Sowjetmacht, den Weg von der Nep, vom kapitalistischen Einzelunternehmer, zum Kapitalismus überhaupt. Die Imperialisten würden alle unsere Zugeständnisse annehmen, um so schneller zu neuen Angriffen und selbst zum Kriege überzugehen. Die Kulaks, die Nepleute und die Bureaukraten würden auf unsere Konzessionen hin um so beharrlicher alle antikommunistischen Kräfte gegen unsere Partei organisieren. Unsere ganze »Taktik« würde nur unsere neue Bourgeoisie so eng wie möglich mit der ausländischen Bourgeoisie verbinden. Die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion würde unter die völlige Kontrolle des internationalen Kapitals geraten, so daß wir jeden geliehenen Penny mit einem Rubel Sklaverei bezahlen müßten. Und die Arbeiterklasse und die große Masse der Bauern, sie würden ihren Glauben an die Macht des Sowjetstaates und an seine Führung verlieren.

Wir müssen natürlich versuchen, uns, wenn es möglich ist, vom Kriege »loszukaufen«. Aber gerade aus diesem Grunde müssen wir stark und geeint bleiben, müssen wir unentwegt die Taktik der Weltrevolution verteidigen und die Internationale zu stärken suchen. Nur auf diese Art haben wir eine ernstliche Möglichkeit, den Krieg genügend lang hinauszuschieben, ohne dabei einen Preis zu bezahlen, der die Grundlage unserer Macht zerstört und uns, falls der Krieg sich als unvermeidlich erweisen sollte, der Unterstützung des internationalen Proletariats und der Möglichkeit des Siegens beraubt.

Lenin machte den Imperialisten gewisse wirtschaftliche Zugeständnisse, um sich vom Kriege loszukaufen, oder um internationales Kapital zu billigen Bedingungen heranzuziehen. Aber weder unter diesen Umständen, noch in den schwierigsten Augenblicken der Revolution hat Lenin je daran gedacht, das Monopol des auswärtigen Handels zu zerstören, den wohlhabenden Bauern politische Rechte einzuräumen, von der Unterstützung der Weltrevolution und deren Taktik abzugehen.

Wir müssen daher in erster Linie rückhaltlos und mit aller Kraft für die Ermutigung und Stärkung der internationalen Revolution eintreten. Wir müssen uns entschlossen allen diesen pseudostaatsmännischen Tendenzen des Nachgebens entgegenstellen, die sich in Bemerkungen zeigen, wie diesen, wir hätten kein Recht gehabt, uns in die chinesischen Verhältnisse einzumischen, wir sollten lieber so schnell wie möglich uns aus China hinausmachen, wenn wir uns vernünftig benähmen, würden uns die andern schon in Ruhe lassen, usw. Die »Theorie« des Sozialismus in einem einzelnen Lande spielt jetzt eine tatsächlich zersetzende Rolle und verhindert offenbar den Zusammenschluß der internationalen Kräfte des Proletariats um die Sowjetunion. Sie lullt die Arbeiter der anderen Länder ein, indem sie ihr Gefühl für die augenblicklichen Gefahren abstumpft.

2. Eine andere Aufgabe von gleicher Wichtigkeit ist die Festigung unserer Parteireihen, ist die Beschneidung der Möglichkeit für die Imperialisten und die Führer der Sozialdemokratie, offen auf eine Zersplitterung der Partei und auf weitere Ausschließungen zu hoffen. Alles dieses hat eine direkte Verbindung mit der Kriegsfrage, denn die ganzen gegenwärtigen Versuche der Imperialisten stützen sich auf solche politische Stimmungsmomente. Alle Organe der internationalen Bourgeoisie und Sozialdemokratie zeigen jetzt ein ganz ungewöhnliches Interesse für unsere inneren Parteistreitigkeiten. Sie ermutigen und hetzen offen die jetzige Majorität des Zentralausschusses, die Opposition aus den leitenden Organen der Partei, und wenn möglich, auch aus der Partei selbst zu entfernen, ja sich gänzlich ihrer zu entledigen. Von der reichsten bürgerlichen Zeitung, der New York Times an, bis zu dem höchst geschmeidigen Organ der zweiten Internationale, der Wiener Arbeiterzeitung Otto Bauers, beglückwünschen alle Organe der Bourgeoisie und der Sozialdemokraten die »Regierung Stalins« zu ihrem Kampf gegen die Opposition. Sie drängen diese Regierung, auch weiterhin ihre »staatsmännische Klugheit« zu zeigen durch eine entschlossene Beseitigung dieser oppositionellen »Propagandisten der internationalen Revolution«. Bei sonst gleichbleibenden Verhältnissen wird ein Krieg um so später eintreten, je länger die Hoffnungen des Feindes auf eine Ausschließung der Opposition unerfüllt bleiben. Ja, wir können uns sogar, wenn dies möglich ist, von einem Kriege loskaufen und, wenn wir zum Kriege gezwungen werden, siegreich behaupten – aber einzig nur, wenn wir einig bleiben, wenn wir die Hoffnung der Imperialisten auf eine Spaltung oder eine Verstümmelung zuschanden machen. Denn diese würden nur den Kapitalisten nützen.

3. Es ist notwendig, unsern Klassenstandpunkt in der internationalen Arbeiterbewegung stärker zu betonen, den Kampf gegen den linken Flügel der Internationale zu beenden, die ausgeschlossenen Mitglieder, soweit sie sich den Kongreßbeschlüssen fügen, wieder aufzunehmen und ein für allemal die Politik des »herzlichen Einvernehmens« mit den verräterischen Führern des englischen Gewerkschaftsausschusses zu verdammen. Ein Bruch mit ihnen wird in der gegenwärtigen Lage dieselbe Bedeutung haben, wie es 1914 der Bruch mit dem internationalen sozialistischen Bureau der zweiten Internationale hatte. Lenin verlangte diesen Bruch in einem Ultimatum von jedem Revolutionär. Ein weiteres Verbleiben in einer Gemeinschaft mit diesem Gewerkschaftsausschuß heißt heute wie damals, den konterrevolutionären Führern der zweiten Internationale helfen.

4. Wir müssen entschieden unseren Standpunkt in der nationalrevolutionären Bewegung verbessern – vor allem in China, aber auch in einer Reihe von andern Ländern. Wir müssen die Politik der Martinow, Stalin und Bucharin aufgeben und zu dem Kurs zurückkehren, den Lenin in den Beschlüssen des zweiten und vierten Kongresses der kommunistischen Internationale festgelegt hat. Im andern Falle werden wir statt eines Förderers, ein Hemmschuh der nationalrevolutionären Bewegung sein und unvermeidlich die Sympathien der Arbeiter und Bauern des Ostens verlieren. Die chinesische kommunistische Partei muß jede organisatorische und politische Abhängigkeit von der Kuomintang beseitigen, sie muß die Kuomintang aus ihren eigenen Reihen entfernen.

5. Wir müssen beharrlich, planvoll und entschlossen für den Frieden kämpfen. Wir müssen den Krieg hinausschieben, »uns von der Kriegsdrohung loskaufen«. Alles, was uns möglich und erlaubt ist, müssen wir zu diesem Zwecke tun. Zur gleichen Zeit müssen wir uns aber auch sofort für einen Krieg bereit machen und keinen Augenblick die Hände in den Schoß legen. Vor allem aber sollten wir dem unnützen, zersetzenden Geschwätz, ob eine unmittelbare Kriegsgefahr drohe, ein Ende machen.

6. Wir müssen entschieden unseren Klassenstandpunkt auf dem Lande verbessern. Wenn der Krieg unvermeidlich ist, dann kann nur eine unbedingt bolschewistische Politik den Sieg erringen, eine Politik, in der Arbeiter, Landarbeiter und arme Bauern im Bündnis mit den Mittelbauern gegen den reichen Bauern, gegen den Privatkapitalisten, gegen den Bureaukraten kämpfen.

7. Wir müssen unsere ganze Wirtschaft, unseren Etat usw. für den Kriegsfall vorbereiten.

Der Kapitalismus ist in eine neue Störungsperiode eingetreten. Ein Krieg mit der Sowjetunion würde, ebenso wie ein Krieg mit China, eine Reihe von Katastrophen für den internationalen Kapitalismus bedeuten. Der Krieg von 1914 bis 1918 war ein gewaltiger »Beschleuniger« (Lenin) der sozialistischen Revolution. Neue Kriege, und besonders ein Krieg gegen die Sowjetunion, würden, wenn wir uns einer korrekten Politik befleißigten, uns die Sympathie der arbeitenden Massen der ganzen Erde gewinnen und dann zu einem noch stärkeren »Beschleuniger« des Niederganges des Weltkapitalismus werden. Sozialistische Revolutionen entwickeln sich auch ohne neue Kriege, aber neue Kriege führen unvermeidlich zu einer sozialistischen Revolution.

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