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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 25
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
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Der Zusammenbruch der chinesischen Revolution und seine Ursache

Der Zusammenbruch der chinesischen Revolution hat, wenn auch nur vorübergehend, das Gleichgewicht der Kräfte zum Vorteil des Imperialismus verändert. Neue revolutionäre Konflikte, eine neue Revolution, sind in China unvermeidlich. Das ergibt sich mit Sicherheit aus der ganzen Lage.

Die opportunistischen Führer versuchen ihre Niederlage als unvermeidliche Folge der ganzen Verhältnisse zu erklären, vergessen aber, daß sie noch gestern eine schnell sich ausbreitende Revolution als Folge derselben Verhältnisse prophezeit haben.

Die entscheidende Ursache des unglücklichen Ausgangs der chinesischen Revolution war die durchaus verkehrte Politik der Leiter der russischen kommunistischen Partei und der ganzen Internationalen. Diese Politik war schuld daran, daß gerade in der entscheidenden Stunde in China keine wirkliche bolschewistische Partei bestand. Jetzt die ganze Schuld allein auf die chinesischen Kommunisten abzuschieben, ist dumm und verächtlich.

Was in Rußland vorging, war ein klassisches Beispiel einer bürgerlich demokratischen Revolution, und dies ist auch der Grund, warum das chinesische Proletariat keinen, dem unsern ähnlichen Erfolg erringen konnte, sondern sich mit der Rolle begnügen mußte, die das europäische Proletariat in den Revolutionen von 1848 spielte. Trotzdem liegt das Eigenartige der chinesischen Revolution unter den augenblicklichen internationalen Umständen nicht in dem Bestehen einer sog. »revolutionären« liberalen Bourgeoisie, auf die die Stalinsche Politik ihre Hoffnung gesetzt hatte, sie liegt auf ganz andern Gebieten.

Die chinesische Bauernschaft, die viel unterdrückter war als die russische unter dem Zarismus, und die nicht nur unter dem Joch einheimischer, sondern auch fremder Ausbeuter litt, konnte sich endlich erheben, und sie erhob sich mächtiger, als es die russische Bauernschaft in der Revolution von 1905 tat.

Schon 1920 schlug Lenin den Chinesen vor, Sowjets, Räte zu schaffen, und wie sehr er damit das Richtige traf, zeigt die ganze Lage der Jahre 1926 und 1927, in denen ein chinesisches Rätesystem eine Bauernherrschaft unter Führung des Proletariats herbeigeführt hätte. Die Räte wären wirkliche Organe der revolutionären, demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft und eine entscheidende Hilfe für die bürgerliche Kuomintang, für die bürgerliche Revolution, geworden.

Die Lehre Lenins, daß eine bürgerlich-demokratische Revolution nur durch ein Zusammengehen der Arbeiter und der von ihnen geführten Bauern gegen die eigentliche Bourgeoisie durchgeführt werden kann, ist nicht nur auf China, sondern auch auf alle ähnlichen kolonialen und halbkolonialen Länder anwendbar und bietet den einzigen Weg zum Siege in diesen Ländern.

Aus dem allen folgt, daß in China eine auf Sowjets gestützte revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauern unter den gegenwärtigen Verhältnissen imperialistischer Kriege und proletarischer Revolutionen alle Möglichkeiten besessen hätte, sich verhältnismäßig schnell in eine sozialistische Revolution umzuwandeln.

Außer dieser Politik gab es nur den menschewistischen Weg einer Union mit der liberalen Bourgeoisie, der aber unvermeidlich zur Niederlage der Arbeiterklasse führt. Dies ist es ja auch, was sich tatsächlich 1927 in China ereignete.

Alle Beschlüsse, die zu Lebzeiten Lenins von dem zweiten und vierten Kongreß der kommunistischen Internationale gemacht worden sind – die Beschlüsse über die Sowjets im Orient, über die völlige Unabhängigkeit der kommunistischen Arbeiterparteien in Ländern mit einer nationalrevolutionären Bewegung und über das Zusammengehen der Arbeiterklasse mit den Bauern gegen ihre Bourgeoisie und die ausländischen Imperialisten – sie waren vollständig vergessen.

Der Beschluß des siebenten verstärkten Plenums der Internationale vom November 1926 vermied nicht nur eine wirklich leninistische Beurteilung der sich bereits mächtig entwickelnden Verhältnisse in China, sondern er ging zu einem ganz und gar bürgerlich menschewistischen Kurs über. In diesem Beschlüsse wurde, so unglaublich es klingt, auch nicht ein Wort über den ersten konterrevolutionären Staatsstreich Tschang Kai-scheks vom März 1926 gesagt. Nicht ein Wort über das Erschießen von Arbeitern und Bauern und über andere Unterdrückungsmaßregeln, die die Kantonregierung während des Frühlings und Sommers 1926 in einer ganzen Reihe von Provinzen durchführte. Nicht ein Wort über die gegen die Arbeiterklasse gerichteten Zwangsentscheidungen. Nicht ein Wort über die Niederschlagung der Arbeiterausstände durch die Kantonregierung, über den Schutz, den sie den gelben Arbeitergewerkschaften angedeihen ließ. Nicht ein Wort über die Bemühungen der Kantonregierung, die Bauernbewegung zu erdrosseln und zu verleumden und ihre Ausbreitung zu verhindern. In dem Beschluß des siebenten Plenums ist kein Aufruf zur Bewaffnung der Arbeiter, zum Kampf gegen den konterrevolutionären Generalstab. Die Truppen Tschang Kai-scheks werden in diesem Beschluß eine revolutionäre Armee genannt. Keine Aufforderung zur Schaffung einer täglich erscheinenden kommunistischen Presse befindet sich darin, und es wird nicht einmal klar und deutlich ausgesprochen, daß wir eine ehrliche und unabhängige kommunistische Partei in China haben müssen. Zu dem allen kommt noch, daß das siebente Plenum die Kommunisten drängte, in die nationale Regierung einzutreten, was unter den augenblicklichen Verhältnissen nur das denkbar größte Unheil herbeiführen würde.

Der Beschluß der Internationale sagt: »Das System der nationalen revolutionären Regierung (damit ist die Regierung Tschang Kai-scheks gemeint) bietet einen wirklichen Weg zur Solidarität mit den Bauern.« Ferner sagt er (im November 1926!): »Selbst gewisse Schichten der Großbourgeoisie können eine Zeitlang Hand in Hand mit der Revolution marschieren.«

Der Beschluß des siebenten Plenums ging schweigend über die Tatsache hinweg, daß der Zentralausschuß der chinesischen Partei nach März 1926 die Verpflichtung annahm, den Sun-Yatsenismus nicht zu kritisieren; daß er auf die Grundrechte einer unabhängigen Arbeiterpartei verzichtete, ein reaktionäres liberales Bauernprogramm annahm und schließlich dem Sekretär seines Zentralausschusses, dem Genossen Tschen Duschiu, erlaubte, in einem offenen Briefe vom 4. Juli 1926 den Sun-Yatsenismus als die »allgemeine Ansicht« der Arbeiter und Bürger in der nationalen Bewegung anzuerkennen.

Annähernd zu der gleichen Zeit erklärten höchst verantwortliche russische Genossen, die Ausbreitung eines Bürgerkrieges in China würde die Kampffähigkeit der revolutionären Regierung schwächen, mit andern Worten, sie verhinderten offiziell die Entwicklung der agrarischen Revolution.

Am 5. April 1927, als die ganze Lage schon genügend klar sein konnte, erklärte Genosse Stalin auf einer Versammlung der Moskauer Parteileitung, Tschang Kai-schek sei ein Kämpfer gegen den Imperialismus, er habe sich den Grundsätzen der Kuomintangpartei unterworfen und müsse daher als zuverlässiger Bundesgenosse angesehen werden. Mitte Mai, als sich die Lage noch mehr geklärt hatte, erklärte Genosse Stalin, die Kuomintang in Wuhan sei eine revolutionäre Regierung, sei ein revolutionäres, von allen rechtsstehenden Elementen gesäubertes Zentrum.

Das achte verstärkte Plenum der Internationale vom Mai 1927 fand nicht in sich die Kraft, diese menschewistischen Irrtümer zu korrigieren.

Die Opposition brachte auf diesem achten Plenum folgende Darlegung ein:

»Das Plenum würde richtig handeln, wenn es die Resolution Bucharins ganz verwürfe und statt dessen eine Resolution nach folgenden Gesichtspunkten annähme: Die Bauern und Arbeiter sollten den Führern der Kuomintang nicht trauen, sondern sich in Gemeinschaft mit den Soldaten ihre eigenen Sowjets schaffen. Die Sowjets sollten die Arbeiter und die Avantgarde der Bauern bewaffnen. Die kommunistische Partei sollte eine völlige Unabhängigkeit besitzen, eine täglich erscheinende Presse gründen und die Führung in der Errichtung der Sowjets übernehmen. Das Land sollte den Gutsherren sofort genommen werden. Die reaktionäre Bureaukratie sollte sofort beseitigt werden. Gegen verräterische Generale und überhaupt gegen Konterrevolutionäre sollte ohne Verzug vorgegangen werden. Das allgemeine Ziel müßte eine demokratische Diktatur durch die Sowjets der Arbeiter- und Bauernvertreter sein.«

Der Versuch der Opposition, die Partei darauf aufmerksam zu machen, daß die Regierung in Wuhan durchaus nicht revolutionär sei, wurde von Stalin und Bucharin als »ein Kampf gegen die Partei«, als »ein Angriff auf die chinesische Revolution« bezeichnet.

Nachrichten, die den wirklichen Verlauf der Revolution und Konterrevolution in China kennzeichneten, wurden verheimlicht oder gefälscht. Die Sache ging so weit, daß das Zentralorgan unserer Partei die Entwaffnung der Arbeiter durch die chinesischen Generale unter der Überschrift »Verbrüderung der Soldaten mit den Arbeitern« ankündigte. In Verhöhnung der Lehren Lenins versicherte Stalin, das Verlangen der Errichtung von Sowjets in China bedeute das Verlangen einer sofortigen Diktatur des Proletariats. Tatsächlich hat Lenin schon während der Revolution von 1905 die Sowjets als Organe einer demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern verlangt. Das von der Opposition zur rechten Zeit gestellte Verlangen nach Errichtung von Sowjets in China wurde von Stalin und Bucharin mit der Beschuldigung einer »Unterstützung und Förderung der Konterrevolution« beantwortet. Als die Häuser der revoltierenden Bauern und Arbeiter durch die »revolutionären« Generale zerstört wurden, erhoben Stalin und Bucharin, um ihren Bankerott zu verschleiern, plötzlich selbst die Forderung der Errichtung von Sowjets in China – und dann vergaßen sie es schon am nächsten Morgen wieder.

Zuerst wurde die chinesische kommunistische Partei als »eine Mustersektion der Internationale« bezeichnet, und die leiseste Kritik, die sich die Opposition über sie erlaubte – zu einer Zeit, da Fehler noch korrigiert werden konnten–, wurde unterdrückt und als ein »verächtlicher Angriff« auf die chinesische Partei beschimpft. Später, als der traurige Fehlschlag der Martinow, Stalin und Bucharin völlig klar wurde, versuchte man alle Schuld auf die junge chinesische kommunistische Partei zuschieben.

Diese menschewistische Politik erhält ihren schärfsten Ausdruck durch eine freie und offene Verfälschung der revolutionären Lehren Lenins. Stalin, Bucharin und die »Schule der Jungen« sind jetzt dabei, zu beweisen, daß die Lehren Lenins über die nationalen revolutionären Bewegungen auf eine Empfehlung des Zusammenwirkens mit der Bourgeoisie hinauslaufen.

Im Jahre 1920, auf dem zweiten Kongreß der kommunistischen Internationale, sagte Lenin: »Es hat eine gewisse Annäherung der bürgerlichen Klassen der imperialistischen und kolonialen Länder stattgefunden, so daß sehr häufig, ja in den meisten Fällen, die Bourgeoisie des unterdrückten Landes, obgleich sie die nationale Bewegung begünstigt, zur selben Zeit gemeinsam mit der imperialistischen Bourgeoisie gegen alle revolutionären Bewegungen und revolutionären Klassen kämpft.«

Lenin würde mit denselben Worten heute diejenigen verurteilen, die sich auf ihn beziehen, um ihr menschewistisches politisches Zusammengehen mit Tschang Kai-schek und andern zu rechtfertigen. Lenin sagte gerade über diese Frage im März 1917:

»Unsere Revolution ist bürgerlich, und darum sollten die Arbeiter die Bürger unterstützen«, sagen unnütze Politiker aus dem Lager der Nutznießer der Revolution. »Unsere Revolution ist bürgerlich,« sagen wir Marxisten, »darum müßten die Arbeiter dem ganzen Volke die Augen öffnen über die Betrügereien der bürgerlichen Politiker und das Volk lehren, den Worten dieser Politiker nicht zu glauben, sondern sich auf ihre eigene Kraft, ihre eigene Organisation, ihre eigenen Verbände, ihre eigenen Waffen und Munition verlassen.«

In den Augen des internationalen Proletariats dürfte es kein größeres Verbrechen geben, als ein solcher Versuch, Lenin als den Apostel eines Bündnisses mit der Bourgeoisie hinzustellen. Man wird in der Geschichte der revolutionären Bewegung kaum einen Fall finden, wo marxistische Prophezeiungen sich so rasch erfüllt haben, wie die der Opposition über die Probleme der chinesischen Revolution in den Jahren 1926 und 1927.

Ein Studium des Verlaufs der Ereignisse in der chinesischen Revolution und der Ursachen ihres Zusammenbruchs ist eine wichtige und dringende Aufgabe für die Kommunisten der ganzen Welt.

Diese Fragen werden morgen Lebensfragen für die ganze Arbeiterbewegung nicht nur in China, sondern auch in Indien und den andern östlichen Ländern – und so für das internationale Proletariat überhaupt werden. In den Debatten über diese Fragen, die die Grundlagen der marxistischen Weltanschauung berühren, handelt es sich um die Heranbildung von Regimentern echter Bolschewisten für die kommende Revolution.

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