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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 23
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
publisherAvalun-Verlag
translatorWilhelm Cremer
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Der Bund der kommunistischen Jugend

Der falsche politische Kurs und die Unterdrückung jeder selbständigen Meinung sind besonders stark auch in den Bund der kommunistischen Jugend hineingetragen worden. Die internationale Erziehung des jungen Arbeiters ist mehr und mehr in den Hintergrund geraten. Alles kritische Denken hat man unterdrückt und verfolgt. Für leitende Stellungen in der kommunistischen Jugendorganisation verlangt der Parteiapparat vor allem einmal Gehorsam und dann Bereitwilligkeit, sich an der Verfolgung der Opposition zu beteiligen. Der proletarische Teil der unteren Organisationen, der wirklich gesunde Teil, wird durch ein solches Regime aller Persönlichkeitswirkung beraubt. Hier bereitet die verkehrte Politik, die die Parteispitze verfolgt, noch mehr als in der Partei selbst, allen kleinbürgerlichen Einflüssen den Weg.

In den letzten Jahren hat der Bund der kommunistischen Jugend sehr schnell an Mitgliedern zugenommen, aber leider auf Kosten seiner sozialen Zusammensetzung. Seit der Zeit des dreizehnten Parteikongresses ist der proletarische Kern in dieser Organisation von 40,1 Prozent auf 34,4 Prozent und die Zahl der in den Industrien beschäftigten jungen Arbeiter von 49,8 Prozent auf 47 Prozent gesunken. Die politische Aktivität der jungen Arbeiter läßt ebenfalls nach.

Unter diesen Umständen war es ein außerordentlich grober Fehler – zu dem man nur infolge der sich erweiternden Kluft zwischen dem Bund und der Masse der Arbeiterjugend kommen konnte –, daß man durch eine Reihe neuerlicher Bestimmungen unter Verletzung der Entschlüsse des vierzehnten Kongresses die soziale Lage der jungen Arbeiter noch mehr gesenkt hat (durch Beschneidung der Schutzbestimmungen für Lehrlinge, der besonderen Lohnskala für Lehrlinge, durch Verminderung der Zahl der Lehrlinge in den Industrieschulen und, was auch hierher gehört, durch den Versuch, unbezahlte Lehrlingsarbeit einzuführen).

Der Bund der kommunistischen Jugend auf dem Lande verliert immer mehr seinen proletarischen und kleinbäuerlichen Zustrom. Seine kulturelle, wirtschaftliche Arbeit bewegt sich auf dem Lande grundsätzlich in der Richtung einer Förderung individueller Unternehmungen. Der verhältnismäßige Einfluß der Armen sinkt überall – in der allgemeinen Zusammensetzung der ländlichen Lokalverbände, im aktiven Stab, in dem aus Parteimitgliedern zusammengesetzten Kern. Gleichlaufend mit dieser fortwährenden Verminderung des Einflusses der jungen Stadtarbeiter, füllt sich der Bund auf dem Lande mit mittlerer und wohlhabender Bauernjugend.

Wie in der Stadt, so wächst auch auf dem Lande das Bestreben der kleinbürgerlichen Elemente, die Leitung des Bundes in seine Hände zu bekommen. Die Gruppe der geistigen Arbeiter und der »Verschiedenen« spielt mehr und mehr eine beträchtliche Rolle, besonders in den ländlichen Organisationen.

Sechsunddreißig Prozent aller neuen Parteimitglieder kommen aus den Reihen des Bundes der kommunistischen Jugend. Nun sind aber in dem Parteikern des Bundes ein Viertel bis ein Drittel Nichtproletarier. In den Parteikernen der ländlichen Organisationen vermehren sich die Mittelbauern rapide auf Kosten der Landarbeiter und der armen Bauern. (20 Prozent waren 1925 Mittelbauern, 32,5 Prozent im Jahre 1927.) So hat sich der Bund der kommunistischen Jugend in eine Quelle zur Durchsetzung der Partei mit kleinbürgerlichen Elementen verwandelt. Um eine weitere Schwächung der beherrschenden Rolle des proletarischen Kerns und seine Rückwärtsdrängung durch Neulinge aus den Kreisen der Intelligenz, der geistigen Arbeiter und der wohlhabenden Landschichten, die unvermeidlich eine kleinbürgerliche Entartung des Bundes mit sich bringen müßte, zu verhindern, sind folgende Maßnahmen notwendig:

  1. Sofort mit der allmählichen Vernichtung unserer revolutionären Eroberungen auf den Arbeits- und Erziehungsgebieten des jungen Proletariats aufzuhören und die neuerdings eingetretene Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen wieder zu beseitigen. Dies ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Kampf gegen ungesunde Tendenzen im Bunde der kommunistischen Jugend, gegen Trunksucht, Roheiten und dergleichen.
  2. Gleichzeitig mit dem allgemein wachsenden Wohlstande der Arbeiterklasse auch die materielle und kulturelle Lage der jungen Arbeiter durch höhere Löhne, durch Vermehrung der Industrieschulen und Handelskurse zu heben.
  3. Die Beschlüsse früherer Kongresse durchzuführen, im Verlaufe von einigen Jahren die gesamte Jugend der städtischen Arbeiter und des ländlichen Proletariats in dem Bunde zu organisieren.
  4. Mit besonderer Energie daranzugehen, die arme Bauernjugend in den Bund hineinzubringen.
  5. Die ärmeren Mittelbauern in den Bund hineinzubringen, und von den andern Mittelbauern nur diejenigen, die sich in der sozialen Arbeit und besonders im Kampfe gegen den Kulak bewährt haben.
  6. Den Bund zu einem Anwalt der ländlichen Armut zu machen, indem er auf dem Lande eine neue Gesellschaft heranzieht, nicht auf der Grundlage individueller Bereicherung, sondern der gemeinsamen, kollektivistischen Arbeit in der Landwirtschaft.
  7. Die soziale Zusammensetzung des Parteikerns dadurch zu verbessern, daß in den nächsten zwei Jahren nur noch unter Arbeitern, Landarbeitern und armen Bauern Mitglieder geworben werden.
  8. Die Leitung der Organe der kommunistischen Jugend zu proletarisieren, indem man planmäßig und entschlossen nur noch Landarbeiter und Arme in die Führerstellungen hineinbringt. Anzuordnen, daß in den großen Industriezentren die Bezirksausschüsse mit ihren Bureaus in überwältigender Mehrheit aus Fabrikarbeitern bestehen sollen und daß diesen eine wirkliche Führerarbeit übertragen wird.
  9. Einen ernsten Kampf gegen alles Bureaukratenwesen im Bunde zu beginnen und das bezahlte Beamtentum abzubauen, indem man es auf ein unbedingt notwendiges Minimum herabsetzt. Die Arbeit des Bundes wenigstens zur Hälfte und in den Industriezentren zu drei Vierteln durch unbezahlte Hilfe ihrer Mitglieder auszuführen und gerade die einfachen Mitglieder dazu heranziehen.
  10. Die kulturelle und erziehliche Arbeit des Bundes aufs engste mit einer aktiven, täglichen Teilnahme an dem allgemeinen politischen Leben der Partei, der Sowjets, der Gewerkschaften und Genossenschaften zu verbinden.
  11. Dem bureaukratischen Aktenregime, dem ertötenden Regime obrigkeitlicher Verordnungen, dem verlogenen und unwissenden Regime von Anweisungen zur Verfolgung der Opposition ein Ende zu machen. An seine Stelle und auf der Grundlage lebendigen Urteils, kameradschaftlichen Meinungsaustausches und wirklichen Lernens das Studium des Marxismus und Leninismus zu setzen.
  12. In Taten, nicht in Worten, das demokratische Prinzip anzunehmen und mit der Unterdrückung und Verfolgung derjenigen, die noch an selbständigen Ansichten in Partei- und Bundesfragen festhalten, endlich aufzuhören.
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