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Die wirkliche Lage in Rußland

Leo Trotzki: Die wirkliche Lage in Rußland - Kapitel 17
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authorLeo Trotzki
titleDie wirkliche Lage in Rußland
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Die Sowjetunion und die internationale kapitalistische Wirtschaft

In dem langen Kampf zwischen zwei unversöhnlichen, feindlichen Wirtschaftssystemen – dem Kapitalismus und dem Sozialismus – wird das Ergebnis in letzter Hinsicht durch das Verhältnis der Fruchtbarkeit der Arbeit unter den beiden Systemen bestimmt. Diese aber wird nach den Marktbedingungen durch das Verhältnis zwischen unseren einheimischen und den Weltpreisen beurteilt. An diese wesentliche Tatsache dachte Lenin, als er in einer seiner letzten Reden die Partei vor der kommenden »Probe« warnte, »die uns durch den russischen Markt und den Weltmarkt auferlegt wird, der wir unterworfen und an die wir gebunden sind und von der wir uns nicht frei machen können.« Aus diesem Grunde ist die Idee Bucharins, daß wir uns in jedem Tempo, selbst in einem »Schildkrötentempo«, nach dem Sozialismus hin entwickeln könnten, nichts als eine kleinbürgerliche Spielerei.

Wir können uns nicht vor der kapitalistischen Umgebung unter einer ausschließlich nationalen Wirtschaft verstecken. Gerade wegen ihrer Abschließung würde eine solche Wirtschaft sich nur in einem unendlich langsamen Tempo entwickeln können und infolgedessen nicht einem geschwächten, sondern einem verstärkten Druck sowohl der kapitalistischen Armeen und Flotten (der Intervention), als auch vor allem der billigen kapitalistischen Waren ausgesetzt sein.

Das Monopol des Auslandshandels ist eine notwendige Waffe für das Lebendigbleiben einer sozialistischen Entwicklung, solange die kapitalistischen Länder eine höhere Technik besitzen. Aber die jetzt in der Bildung begriffene sozialistische Wirtschaft kann dieses Monopol nur verteidigen, wenn sie sich ständig der Weltwirtschaft in der Technik, in den Produktionskosten, in der Qualität und den Preisen ihrer Produkte annähert. Das Ziel der wirtschaftlichen Führerschaft sollte nicht eine abgeschlossene, sich selbst genügende Wirtschaft sein, die zu einer unvermeidlichen Senkung ihres Niveaus und ihres Entwicklungstempos kommen muß, sondern ganz im Gegenteil – ein allseitiges Anwachsen unserer relativen Bedeutung im Weltsystem, eingeleitet durch eine möglichst hohe Beschleunigung dieses Tempos.

Hierzu ist notwendig: 1. Die ungeheure Bedeutung unseres Exports zu verstehen, der jetzt in so gefährlicher Weise hinter unserer gesamten Industrieentwicklung zurückbleibt. (Der Anteil der Sowjetunion am gesamten Umsatz des Welthandels hat sich vermindert von 4,22 Prozent im Jahre 1913 auf 0,97 Prozent im Jahre 1926.) 2. Besonders unsere Politik dem Kulak gegenüber zu verändern, die es ihm ermöglicht, unseren sozialistischen Export durch ungesetzliches Anhäufen von Rohprodukten zu untergraben. 3. Unsere Verbindungen mit der Weltwirtschaft zu stärken durch eine umfassende Beschleunigung der Industrialisierung und der Stärkung der sozialistischen Elemente gegenüber den kapitalistischen Elementen in unserer Wirtschaft; unsere begrenzten Kräfte allmählich und nach wohlerwogenem Plane zu einer neuen Produktionsform hinzuleiten, die uns zunächst einmal einen Massenertrag der notwendigsten und nützlichsten Maschinen sichert.

Wenn wir unsere Hoffnung auf eine isolierte sozialistische Entwicklung und auf ein von der Weltwirtschaft unabhängiges Tempo setzen, so fälschen wir damit die ganze Perspektive. Unsere Wirtschaftsführung kommt damit aus dem richtigen Geleise und verliert die leitenden Fäden zu einer günstigen Regelung unserer weltwirtschaftlichen Beziehungen. Wir können gar nicht mehr entscheiden, was wir selbst fabrizieren und was wir aus dem Auslande einführen sollen. Eine entschlossene Abkehr von der Theorie einer isolierten sozialistischen Wirtschaft führt im Verlauf weniger Jahre zu einer unvergleichlich schnelleren Ausnutzung unserer Hilfskräfte, zu einer schnelleren Industrieentwicklung, zu einem planvollen und starken Anwachsen unserer eigenen Maschinenerzeugung. Sie führt auch zu einer schnelleren Vermehrung der Zahl der beschäftigten Arbeiter und zu einer wirklichen Senkung der Preise – mit einem Wort, zu einer wahren Stärkung der Sowjetunion in der kapitalistischen Umgebung.

Wird aber das Anwachsen der Verbindungen mit dem Weltkapitalismus nicht zu einer Gefahr im Falle einer Blockade und eines Krieges führen? Die Antwort auf diese Frage geht aus allem bereits Gesagten hervor:

Die Vorbereitung zum Kriege verlangt natürlich die Schaffung einer Reserve an ausländischem Rohmaterial, soweit dies für uns und für die schnelle Entwicklung lebenswichtiger Industrien – wie z. B. der Produktion von Aluminium usw. – nötig ist. Aber die wichtigste Sache im Falle eines sich lange hinziehenden und ernsthaften Krieges ist doch der Besitz einer eigenen, möglichst hochentwickelten Industrie, die sowohl zur Massenproduktion wie zur schnellen Umstellung von einer Produktionsart in die andere befähigt ist. Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, daß ein so hochentwickeltes Industrieland wie Deutschland, das mit tausend Fäden an den Weltmarkt gebunden war, eine riesenhafte Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit entwickeln konnte, als Krieg und Blockade es auf einen Schlag von der ganzen Welt abschnitten.

Wenn wir, gestützt auf die unvergleichlichen Vorteile unserer wirtschaftlichen Struktur, jetzt den Weltmarkt dazu benutzen, um unsere industrielle Entwicklung zu beschleunigen, so werden wir einer späteren Blockade oder einer Intervention unvergleichlich besser vorbereitet und besser gewaffnet gegenübertreten.

Keine innere Politik kann uns durch sich von der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Gefahr der kapitalistischen Einkreisung befreien. Das innerpolitische Problem besteht darin, durch eine wirkliche Klassenpolitik, durch eine wirkliche Verbindung der Arbeiter und Bauern uns so stark zu machen, daß wir soweit wie möglich auf dem Wege zum sozialistischen Aufbau vorwärtsschreiten können. Die inneren Hilfsquellen der Sowjetunion sind gewaltig und machen dies durchaus möglich. Indem wir den weltkapitalistischen Markt zu diesem Zwecke benutzen, verbinden wir unsere grundlegenden historischen Berechnungen mit der kommenden Entwicklung der proletarischen Weltrevolution. Ihr Sieg in verschiedenen führenden Ländern wird den Ring der kapitalistischen Einkreisung zerbrechen und uns von unserer schweren militärischen Last befreien. Sie wird uns gewaltig auf dem Gebiete der Technik stärken, unsere ganze Entwicklung in der Stadt und auf dem Lande, in den Fabriken und Schulen beschleunigen. Sie wird uns die Möglichkeit geben, wirklichen Sozialismus zu schaffen – das heißt eine klassenfreie Gesellschaft, aufgebaut auf einer höchst entwickelten Technik und auf einer wirklichen Gleichheit aller ihrer Mitglieder in der Arbeit und im Genuß der Arbeitsprodukte.

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