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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Abends mußte ich an dem langen Tisch im Speisesaal mit meinem Vater sitzen und warten, bis er seine Maß gewürzten Wein getrunken und zwei Pfeifen Tabak geraucht hatte. Auch ich mußte Wein trinken, obschon er mir widerstand und Übelkeit brachte. Dann mußte ich allein durch den Gang gehen, in dem die Uhr mit dem Tödlein stand und mit wuchtigen Schlägen die Zeit maß und teilte. Ich hielt ängstlich die Hand vor mein Licht, damit der Zug es nicht verlösche und etwa im Dunkeln die alte Frau aus dem Kasten springe. Hätte mein Vater von dieser Angst gewußt, so wäre für mich ein Bett gerade vor dem Schrank aufgeschlagen worden, und einige Nächte hätte ich sicherlich darin verbringen müssen.

Am anderen Ende des Ganges führte eine steile Treppe zu den Mägdekammern. Als ich vorüberkam, sah ich, daß jemand am Fuß der Treppe saß und schlief. Es war die Gudel, ein braunes junges Mädel mit kecken Augen und Zöpfen, die bis an die Kniekehlen hingen. Wenn sie den Wassereimer auf dem Kopfe trug, stachen die spitzen Beeren ihrer Brüste fast durch das Gewand. Wenn ich ihr verlangend nachsah, lachte sie mit den weißen Zähnen und wendete sich des öftern um. Da saß sie nun eingeschlafen, nur mit einem kurzen roten Unterrock bekleidet, und dem Hemd, das halb von der Schulter geglitten war. Ich konnte das dunkle Haarbüschel in ihrer Achselhöhle sehen.

Bei meinem Schritt schrak sie zusammen, hob den Kopf und tat schämig die Hand vor die Augen. Ich griff nach ihrem bloßen Arm, der sich fest und kühl anfaßte.

»Laß mich in deine Kammer, Gudel –«, flüsterte ich und war ganz heiß im Gesicht.

Sie lächelte und stieg langsam, sich in den Hüften bewegend, die Treppe hinauf. Ich sah ihre Beine im geheimnisvollen Schatten unter dem roten Rock, und ein starker Geruch wie nach frischem Heu und Schweiß betäubte mich. Sie schlüpfte in den Verschlag, den sie bewohnte, und hielt die Türe zu, aber so schwach, daß ich sie ohne große Mühe eindrücken konnte.

»Der junge Herr ist ein Arger –«, lachte sie.

Ich griff nach ihr, und sie kicherte leise. Ich ward wie von Sinnen und packte sie und warf sie auf das blaue Bettzeug, keuchend und mit ihr ringend.

»So lösch doch der Herr das Licht –«, rief sie halb erstickt.

Ich ließ sie los und blies mit unnötig starkem Atem das Licht aus. Es rauschte im Dunkeln, die Bettstatt knackte. Modrig roch das Zeug der Polster. Zwiebelgeruch wehte mir warm entgegen. Ich zwängte meine Knie zwischen die ihren – – –

»Der junge Herr ist wohl noch ungeschickt –«, lachte sie wiederum auf und zog mich an sich. Ihre Arme legten sich fest um meinen Nacken –. »Aber keinem was verraten«, sagte sie nachher und strich mit ihrer groben Hand über meinen Rücken. Da ging die Tür auf. Mein Herz blieb stehen. Der Balthes war es, der Meierknecht, mit der großem Hornlaterne. Dumm und stumm sah er auf uns im Bett. Die Gudel nahm einen Zipfel des Bettuches in den Mund. Ihr ganzer fester Körper schüttelte sich vor verhaltenem Lachen.

»So soll doch ein tausendpfündiges siediges Donnerwetter –«, begann der Balthes. Aber dann blieb ihm der Mund offenstehen. Die Gudel aber sprang flugs im Hemde aus dem Bett, ging zu ihm hin und sagte leise etwas. Der Balthes ließ den Kopf hängen, zog ein schiefes Maul und kratzte sich hinter dem Ohr. Ich erinnerte mich, daß er im Hause als der Schatz der Gudel galt und daß es hieß, sie wollten heiraten.

»So geh doch nur – geh! Weißt ja, daß nichts weiter dran ist«, zischelte die Gudel und schob ihn zur Tür hinaus. Sein breiter Rücken, geduckt und stark, hatte etwas Trauriges an sich. Der Rücken eines Betrübten war es.

Es war wieder dunkel, und die Gudel schlich mit leisem Knacken der Gelenke ins Bett und wälzte sich zu mir. Mir war alle Lust an ihr vergangen, und ich lag ganz still. Da küßte sie mich zärtlich und sang leise dazu:

»Ei Du mein wackeres Reiterlein,
Dein Rößlein schnaubet frei
Du magst mit ihm wohl traben
Ein Stündlein oder zwei.«

Aber ich stieß die Hand weg und sagte: »Was hast du mit dem Balthes gewispert?«

Sie lachte: »Du neugieriges Büble –«

Und warf sich über mich, daß mich ihr Haar im Gesicht kitzelte.

Da ward ich zornig und stieß grob nach ihr. Sogleich lag sie still und schwieg.

»Was hast du geredet?«

Sie schupfte die Achseln und drehte sich im Dunkeln von mir weg.

»Gudel, ich schenk dir meinen Tauftaler – aber sag es mir!«

»Nun, was?« sagte sie hart, »daß es um unser Heiratsgut geht, weiter nichts.«

Ich verstand das nicht.

»Wie – um dein Heiratsgut?«

»Der gnädige Herr hat es mir geschafft, und so hab ich es getan und tu's wieder, sooft der Herr Junker Verlangen nach einem Frauensmensch hat. Dafür sollen der Balthes und ich dann auf dem Wildemannslehen hausen und hofen dürfen.«

Jetzt wußte ich es.

»Und hab müssen gar in die Stadt zum Spitteldoktor, wo die freien Weiber herinnen liegen, und mich hint und vornen anschauen lassen, ob mein Geblüt gesund ist. Hab ein Zettel mitbekommen, und der gnädige Herr hat ihn gelesen und mich geheißen, ich soll nun zusehen, daß der Herr Junker beizeiten seinen ersten Galopp auf dem Gaul tut, der die Beine nach oben streckt. So hat er gesagt, der gnädige Herr!« Ich setzte mich im Bett auf. Es stank plötzlich in der engen Kammer. Die Luft war kaum zu atmen, und im Halse würgte es mich.

»Schämst du dich gar nicht, Gudel?« Mir war es, als müßte ich jetzt und jetzt weinen.

»Warum schämen?« schrie sie zornig. »Hab' müssen Seiner Gnaden zu Willen sein und dem groben Herrn von Heist auch das Bett erwärmen, wie die große Jagd war. Ich tu, was man mir schafft.«

Auf einmal packte sie mich an den Schultern und schüttelte mich mit fürchterlicher Kraft.

»Speiet mich doch an! Schlaget mich doch! Ihr macht ja aus den Menschen Hunde, ihr Verfluchten, ihr hochmütigen Teufel, und achtet ein armes Weib nicht mehrer als einen Nachtstuhl, wo ihr eure Notdurft verrichtet, wenn es euch ankommt!«

Entsetzt sprang ich aus dem Bett und eilte zur Türe.

Da lief sie mir nach, warf sich auf die Erde und umfaßte meine Knie.

»Erbarmen! Höret nicht auf das, was ich schwatzte, gnädigster Junker. Vergebet mir doch! Ich will's gutmachen – tretet mich –, aber saget um Gottes Barmherzigkeit willen nichts dem Herrn. Es erginge mir gar übel – hört Ihr, Herr Junker? Und ich hab Euch ja doch Liebes getan in dieser Nacht, mein gnädiger Herr Junker –«

»Hab keine Furcht, Gudel«, sagte ich, aber weiter vermochte ich nicht zu sprechen.

Sie preßte ihren heißen, nassen Mund auf meine Hand, aber ich riß mich los und ging rasch und leise die Treppe hinunter.

Als ich auf dem Gang war, schlug die Holländeruhr Mitternacht. Der Schrank knackte.

Ich blieb stehen.

»Komm doch heraus –«, sagte ich und schlug mit der Faust an den Schrank. Aber es blieb alles still.

Nur von oben kam ein weher, stoßender Ton, wie wenn jemand in seine Kissen weinen würde.

 

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