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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Am Nachmittag wurde der Heiner Feßl hingerichtet. Er hatte den Amtmann belauscht, wie er seiner Frau zusetzte, und da er merkte, daß die Frau dem mächtigen Manne nachgab, war er aus der Werkstatt ins Zimmer gerannt und hatte dem Amtmann ein glühendes Eisen, das im Feuer lag, durch den Leib gestoßen, so daß der Gestrenge elendiglich umkommen und verenden mußte. Grausam hatte er ihn zugerichtet und ebenso die Frau. Sie liege im Sterben, sagten die Leute. – Mächtige Helfer, die sich seiner angenommen hätten, waren nicht da, und so brachen sie ihm das Stäblein.

In der Morgenfrühe war der Angstmann auf das Feld gegangen und hatte es den Raben angesagt, daß Armesünderfleisch zu haben wäre vor Sonnenuntergang. So saßen des Henkers Tauben auf allen Dächern und warteten.

Der Vater hieß mich, den seidenen, lavendelgrauen Rock anzutun und mit ihm gehn.

»Du bist ein Schlappschwanz und Jammerlappen, aber kein Dronte«, sagte er. »Ich werde dich nunmehr in die Kur nehmen, Bürschlein!«

Mir ward übel vor Angst, als ich von weitem den dumpfen Trommelschlag und das Brausen der Menge hörte. Alle Gassen waren voll. Den Feßl hatten sie auf des Henkers Karren überall herumgefahren, und nun sollte er zurückkommen.

Zu meinem Trost mußten wir in ziemlicher Entfernung vom Gerüst stehenbleiben, da die Menge nicht wich und keine Rücksicht auf den Rang meines Vaters nahm.

»Da siehst du, wie keck die Kanaille ist, wenn ihrer viele beisammen sind«, sagte mein Vater laut und zornig. Er ward aber besänftigt, als uns der Bäck, der gerade da seinen Laden hatte, eilfertig zwei Stühle brachte, damit wir einstweilen ruhen konnten.

»Es ist sehr heilsam für dich, was du sehen wirst«, sagte mein Vater nach einer Weile. »Die Gerechtigkeit arbeitet nicht mit Rosenwasser und Zuckerplätzchen. Wäre das, so könnten wir Edelleute Schotter schlagen an den Straßen und unser Hab und Gut dem Gepövel überantworten.«

Auf den Bäumen, die vor uns standen und den Platz umsäumten, saßen viele Menschen. Gerade vor uns hockte ein abscheulicher Kerl, nach Art der hessischen Viehhändler gekleidet, in der Krone einer Linde. So widerwärtig mir sein Anblick auch war, ich mußte immer wieder hinsehen. Unter dem abgegriffenen Dreispitz, den er trug, grinste ein Affengesicht mit einem Maul, das er auf alle Weise verrenken konnte, wie auch seine gelben Augen auf das gräßlichste zu schielen vermochten. Seine gekrümmte Nase berührte fast das Kinn und gab ihm ein geradezu teuflisches Aussehen, das noch durch die widerlichen Grimassen verstärkt wurde, die er schnitt. Die Leute um ihn herum fanden ihn weniger unheimlich als belustigend, und schrien ihm allerlei derbe und zotige Worte zu, die er mit unanständigen einladenden Gebärden erwiderte.

Dann aber ging ein Ruck und ein Hälserecken durch die Menge. Der traurige Zug war zurückgekommen.

Zwei Knechte in schmutzigen roten Röcken führten einen beleibten älteren Mann mit grauem Haar auf das Gerüst. Hinter ihm stieg der Rotmantel die Stufen hinauf und stand gleich mit nackten Armen da.

»Geistlichen Zuspruch hat der Heiner abgelehnt«, sagte eine Stimme hinter uns. »Er meint, daß die Großen auch im Himmelreich droben Unrecht tun dürfen, nicht nur auf Erden und so hat er keine Lust –«

Mein Vater drehte sich rasch um. Die Stimme schwieg.

»Verfluchtes Pack!« grollte er in sich hinein. »Gut, daß wiederum ein Exempel statuiert wird.«

Jemand las lange mit fetter, näselnder und ganz gleichgültiger Stimme etwas vor. Zwei Stücke Holz flogen auf das Schafott, Stücke vom Stäblein, das der Richter brach. Der Meister Hans trat auf den Schmied zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Das war jetzt sein Recht, und der Feßl knickte ein wenig zusammen. Nun sah ich, daß er ein grobes Hemd trug, an dem schwarze Schleifen waren. Ich hatte den Mann oft in seiner Schmiede lustig arbeiten sehen. Seine Frau war sehr schön und noch jung. Ich sah ihn jetzt gut. Unter seinem grauen, wuscheligen Haar standen die hellen Schweißtropfen auf der Stirne. Auf einmal tat er den Mund auf und ließ sich auf die Knie fallen.

»J–i–i–i«, hörte man.

»Plumplumplum« kollerten die Trommeln der Soldaten, die das Schafott umgaben.

Da stand der Mann auf, fuhr sich mit der Hand über die naßglänzende Stirne und blickte wie verwundert um sich. Aber gleich darauf warfen sich die Knechte auf ihn, zwangen ihn nieder und hantierten mit Stricken und Riemen. Man sah, wie ein Bein in die Luft stieß, gepackt und gebogen wurde und verschwand.

Ich konnte vor Angst kaum atmen. Eine Frau schrie grell auf. Mein Vater schnaufte schwer durch die Nase.

Der Henker trat vor, hob mit beiden Händen ein Rad, dem ein Eisenstück aufgesetzt war, hob es hoch auf und stieß es mit der ganzen Kraft seiner fleischigen Arme nieder.

Ein Winseln – ein Schrei folgte – Heulen –

»O mein – Gott – oh – oh – oh –«

Das Rad hob sich wieder.

»Schinder! Verfluchte Schinder!« schrie in der Menge einer. Soldaten drängten hin, rissen wen heraus, führten ihn seitwärts.

Schreie – Schreie!

Ich erbrach mich.

»Mach, daß du fortkommst!« fauchte mein Vater mich an. Ich stieß schimpfende Menschen zur Seite, drängte, stieß, kam durch – lief – lief – so schnell ich nur laufen konnte.

 

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