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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Wir hatten unter dem blauen Himmel, in ganz warmem, tiefem Sonnenschein geholfen, die Obsternte des großen Angers hinter dem Hause einzubringen. Die Pflaumen troffen vor Süße. Wie Wein schmeckten sie. Wir konnten nicht genug bekommen. Die Reineclauden, an die wir gerieten, waren noch köstlicher. Sie zerschmolzen im Munde.

Am Abend schrie Aglaja vor Schmerzen.

Um Mitternacht war sie tot.

Das Haus war von Jammergeschrei erfüllt. Der Vater hatte sich in sein Schreibzimmer eingeschlossen. Die Mägde heulten in ihre Schürzen.

Aglaja war tot.

Ich ging nur so hin und her, nahm Dinge in die Hand, ohne zu wissen, was ich da ergriffen hatte, lehnte lange, ohne irgend etwas zu denken, mit dem Kopfe an einem geschnitzten Türpfosten, bis mich der Schmerz weckte, trank Wasser aus einer Gießkanne.

Die Tage, die Tage gingen. Ohne Anfang oder Ende. Überall weinte es. Ich sah zu, wie sie aus der Kammer im Flur die Habersäcke ausräumten und die schwarzen Tücher brachten. Wie sie Astern und Herbstrosen schnitten und zu Kränzen wanden, aufschluchzend und mit erdigen Händen die nassen Gesichter beschmierend. Ich streichelte die Klinke der Kammer, eine vom vielen Gebrauch dünn geschliffene Klinke, an der man sich weh tat, wenn man unachtsam war. Aber als sie drinnen die Tücher an die Wände nagelten und die Leuchter aus der Silberkammer brachten, als die Schritte von Leuten, die etwas Schweres trugen, die Treppe herunterkamen, lief ich in den Blätterfall des Gartens.

Nebel zogen und es tropfte. Die schöne Zeit war dahin. Der letzte Tag vorbei. Ich sah einen blauen Laufkäfer und trat nach ihm. Gelbliche Eingeweide quollen aus seinem kleinen Leib, die Beine zuckten, zogen sich still und steif zusammen. So tat ich nicht anders, als mein Vater tat, wenn er Leute schlug. Ich mußte weinen, ganz allein auf einer Bank aus kaltem Stein. Einmal im Sommer war der Stein so heiß gewesen, daß Aglaja und ich versucht hatten, wer länger die Hand auf ihm halten könne. So fein war ihre weiße Hand gewesen, daß sie eine Brandblase bekam. – Ein kalter Tropfen fiel vom Himmel auf meine Stirn.

Ich ging wieder zurück. Dunkelgelbes Licht fiel aus der Kammer; ein Sarg stand auf schwarzverhangenen Böcken, auf dem war ein Kreuz aus Silber, und eine hohe Totenkrone, mit Flittern, buntem Glas und Spiegelchen behängt. Das Wachs rann und tropfte, die Kerzen flackerten. Die Blumen rochen nach Erde. Die Muhme kniete am Sarg.

»O mein Aglajele! Mein Aglajele!« rief sie. »Und daß ihr Gesichtlein nimmer zum kennen ist! – Regnet's schon?« fragte sie mich und wandte mir ihre verschwollenen Augen zu.

»Weiß nicht –«

Und dann kam aus mir ein Aufschrei und ein so wildes Weinen, daß mich die Muhme um die Schultern nahm und mir zusprach.

»Mußt nicht, Bub, mußt nicht – es kommen schon die Leut'!«

Man hörte Füße trappen. Menschen kamen, murmelten. Der Fink im Hausflur sprang in seinem Käfig von Sprosse zu Sprosse und schrie immerfort: »Sieh – sieh – sieh – den Reitzug!«

Ich stand auf.

Der Pfarrer kam. Er hatte den Schnupfen und zog oft das Taschentuch. Er hatte Aglaja getauft und eingesegnet.

Wagen fuhren vor: die Sassens kamen, die Zochte, die Merentheim, die Kürassiere aus der Stadt, der Doktor Zeidlow, die alte Gräfin Trettin, die Hohentrapps.

Eine Glocke läutete im Dorf, schwang; bing – beng – bing – beng. Schulkinder.

Die Muhme winkte dem Lehrer. Ich hörte, wie sie schluchzend sagte: »Er läßt mir dasselbige Lied singen wie bei meinem seligen Hänschen, wenn sie auch schon eingesegnet war. Aber sie ist in weißer Unschuld, gleichsam wie ein neugeborenes Kindlein – O Gott, o Gott!«

Die Ursula Sassen und die Gisbrechte Hohentrapp umfaßten sie und führten sie.

Dann hoben die Diener den Sarg auf und trugen ihn in den Regen hinaus.

Es war nicht weit zum Friedhof. Krähen saßen in den Trauerweiden. Schiefe alte Kreuze verneigten sich zu beiden Seiten des kiesbestreuten Weges. Das eiserne Tor des Erbbegräbnisses stand offen mit rostroten Innenseiten. Darüber war aus Marmor ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen. In seinem offengähnenden Maul hatten Vögel ein Nest gebaut. Es stand leer und verlassen. Oben auf dem Kopf wuchs Moos wie wolliges Haar. Alles sah ich.

Sie stellten den Sarg zur Erde, und die Schule sang wieder. Wie die Muhme es gewollt hatte, ein Lied, das man sonst nur bei ganz kleinen Kindern singt. Mein Vetter Hans war zwei Jahre alt gewesen, als er starb.

Wenn kleine Himmelserben
In ihrer Unschuld sterben,
So büßt man sie nicht ein.
Sie werden nur dort oben
Vom Vater aufgehoben,
Damit sie unverloren sein.

Dann sprach der Pfarrer, schneuzte sich, schneuzte sich und sprach. Der alte Mann weinte. Die achtzigjährige Gräfin Trettin führte ihr Spitzentüchlein empor.

»Staub zu Staub –«, sagte der Pfarrer.

Sie trugen den Sarg hinunter. Die Schritte klangen hohl, es gab einen schrecklichen Widerhall. Stimmen kamen aus der Tiefe. Etwas fiel polternd um da drunten in der Finsternis.

Der Regen rauschte immer stärker. Die Wagen fuhren in Wasserlachen. Die Männer banden rote Taschentücher über die Hüte, die Weiber schlugen die Röcke über den Kopf, als sie draußen waren

Mein Vater sah streng nach allen Seiten. Der Küster brachte ihm den Schlüssel der Gruft.

»Da – trink Er eins!« sagte mein Vater, und der Küster, naß und mit den Zähnen klappernd, verbeugte sich tief. Er schnitt ein Gesicht und fuhr mit der Hand nach der Schulter. Er litt am Gliederfluß.

»Die Aglaja friert –«, sagte eine trostlose Stimme in mir. »Die Aglaja –«

Das große Haus war leer, als ich heimkam, die Gänge still. In den Ecken wisperte es, und die Uhren tickten. Die Treppe krachte in der Nacht, und der Wind weinte im Kamin. Es war ein ganz fremdes Haus. So groß und so leer.

 

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