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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Leopold Riemeis. Infanterist, Scheinwerfer 128/B.

Es geht gegen Mitternacht.

Unter meinen Fenstern läuft die Landstraße in die flache Gegend hinaus, endlos, grau. In den Pappeln saust der Wind. Es pickt an meine Scheiben. Geisterfingerchen, wie? Nein, es sind nur die alten Blätter, die so prächtig aushielten in den eiskalten Winterstürmen und die jetzt der feuchte Tauwind pflückt, eines nach dem andern. Herunter mit ihnen! Sollte man es für möglich halten, daß ich, Doktor Kaspar Hedrich, der Mann der exakten Wissenschaft, der Verfasser des vielgelesenen Buches »Die sogenannten okkulten Phänomene. Eine Erledigung«, jetzt hier sitze ein, ein Geschlagener.

Muß ich nun widerrufen, oder was soll ich beginnen? Habe ich als Junge von vierzehn Jahren schärfer und besser gesehen als jetzt?

Ich muß zurückgehen. Ich muß mich losmachen von den dicken Papierblättern, die mein Jugendfreund Sennon Vorauf mit seiner seltsamen, verschnörkelten Schrift, mit einer blaßblauen Tinte so merkwürdig aussehend gemacht hat, als wäre das Ganze ein Bündel Briefe oder Tagebuchblätter aus dem achtzehnten Jahrhundert. Tat er dies absichtlich? Es entspräche gar nicht seiner geraden und aufrichtigen Art. Wenn je ein Mensch ehrlich gegen sich und andere war, wenn einer der Wahrheit mit Leidenschaft anhing, dann war es Sennon Vorauf. Dafür will ich meine Hand ins Feuer legen.

Nach dem entsetzlichen Kriege, nach allem Unglück, das Dummheit und Haß über mein Land gebracht haben, bin ich heimgekehrt. Und das erste, was ich vorfinde, ist dieser dicke, nun entsiegelte und gelesene Pack engbeschriebener Seiten, der bei mir abgegeben wurde, während ich bei den Malariakranken in Alessio oder Lesch, wie es die Schiptaren nennen, einen giftigen und traurigen Sommer verbrachte und durch einen Soldatenbrief nach Tirana gerufen wurde, um nach dem Sennon zu suchen.

Aber ich muß zurück, muß die Dinge von Anbeginn an betrachten. Vielleicht blickt mir Sennon über die Schulter oder sieht, selbst unsichtbar, zum Fenster herein. Wer kann es wissen?

Wir waren viel beisammen in der Kindheit. In seinen Schriften erwähnt er ja die rätselhafte Begebenheit, die sich auf dem Flußeise zutrug und bei der er mir das Leben rettete. Auch mein Vater, der lange im Orient gelebt hatte, glaubte es. Er hat es mir selbst gesagt. Nur ich, ich redete mir später ein, daß ein rasch einsetzendes Erkältungsfieber mir, nachdem ich mich selbst aus dem Wasserloch geborgen, den Gespielen vorgegaukelt habe.

Und was war später? Ich ging einst sehr früh am Morgen zu Sennon, um ihn nach meiner Gewohnheit abzuholen. Er liege noch im Bett, sagte seine Mutter zu mir, ich solle nur hineingehen und ihn aufwecken. Ich trat ein. Sennon lag mit starren und offenen Augen im Bett auf dem Rücken. Seine Brust hob und senkte sich nicht. Ich sah, schon damals ärztlicher Beobachtung zugetan und sie unbewußt übend, daß die Atmung ausgesetzt hatte. Ich ward unruhig und legte die Hand auf die Brust des Freundes. Das Herz stand still.

Furcht erfaßte mich. Sollte ich Frau Vorauf mit der entsetzlichen Nachricht in Verzweiflung stürzen, daß ihr Sohn, an dem sie mit einer ungewöhnlich zarten Liebe hing, tot im Bette liege? Dicke Tränen tropften aus meinen Augen, und ich konnte den Blick nicht von dem ruhigen und stillen Angesicht meines liebsten Gespielen wenden. Da war es mir, als sähe ich in das feine rote Mal, das Sennon wie ein indisches Kastenabzeichen zwischen den geschwungenen Brauen trug, leuchtenden Nebel einströmen, der aus der Luft zu kommen und sich erst in seiner Nähe zu verdichten schien. Aber dies dauerte nur sehr kurz, und während ich noch fassungslos vor Staunen am Bette stand, kam Leben in den entrückten Blick meines Freundes, die Augen bewegten sich, sein gewohntes liebes Lächeln (nie habe ich einen Menschen so bezaubernd lächeln gesehen wie ihn), spielte um seine Lippen und wie erwachend sagte er: »Du bist es, Kaspar?«

Nach Bubenart teilte ich ihm sogleich meine soeben gemachten Wahrnehmungen mit und fügte hinzu, daß ich drauf und dran gewesen sei, entweder die Mutter hereinzurufen oder ihn durch Schütteln und Begießen mit kaltem Wasser ins Leben zurückzurufen. Da sah er mich ernst an und bat mich für den Fall, daß ich ihn jemals wieder in solchem Zustand antreffen sollte, ihn nicht gewaltsam ins Leben zu rufen und diesbezügliche Versuche anderer zu verhindern.

»Es ist schlimmer als das, was man Sterben nennt, wenn an dem dünnen Band zwischen Seele und Leib gerissen wird. Es ist ein Schmerz, dem nichts zu vergleichen ist«, sagte er ernst und nickte vor sich hin.

Ich war unbegreifliche Reden bei ihm gewohnt. Er murmelte oft Namen vor sich hin, deren Bedeutung mir ganz unverständlich war, nannte Personen, mit denen er unmöglich in Berührung gekommen sein konnte. Aber ich war ein Junge, grübelte nicht viel über solche Dinge nach und dachte mir höchstens: »Heut spinnt er wieder, der Sennon!« Dies fiel mir um so leichter, als viele unserer Mitschüler Sennon, bei aller Zuneigung, für ein wenig gestört hielten. Aber dennoch hatten sie ihn alle gern, und mir ist kein Fall bekannt, daß ihn jemand geneckt, mit ihm gestritten oder ihm, wie es Kinder so gerne tun, seine Eigentümlichkeiten vorgehalten hätte. Daß er Liebe und Rücksicht verdiente, das erkannten wohl auch die Rohesten. Denn er war der gütigste und hilfreichste Mensch schon in seiner Jugend. Jeder Anlaß, anderen Gutes zu tun, war ihm willkommen. Und war es nur der kleine Kummer über eine etwa erhaltene schlechte Note – Sennon ruhte nicht, bis er den Betrübten mit seinem liebreichen Trost wieder fröhlich gemacht hatte. Ich selbst hing sehr an ihm, und wenn er mich in seiner sanften Art tadelte, wirkte dies mehr auf mich, als wenn es von meinem eigenen, guten Vater gekommen wäre.

Ja, jetzt in dieser Frühlingsmitternacht, in der der Wind über mein Dach geht und unsichtbare Füße die Straße entlangzuwandern scheinen, immer weiter, einem unerreichbaren Ziele zu, taucht alles wieder auf, was im Strudel der jungen Jahre und in der verlorenen, entsetzlichen, unfruchtbaren Zeit dieses wahnsinnigen Krieges auf den Grund der Seele gesunken ist. Ich erinnerte mich an den Sommertag, an dem ich zu meinem Staunen sah, wie die Singvögel in der Au sich auf Kopf und Schultern des ruhenden Sennon niederließen und ein kleines Wiesel seine Hände beschnupperte. Ein Wiesel! Das scheueste aller Tiere! Und wie alles zerstob, als ich hinzutrat. Ich weiß auch noch, wie Sennon eine kranke Säuferin, die Pomeranzen-Marie, die, von einer schweren Übelkeit erfaßt, mit blauem Gesicht zu Boden stürzte, aufhob, ihr mit der Hand leise über die Stirn strich, worauf sie ihn anlächelte und völlig erholt ihren Weg fortsetzte. Ich war dabei, wie spritzendes Blut, das aus einem Sichelschnitt sprang, stehenblieb, als er hinzutrat, und wie die Flammen auf des Schreiners Kielber Dach zusammenschrumpften, zuckten und erloschen, als Sennon erschien und die Hand ausstreckte. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Wie konnte ich dies alles so gering achten, daß ich es vergaß? Wie leid, wie unsäglich leid ist mir um die Jahre, die ich so stumpf neben ihm verbrachte. Meine ganze exakte Wissenschaft gäbe ich.

Nein, mit gefühlvollem Bedauern um Versäumtes kann ich der Sache nicht näherkommen.

Ich war töricht – wie alle jungen Leute. Als ich in den Ferien nach Hause kam, fand ich den Umgang mit dem Arbeiter in der optischen Werkstätte von Deier und Frisch nicht angemessen. Ich ging lieber mit dem Baron Anclever von der Bezirkshauptmannschaft und dem Dragonerleutnant Leritsch.

Ich kann es nicht ändern. Es war so.

Aber dann kam ich zur Vernunft. Die Vorlesungen des Professors Schedler über psychische Phänomene waren es, die mich aus der albernen Lebensführung rissen, in die ich geraten war. Ich begann in Tiefen zu blicken, in dämmernde Abgründe, in die zu tauchen ein höherer Anreiz war, als kleinen Tänzerinnen nachzulaufen, Schaumwein zu trinken und mit Schwachköpfen Beratungen über Halsbinden, Hosenschnitt und Rennberichte zu pflegen. Ich warf sie aus meinem Innenleben, wie man nichtsnutzes Gerümpel aus einem Raum entfernt, in dem man sich einrichten will. Aber ich vergaß dabei auch Sennon.

Ach, was habe ich verloren! Ich lege meine Wange auf das letzte Blatt der Schrift, auf dem seine Hand abschiednehmend geruht hat. Ich rufe seinen Namen und sehe auf die schwarzen Fensterscheiben in der unsinnigen Hoffnung, es möge sein liebes, ernstes und doch so froh machendes Gesicht hinter dem Glas erscheinen, statt der Finsternis da draußen. Alles, nach dem ich mich jetzt so unsäglich sehne, war mir nahe, so nahe! Ich brauchte ja nur die Hand auszustrecken, nur zu fragen. Niemand gibt mir jetzt Antwort, und mein ganzes Wissen läßt mich im Stich. Oder soll ich mich mit der unbestimmten Ausflucht trösten, daß es sich bei Sennon Vorauf um eine sogenannte »Bewußtseinsspaltung« gehandelt habe und daß der Ewli des Melchior Dronte nichts anders sein könne als eine sinnbildliche Belebung des Unterbewußtseins, jenes zweiten Ich des Vorauf?

Nein, mich selbst kann ich nicht mit der Handwerkssprache der Wissenschaft beruhigen. Denn ich bin irre an allem – – –

Als ich im Laufe des Krieges in das von uns besetzte Albanien kam und von Lesch nach Tirana ging, um in dieser kühlen, von eiskalten, schießenden Bergwassern durchronnenen Stadt am Fuße der ungeheuren Bergwand des Berat ein Heim für meine armen Malariarekonvaleszenten einzurichten, sah ich Sennon Vorauf zum letzten Male.

Es war gerade an diesem Tage von Durazzo her über Bazar Schjak eine Scheinwerferabteilung in Tirana eingerückt. Unter den Mannschaften, die ihre Quartiere aufsuchten, erkannte ich Sennon.

Ich ging sofort auf ihn zu und sprach ihn an. Wie Sonnenschein aus Jugendland ging sein Lächeln über mich hin. Er war braungebrannt und aufrecht, sah aber sonst völlig unverändert aus. Ich bemerkte in seinem männlichschönen, ebenmäßigen Gesicht keine Falte. Diese Glätte schien mir sehr merkwürdig und ungewohnt. Denn in die Gesichter aller andern, die in diesem entsetzlichen Lande Krieg führen mußten, hatten Elend, Hunger, Anstrengungen und Schrecken aller Art tiefe Risse gezogen, und jeder sah müde und gealtert aus.

Wir begrüßten einander herzlich und sprachen von alten Tagen. Aber die Zeit war knapp. Ich hatte Besprechungen und viele Sorgen wegen der Baracken, zu deren Errichtung so ziemlich alles fehlte, was notwendig war. Unsere Schiffe wurden torpediert, auf dem Landwege war nichts herbeizuschaffen. Alles mußte den Lovcen hinaufgeschleppt, über den Skutarisee geflößt und von Skutari aus auf unbeschreiblichen Wegen über Land gebracht werden. Jede Kleinigkeit. Und Bretter waren keine Kleinigkeit. Ich verhandelte mit Menschen, deren Gehirn aus Vorschriften und Gebührentabellen bestand. Es war trostlos; ich kam mir vor wie mit Kleister und altem Kanzleistaub überzogen. Das alles störte mich. Ich versprach Sennon, ihn bald aufzusuchen. Er lächelte und gab mir die Hand. Oh, er wußte so sicher – – – !

Am Nachmittag kam ein Mann seiner Abteilung zu mir, Leopold Riemeis hieß er, und ließ sich untersuchen. Er hatte das Papatatschi-Fieber überstanden, war aber noch sehr schwach. Ich fragte ihn unwillkürlich nach seinem Kameraden Sennon Vorauf. Sein Gesicht strahlte. Ja, der Vorauf, der Sennon! Der habe ihm das Leben gerettet. Ein Kollege, dachte ich und lächelte. Hat natürlich auch, so wie ich damals, einen Fiebertraum für Wahrheit genommen. Aber neugierig war ich doch, gab dem Riemeis eine Zigarette und ließ ihn erzählen.

Der Riemeis war ein Steirer, ein Bauernsohn. Schwerfällig im Ausdruck, aber man verstand ihn ganz gut. Die Sache war so gewesen: In einem kleinen Ort, in Kakaritschi, hatte ihn, den Riemeis, das Fieber niedergeworfen. Aber schon höllisch. Er verbrannte bei lebendigem Leibe, seine Haut war voll von Geschwüren, und an anderen Tagen wäre er vor Frost am liebsten ins Lagerfeuer gekrochen. Und kein Medikament mehr da. Der Oberarzt, den sie mithatten, schüttelte den Kopf. In acht Tagen war Riemeis ein häutiges Gerippe, und nicht einmal Chinin war mehr vorhanden, war längst schon aufgefressen. »Gehts, Leute«, redete der Oberarzt den Zug an. »Wenn einer von euch Chinin bei sich hat, soll er es hergeben für den Riemeis, vielleicht geht dann das Fieber zurück, sonst müssen wir ihn in ein paar Tagen eingraben.« Sie hätten es gerne hergegeben, aber wenn keines mehr da ist, ist eben keines da. Mein Gott, und es standen schon an allen Wegen des verfluchten Landes Kreuze, unter denen unsere armen Soldaten lagen – in der fremden, vergifteten Erde. »Na also, Riemeis –«, sagte der Arzt und klopfte ihm auf die Schulter. »Da kann man halt nichts machen.« Und ging. Der Riemeis hatte zwar an diesem Tag einen glühenden Kopf, aber er verstand den Doktor recht gut »Da kann man halt nichts machen.«

Neben dem Bette des Riemeis saß Sennon. Es war in der Nacht. »Sennon, ein Wasser, ich bitt dich!« stöhnte der Kranke. Aber Sennon gab keine Antwort. Er saß mit weit offenen Augen da und hörte nicht. Angstvoll sah ihn Riemeis an. Und da geschah es. Von der Stirne des Sennon fiel etwas Glitzerndes und schlug auf den Lehmboden auf. Und da bewegte sich nun Sennon, schaute um sich, lächelte den Kameraden an, bückte sich und hob eine runde Flasche auf, in der kleine, weiße Pastillen waren. Chinin-Pastillen. Sehr viele. Aus dem Depot in Cattaro.

Merkwürdig sind unsere Bauern. Dem Oberarzt sagten sie nichts davon, aber die Köpfe steckten sie zusammen und wisperten. »Mein Großvater hat erzählt –«. Sie fragten Sennon nicht aus. Davor hatten sie Scheu. Aber sie umgaben ihn mit Liebe und Verehrung, nahmen ihm alles ab, taten alle Arbeit für ihn, lauschten auf jedes seiner Worte. Und sie begriffen es gut, daß gerade auf seinem Herzen das ganze Leid der Geringen lag, die in dieses Morden getrieben wurden, ohne daß man sie auch nur einer Frage für wert befunden hätte. Dies soll keine Anklage sein. Unser Land war in Gefahr. Auch die Gewalthaber drüben fragten ja keinen. – Wie hätten sie sonst wohl Krieg führen sollen? Wie Rache nehmen können an uns, weil wir tüchtiger und fleißiger waren? Aber wozu sprech ich von diesen Dingen! Lange wird es dauern, bis die Menschheit wieder gerecht zu urteilen vermag. Also der Sennon Vorauf.

Er trug das Weh der Erde, die ganze Not der ungezählten Menschen, und sein Herz weinte Tag und Nacht. Wenn er auch lächelte. Sie verstanden ihn gar gut, seine Kameraden, und es wäre niemandem anzuraten gewesen, Vorauf nahezutreten. Auch einem General nicht. Die Leute waren wild geworden durch ihr schreckliches Handwerk. Aber es gab keine Gelegenheit. Nie hat es einen braveren, pflichttreueren Menschen gegeben als den Vorauf Aber alle meinten, auf Menschen zu schießen – nein, dazu hätte ihn niemand bringen können. So sagte der Riemeis.

Ach, ich mußte fort, den Grund für die Baracken abstecken. Ich bat Riemeis, Sennon vielmals von mir zu grüßen. Ich käme morgen. Ja, morgen! Schon am Abend mußte ich nach Elbassan abgehen.

Dann kam der Brief von Riemeis an mich und eine Abschrift der Desertionsanzeige.

Aber es vergingen vierzehn Tage, bevor ich nach Tirana fahren konnte. Volle vierzehn Tage. Ich hoffte, daß man den Vorauf doch noch gefunden hätte.

Zuerst besuchte ich den Kommandanten von Voraufs Abteilung, der die Anzeige erstattet hatte, Oberleutnant Wenzel Switschko. Ich fand einen dicken, beschränkten, selbstgefälligen Menschen mit Kommißansichten, für den der Fall klar war. Der Vorauf, ein sogenannter »Intelligenztrottel«, war desertiert, und die Tekkeh, in die er verschwunden war, hatte sicherlich einen zweiten Ausgang. Man kennt schon den Schwindel. Aber, wehe, wenn er eingebracht werden würde! Na ja.

Ich verzichtete und ging zu den Leuten.

Riemeis empfing mich mit Tränen in den Augen. Auch Korporal Maierl, ein gutmütiger Riese, Grobschmied seines Zeichens, mußte einigemal schlucken, bevor er sprechen konnte. Sie erzählten im wesentlichen das, was in dem Brief des Riemeis an mich stand. Wir gingen zur Tekkeh der Halweti-Derwische. In den uralten Zypressen gurrten schieferblaue Tauben. Ein rauschendes schmales Wasser stürzte an dem Holzhaus vorüber, und hoch droben leuchteten schneeweiß über rosa blühenden Mandelbäumen und zartgrünen Korkeichen die beschneiten Kämme des Beratgebirges. In der offenen Vorhalle der Tekkeh standen große Särge mit Giebeldächern, mit smaragdgrünen Tüchern behangen. Auf jedem lag der Turban des zur Ruhe Eingegangenen.

Ich schritt um das Haus. Nein, es hatte keinen zweiten Ausgang. Nirgendwo. Ich blickte noch einmal auf die flachen, roten, von andächtigen Füßen ausgehöhlten Ziegel des Eingangs, über die Sennon zum letzten Male geschritten war.

Am Nachmittag nahm ich mir einen Dolmetscher mit, einen jungen und schlauen Spaniolen, und besuchte den Schech der Halweti, Achmed. Ich wurde sogleich vorgelassen und trank mit ihm und einem jungen, ernst blickenden Derwisch Kaffee auf einem buntüberzogenen Tablett in einem hellen Zimmer. Der Spaniole sagte dem Schech, was ich ihm vorsprach.

Nein, der Sotnie (Herr) sei umsonst gekommen. Man wisse wohl, daß ein Soldat der Austria in die Tekkeh eingetreten und nicht mehr herausgekommen sein müsse. Dies müsse jedoch ein Irrtum sein, denn die Tekkeh habe nur diese eine Tür.

Ja, schön. Aber wie die Sache zu erklären sei? Wer der Derwisch in der braunen Kutte, mit dem Turban der Halweti und der Bernsteinkette gewesen sein könne?

Ach, hätte ich damals nur das Leben des Melchior Dronte gekannt! Hätte ich etwas von Isa Bektschi gewußt! Aber zu dieser Zeit lagen die Blätter mit Voraufs Niederschrift in meinem Hause tausend und abertausend Meilen weit von Schipnie entfernt, an der Landstraße mit den Pappeln, versiegelt und verpackt, nicht einmal dem Monde sichtbar, wenn er nachts durchs Fenster meines Zimmers blickte.

Ja, der Derwisch? Keiner von ihnen sei es gewesen. Zudem war die Tür der Tekkeh stets versperrt – mit drei alten Schlössern, von denen jedes nahezu zwei Pfund wog; sehr alte Schlösser aus den Tagen des Sultans.

Aber irgendeine Erklärung – eine Erklärung müsse es doch geben? Wie kamen Vorauf und der Mönch durch die verschlossene Tür?

Der Schech mit dem weißen Bart und der junge Derwisch sahen einander an, streiften mich und den Dolmetsch mit einem Blick, in dem höfliche Geringschätzung lag; ja – ich verstand mich auf solche Blicke, seit ich Mohammedaner näher kennengelernt hatte, und dann sprachen sie rasch und leise miteinander. Ich verstand nur die Worte »syrr« und »Dejischtirme!«

Der alte Mann verneigte sich vor mir. Es tue ihm sehr leid, mir nicht dienen zu können. Man wisse leider nichts Weiteres.

Nein, man wisse leider nichts, stimmte der Derwisch bei. Der Dolmetscher übersetzte.

Man sah uns liebenswürdig fragend an. Die Augen sagten: »Dürften wir nun wieder um Alleinsein bitten, meine Herren Neugierigen?«

Ich stand auf. Es war nichts weiter zu erfahren. Das sah ich wohl. Die Derwische waren sehr höflich. Der Schech berührte mit der Hand den Teppich, bevor er sie an Stirn und Mund führte.

»Was haben sie miteinander gesprochen?« fragte ich den Spaniolen, als wir im blendenden Sonnenlicht unter den Zypressen standen und das Lachen und Gurgeln der wilden Tauben über uns war. Der Dolmetsch zuckte verlegen die Achseln.

»Sie nicht redeten wie Schiptar, albanisch, Sotnie«, sagte er. »Sie leise sprechen sehr. Ich verstanden nicht. Es war Osmanli, turc, mon capitaine, you understand – –.«

»Was bedeuten die Worte ›syrr‹ und ›Dejischtirme‹, – wie?« fragte ich. Ich hatte sie gut im Gedächtnis behalten.

Der Dolmetsch schüttelte den Kopf, dann sagte er:

»Syrr! Es ist Geheimnis, ja, und ›Dejischtirme‹, dies man sagt in Deutsch: eine Umtausch.«

»Ja, und was kann das bedeuten?«

»Le mystère – der Geheimnis von das Transformation – – einen Verwandlung bei lebendes Leib – vous comprenez?«

»Märchen! Märchen!«

Ja, hier war die Zeit stehengeblieben. In den Kaffeehäusern saßen Erzähler, und wenn es dunkel wurde, gingen die Türken nur zu zweien und dreien aus, so sehr fürchteten sie sich vor Dschinnen, Afriten und Gulen.

Aber ich, der Doktor Kaspar Hedrich – – –

Transformation. Also der gute Sennon Vorauf. Was hatte er gesagt? Was stand doch in dem Brief des Riemeis?

»Man ruft mich!«

Dann ging ich in meiner Not noch einmal zum Kommando.

»Frecher Schwindel!« schrie Oberleutnant Switschko. »Desertiert ist der Kerl. Er war mit den Türken im Bandel. Ich habe es selbst gesehen, wie sie sich vor ihm bis auf die Erde verneigt haben, und die Weiber sind mit kranken Kindern zu ihm gekommen. Gar nicht dulden hätt' ich die G'schicht sollen von Anfang an. Kommen Sie mit in die Menasch, Herr Regimentsarzt?«

Nein, ich kam nicht mit. Ich wollte auch Riemeis nicht mehr sehen und Korporal Maierl nicht. Ich war sehr traurig. Ach, diese kostbaren Blätter vor mir! Warum mußten diese Blätter so spät in meine Hand fallen? Aber er hatte es so gewollt, der Sennon, der – ja, der Ewli.

Ganz allein sitze ich hier, und es ist Mitternacht. Das alles ist längst vorbei, das Leben ist kurz, und Versäumtes kehrt nicht wieder.

Welche Wanderungen stehen mir bevor, welche Wege?

»Syrr«, seufzt der Wind in den Pappeln. »Syrr!« – Geheimnis!

 

 

Ende.

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