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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Schlimm erging es mir, als der Vater den Reitknecht mit dem Fuße vor den Leib stieß und auf ihn, der sich auf dem Boden krümmte und wimmerte, mit der Hetzpeitsche einhieb. In einem Anfall von Mitleid riß ich die Peitsche aus des Vaters Hand und schleuderte sie weit weg.

Dafür saß ich nun in einer Dachkammer unseres Hauses bei Wasser und Brot. In der Kammer war nichts als eine Schütte Stroh im Winkel und ein Schemel, auf dem ich sitzen konnte. Jeden Morgen kam mein Vater, gab mir eine wuchtige Ohrfeige und zwang mich, mit lauter Stimme einen Bibelvers zu sprechen:

»Denn der Grimm des Mannes eifert und schonet nicht zur Zeit der Rache. Und siehet keine Person an, die da versöhne, und nimmt's nicht an, ob du viel schenken wolltest.«

Wenn ich den Vers gesprochen hatte, bekam ich eine zweite Ohrfeige. Ich ließ alles über mich ergehen und war voll von Haß.

Heute war der fünfte und letzte Tag der Strafe.

Leise drehte sich ein Schlüssel im Türschloß. Ich wußte, daß es nicht der Vater sein konnte.

Es war Aglaja. Mein Trotz gegen alle Welt hinderte mich, der süßen Freude nachzugeben, die ich bei ihrem Anblick empfand. Hold und errötend trat sie in ihrem weißen, blaugeblümten Kleidchen über die Schwelle des düsteren und staubigen Dachraumes. Ihr Gesicht war kindlich und von unbeschreiblichem Reiz. Milchweiß leuchtete ihre fleckenlose Haut, gehoben vom metallenen Rot der Haare. Ich wußte wohl, wie lieb sie mich hatte, und auch ich dachte in meiner Einsamkeit und Not nur an sie, Tag und Nacht. Aber in mir war Böses genug, um den Wunsch aufkommen zu lassen, auch sie in Leid zu versenken.

»Was willst du hier?« knurrte ich. »Geh doch zu meinem Herrn Vater – mach dich lieb Kind bei ihm! Du kannst dich sogleich fortscheren, du!«

Ihre Wimpern zitterten, und ihr kleiner Mund begann zu zucken.

»Ich wollte dir ja nur meinen Kuchen bringen...«, sagte sie ganz leise und hielt mir ein großes Stück Torte hin.

Ich riß es ihr aus der Hand, warf es auf die Erde und trat mit dem Fuße drauf.

»So!« sagte ich. »Geh, und erzähle es der Frau Muhme, oder meinem Vater, wenn du willst!«

Sie stand ganz regungslos, und ich sah, wie langsam zwei Tränen aus ihren schönen grauen Augen rannen. Dann ging sie in die Ecke, setzte sich auf das Strohlager und weinte bitterlich.

Ich ließ sie weinen, indes mir selbst das Herz in der Brust zerspringen wollte. Aber dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich kniete mich zu ihr hin und streichelte ihr Haar.

»Liebe, liebe Aglaja...«, stammelte ich, »verzeih mir – du bist ja die einzige hier, die ich lieb habe...«

Da lächelte sie unter Tränen, nahm meine rechte Hand in die ihre und führte sie an ihre junge Brust. Und ich dachte daran, wie ich einmal des Nachts, in einem dunklen, angstvollen Trieb, in ihr Zimmer geschlichen war und beim Schein der Nachtlampe ihre Decken gehoben hatte, um ihren Körper ein einziges Mal zu sehen. Sie war erwacht und hatte mich starr angesehen, bis ich aus dem Zimmer geschlichen war, von Reue und Furcht erfaßt.

Als hätte sie erraten, woran ich dachte, sah sie mich plötzlich an und flüsterte:

»Du darfst es nie mehr tun, Melchior!«

Ich nickte stumm und hielt noch immer eine ihrer kleinen Brüste umfaßt. In stoßenden Wellen ging mein Blut.

»Ich will dich gerne küssen –«, sagte sie dann und hielt mir ihre süßen, weichen Lippen hin.

Ich küßte sie ungeschickt und heiß, und meine Hände verirrten sich.

»Nicht – o nicht –«, stammelte sie und schmiegte sich doch fest in meine Arme.

Da ging irgendwo im Hause eine Türe und schlug knallend zu. Sporen klirrten. Wir fuhren auseinander.

»Wirst du mich immer lieben, Aglaja –?« flehte ich.

»Immer«, sagte sie und sah mir gerade in die Augen. Und auf einmal begann sie wieder zu weinen.

»Warum weinst du?« drang ich in sie.

»Ich weiß es nicht – vielleicht ist es wegen des Kuchens –«, sagte sie und lächelte vor sich hin.

Ich nahm das zertretene und beschmutzte Gebäck vom Boden auf und aß es.

»Vielleicht ist es auch – weil ich nimmer lang bei dir sein werde –.«

Wie ein Hauch kamen die Worte aus ihrem Munde

Ich sah sie bestürzt an. Ich verstand sie nicht.

»Gib nicht acht auf mich«, lachte sie plötzlich. »Wenn es auch sein sollte – ich komme immer wieder zu dir!«

Einen raschen Kuß drückte sie noch auf meinen Mund, glättete ihre Kleider und lief rasch aus dem Dachzimmer.

»Aglaja! Bleib bei mir!« rief ich in jäher Angst.

Mir war auf einmal so bang. Aber ich hörte nur mehr das harte Klappern ihrer hohen Stöckel auf der Treppe.

Eine Herbstfliege summte an dem kleinen, spinnwebverhangenen Fenster ruhelos. In den verrußten, zerrissenen Netzen hingen ausgezogene Käfer, leere Schmetterlinge, Insektenleichen aller Art. – Die Fliege zappelte. Der summende Ton ward hoch. Langsam kroch aus einem dunklen Loch eine haarige Spinne mit langen Beinen, faßte die Fliege, senkte ihre giftigen Kiefer in den weichen Leib. – Das Summen wurde ganz hoch – der Todesschrei eines kleinen Wesens. Plötzlich sah ich, daß die Spinne ein fürchterliches Gesicht hatte.

Ich lief zur Tür und polterte mit beiden Fäusten an das Holz.

»Aglaja!« schrie ich. »Aglaja!«

Niemand hörte mich.

 

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