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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Ich befand mich außerhalb meines Körpers. Mein Leib lag in seinem braunen, zerknitterten Anzug, ohne Rock, mit blutgetränktem Hemdrand auf dem Brett der Guillotine. Trotz der enggezogenen Riemen bäumte sich der Oberleib ein paarmal heftig auf. Blutbrunnen rauschten stoßweise aus den beiden großen Halsadern.

Der Kopf lag bleich, mit weitgeöffneten Augen im Korbe. Sein Gesicht lächelte.

Alle die Menschen, die um das Schafott standen, schauten schweigend drein. Das Brett wurde leer. Der Mann, der Astaroth und die feurigen Drachen angerufen hatte, wurde über die Stufen hinaufgezerrt. Er wehrte sich aus Leibeskräften, stieß mit den Füßen, schnappte mit den Zähnen. Er wollte nicht – – Dies alles war so gleichgültig für mich. Ich erhob mich und schwebte über die vielen Köpfe fort, glitt mühelos, und ohne Widerstand zu finden, durch Häusermauern und Fensterscheiben, von einer Kraft getrieben.

Ich hatte keine Augen und sah alles. Ich hörte. Aber ich fühlte nichts. Ich dachte auch nichts. Ich war das Bewußtsein an sich. Alles kam zu mir, wurde sofort erkannt. Schwingungen hundertfacher Art durchzitterten mich, ohne daß ich Lust oder Leid dabei empfunden hätte. Kälte war es, Wärme, ein Ton, Licht, Erscheinungen, für die es in der menschlichen Sprache keine Worte gibt, Empfindungen beim Begegnen mit Wesen, die den Menschen unsichtbar und unbekannt bleiben.

Ich war etwa so von Gestalt, wenn dies zu sagen möglich ist, wie jene glasartig-durchsichtigen Körper, die an menschlichen Augen bei längerem Schauen in ganz reine, blaue Himmelsfernen vorübergleiten. Dennoch war ich kein Körper. Ich war aber auch kein Nichts. Ich war eine Seele, wie deren viele im Weltenraum schwebten. Aber ich hatte Bewußtsein, ich war meines Ichs eingedenk und hatte ein Ziel.

Ich suchte ein neues Haus mit jenen Instrumenten der Sinne, die von außen empfingen und von innen Kommendes nach außen wiedergeben konnten: Gedanken, in Worte gekleidet. Einen Menschenleib suchte ich. In mir trug ich das winzige Abbild eines edlen, gottähnlichen Angesichts, dessen Widerschein ich beim Verlassen des zerstörten Leibes mit mir genommen hatte in die Unendlichkeit. Von diesem Bilde ging mein Bewußtsein aus, und die Fähigkeit des Erinnerns.

Der Wille nach Wiederverkörperung war der einzige Trieb, der mich beherrschte. Unerforschlichen, aus der Ewigkeit des Werdens und Vergehens geborenen Gesetzen untertan, strebte ich meinem Ziele zu, bar aller jener Gefühle, die man Ungeduld, Erwartung oder Hoffnung nennt. Es gab keine Zeit, es gab keine Entfernung und kein Hindernis.

Kräfte, denen ich mich von selbst und willig hingab, hoben mich, ließen mich niedersinken, verwehen, wandern und ruhen.

Ich war in meinem Bewußtsein unbewegt.

Alles bot sich mir dar, nichts war mir verborgen, nichts verhüllt, weder in Tiefen noch in Höhen. Der Wind wehte durch mich hindurch, der Regen fiel durch mich. Ich hatte nichts von allen Eigenschaften an mir, die Dinge im Raum besitzen. Ich war groß und klein, drinnen und draußen, fern und nah.

Ich sah Sonnenuntergänge in Meereseinöden, abgestürzte Bergwanderer in Eisspalten, blaue Blumen, die langsam welkten, Geister in Wasserstürzen, Wesen, die in Kristallen lebten, Sandstürme rot und gelb, gärenden Unrat, aus dem neue Geschöpfe seltsamster Art entsprangen, Zwerge, die Menschenaugen als Steine erschienen wären, Geflügelte, die auf den Winden ritten und einherbrausten, Schlafende in Betten, mit winzigen Kobolden besät wie mit Ungeziefer, Menschen, aus denen Böses wie Gifthauch strömte. An all diesem zog ich vorüber.

Es gab Tiere in Herden auf weiten Steppen, Tiere in der Luft, in Erdlöchern, im Wasser. Kleine, kriechende fliegende, laufende Tiere, Tiere aller Art, mit Haaren, Federn, Schuppen, Borsten und Platten bedeckt, lebende Tiere. Sie lockten mich, weil sie lebten. Sie zeugten Junge, brüteten sie aus, setzten sich tausendfach fort. Sie lockten mich stark, denn sie hatten lebende Körper, warme Leiber. Aber ich trug in mir das Menschenangesicht und folgte nicht jenen Seelen, die lauernd warteten, um im Augenblick der Befruchtung in die Eizelle zu schlüpfen.

Ich war nur bei Menschen. Zu ihnen trieb mich eine ungeheure Gewalt.

Es war gut, bei den Menschen zu sein. Ich heftete mich an sie, war bei ihnen, in ihnen, glitt durch sie hindurch und war bei anderen zu Gast. Ich lebte mit ihnen. Ich sah sie, wie man etwa eine Gegend sieht, die der verlassenen Heimat ähnlich schaut. Ich muß solche Vergleiche gebrauchen, obschon es in Wahrheit ganz anders ist.

Immer und immer wieder gingen sie daran, neues Leben zu erzeugen. Sie verbargen sich vor den anderen und wurden eins. Alle Wesen, die den Menschen unsichtbar bleiben, doch immer sie umgeben, wichen zurück vor dem Göttlichen, das von den Zeugenden ausging, so öde und arm diese sonst auch sein mochten, so fehlerhaft und schwach vielleicht, aber bei dieser Handlung entfesselten sie die Urkraft der Ewigkeit, waren mächtiger und größer als alle anderen Geschöpfe.

Überall hing ich inbrünstig an solchen Menschenpaaren. In den schwarzen Nomadenzelten der Steppe, in dämmerigen Schneehütten, in breiten Betten, auf Heuhaufen, hinter Bretterstapeln, im Gebüsch des Waldes, auf den Strohsäcken dumpfer Häuser, in Dachkammern und Prunkräumen. An unzähligen Orten, zu heimlichen Stunden des Tages und der Nacht. Das Gesetz war über mir. Ich fühlte mich angezogen und abgestoßen, ohne Kummer, Enttäuschung oder Ungeduld.

Eimal geschah es, schneller als der Blitz aufflammt.

Bei der Vereinigung zweier Zellen umschloß mich die Kraft neuen Lebens. Ich war in winzigster Vereinigung befangen, in heißem, rotem, rasend arbeitendem und pulsendem Sein geborgen. Ich fühlte Wärme, Dunkel, Feuchtigkeit, Ströme von Nahrung, Rauschen von schaffenden Kräften. Seliges Wachsen war in mir.

Säfte durchrannen mich, Donner der Entfaltung und das leise Knistern des Werdens waren um mich. Das Bewußtsein ward trübe. Schlaf umfing es, glücklicher, erquickender Schlaf. Als unkenntliche Schattenbilder, zerrissen und unbestimmbar, zogen Erlebnisse durch meine Träume, uralte, verschollene, immer mehr versinkende Erinnerungen.

Ich wuchs im Schlummer, streckte in wohligem Behagen, schmatzend vor Lust, Gliederchen aus, dehnte mich, bewegte mich leise im Schlaf. Feine und kostbare, in Knochenpanzern gewappnete Organe bildeten sich in mir, warmes Blut durchtobte mich in raschen, klopfenden Schläge, freundliche Enge preßte mich zärtlich, bewegte mich wiegend, wies mir in schraubender Zusammenziehung den Weg zum Licht.

Kristallene, kalte, klare Luft stürzte in meine Lungen.

Bunte, wirre Strahlen drangen in meine Augen, verworrene Laute in mein Ohr.

Alles geschah mir, was junges Leben beim Eintritt in diese Welt begleitet.

Ich war da. Ich war der Wiedergekommene, der Ewli.

Ich hieß: Sennon Vorauf.

 

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