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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Das Gefängnis, in dem ich mich befand, war ein alter Kohlenkeller und empfing durch die nie gereinigten kleinen Fenster nur schwaches Licht. Die Gitterstangen vor den Scheiben waren dick mit Straßenkot überzogen, und der gelbliche Schein ließ den Hintergrund in völliger Dämmerung.

Es dauerte geraume Zeit, bis der dumpfe Schmerz in meinem Kopfe so weit nachließ, daß ich mich in diesem unterirdischen Raume umsehen konnte. Immer wieder befühlte ich tastend die schmerzende Geschwulst an meinem Hinterhaupt, die ein furchtbarer Hieb zurückgelassen hatte, und wiederholt versuchte ich, meinen zerrissenen und mit Straßenkot und Blut bedeckten Anzug notdürftig zu reinigen. Mein Aussehen war mir schon deshalb nicht gleichgültig, weil mehrere Damen anwesend waren, Man hatte ihnen den größten Teil der schmutzigen Holzpritschen eingeräumt, und einige der mitgefangenen Herren, die im Augenblick der Verhaftung einen Überrock besaßen, hatten sich dieses Kleidungsstückes entäußert, um auf solche Weise Decken und Bettzeug halbwegs zu ersetzen.

»Darf ich Sie um Ihren Namen bitten, mein Herr?« wandte sich ein großgewachsener, tadellos gekleideter Herr in ponceaurotem Rock an mich. »Damit ich Sie vorstellen kann, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Ich nannte mich und wurde hierauf vom Vicomte de la Tour d'Aury den übrigen Gefangenen in aller Form vorgestellt. Man sprach mir in liebenswürdiger Weise das Bedauern aus, meine so wünschenswerte Bekanntschaft bei so betrüblicher Gelegenheit machen zu müssen. Ich sei leider um etliche Jahre zu spät nach Paris gekommen, meinte eine sehr hübsche Dame mit Schönheitspflästerchen im weiß-rosigen Gesicht, und es sei mehr als beklagenswert, daß ich unter den jetzigen Verhältnissen eine vollkommen falsche Vorstellung von französischer Lebensart gewinnen müsse.

Ich erwiderte mit einer Verbeugung, daß es auf den Rahmen wohl nicht so sehr ankomme, in dem sich Menschen finden, und daß ich schon in den wenigen Augenblicken so vieler angenehmer Bekanntschaften überreichlich mit ritterlichen Aufmerksamkeiten von seiten meiner zufälligen Schicksalsgenossen überschüttet worden sei. Nach der Ursache meiner Festnahme gefragt, konnte ich es nicht vermeiden, die Ermordung der armen Prinzessin Lamballe in schonendster Form zu schildern. Die Damen brachen sogleich in Tränen aus, und mehrere Herren äußerten mit geballten Fäusten den glühenden Wunsch nach beispielloser Rache. Allen aber schien der plötzliche Tod der schönen Frau, auf deren Tatkraft sie große Hoffnungen gesetzt hatten, einen schweren Schlag zu bedeuten, der einen großen Teil ihrer heimlich gehegten Erwartungen zunichte machte. Nun richteten sich aller Wünsche auf eine furchtbare und blutige Vergeltung, indes ein, zwei Stockwerke höher sicherlich beschlossen wurde, die Köpfe, in denen solche Pläne gediehen, in Samsons Weidenkorb zu senden.

Die ungeheure seelische Erschütterung, in die mich die Ähnlichkeit der getöteten Prinzessin mit der immer wieder in die Schatten der Ewigkeit fliehenden, geliebten Frauengestalt versetzt hatte, machte in diesem Gefängnis einem Gefühl trostloser Leere Platz. Und heimlich blühte in mir wie bleicher Asphodelos das Verlangen auf, dem geliebten Bild, das mir in allerlei Gestalten sich näherte, um mich zerflatternd wieder allein zu lassen, in das unerforschte Reich nachzufolgen, in dem seine ewige Heimat war. Ohne jede Erregung dachte ich an die Wahrscheinlichkeit meines Endes. Der Zeiger auf meiner Taschenuhr, die ich mit zerbrochenem Glase in meiner Weste fand, maß mir die letzten Stunden meines Lebens im Kreise der Ziffern vor. Ich sah lange die arabischen Zahlen auf der weißen, mit einem Kranz fröhlicher Rosen geschmückten Scheibe des Zifferblatts an und dachte, daß bei einem der sechzig Striche oder zwischen zweien von ihnen ein schneidender, kurzer Schmerz meinen Hals durchfliegen und mein Denken erlöschen machen würde. Mit unerhörter Deutlichkeit sah ich mich als kopflosen Rumpf in diesem übel zugerichteten braunen Habit auf dem Brette liegen und zucken, mit zwei stoßweise springenden Blutfontänen an Stelle des Kopfes, und diesen in den Korb des Henkers kullern. So ruhig betrachtete ich dieses schaudervolle Eigenbild, als ginge mich die Sache eigentlich gar nichts an.

Die Sucht der Damen nach Unterhaltung auch im jetzigen Aufenthaltsort entriß mich bald diesem Versinken, und ich war genötigt, vielerlei Fragen zu beantworten, die sich auf mein früheres Leben, auf meine Familie und auf etwaige Abenteuer in Paris bezogen. Mit graziöser Leichtfertigkeit wurden Dinge berührt, von denen ich schon lange nicht mehr zu sprechen gewohnt und deren Schilderung mir peinlich war. Aber ich sah bald, daß das Interesse der Frauen nicht so eindringlich war, wie man der Fragestellung und dem anmutigen Eifer hätte entnehmen müssen. Alles, was hier getan und geredet wurde, hatte in Wahrheit nur den einzigen Zweck, die düsteren und hoffnungsleeren Tage, die vor dem traurigen Ende lagen, auf möglichst ablenkende und unterhaltende Art zu verbringen. Einige Herren bekleideten das Amt des Maitre de plaisir und boten sogleich, wenn jemand sich in nachdenkliches Schweigen hüllte, alles auf, um die ansteckende Betrübnis zu zerstreuen. Man tanzte Menuett und Gavotte, übte die fast verschollene Pavane, sang, arrangierte Pfänderspiele und Blindekuh, musizierte ein wenig und überbot sich in pikanten Anekdoten und Scherzfragen. Diese Art, über die langsam kriechende Zeit hinwegzukommen, sagte mir in meiner ernsten Stimmung wenig zu, doch fügte ich mich auch in dieses. Noch unangenehmer waren mir die Sehnsuchtsergüsse eines jungen Grafen, der mit vielen Seufzern des Bedauerns der Zeit gedachte, in der einer seiner vornehmen Verwandten in der Normandie zum Zeitvertreib mit der Kugelbüchse einen Dachdecker vom Schloßturm heruntergeschossen hatte. Ein anderer Herr, der eines Geistes mit ihm zu sein schien, rühmte die Herrlichkeit der Tage, in denen ein Mitglied seiner Familie von Ludwig dem Dreizehnten bei einem mehr als heiteren Gelage das Privilegium erhalten habe, jedesmal, wenn ihn nach der Jagd an den Füßen fröre, zwei Bauern an Ort und Stelle den Leib aufschneiden zu dürfen, um die kalten Füße darin zu wärmen.

Bei solchen Reden wußte ich nicht, was ich mehr bestaunen sollte: die Verblendung von Menschen, die ein Bestehen derartiger Zustände auch nur für möglich hielten, oder die unsagbare Geduld des Volkes, das solchen Oberen untertan geblieben war bis zum Äußersten, dem Wegnehmen des letzten Stückes Brot. Trotz meines Abscheus gegen die Bestien der Straße ward es mir neuerlich offenbar, daß sich in diesem Land unter entsetzlichen Krämpfen und nach Gesetzen, die nur Gott kannte, eine Notwendigkeit vollzog, die nichts anderes war als die Wirkung der Ursachen, um welche diese zwei Gedankenlosen noch trauerten. Die zarten Frauen in diesem Kerker, die Greise, unter denen sich der wegen seiner ungemeinen Wohltätigkeit bekannte Graf Merignot befand, taten mir größtenteils von ganzem Herzen leid. Aber unter ihnen waren auch solche, die für alle nicht adelig geborenen Menschen nichts übrig hatten als dünkelhafte Geringschätzung und freche Verachtung, die weder von den Wissenschaften noch von den Künsten, soweit sie nicht im Dienst ihrer schwelgerischen und galanten Bedürfnisse standen, irgend etwas hielten; ihr Schicksal war nicht ungerecht zu nennen. Und es ward mir seltsam feierlich und eigen zumute, als ich an der Wand, mit Rötel geschrieben, die Worte entdeckte: »Gezählt, gewogen und zu leicht befunden.«

In den späten Nachmittagsstunden, wenn der Raum immer achtloser, die Umrisse aller Dinge verschwommener wurden und nur in einer Ecke ein Kerzenstümpfchen brannte, verstummten allmählich Lachen und Sprechen. Mehrere, die miteinander vertraut zu sein schienen, besprachen flüsternd allerlei, was nicht für die Allgemeinheit bestimmt war. Das elende Essen in den unsauberen Schalen, die zwei Schließer auf einem Brett hereintrugen, war, insoweit es beachtet wurde, rasch hinuntergewürgt, und die leeren Gefäße wurden so, wie sie gekommen waren, wieder fortgeschafft. Danach streckten sich viele mit Seufzern auf den Pritschen oder auf dem Ziegelboden aus, um in die Freiheit der Träume zu flüchten, und wieder andere bewegten, Gebete wispernd, die Lippen und ließen die Perlen der mitgebrachten Rosenkränze durch die Finger gleiten.

Ich hatte mich, ermüdet und mit noch immer schmerzendem Kopf, abseits gesetzt und versuchte, durch Streichen mit den Fingerspitzen die Geschwulst zu verkleinern, die der Schlag hinterlassen hatte, von dessen Wucht ich gestürzt war. Da löste sich aus den im Zwielicht unkenntlich geballten Gruppen ein Mann, der in der Hand einen Schemel trug und sich flugs auf diesem zu mir setzte.

»Ich möchte, auf die Gefahr hin, Sie in etwaigen Meditationen zu stören, mit Ihrer gütigen Erlaubnis einige ernstere Fragen an Sie stellen, an deren Beantwortung mir sehr viel gelegen ist.«

Mit leisem Unwillen suchte ich die Gesichtszüge des Störers zu erkennen. Aber ich konnte nur feststellen, daß er nicht mehr jung war und weißleuchtende, sehr schmale Hände um die Knie gefaltet hielt.

»Ich stehe gerne zu Ihren Diensten«, sagte ich leise, um nicht die immer tiefer werdende Ruhe zu stören.

Der Unbekannte rückte mit seinem Schemel dicht neben mich und flüsterte, wie es mir schien, in einiger Aufgeregtheit:

»Alle, die wir hier sind, dürften, soweit menschliche Berechnung zutrifft, in einigen Tagen dem Tode verfallen und verschrieben sein. In der Gewißheit, daß unser ohnehin in die Vernichtung mündendes Leben nun rascher abgeschlossen wird, als es die Natur verlangt, liegt für mich nichts Erschreckendes. Eine andere Frage beunruhigt mich, mein Herr. Was geschieht, wenn die Lebensbahn, die vom Gehirn in die entferntesten und kleinsten Teile des Körpers führt, vom Beile durchgeschnitten wird?«

»Jeder Arzt kann es Ihnen sagen«, gab ich ihm zur Antwort »Es tritt das ein, was wir Tod nennen.«

»Was wir so nennen!« zischelte der Fremde nahe bei mir. »Aber haben Sie noch nie gehört, daß die abgetrennten Köpfe noch lebendig sind? Wissen Sie, daß sie die Augen bewegen, die Haare sträuben, die Wände des Korbes zernagen können? Daß sie in die Richtung des Rufers blicken, wenn ihr Name erschallt, und deutlich erkennbare Worte mit den Lippen formen, wenn man sie fragt? Wie? Kommen Sie mir, Hochgeschätzter, nicht etwa mit dem Frosch des Doktors Galvani. Hier handelt es sich um Denkfähigkeit, Bewußtsein – – –«

»Das Problem ist müßig in einem höheren Sinne«, sagte ich, »selbst wenn wir annehmen, daß der abgeschnittene Kopf noch denkt und zu handeln versucht, so dauert dies infolge mangelnder Blutzufuhr nur wenige Sekunden. Dann ist eben doch der Stillstand da.« Der Mann rutschte mit seinem Schemel noch näher.

»Gut, gut«, sagte er aufgeregt. »Lassen wir das. Es ist in der Tat von geringer Wichtigkeit. Was aber ist der Tod? Ist es der Tod des Leibes und die Freiheit der Seele, oder sind Leib und Seele so sehr eins, daß eines mit dem andern stirbt? Können Sie mir eine tröstende Antwort geben?«

Wie eine flehentliche Bitte klangen die letzten Worte. Es war ganz stille geworden in unserem Kerker, und man hörte nichts als das Aufstampfen der Schildwache vor den Fenstern und ein feines, leises Pfeifen – den Atem der Schläfer.

»Da Ihnen an der Meinung eines Fremden etwas zu liegen scheint, will ich Ihnen antworten. Nun denn, mein geehrter Herr, ich glaube, daß nach dem Tode die Seele des Körpers ledig ist und in das ewige Leben, aus dem sie stammt, zurückkehrt«, sagte ich mit gedämpfter Stimme.

Er schüttelte heftig den Kopf

»Mit solchen Reden arbeiten die Priester aller Glaubensbekenntnisse. Niemand kann sich das vorstellen, was Sie da sagen. Was soll das heißen: in die Ewigkeit wiederkehren? Ohne den kunstvollen Apparat des Gehirns ist die Seele unfähig, sich zu äußern. Was wird aus ihr? Ein Luftwirbel, eine Rauchwolke, ein durchsichtiger Äther? Wo kommt sie her?«

»Sie kommt in ein neues Gefäß.« Mir war es, als spräche jemand anderer aus mir. Nie hatte ich diesen Gedanken gedacht, und doch war er jetzt da, als hätte ich ihn von jeher in mir getragen.

Der andere lachte unwillig auf.

»In ein neues Gefäß, also einen neuen Leib! Hier steckt schon das Absurde. Die Zahl der Abgeschiedenen ist so groß, daß nicht einmal ein Tausendstel von ihnen eine neue Wohnung finden kann.«

Ich horchte auf die innere Stimme

»Wer das Bewußtsein seiner irdischen Existenz über den Tod hinaus bewahren kann, wird in einem Menschenleibe wiedergeboren. Das ist mein Glaube.«

.,Und wenn es gelänge – wie oft müßte Ihrer Ansicht nach eine solche Wiederkunft stattfinden?«

»So oft, bis die Seele geläutert ist«, antwortete ich bewegt.

»Und dann?«

»Dann ruht die Seele bewußt in Gott.«

Der Mann schlug mit der Faust auf seine Knie.

»Immer die alten Geschichten! Geläutert! Rein! Und der Haß? Die brennende Gier nach Rache, die Wut über das Ende hinaus, die Hoffnung, tausendfach vergelten zu können?«

»Dies alles sind Unreinheiten, die abfallen müssen«, sprach ich meiner inneren Stimme nach. »In der Läuterung des Fegefeuers –«

»Fegefeuer?« schrie er auf. »Sie reden wie ein katholischer Priester. – Wo soll es denn sein, dieses famose Fegefeuer?«

»Hier, das Leben ist es. Das Leben in Menschengestalt oder –«

»Oder?!«

»Oder in einem Tierleib«, sagte ich und sah im Geiste, wie aus den häßlichen Kugelaugen des Papageis Tränen rannen.

»Aber das sind Theorien. Ich will Gewißheit –«, verlangte mein später Gesellschafter hartnäckig.

»Es gibt nur eine Gewißheit: die des Gefühls. Den Glauben also, mein Herr.«

Ich war es, der so sprach.

»Märchen, mein Herr, Märchen. Ich will es Ihnen sagen, was nach dem Tode ist: nichts ist. Und das ist das Entsetzliche, dieses Ausgelöschtsein. Nie gewesen sein! Grauenhaft ist es. Und daran brauche ich nicht zu glauben. Das weiß ich.«

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht mehr Trost bringen konnte«, sagte ich und war von heftigem Mitleid ergriffen.

»Es ist meine Schuld«, verteidigte er mich höflich. »Vor einigen Tagen sprach ich mit dem Abbé Gautier, bevor er hingerichtet wurde. Ein alter Mann mit weißem Haar, ein würdiger Priester. Er mühte sich um einen buckligen Quacksalber, der wegen gemeiner Verbrechen verurteilt war, und wies ihn an die unendliche, ewige Güte Gottes. Aber der Italiener mit dem Höcker wollte nichts hören und schrie immerzu: Niente! – Finito – nulla. Nix immortalita – o Dio, Dio!«

»Warum rief er dann Gott an?« fragte ich.

»Aus Gewohnheit wohl nur. Dieser brave Abbé Gautier sagte ungefähr dasselbe wie Sie. Ich beneide ihn und Sie. Schlafen Sie wohl!«

Er schlich mit seinem Schemel in eine dunkle Ecke. Ich hörte ihn tief aufseufzen.

Ein Schlüsselbund klirrte. Die eiserne Tür ging knarrend auf. Die Schläfer ächzten unwillig, drehten sich um, murmelten unverständliche Worte.

Ein Schließer, der eine große, trüb brennende Laterne trug, trat ein, von einem Kommissar mit dreifarbiger Schärpe gefolgt. Sorgfältig prüfte er noch einmal das Papier, das der Beamte ihm gereicht hatte, und rief dann halblaut:

»Bürger Dronte!«

Ich stand auf und sah, wie der Kommissar eine heftige Bewegung der Überraschung oder der Freude machte. Er nahm dem Aufseher die Laterne aus der Hand, bedeutete ihm durch eine Bewegung, an der Tür stehenzubleiben, und kam rasch auf mich zu.

»Ich bin der Kommissar Cordeau!« sagte er hastig und leise.

Der Magister Hemmetschnur war es, den ich von Krottenriede mitgenommen.

»Ich kann nur eine Minute lang bleiben«, leierte er mit eintöniger, gleichgültiger Stimme hervor, während die Laterne in seiner Hand klirrte und zitterte. »Ich war in allen Gefängnissen, als ich Ihren Namen auf der Liste fand. Dies ist das letzte. Ich weiß alles. So viele der verfluchten Aristokraten ich auch in den Orkus gesendet habe, so möchte ich doch auf der Stelle wieder der armselige Hemmetschnur auf Krottenriede werden, könnte ich damit Ihr edles, mir so teures Leben retten. Bewegen Sie sich nicht, sprechen Sie nichts. In jedem Kerker sind Spione, auch hier. Ich habe mit dem Vorsitzenden Ihres Tribunals gesprochen. Die Anklage ist falsch. Es war Ihnen nicht darum zu tun, die Lamballe zu befreien, sondern Sie wollten als treuer Anhänger der Republik das unwissende Volk von einer voreiligen Tat abhalten, durch die das Entdecken und Erforschen der gefährlichen Pläne, an denen die Prinzessin beteiligt war, nun für immer unmöglich geworden sind. Man wird Ihnen glauben. Sie werden sogleich eine wichtige Funktion antreten, die Sie für immer schützt. Bewegen Sie nicht den Kopf. Sie müssen annehmen. Sonst sind Sie verloren. Wenn Sie mich nicht verstanden haben sollten, legen Sie Ihre Hände wie flehend ineinander. Sie tun es nicht? Sie haben also alles begriffen. Jetzt beginnt eine notwendige Komödie. Erschrecken sie nicht vor mir, der ich Ihnen die Hand küssen möchte.« Und mit lauter Stimme fuhr er zu sprechen fort: »Sie weigern sich also? Sie wollen den Aufenthaltsort des entflohenen Verräters nicht angeben? Gut. Morgen werden Sie vor Ihren Richtern stehen. Vergessen Sie nicht, daß das Bündel der Liktoren auch ein Beil enthält.« Scheinbar zornig stampfte er auf und winkte dem Schließer. »Bürger Gaspard! Du haftest mir für diesen gefährlichen Menschen!«

Der Schließer leuchtete mir ins Gesicht und grinste:

»Dieser Kopf sitzt lose! Ich verstehe mich auf die Sache, Bürger Kommissar!«

Der Magister schlug ihn lachend auf die Schultern, und beide verließen den Kerker. Die Tür fiel dröhnend zu, der Schlüssel rasselte.

»Francois!« schalt einer im Schlafe. »Sieh nach, wer von den verfluchten Bauern über den inneren Hof fährt –«

Dann war es still. Die Finsternis tropfte wie Pech herab.

Vor mir im Dunkel sah ich das Antlitz Isa Bektschis. Den gütigen Blick auf mich gerichtet. Die schmale Narbe zwischen den Augenbogen leuchtete wie Morgenröte.

»Ich werde nicht lügen –«, sagte ich vor mich hin.

Ich sah nichts mehr als die schwarze Nacht und streckte mich auf dem dünnen Stroh des Bodens aus, um ein wenig zu ruhen.

 

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