Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Busson >

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
Schließen

Navigation:

Ich stand unter dem Torbogen des Pariser Hauses, in dem ich wohnte und sah die Straße hinunter.

Dumpfes Geräusch kam näher. Pfiffe schrillten auf, Gelächter.

Ein Haufen Soldaten in den verschiedensten Röcken, rot und weiß gestreifte, schmutzige Hosen an den Beinen, zerdrückte Hüte mit den neuen Kokarden auf den langen Haaren, kam mit geschultertem Gewehr die Straße herunter. Zwei barfüßige Gassenjungen liefen als Tambours voraus. Auf der einen der beiden Trommeln erkannte ich noch das zerkratzte, bunte Wappen des Regiments Esterházy.

Hinter den Soldaten lief eine große Menge Volkes, Mädchen, Männer, Frauen und Kinder. Unter honett gekleideten Menschen sah man zerlumpte Dirnen, Kerle mit Mörderkiefern und niedriges Pack. In der Mitte dieses Haufens schwankte und holperte ein hochrädriger Karren, auf dem sechs Menschen saßen. Der erste, auf den mein Blick fiel – –

Barmherziger Gott!

Der Wagen hielt, da der Zug ins Stocken kam, und ich sah genau.

Der erste, den ich erblickte, war der Doktor Postremo.

Ein Fieberschauer schüttelte mich.

Ganz vorne saß er, mit auf den Rücken gebundenen Händen.

Sein schneeweiß gewordener häßlicher Affenkopf mit den kohlschwarzen dicken Brauen und dem Backenbart saß tief in den Schultern.

In seinen Augen hockte die Todesangst, und sein breiter Mund stand weit offen.

Doktor Postremo!

»Mit dem Buckel da wird Samson nicht fertig werden«, kreischte es lachend auf.

»Sie werden ihm den Kürbis schon hervorziehen!« antwortete ein zweiter. »Was, Alterchen? Meinst du nicht auch, Schildkröte?«

Postremo schnitt ein greuliches Gesicht, schloß den Mund, bewegte mahlend die Kinnbacken und spie dann dem Mann, der ihn angesprochen hatte, mitten ins Gesicht.

Eine Lachsalve flog auf.

»Bravo! Gut gezielt, Höcker!«

Zwei Soldaten stießen den Wütenden zurück, der mit seinem ekelhaft überronnenen Gesicht auf den Karren wollte.

Neben dem Italiener saß ein alter, ehrwürdiger Geistlicher in zerrissener Soutane, hinter ihm ein streng aussehender Mann in einem blauseidenen, mit mattem Silber gestickten Rock, und eine hagere Dame, die betend die Lippen bewegte. Das letzte Brett auf dem Wagen nahmen ein ehemaliger Offizier vom Regiment Flandern und ein junger, gleichgültig und verächtlich lächelnder Mann in einem Morgenanzug ein. Der Offizier biß sich zornig auf die Lippen und sagte etwas zu seinem Nachbarn, das dieser mit einem Achselzucken beantwortete.

Gleich darauf setzte sich der Wagen polternd und schleudernd in Bewegung, und die Menge stimmte ein mir unbekanntes, wildes Lied an, das brausend die Gasse entlanglief. Die Soldaten steckten ihre kurzen Pfeifenstummel auf die großen Hüte und sangen begeistert mit.

Ohne Willen, von einer unwiderstehlichen Gewalt vorwärts getrieben, schritt ich mitten in der Menge hinter dem Henkerskarren drein, auf dem der Elende saß, der mir das Glück meines armseligen Lebens geraubt und zerstört hatte mit seinen satanischen Künsten. Dennoch fühlte ich keinen Groll gegen ihn, so sehr mich auch sein Anblick an den größten Schmerz erinnerte, den ich je erlitten. Aber nun war es mir, als sei er nur das Werkzeug einer unerforschlichen Macht gewesen, die alles so gelenkt hatte, wie es gekommen war. Auch erschien mir das schreckliche Ende, dem er nun auf dem schütternden Brett des Wagens entgegenrollte, nicht im Lichte einer Strafe, die an ihm vollzogen wurde, sondern als eine Erlösung für diesen armen, boshaften, in einem mißgestalteten Leibe gefesselten Geist. Zwischen diesen mehr ahnenden als klaren Gedanken beherrschte mich wohl auch das unerklärliche Gefühl, das alle die Menschen hier in Bewegung setzte, der schreckliche und unergründliche Wunsch, einer fürchterlichen Operation an anderen beizuwohnen, die in dieser Zeit des großen Sterbens und der Ungewißheit jeglichen Geschicks, ohne Zweifel vielen von denen, die heute frei und ungefährdet mitgingen, in allernächster Zeit schon drohend nahe sein mochte.

In diesen Minuten zeigte sich mir die Revolution, die in der Nähe zu sehen mein Verlangen gewesen war, als etwas unsäglich Grauenhaftes und Fürchterliches. Es war, als ob man bösartige Tiere gegen fühlende Menschen losgelassen habe, Kreaturen niedrigster Art, die sich nicht genug an den Leiden ihrer Mitwesen ergötzen konnten, als ob sich Dämonen aus der Tiefe vereint hätten, um ihre bisherigen Bändiger und Beherrscher und mit ihnen jede Ordnung auszurotten. Was ich in den geröteten, augenfunkelnden, verzerrten Gesichtern um mich erblickte, war kein Menschentum. Wenn ich den jungen Edelmann und den Offizier auf dem hintersten Sitzbrett ansah, strömte aber auch von diesen Opfern eine kalte Welle auf mich zu. Sie waren böse in ihren Herzen bis zum letzten. Man sah es ihnen an, daß die Leute auf der Straße für sie dasselbe waren wie die Pflastersteine, der Schmutz, der an den hohen Rädern des Karrens klebte, oder der halbverhungerte Hund, der kläffend um die vorgespannten Mähren sprang.

In meiner trostlosen Not und in dem brennenden Mitleid, das mir fast das Herz sprengte, wußte ich dennoch klar und deutlich, daß in den letzten Gefühlen dieser beiden auf dem Wagen ihre ganze Schuld eingeschlossen lag. Sie hatten Menschen, Gottes Geschöpfe so gut wie sie, ihr Lebtag verachtet und verachteten sie noch in ihrer eigenen bitteren Todesstunde, weil jene unsauber, ungebildet, verschwitzt und verlaust waren. Diese Vornehmen bedachten nicht, daß ihre eigene Gefühllosigkeit aus diesen das gemacht hatte, was sie nun waren: eine Horde von Halbtieren, die sich gegen die grausame Geißel der Armut und des Ausgestoßenseins empört hatten. Sie hatten es, wenn man sie als Sinnbilder einer Kaste nahm, zu verhindern gewußt, daß solche Geschehnisse unmöglich waren, hatten Mitmenschen davon abgehalten, zu den Höhen eines gesitteten Lebens aufzusteigen. Immer wieder hatten sie die Unglücklichen in ihre Hundehütten und Löcher zurückgescheucht, in die Fron gepreßt, in seichter Tändelei den dumpfen Schrei aus der Tiefe verspottet und verlacht. Zuletzt, als auch die übermäßig reichen Mittel, die den anderen entzogen wurden, zu Ende gingen, häuften sie das Korn der Felder in versperrte Scheunen, um es in der kommenden Hungersnot spärlich und mit Wuchergewinn den Darbenden zu verkaufen. Sie hatten den Verzweifelnden ein schmerzendes Zaumzeug zwischen die Zähne gezwängt und die Zügel straff angespannt, derweilen ihre Peitsche blutige Striemen riß. So waren nun endlich von irrsinniger Wut und Pein die Banden gesprengt worden, und die stumpfsinnige Masse hatte einen flammenden Willen bekommen: den Willen, die Übermütigen, die Peiniger und Verachtenden zu schlachten, in Stücke zu reißen, zu zerstampfen, sie für immer von dieser Erde zu tilgen. Wer es aber verstand, in den Gesichtern des Volkes zu lesen, in diesen unwissenden und noch immer erstaunten Mienen, der wußte rückschauend, daß die Macht, die da zerschmettert worden war, mit ein wenig Güte gebraucht, mit weiser Vorsicht und Menschlichkeit gepaart, noch lange hätte bestehen und einen unblutigen, friedlichen Übergang zu einer gerechteren Verteilung der Güter hatte ermöglichen können. So war es aber, als ob diese Könige, Herzöge, Grafen und Gewalthaber aller Art den aberwitzigen Versuch unternommen hätten, zu probieren wie lange und bis wohin man geduldige Menschen quälen könne, bis sie sich endlich aufbäumen würden gegen die Last der Martern. Und dennoch taten auch sie mir leid.

Aus meinen Gedanken weckten mich bald die Stöße der sinnlos und aufgeregt Nachdrängenden, die auch mit dabei in dem traurigen Zug sein wollten.

Ich schrak auf, als mit einem Ruck alles stehenblieb und die Menschen auseinanderströmten.

Wir waren auf einem nicht allzu großen Platz angelangt, den alte, steilgiebelige Häuser mit geschwärzten Mauern umgaben; Meine Füße versanken fast in einem klebrigen, dunklen Schlamm, der den Boden bedeckte, und ich mußte mir eine etwas erhöhte Stelle des Pflasters suchen, um dem abscheulichen Sumpf zu entrinnen, dessen fauligsüßlicher Dunst mich über seine Beschaffenheit aufklärte. Um mich war ein wildes Tosen und Murmeln von Stimmen. Alle Fenster waren dicht besetzt, und von dort winkten Tücher Bekannten auf der Straße zu.

Gerade vor mir, mitten auf einem unregelmäßigen Platz, alle Köpfe, Hauben und Hüte hoch überragend, stand ein schmaler, rotbrauner, zweifüßiger Galgen, an dem oben unter dem Querbalken schief und blinkend das Fallmesser hing. Die Pfosten, zwischen denen es lief, glänzten im Tageslicht dunkel und speckig, so sehr war das Holz mit Blut und Menschenfett beschmiert.

Die Verurteilten erhoben sich steif und mühsam von den Sitzbrettern des Karrens. Ein Pferd wieherte, den Dunst des Platzes witternd. Die Armen, die da an ihrem letzten Ziel angelangt waren, halfen nun artig und höflich einander beim Absteigen, der alte Geistliche bemühte sich um den verkrüppelten Doktor Postremo, der furchtbare Gesichter schnitt und mit den Zähnen schnatterte. Ich sah die weißgepuderten Haare der anderen und den Wuschelkopf des Buckligen die schmale Gasse zwischen den Soldaten gehen. Die Todgeweihten stiegen ruhig und langsam die kleine Treppe zum Blutgerüst hinauf. Schmähworte flogen ihnen zu, Fäuste wurden geschüttelt, häßliche, dicke Marktweiber, die in der ersten Reihe standen, ja sogar strickend auf Bänken saßen, gaben Zoten von sich.

Ich sah genau jedes einzelne Gesicht. Außer Postremo, der zuckende Grimassen machte, sahen sie alle mit steinerner Haltung in Gesicht und Gebärde dem Kommenden entgegen.

Der Menschenring um Guillotins Maschine befand sich in mahlender Bewegung, und ich wurde allmählich ganz nahe herangeschoben, so daß die Opfer mit dem Gesicht mir zugekehrt standen. Ich wünschte mich weit weg, um den schrecklichen Druck unter dem Herzen loszuwerden, mit dem mich der Anblick so trauriger Vorbereitungen quälte. Aber ich konnte mich nicht bewegen, so fest war ich eingekeilt, konnte nicht einmal den Kopf von den wirren Haaren einer unreinlichen Frau wegwenden, die nach Knoblauch roch, und mußte mich von einem Mann, den der Schnupfen befallen hatte, von hinten anniesen lassen. Aber diese kleinen Widrigkeiten schwanden rasch vor einem namenlosen Grauen.

Nun schwang sich auf das Gerüst ein Riese, dessen Anblick alles übertraf, was ich an Scheußlichkeit und Gemeinheit in meinem wechselvollen Leben gesehen hatte. Auf ungeheuer breiten Schultern, über einem nackten, rotbehaarten Brustkasten und muskelstarken Armen erhob sich auf kurzem Halse das Gesicht eines teuflischen Affen mit gefletschten Zähnen, boshaft glimmenden Augen und einem feurigen Kamm aus rotgelben Borsten. Samson, dessen Bildnis ich in einem Bücherladen gesehen hatte, war es nicht. Ich wußte, daß er unpäßlich sei und daß sein erster Gehilfe ihn vertrete. Schrecken erfaßte mich beim Anblick dieses Kerls.

Das Menschentier, dem zwei roh aussehende Gestalten folgten, grinste, leckte die blauen Lippen und zeigte dann mit dem platten Daumen auf Postremo. Die zwei Kerle hinter ihm stürzten sich im Nu auf den Buckligen, der mit den Füßen stieß und pfauchte, unverständliche Worte schrie und den unförmigen Kopf noch tiefer in die Schultern zog, banden ihn blitzschnell an ein senkrecht stehendes Brett, kippten es um, so daß der Hilflose mit dem Kinn auf einem halbkreisförmig ausgeschnittenen Doppelbrett lag, dessen obere Hälfte nun zwischen den Pfosten hinuntergezogen und niedergedrückt wurde. Ein Schauer durchlief mich, als die rotbehaarte, blutschwarze Hand des Henkers einen vorstehenden Knopf im Pfosten berührte. Sausend pfiff das Fallbeil herab. Etwas sprang in einen Korb, der bucklige Leib drehte, wand sich und schlug mit den Füßen, wie es einst der arme bayerische Haymon unter dem Mordring getan, und aus einer riesigen dunkelroten Wunde, an der ein blinkender Halbkreis zu hängen schien, sprudelte in dickem Schwalle Blut, das dann glucksend und schwer an der Seitenwand abrann. Die Hand des Henkers griff in den Korb, hob am befleckten, weißen Haupthaar den Kopf hoch empor. Das Beil hatte den Hals nicht erreichen können, und so war der Unterkiefer abgetrennt und hing mit dem Halbrund der Zähne am Körper, so daß mir die verstümmelte Fratze des Doktors entgegensah. Und dieser abscheuliche Kopf zog langsam die Lider über das rechte hervorquellende Auge, als wolle er mir zublinzeln – – –

»Schön ist's nicht, Bürger – aber wie hätte er den buckligen Engelmacher anders zurichten sollen?« sagte ein Handwerker neben mir und zog eine Flasche aus dem oberen, aufgeschlagenen Teil seines brandfleckigen Schurzfells. »Da, trink einmal – das hält das Essen nieder, wenn es aus dem Magen aufsteigen will!« Ich nahm einen Schluck des scharfen und brennenden Wacholderschnapses, und die rieselnde Wärme in meinem Innern gab mir Kraft. Noch einmal blickte ich um mich, ob ich dem Kommenden nicht entrinnen könne, aber es war unmöglich, sich durch diesen Wall von Menschenleibern zu zwängen. Eine Mauer war um mich, die niemand hätte durchdringen können.

So mußte ich der Hinrichtung aller sechs Verurteilten beiwohnen, und jedesmal, wenn das lederne Klatschen des fallenden Messer ertönte, erbebte ich vom Kopf bis zu den Füßen. Der kalte Schweiß brach mir aus, und meine Beine zitterten heftig.

Als letzter aus der Schar, nach der alten Dame, die still und ohne jede Bewegung gestorben war, kam der Offizier vom Regiment Flandern dran, das dem König am längsten treu geblieben war. Er stellte sich selbst an das Brett. Während die Henkersknechte behende die blutnassen Riemen um seinen Körper schnallten, sah er dem Blutmenschen mit zornblitzenden Augen ins Gesicht und sagte laut und deutlich: »Wage es nicht, mit deinen Pfoten meinen Kopf hochzuhalten, rotborstiges Schwein!« Aber der Henker schürzte nur die wulstigen Lippen, wartete das Umkippen des Brettes und das Einklammern des Halses in das durch die zwei Halbkreise der Doppelbrettchen gebildete Loch ab, ließ das Beil fallen, daß die zwei Blutbrunnen aus dem Halsstumpf sprangen, und griff in den Korb.

Aber augenblicklich zog er mit einem grunzenden Schmerzensschrei die Hand aus dem Geflecht und schleuderte den Zeigefinger rasch in der Luft hin und her, als ob er glühendes Eisen berührt hätte. In sinnloser Wut stieß er mehrmals mit den Füßen gegen den Korb, daß der abgetrennte Kopf darin aufhüpfte und sprang. Dann barg er den Finger der Rechten in der geballten linken Hand und stieß einen lästerlichen Fluch aus.

»Der Aristokrat hat ihn in den Finger gebissen!« schrie der Mann mit dem Schurzfell. »Sie sind nicht so leicht umzubringen, diese Hochmütigen!«

Da mußte ich, wie wenn vom Himmel helles Licht mich beschiene, an Isa Bektschi denken und an das Gleichnis vom geköpften Übeltäter, der seinen letzten starken Willen mit einer ähnlichen Rache vertan und ausgespielt hatte.

Indessen sprang einer der Knechte, ein keck aussehender schwarzer Mensch, zum Korb, sah hinein, worüber die Umstehenden lachen mußten, und hob, mit zwei Fingern Haare fassend, den Kopf heraus. Die Augen des Toten sahen halbgeschlossen, verächtlich auf die gaffende Menge, und über sein Kinn rann ein dünner, roter Streifen – –

Fluchend kletterte der Rothaarige vom Gerüst.

In tiefster Seele verstand ich das Bemühen der Priester, ihnen selbst vielleicht nicht ganz faßbar, obschon sie es eifrig an den Tag legten, mit dem sie Sterbende ermahnten, alle Gedanken nur auf die ewige Seligkeit, auf das Bereuen der Sünden und das Weiterleben in Gott zu richten, alle Rachegedanken und irdischen Wünsche von sich zu tun. Welche unermeßliche Weisheit lag in diesem Brauche verborgen, welche Verheißung und welch ein Trost! Ein unbeschreiblich freudiges Bewußtsein der Erkenntnis durchglühte mich, als ich solches dachte, und fast bedauerte ich es, daß nicht auch mein eigener Weg hier geendet hatte.

Da es nun nichts mehr zu sehen gab, lockerte sich allgemach die Menge und strömte ab, verlor sich in den Seitenstraßen. Die Fenster schlossen sich, und die zwei Helfer erschienen mit Wasserkübeln und einem Karren, auf dem sie die sterblichen Reste der Hingerichteten in roher Weise verluden.

Ich stand noch immer wie gebannt in Gedanken an Isa Bektschis Worte, die er zu mir gesprochen, als ich krank im Spukzimmer auf Krottenriede lag, als ich fühlte, daß mich jemand ansah.

Als ich mich rasch umdrehte, begegneten meine Blicke denen eines noch jungen Mannes mit bräunlichem Gesicht von regelmäßigem Schnitt und dunklen Augen, aus denen mir eine außergewöhnliche Willenskraft entgegenblitzte. Eine große Gewalt ging von diesem Blicke aus, die mit der seltsamen, strengen Schönheit des Gesichtes und dem herben Munde harmonierten. Trotz der Kleinheit seines Körpers lag in seiner ganzen Haltung etwas Achtunggebietendes und Zwingendes, dem man sich schwer entziehen konnte. So fesselte mich seine Erscheinung im höchsten Grade. Er trug eine mir unbekannte, sehr einfache Uniform und hatte die Arme über der Brust gekreuzt.

»Sie sind ein Fremder?« redete er mich an und lächelte kaum merklich.

»Ich bin ein Deutscher«, antwortete ich ihm.

»Ah, ein Deutscher!« Er nickte kurz mit dem Kopfe.

»Ein treffliches Volk, klug, kriegerisch und dabei gehorsam. Ausgezeichnete Soldaten. Sie haben diese Hinrichtungen mit angesehen, mein Herr?«

Trotz der Gefahr, in die mich solche Offenherzigkeit bringen konnte, verhehlte ich ihm nicht meinen Abscheu.

»Ja, ja«, lächelte er düster »Sie müssen beim Anblick dieser Bestien eine vortreffliche Meinung von der französischen Nation bekommen haben. Aber das tut nichts. Dieses Volk ist gut. Nur hat es gegenwärtig das Fieber. Man wird es kurieren, es ein wenig zur Ader lassen –«

Ich zögerte, ihm zu antworten, obschon sich keine Zuhörer in der Nähe befanden. Denn mir war es wohl bekannt, daß der sogenannte Wohlfahrtsausschuß zahlreiche Agenten unterhielt, deren Aufgabe es war, auf die Reden des Volkes zu achten und Unzufriedene zu Äußerungen zu veranlassen, deren Wiedergabe das Mittel zu ihrer Unschädlichmachung bot. Aber gleich darauf schämte ich mich eines Verdachts, über den dieser Mann sicherlich erhaben war. Soweit meine Menschenkenntnis reichte, las ich in diesem Antlitz allerdings Rücksichtslosigkeit, unbeugsamen Willen, die Kraft, unliebsam Hindernisse mit Gewalt aus dem Wege zu räumen. Vielleicht war der kleine Mann mit dem harten Munde einer gigantischen Niedertracht fähig, wenn seine gewiß ungewöhnlichen Pläne es erforderten, kaum aber einer kleinlichen Handlung gegen jemanden, dessen Pfade die seinen nicht kreuzten. All dies las ich in dem finsteren Abgrund seiner Augen, aus dem der Funke eines Genius leuchtete.

»Ich beklage es«, sagte ich zu ihm, »daß Blutgier und Rachsucht das Gewand der Freiheitsgöttin besudeln und daß es gerade die häßlichsten Triebe sind, die beim Zerfall einer festgefügten Ordnung am auffallendsten in Erscheinung treten. So geschieht es mir, daß das, was mir aus räumlicher Entfernung groß und erhaben zu sein deuchte, in der Nähe erschreckend und aller Größe bar sich zeigt. Die Freiheit eines Volkes – –«

»Ach was, Freiheit!« unterbrach er mich. »Das sind alberne Redensarten. Das Volk braucht keine Freiheit, sondern die feste Hand eines Führers. Jahrhunderte werden vergehen, bevor das Volk für Ideale reif sein wird, für die haltlose Schwärmer schon jetzt die Zeit gekommen glauben. Es schadet aber nicht viel. Die Köpfe, die jetzt fallen, sind bis auf wenige, deren Verlust beklagenswert ist, nicht viel wert, und das Gesindel amüsiert sich einstweilen auf seine Art. Dennoch, mein Herr Deutscher, sage ich Ihnen, daß sich mit diesem sehr wertvollen, feurigen und leicht zu behandelnden Material die Welt erobern läßt, wenn es in die richtige Hand kommt. Aus diesen lausigen, johlenden, abgerissenen Burschen läßt sich ein Heer von Helden aufstellen, wie seinesgleichen noch nicht den Boden gestampft hat. Dem ungeheuren, seiner Kraft unbewußten Leibe fehlt nur das Haupt, um ihn unüberwindlich zu machen.«

»Gewißlich sitzt auch dieser Kopf auf sterblichen Schultern«, entgegnete ich. »Und es ist gegenwärtig, wie Sie wissen, eine schlechte Zeit für Köpfe.«

Wieder verzogen sich die Lippen des Mannes zu einem fast umerklichen Lächeln.

»Ich habe guten Grund, zu hoffen, daß der Kopf, den ich meine, nicht in Samsons Korb fällt«, sagte er.

Langsam gingen wir in die Richtung einer Seitengasse. Wildes, lang gezogenes Schreien und Jammern einer Frauenstimme, das aus einem alten Hause kam, ließ mich stehenbleiben. Als wir näher kamen, sahen wir im dunklen Flur ein junges Weib in Kindsnöten auf dem Ziegelpflaster liegen. Unter ihren Schmerzen drängte neues Leben dem Lichte zu. Nachbarinnen mühten sich um die Kreißende, und eine alte Frau hieß uns unwillig weitergehen.

»Die dicke Margot bekommt wieder ein Junges! Alle Jahre bringt sie ein Ferkel zur Welt!« schrie ein Gassenjunge und tanzte auf einem Fuße, entzückt, bei diesem Ereignis anwesend sein zu können

Der Offizier packte den Jungen am Arm, drehte ihn zu sich her, sah ihm mit einem furchtbaren Blick ins Gesicht und sagte:

»Weshalb freust du dich, Kretin? Etwa, weil dein Ersatzmann geboren wird? Er wird deinen Platz im Regiment einnehmen, wenn man dich nach der Schlacht im Lehm verscharrt!«

Ich sah den Burschen unter dem eisigen Blick meines Begleiters erblassen, als hätte er das Haupt der Medusa gesehen. Kreischend und mit den Armen um sich schlagend, lief er die Gasse hinunter.

Ich sah ihm nach.

Als ich mich umwandte, war der Offizier verschwunden.

 

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.