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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Als meine Extrapost die französische Grenze überquert hatte und in einem ansehnlichen Flecken die Pferde gefüttert und getränkt werden mußten, begab ich mich in die Herberge und ließ mir eine Eierspeise bereiten.

Die Tische um mich waren voll von Menschen. Fuhrleute, Bauern, Händler, Bürger und Handwerker besprachen mit der ganzen Lebhaftigkeit ihrer Natur die letzten Vorfälle, die zunehmende Häufigkeit der Hinrichtungen. Vor kurzem war ganz in der Nähe dieses Ortes das Schloß eines sehr hochmutigen und gegen geringe Leute äußerst hartherzigen Vicomte von den Bauern erstürmt und nach gründlicher Ausplünderung in Brand gesteckt worden. Mancher von denen, die hier den dicken Rotwein tranken, rühmte sich offen seiner hierbei begangenen Taten.

Als ich vernahm, wie tierisch die Leute in der kostbaren Bibliothek und in der Gemäldegalerie des Schlosses gehaust, wie sie altes Sevres-Porzellan vor dem Zerschlagen als Nachtgeschirr benutzt hatten, mußte ich an die Worte des Doktor Schlurich denken, der mich davor warnte, Revolutionen aus unmittelbarer Nähe zu betrachten. Als nun noch ein sehr häßlicher, blatternnarbiger Bursche sich grölend rühmte, wie er »Bijou«, das Lieblingshündchen der Schloßherrin, auf eine Pike gespießt und eine Stunde lang lebend umhergetragen habe, bis es endlich winselnd vor Schmerz und Angst verzappelt sei, faßte mich ein rasender Zorn gegen diese zweibeinige Bestie. Aber sogleich fiel wie eine schwarze Wolke die Erinnerung an einen Hund auf mich, dessen treue Liebe ich in einem sinnlosen Wutanfall mit einem tödlichen Steinwurf gelohnt hatte. Nein, ich hatte kein Recht, Richter zu sein, wenngleich ich nur im Jähzorn, dieser aber in teuflischer Bosheit gehandelt hatte. Peinigend stieg der Gedanke in mir auf, daß es Menschen gebe, die von Natur aus böse seien –. Was sollte mit diesen geschehen?

»Melchior Dronte!« flötete eine widerliche Stimme. »Melchior! Schöner Melchior!«

Ich erschrak dermaßen, daß ich beinahe mein Weinglas vom Tisch gestoßen hätte.

Ich blickte dorthin, woher die Stimme gekommen war, und sah ein altes, mit Schmutz und Lumpen bedecktes Weib, das an einem Tische saß. Sie hatte einen Kasten mit vielfarbigen Papierzetteln neben sich stehen, an dem eine kurze Stange mit einem Querholz emporstand. Auf dem Holze aber saß ein Papagei, in dessen blaugrauer, runzelicher Haut fast nur noch Federkiele steckten, während der große Kopf mit den rollenden Augen faltig und ganz kahl war. Die Frau, die meinen Blick bemerkte, stand eilig auf, näherte sich hinkend meinem Platz, nachdem sie den Riemen über ihre Schulter gelegt hatte, und blies mir ihren branntweinstinkender Atem ins Gesicht:

»Schöner, junger Herr, Apollonius wird Ihnen wahrsagen!«

Trotz ihres jammervollen Aussehens, der triefenden Säufernase und der entzündeten Augen hatte ich in ihr die schöne Laurette und in dem Ungeheuer den Papagei des spanischen Gesandten erkannt. Ein scharfer Schmerz ging mir mitten durchs Herz, als ich das Bild von Sattlers Lorle gegen diese schauerliche, lemurenhafte Erscheinung hielt. Obwohl mich der höllische Papagei mit meinem Namen gerufen hatte, zuckte kein Funke der Erinnerung auf in ihrem armen, verwüsteten Gesicht. Dafür erkannte ich im schielenden Blick des Vogels eine solche abgründige Bosheit und Wut, daß ich mich von einem Gefühle der Furcht nicht frei machen konnte. Das stumpfe, alte Weib, das einst jung, rosig und unschuldig in meinen Armen geruht hatte, sah mich aus halberblindeten Augen an und wiederholte lallend die Redensart von vorhin. Ich ließ in ihre gichtgekrümmten Finger eine Münze gleiten, die sie in ekelerregender Weise zur Aufbewahrung in den Mund schob, und sah mit Genugtuung, daß uns vorderhand niemand beachtete.

»Sicut cadaver –«, kicherte der Vogel. »Wie ein Leichnam küsse sie, schöner Melchior!«

Ich näherte mich ihm und sagte, als ob ich zu einem Menschen spräche:

»Mögest du bald erlöst sein, arme Seele!«

War ich es wirklich, der plötzlich diese Worte fand?

Der Papagei sah mich mit einem starren Blick an. Alle Bosheit wich aus seinen Augen, und zwei große Tränen kollerten über seinen Schnabel herunter, wie ich es schon einmal gesehen hatte. Es war über alle Maßen schaurig und ergreifend.

»Misericordia«, ächzte er. »Erbarmen!«

Und dann kletterte er eilig die kurze Stange herunter, fuhr mit dem Schnabel in den bunten Zetteln hin und her und packte einen feuerroten, den er mir hinhielt.

Ich nahm ihm das Papier aus dem Schnabel, gab der armen Laurette noch ein Goldstück und nickte ihr zu.

Kein Strahl des Erinnerns flackerte in ihren Zügen auf.

Mit ihrem Kasten, auf dessen Querholz der Papagei den Kopf auf die nackte Brust sinken ließ, schlurfte sie zum nächsten Tisch.

»O mon Dieu!« schrie der Papagei, und der hoffnungslose Ton dieser Klage ging mir durch Mark und Bein.

»Halte Ruhe mit deinem Basilisken, alte Knochenkiste« schrie ein Fuhrmann in blauem Kittel am Nachbartisch. »Man versteht sein eigenes Wort nicht. Es sind nicht lauter Aristokraten hier, die an solchen Albernheiten ihre Freude haben!«

»Dreh doch dem stinkenden Körnerfresser den Kragen um, Blaise«, rief ein weißbestäubter Müllerbursche. »Und wenn du einen Aristokraten unter die Finger kriegst, so nebenbei – ich helfe gerne mit!« sagte er halblaut, mit einem schrägen Blick auf mich.

Erschrocken hinkte die Alte vom Tische fort und kauerte sich wieder in ihren Winkel.

Ich beachtete die Leute, die sich wohl hauptsächlich in prahlerischen Reden gefielen und gewiß nicht alle bösartig waren, nicht weiter und trank langsam meinen Wein. Zudem mußte ich warten, bis der neue Postillon mich zur Weiterfahrt auffordern würde.

Ich legte das rote, viereckige Papierblättchen aus dem Kasten der schönen Laurette auf die Tischplatte, und obschon ich mir vorsagte, daß derartige Dinge keinerlei Bedeutung haben könnten, mußte ich doch daran denken, daß Apollonius diesen Zettel für mich ausgewählt hatte und ich ihm also ernstliche Beachtung sichern wollte.

In schlechtem Druck stand unter einer Reihe von astrologischen Zeichen:

»Es droht Ihnen eine große Gefahr, die abzuwehren nicht in Ihrer Macht liegt. Eine gewaltige Veränderung wird mit Ihnen vorgehen, aber fürchten Sie nichts: Sie wird für Sie nichts anderes sein als die Vorstufe zu einem neuen Leben.«

Wenn ich auch in dieser Schrift nichts anderes erblicken konnte als die vieldeutige und naturgemäß ganz unbestimmte Art solcher um ein Kupferstück erhältlicher Weissagungen, die für gewöhnlich ein zu diesem Zwecke abgerichtetes Tier aus dem Haufen ähnlicher vieldeutiger Aussprüche zieht, bewegte mich doch dieses kleine Stück Papier auf eine bedeutsam Weise. Und so sehr ich von Laurettens Schicksal, dem Schicksal so vieler leichtfertiger und sorgloser Mädchen und Frauen, erschüttert war, ergriff mich fast mehr noch Mitleid mit der Seele, die in einem elenden, langsam absterbenden Vogelleib büßen mußte für eine mir unbekannte, schreckliche Sünde. Ich war herzlich froh, als der neue Postillon, ein junger, mit der dreifarbigen Kokarde geschmückter Franzose, eintrat, an ein paar Tischen Bescheid tat und mich dann höflich ersuchte, mich zur Weiterfahrt bereitzuhalten.

Als ich das Zimmer verließ, war es mir, als ob höhnisches Gelächter und Schimpfworte mich begleiteten. Ich bemühte mich, völlig ruhig zu bleiben und vor mir selbst die grundlose Erbitterung der Menschen mit dem Unrecht zu entschuldigen, das ihnen seit vielen Geschlechterfolgen zugefügt worden war.

Ich war recht froh, als ich im Wagen davonfuhr. Freilich begleiteten mich allerlei schwere Gedanken. Der Anblick meiner einstigen Gespielin, die ich in Pracht und Glanz zu Wien verlassen und hier als Bedauernswerte, Zertretene und der Vernunft Beraubte wiedergefunden hatte, das mehr als unheimliche Zusammentreffen mit dem gespenstischen Vogel Apollonius, in dem eine verdammte Seele büßte, die schmerzliche Beobachtung, daß urteilsloser Haß und ins Blinde zielende Rachsucht das Bild einer großen Volkserhebung wie häßlicher Schimmelbelag überzogen – das alles betrübte mich sehr und wollte es mich fast bereuen lassen, diese gefährliche und anstrengende Reise unternommen zu haben. Aber gleichzeitig empfand ich die zwingende Notwendigkeit eines Schicksalsbeschlusses, die mich antrieb und vielleicht noch mehr als das: den aus Erkenntnistiefen stammenden Wunsch nach Erfüllung und Vollendung des mir Bestimmten.

Auch das Gespräch mit dem neuen Postillon, das dieser, halb zurückgewendet, mit mir begann, trug nicht zu meiner Aufheiterung bei. Er sehe, daß ich ein Herr von Distinktion sei, und trotz des Gewäsches von Freiheit und Gleichheit sei dies für ihn eine Erquickung. Täglich müsse er aus den untersten Schichten stammende Menschen fahren, die große Worte machten und sich ihrer schlechten Sitten rühmten. Dennoch möchte er mir, und zwar je weiter wir ins Land kämen, um so dringlicher raten, mit den Wölfen zu heulen und mich namentlich nicht in öffentlichen Herbergen, wie ich es eben getan, abseits vom Haufen zu halten. Nichts reize den Pöbel mehr als stumme Mißachtung, wofür die sonst dickhäutigen Kerle ein ausnehmend empfindliches Gefühl hätten. Es nütze eben nichts anderes, als den Stolz beiseite zu lassen und frischweg mit jedem Bruder und Schwein zu sein. Vorderhand sei in Wirklichkeit nur den besonders verhaßten und bekanntesten Bedrückern des gemeinen Mannes übel mitgespielt worden, und die, denen es gelang, ihr nacktes Leben davonzubringen, müßten noch froh sein. Wie aber die Zeichen stünden, werde es bald gegen alle Vornehmen, sodann aber auch gegen die das untere Volk geistig Überragenden sich wenden, da man sie als Schützer und Freunde der alten Ordnung betrachte. Ob der einzelne rechtschaffen und ehrlich gelebt, ob er vielleicht sogar ein treuer Helfer der Armen und Bedrückten gewesen, ja sogar Ungemach um ihretwillen ausgestanden, darüber pflegten bluttrunkene, verwilderte Rotten nicht nachzudenken.

Unter das sonst leichtherzige und gutmütige Volk mischte sich zu solcher Zeit Zuchthäuslergesindel und Spelunkenabhub, dem es nur darum gehe, die Raubsäckel zu füllen, zu saufen, zu huren, zu prassen und zu morden. Auch unter die Führenden, von denen viele es gut meinten, werde der und jener emporgeschwemmt, dem jedes Mittel recht sei und der die gemeinen Triebe der Menge aufreize, um sich bei der Plebs beliebt zu machen. Ein Herr von meinem Stande bliebe besser in der Sicherheit der Heimat, statt in einem Lande zu reisen, in dem es weder Zucht noch Recht noch Sicherheit gäbe. Ich würde bald sehen, daß ein begrenztes Maß von Freiheit einem stärkenden Trunk guten Weines gleiche, ein toller Überschwang jedoch, wie er hier herrsche, sinnlosem Rausch und Irrsinn gleichzuachten sei.

Diese Art des Ausdrucks bei einem Postillon wunderte mich, allerdings verriet mir seine Gesichstsbildung und Körperhaltung, daß er den gebildeten Ständen angehöre. Und so richtete ich die Frage an ihn, wie es komme, daß ein Mann von solcher Politesse keine andere Stellung als die eines Postkutschers habe finden können.

Da lächelte der Postillon und sagte: »Bemühen sich der Herr nicht! Ich bin rechtzeitig in Bescheidenheit untergetaucht und betrachte als Philosoph, was ich nicht hindern kann. Wer in solchen Zeiten seinen Kopf zu hoch reckt, kann ihn leicht verlieren, und da ich nur diesen einen besitze, bin ich besorgt um ihn und auf meiner Hut. – Verzeihen Sie, mein Herr, aber der Weg wird nun so schlecht, daß ich ihm meine Aufmerksamkeit zuwenden muß.«

Mit diesen Worten drehte er sich um und schien nur auf seine Leitseile und den Trab der Pferde zu achten. Aber schon die lässige, auf große Übung deutende Zügelhaltung und die vornehme Sicherheit seiner Bewegungen verrieten mir, aus welcher Gesellschaftsschicht mein Postillon stammte.

Vor einer Stadt, der wir uns näherten, hielt uns ein starker Haufen bewaffneter Bauern auf, denen, wie sie behaupteten, die Bewachung der Straße aufgetragen war. Einer fiel den Pferden, die im Schritt gingen, in die Zügel, während zwei mit vorgestreckten Musketen an den Wagen traten.

Der Postillion aber, über dessen feines und gebildetes Wesen ich mir eben noch meine Gedanken gemacht hatte, spuckte auf eine ordinäre Weise in die Hände und schrie im niedrigsten Dialekt der Gegend:

»Ihr Mistkratzer und Dreckkäfer, ihr Läusepack wollt es wagen, einen Bürger Kommissar aufzuhalten? Tod über mein Leben, wenn ich euch nicht unter Doktor Guillotins Maschine bringe, ihr Diebe und Stinktiere! Weg frei, bei den feurigen Klauen des Teufels, oder ich bitte den Bürger Kommissar im Wagen, eure Namen in sein Taschenbuch zu schreiben!«

Sofort wichen sie zurück, zogen die speckigen Hüte und schrien:

»Es lebe die Freiheit!«

Unser Wagen rollte weiter. Der Postillon lachte vor sich hin.

»Was sagten Sie doch von der Maschine des Doktors Guillotin?« fragte ich ihn.

»Ah – haben Sie nichts von ihr gehört? Stellen Sie sich vor, daß man Sie auf ein Brett legt zwischen zwei Balken. Hoch droben hängt ein schweres, scharfes, blankes Messer mit schräger Schneide, das fällt und trennt den Kopf so säuberlich vom Rumpfe, als wäre er nur ein Kohlhaupt auf dünnem Stiel. Sie reist im Lande umher, die Maschine des Vaters Guillotin.«

In meinem Munde war auf einmal ein lauer, süßlicher Geschmack, von dem mir fast übel wurde. Die Luft in diesem Lande war es, die ich im Munde hatte. Sie schmeckte nach Blut.

Und mit einem sekundenlangen Erstarren dachte ich an die Worte der Demoiselle Köckering, an ihren gellenden Schrei – –

»Ein Messer hängt – fällt –!«

In der Stadt, deren Tor vor uns lag, begann tief und drohend eine Glocke zu läuten: Tod – Tod – Tod – Tod.

Meine Furcht verflog so rasch, wie sie gekommen war.

»Non omnis moriar«, sagte ich vor mich hin.

»Ich werde nicht ganz sterben!«

 

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