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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Neben mir saßen Phöbus Merentheim und Thilo Sassen. Wir drei waren die vornehmsten. Hinter uns hockte Klaus Jägerle, der Prügelknabe. Er durfte mit uns lernen, bekam zu essen, und wenn wir etwas nicht wußten, wurde an ihm die Strafe vollzogen. Seine Mutter war eine Waschfrau, und der Vater flocht Körbe, obschon er nur einen Arm hatte. Der andre war von einem feindlichen Reiter durchhauen worden, als er den schwerverwundeten Vater Thilos mit seinem Leibe schützte. Dafür durfte Klaus mit uns lernen und reihum zu Mittag an den Gesindetisch kommen. Der Klaus war sehr fleißig, schüchtern und bedrückt, und mußte alles erdulden, was seine Mitschüler ausheckten, wenn sie übermütiger Laune waren. Es erging ihm fast noch schlimmer als dem buckligen Sohn des Krämers Isaaksohn, den sie einmal an die Türe gestellt hatten und ihm einer nach dem andern ins Gesicht spuckten, so daß ihm der eklige Saft, vermischt mit seinen Tränen, über das neue Rokelor rann.

Ich war in großer Angst, weil ich nichts gelernt hatte. Denn vor mir stand der kleine, giftige Lehrer des Französischen in seinem tintenbespritzten, tabakfarbenen Rock mit den verbogenen Bleiknöpfen, den Gänsekiel hinter dem Ohr, durch die spaniolgefüllte Nase sprechend. Sein blasses Gesicht war voll von Sommersprossen und zuckte unaufhörlich. In der linken Hand hielt er ein grüngebundenes Buch, und mit dem schwarzgeränderten knotigen Zeigefinger der rechten Hand fuchtelte er vor meinem Gesicht herum.

So machte er es immer. Ganz plötzlich, nachdem er eine Weile hämisch unsere Gesichter studiert hatte, fuhr er wie ein Stoßgeier auf einen der Schüler los und fand stets den Unsichersten heraus. Es war seine Gewohnheit, zu Beginn der Stunde das Vocabulaire zu prüfen, das heißt, er schleuderte dem Opfer einige französische Wörter ins Gesicht, die sofort übersetzt werden mußten.

Diesmal hatte er mich auserwählt.

»Allons, Monsieur–«, zischte er. »Emouchoir – Tonte – Méan. – Sofort! Rasch!«

Ich war erschrocken und stammelte:

»Emouchoir – der Fliegenwedel, tonte – die Schafschur – méan... méan, das ist – das heißt –«

Er wieherte vor Freude.

»Ah – Sie wissen es nicht, cher Baron?«

»Méan –, das ist – –«

»Assez! Setzen Sie sich!«

Er meckerte, und seine kleinen schwarzen Augen sprühten vor Vergnügen. Langsam nahm er eine Prise aus seiner runden Horndose, fuhr mit zwei Fingern unter der spitzen Nase hin und her und stach dann mit der Dose nach meinem Nachbarn.

»Monsieur Sassen! – Auch nicht? – Merentheim? Ebenfalls nicht? – Jägerle, steh Er auf und sag Er es!«

Der arme Klaus fuhr wie von einer Feder geschnellt in die Höhe und sagte mit dünner Stimme:

»Méan –, so nennet man bei den Salzteichen am Meere das fünfte Behältnis, in welches man das Seewasser zur Gewinnung des Salzes einfließen läßt.«

»Gut«, nickte der Lehrer und lächelte boshaft. »Er selbsten weiß es zwar, aber als Anhängsel der Noblesse in dieser Schule nenne ich Ihn sot, paresseux et criminel! Heraus mit Ihm aus der Bank, damit Er bekommt, was Ihm als dem Stellvertreter der unwissenden Noblesse gebührt!«

Ich ward blaß vor Wut. Dieses Übermaß von Ungerechtigkeit gegen den armen Jungen, den einzigen, der das seltene und kaum gebräuchliche Wort kannte, erschien mir himmelschreiend. Ich stieß Sassen an, aber er zuckte nur die Achseln, und Phöbus sah in die Luft, als ginge ihn das nichts an.

Zögernd kam Klaus Jägerle aus der Bank hervor. Dicke Tränen standen ihm in den Augen. Glührot vor Scham nestelte er an seinem Hosenbund...

»Schneller! Entblöße Er seinen derrière!« kreischte der Schulfuchs und wippte mit dem vierkantigen Lineal, »auf daß Ihm an Stelle der Noblesse sein ordentlicher Schilling zuteil werde!«

Entsetzt sah ich, wie Klaus ergeben die Hose fallen ließ. Zwei arme, magere Beine kamen zum Vorschein, ein graues, zerfranstes Hemd. Der Lehrer griff mit gespreizter Klaue nach ihm.

Da sprang ich aus meiner Bank.

»Sie werden den Jägerle nicht schlagen, Monsieur!« schrie ich. »Ich dulde es nicht...«

»Ei, ei!« lachte der Mensch, »dies wird sich ja allsogleich zeigen...« Er drückte den willigen Kopf des armen Jungen nieder und holte zum Schlage aus.

Da sprang ich dem Lehrer an die Kehle. Er schrie keuchend und stieß mit den Füßen nach mir. Wir fielen zu Boden. Die Bank stürzte um, Tinte floß über uns. Die andern Schüler jauchzten vor Freude und trampelten mit den Füßen. Ich fühlte plötzlich einen starken Schmerz in der rechten Hand. Er hatte mich gebissen, mit seinen häßlichen, schwarzen Zahnstumpen gebissen. Ich schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. Blut und Speichel spritzten aus seinem Mund.

Eine Hand packte mich am Kragen und riß mich in die Höhe. Ich sah in ein grobes, gutmütiges Gesicht unter einer zausigen grauen Perücke. Der Rektor.

»Verrückt geworden, Domine? – Erheben Sie sich, Monsieur!« rief er den blutenden Lehrer an.

»Er will mir ans Leben!« kreischte der.

»Baron Dronte, Sie verlassen sofort die Schule!« sagte der Rektor und wies auf die Türe.

Klaus Jägerle stand noch immer mit demütig gesenktem Kopf und seinen dünnen, zitternden Beinen da, und wagte es nicht, ohne Erlaubnis die Hose hinaufzuziehen.

 

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