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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Nach langen Wochen eines nur leise sich regenden Lebens, nach ungezählten Tagen, in denen mein innerer Blick fest und unverrückt das Bildnis Isa Bektschis festhielt, kam die Stunde, in der ich, wie aus einem tiefen Schlaf erwachend, den Doktor Schlurich an meinem Bette sitzen sah. Er war ein schlanker, etwa vierzigjähriger Mann, sehr vornehm und klug aussehend, mit hoher, reiner Stirn und schönen Augen. Sein schwarzer Anzug war aus dem feinsten Stoff gemacht, in seiner Halsbinde stak ein leuchtend grüner Smaragd von großem Wert, und seine Hände waren zart, weiß und gepflegt.

»Mein Herr Baron«, sagte er mit angenehmer und gedämpfter Stimme. »Ich freue mich, daß Ihre kräftige Natur und der Wille zum Leben den nicht leichten Sieg über ein schweres Nervenfieber davongetragen haben.«

»Und Ihre Kunst –« setzte ich höflich hinzu.

»Meine Kunst kann im besten Falle die geheimnisvollen Kräfte, mit denen der Leib sich gegen den drohenden Verfall wehrt, unterstützen, kann sie sogar wohl herbeirufen, kann Schmerzen und Unruhe lindem, muß aber – wenige Fälle ausgenommen – gleichsam zusehen, wie der Streit hin und her wogt. Wohl gelingt es, den freundlichen Kämpfern gegen den Tod da und dort mit diesem und jenem Mittelchen Sukkurs zu bringen (und es mag sein, daß dieser manchmal entscheidend ist), aber im großen und ganzen muß der Kranke das Heilmittel in sich selbsten tragen oder hervorbringen. Diesmal sind Sie, Verehrtester, auf dem Wege ins Schattenreich wandelnd, noch rechtzeitig umgekehrt!«

Damit stand er auf, riet mir das von ihm bestellte Essen, einen Schokoladepudding mit Konfitüren, nicht zu verschmähen und sodann zu schlafen.

Ich sah ihn langsam, freundlichen Gesichts, aus dem Zimmer gehen, den Stock mit dem goldenen Granatapfel zierlich ans Kinn gepreßt.

Nach einigen Tagen stand ich auf, und dies um so lieber, als in den letzten Tagen verschiedene, von außen kommende Geräusche, als Rufe, Pfiffe und Stimmengewirr, die sonstige Stille meines Zimmers arg gestört hatten.

Mit Hilfe des Gasthausdieners kleidete ich mich an und ließ mich frisieren, wobei ich die Wahrnehmung machte, daß der silberne Reif des Alters sich während meiner Krankheit vollends auf mein Haupt niedergesenkt hatte. Der schwatzhafte und gutmütige Diener erzählte mir unterdessen zahlreiche Schauergeschichten aus Frankreich, wo das Blut in Strömen fließe und ein Menschenleben keines Dreiers wert geachtet werde. Die Seuche des Freiheitsrausches beginne allbereits um sich zu greifen, und selbst in diesem sonst so ruhigen und altväterischen Städtlein hätten sich in den letzten Tagen allerlei widerwärtige und mißliche Dinge ereignet, die im Rottieren der Handwerksgesellen und Aufrichten eines Freiheitsbaumes bisher ihren Höhepunkt gefunden. Der Stadtrat habe jedoch in weiser Voraussicht submissest an höchste Stelle eine Petition um etliche Kavallerie und ein Bataillon Infanterie gelangen lassen, der, wie der hochfürstliche Büchsenspanner Gailer ihm unter der Hand mitgeteilt, baldigst entsprochen werden dürfte.

Als ich fertig war, stieg ich langsam in den Speisesaal hinunter und fand dort am gemeinsamen Tisch zu meiner großen Freude den Doktor Schlurich, der sogleich seinen Platz verließ und sich neben mich setzte.

Wir gerieten naturgemäß in ein Gespräch über die aufregenden Vorgänge in der Stadt, die sich zu der ungeheuren Purpurlohe in Frankreich wie ein schwaches Flämmchen verhielten, aber dennoch wohl beachtenswert erschienen. Ich sagte, daß ich große Lust verspürte, mich in die Stadt Paris zu begeben, um die dortigen unermeßlichen Veränderungen aus nächster Nähe studieren und beobachten zu können. Ich könne ihm nicht verhehlen, daß mir die dort begonnene Bewegung für die ganze Menschheit bedeutungs- und geradezu verheißungsvoll dünke.

Doktor Schlurich sah mich mit einem sehr aufmerksamen Blick an und meinte, es wundere ihn einigermaßen einen Edelmann aus altem und berühmtem Geschlecht solchen Geschehnissen etwas anderes als billigen Abscheu entgegenbringen zu sehen. Die tiefgehende Umwälzung, die erst in ihren Anfängen bemerkbar sei, könne doch unmöglich von einer Kaste begrüßt werden, deren bevorzugtes Dasein sich auf einem künstlichen Nimbus und einer geflissentlich geheiligten Überlieferung aufbaue. Er bitte mich jedoch, ihn nicht etwa mißzuverstehen. Denn seine eingangs erwähnte Verwunderung über mein Verhalten sei eine durchaus freudige.

Ich erwiderte ihm, daß mir eine freilich selbstverschuldete Erniedrigung in jungen Jahren Gelegenheit gegeben habe, gerade unter Menschen der tiefsten Volksklassen eine Schule durchzumachen, die, ob sie nun gut oder schlecht sei, jedenfalls die Eigenschaft habe, den Schüler von aller Überhebung und jedem Standesdünkel zu heilen. Zudem hätte ich dabei die wertvolle Erkenntnis gewonnen, daß die sogenannten Standesunterschiede durch künstlich aufgerichtete, unschwer zu beseitigende Schranken entstanden seien und aufrechterhalten würden, indem die Kinder der Armen von jeder besseren Erziehung und Pflege ihrer edlen Gefühle von vorneherein ausgeschlossen würden, damit man später auf ihre Roheit und Unwissenheit hinweisen könne. Die unleugbaren Vorzüge der Sozietät, zu welcher ich den Adel und das verfeinerte Bürgertum rechnete, seien eben nur ein Ergebnis sorgsam geführter Edukation. Wenn diese einmal nicht nur diesen privilegierten Ständen, sondern allen Angehörigen des Menschengeschlechts könnte zuteil werden, würde sich nicht nur die Menschheit mit der edelsten Waffe schützen, sondern es würde sich auch zu ihrem Heile eine unermeßliche Fülle von Talenten und Fähigkeiten im neuen Lichte entfalten, die derzeit niemals zur Geltung kämen, ja dort, wo sie trotz allen Druckes schüchtern emporblühten, als staatsgefährlich ohne jedes Gewissen unterdrückt würden.

»Sie sind ein Edelmann im inneren Sinne des Wortes« sagte der Doktor und verneigte sich. Ich fühlte, wie mir die Schamröte ins Gesicht stieg, und stumm gedachte ich so mancher Dinge in meinem Leben, die häßlicher Art waren und immer als Flecken auf mir haften mußten.

»Jedoch, cher haran«, fuhr der Arzt fort, »ich weiß nicht, ob ich Ihnen, falls Sie mich mit einer Frage um meinen Rat auszeichnen wollten, zuraten könnte, in nächster Nähe, also in Paris, die große Umwälzung mitzumachen Bedenken Sie: Wenn einer in seinem Garten einen vernachlässigten Platz säubert, um dort nutzbare und liebliche Gewächse erstehen zu lassen, und die alten Steine und den Schutt wegschafft, zeigen sich ihm häßliche Würmer, Asseln, Tausendfüßler und allerlei widriges Geschmeiß, das nun aus seinen dunklen Stätten kriecht, durcheinanderläuft und einander wohl auch in plötzlicher Freßgier anfällt. Also ist es auch bei jenen gesellschaftlichen Veränderungen, die man Revolutionen nennt. Bis der edle Kern, das Licht der Freiheit, sich zeigt, ist abscheuliche Arbeit zu tun, die vielleicht Menschen, die nach vielen Jahren zurückblicken, begreiflich erscheint, denen aber, die sie miterleben, die Seele mit einem solchen Entsetzen erfüllt, daß sie nichts anderes mehr erkennen und gar die Hoffnung verlieren. Revolutionen sind mit Unrat, Blut, Geschrei, Übeltaten, wilder Entfaltung tierischer Triebe und gemeiner Habsucht untrennbar verbunden, und es dauert lange, bis der emporschießende Feuerstrahl rein und frei von schmutzigen Schlacken wird und die Herrschaft über die sinnlose Masse in die Hände Vernünftiger gelangt.«

Ein wildes Schreien und Brüllen vor den Fenstern unterbrach ihn. Im Speisesaal entstand eiliges Sesselrücken und Aufspringen. Man sah draußen auf der Straße Menschen vorüberlaufen, erst einzelne, dann dichtere Massen, und hinter ihnen kam eine geschlossene Front von Dragonern, die mit dem flachen Pallasch einhieben und so die Straße reinigten. Das alles ging rasch vorüber, das Schreien und der klappernde Hufschlag auf dem Pflaster verloren sich, und in wenigen Minuten lag die Straße wieder ruhig da, von verlorenen Hüten, Stöcken und sonstigen Dingen bedeckt.

»Unsere guten Deutschen reifen langsam.« Doktor Schlurich kehrte wieder an den Tisch zurück. »Und es wird noch manches über unser Volk hinweggehen, bis es sich zur inneren und äußeren Freiheit durchzuringen vermag, von der übrigens auch die Franzosen noch himmelweit entfernt sein werden. Das Verdienst jedoch, den Anfang gemacht zu haben, könnte man ihnen belassen, müßte man es nicht vom Standpunkt höherer Gerechtigkeit aus den Engländern zuerkennen. Dennoch, Herr Baron: Die Deutschen werden nach vielem Leid und Ungemach dereinst die Auserwählten sein, von denen das Heil der Welt ausgeht und die Erlösung. Dieses ist mein Glaube.«

Wir schwiegen lange, und allgemach glitt unser Gespräch anderen Dingen zu. Ich erfuhr, daß Doktor Schlurich, aus Köllen gebürtig, sich hier niedergelassen habe, weniger um Geld zu verdienen, was bei seinen Verhältnissen nicht unbedingt vonnöten war, als um in Ruhe ein großes Werk über unbekannte Phänomene psychischer Art zu schreiben, mit deren Erforschung er sich hauptsächlich befaßte. Hier habe er einen ganz besonderen Fund getan. In einem Hause der Stadt lebe nämlich eine Demoiselle Köckering, die in Gesellschaft verschiedener Ärzte schon des öfteren in magnetischen Schlaf versetzt worden und in diesem Zustand Fragen, die sich auf Vergangenheit und Zukunft, nebstbei auch auf die verschiedensten Dinge bezogen, vollkommen richtig beantwortet habe. Falls ich zufällig für derartige Geheimnisse der Natur, die nur von Unverständigen mit Geistern und Teufeln in Verbindung gebracht würden, einiges Interesse übrig habe, sollte es ihm ein leichtes sein, mich dortselbst einzuführen. Da die Person ganz im geheimen gehalten werden müsse und von ihrer Kunst lebe, sei es allerdings üblich, beim ersten Eintritt ein Douceur in Gold zu verabreichen.

Ich war sogleich bereit, mich von ihm in das Haus führen zu lassen, und dankte ihm für sein Vertrauen.

Als es zu dämmern begann, machten wir uns auf den Weg.

Ein feuchter, kühler Wind strich vom Rhein her. Die nasse Luft drang empfindlich durch unsere Mäntel. In mehreren Straßen wurden wir von Reiterpatrouillen mit aufgestemmten Karabinern angehalten, durften aber als Personen von Distinktion passieren. Nach einigem Umherirren fanden wir das Haus »Zum silbernen Schneck«, in dem die Demoiselle wohnte.

Erst nach mehrmaligem Klopfen wurde uns von einem Manne geöffnet, der sein Zögern mit der Angst vor den Handwerksgesellen und Schiffsknechten entschuldigte, die nebst üblem Volke aus den Spelunken, das »Ca ira« johlend und an die Tore hämmernd, vor einer Weile in der Gasse getobt hätten, um die im Nebenhause lebenden Dirnen herauszubekommen und mit sich zu nehmen. Soldaten hätten die Schreier rasch vertrieben und wären dann selbst in Mengen durch die Tür mit der roten Laterne eingedrungen.

Wir stiegen im Schein der Talgkerze, die zwischen seinen Fingern tropfte, die schmale Treppe hinauf und gelangten nach einer besonderen Art von Pochen in ein helles, achteckiges Gemach, dessen Fenster dicht verhängt waren. Es war nichts darin zu sehen als ein mit verschlissenem Brokat bezogener Armstuhl, neben dem auf zwei Tischchen vielarmige Leuchter brannten, und davor eine Reihe von gewöhnlichen Holzsesseln, auf denen einige Männer wartend saßen. Sie wandten die Köpfe nach uns. Sowohl nach ihrer Tracht als auch nach dem Ausdruck ihrer Gesichter konnte man sie unschwer dem Gelehrtenstande beizählen.

Doktor Schlurich und ich traten auf die Wartenden zu und nannten unsere Namen, welche Artigkeit in gleicher Weise erwidert wurde.

»– insonderheit die Weissagungen der Demoiselle müßten strenge geprüft werden«, setzte einer der Herren, der mit »Spektabilität« angeredet wurde, die durch unseren Eintritt unterbrochene Rede fort. »Um so mehr, als der Mensch, der sie in magnetischen Schlaf versetzen zu können vorgibt, einen Louisdor pro Person einkassiert. Mein geschätzter Kollege Professor Fulvius, der die Vorführung mit angesehen, ist nicht in allen Dingen befriedigt. Jene bläulichen Effloreszenzen, die man an den Händen der angeblich vom Teufel besessenen Emmerentia Gock in Ebersweiler einwandfrei beobachten konnte, fehlen gänzlich, und alles, was vorgeht, beschränkt sich eben auf sicherlich mitunter staunenswerte Mitteilungen aus dem Leben und den Schicksalen anwesender Personen.«

»Wobei respektvoll zu bemerken ist«, sagte ein kleiner, magerer Mann mit rötlicher Perücke in höchster Fistel »daß die Weissagungen sive Prophezeiungen des Weibsbildes, insoweit sie sich auf Zukünftiges beziehen, wissenschaftlich völlig wertlos, weil derzeit unüberprüfbar sind.«

»Mag sein, mag sein«, knurrte ein dicker, finster blickender Mann mit grobem Gesicht und hoher Halsbinde. »Dennoch wäre es ein Fehler, den noch nicht bestätigten Betrug von vornherein als Prämisse zu nehmen. Wir sind Manns genug, um dem Ding auf den Grund zu gehen, und um Lichterscheinungen oder unsinniges Geklopfe ist es mir nicht zu tun.«

Da öffnete sich eine kleine Tapetentür, und ein etwas schiefgewachsenes ältliches Mädchen mit unschönem und gelbem Gesicht trat ein. Sie trug eine grauseidene weite Robe und setzte sich nach einem Knicks gegen die Anwesenden in den Armstuhl, ihren Rock ausbreitend und glättend. Hinter ihr trat ein dunkel gekleideter Mann mit unangenehmem Gesichtsausdruck und stechenden Augen ein, dessen Alter zwischen Dreißig und Vierzig, also nicht weit entfernt von dem der Frau, liegen mochte. In seinem Antlitz wechselten seltsamerweise beständig die Mienen, so daß man glauben konnte, seine Stimmung schwanke zwischen Lachen und Weinen hin und her. Er verbeugte sich, sammelte auf einem Silberteller das bedungene Douceur ein, stellte den Teller zu einem der Leuchter, verbeugte sich nochmals und sagte dann mit hartem Akzent, wie er deutschsprechenden Russen eigen ist:

»Diese Demoiselle Maria Theresia Köckering, aus Reval gebürtig 38 Jahre alt, ist imstande, alle Fragen, die an sie gerichtet werden, mögen sie nun die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft der hier anwesenden geschätzten Persönlichkeiten betreffen, auf das beste und genaueste zu beantworten, sobald sie in den magnetischen Schlaf versetzt ist.«

Er trat auf den Tisch zu, löschte einige der hellbrennenden Wachskerzen, ging dann zu dem regungslos sitzenden Mädchen, streckte die ausgebreiteten Finger gegen ihr Gesicht und strich ihr mehrmals leise über Stirne, Augen und Schläfen. Dann drehte er sich um.

»Sie schläft nun«, sagte er.

Wir sahen sie an und hatten den Eindruck einer sitzenden, in Schlaf versunkenen Person,

»Ich darf bitten, meine hochansehnlichen Herren!« fuhr der Mann mit gedämpfter Stimme fort. »Es ist zu dem Experiment eine gewisse Ruhe vonnöten. Werden die gestellten Fragen gut beantwortet, so bitte ich, halblaut zu bestätigen, daß die Antwort richtig war. Ist sie es nicht, so ersuche ich, ohne Erregung darauf hinzuweisen, worauf ich die Frage erneuern werde. Denn es geschieht manchmal, daß der empfindliche Geist der Demoiselle durch gewisse, aus unbekannten Regionen stammende Schreckbilder in Verwirrung gerät. Jede gerechte Prüfung und Untersuchung ist gestattet. Strenge untersagt ist störender Lärm, rauhes Anrufen, jähe Berührung, da körperliches Erschrecken das Leben der Demoiselle aufs höchste gefährdet, weil in solchem Zustande die Seele nur sehr lose mit dem Leib in Verbindung steht.«

Ein kurzes, mißbilligendes Räuspern kam aus der Reihe der Zuhörer. Aber der Vorführende achtete nicht darauf, sondern sprach weiter:

»Vorerst werde ich selbst einige Fragen stellen. Damit das gelehrte Publikum die Einfachheit des Vorganges und die Unmöglichkeit eines Betrugs konstatieren kann. Demoiselle Maria Theresia!« wandte er sich in erhöhtem Ton an die Schlafende.

Augenblicks begann es im Gesicht der Schlafenden zu zucken, und ihre Hände fuhren unruhig hin und her, in die Luft greifend und wiederum die Armlehnen des Stuhles befingernd.

»Hören Sie mich, Demoiselle?«

»Ich höre«, sagte sie mit sonderbar veränderter und tiefer gewordener Stimme von rauhem Klang.

»Die Namen der hier Anwesenden hochansehnlichen und gelehrten Herren in ihrer Sitzordnung von rechts nach links?« Zu uns sagte er hinter der vorgehaltenen Hand.

»Sie siehet alles gleichsam wie in einem Spiegel, und so rechnet sie von sich aus.«

Das Beben und Grimassieren wurde ärger, dann zeigte sich eine Art von Lächeln flüchtig in ihrem Gesicht, und sie sprach unaufhaltsam, rasch und ohne jede Zwischenpause:

»Doktor Achaz Moll, Professor Gisbertus van der Meulen, Doktor Johannes Baptista Schlurich, Freiherr Melchior von Dronte, Magister Benedikt Fleck, Spectabilitas Doktor Imanuel Balaenarius, Doktor Veit Pfefferich.«

Ein Murmeln und beifälliges Kopfnicken folgte. Aber der Magister Fleck meinte halblaut, solche Kenntnisse könne man sich bei so hochberühmten Männern verschaffen.

Der Mann bei der Schlafenden schüttelte mit ärgerlicher Miene den Kopf und stellte eine zweite Frage:

»Sage mir die Demoiselle, an welchem bedeutsamen Werke jener Herr derzeit arbeitet, der die Hand erhebt?«

Er gab uns ein Zeichen, und der Spektabilis hob, von allen stillschweigend aufgefordert, die Hand.

Die Köckering ward wieder lebhaft, bewegte ihre Lippen, setzte mehrmals an und stieß dann hervor:

»Über die Heilwirkung des reinen Wassers bei Obstipatio und über die Schäden des allzuhäufigen Purgierens.«

»Bene«, sagte der Dekan, »Admirabile! »

»Auch dieses läßt sich in Erfahrung bringen –«, wisperte der mißtrauische rote Magister.

»Ich bitte nunmehr die verehrten Herren, selbst nach Ihrem Belieben Fragen zu stellen.« Der Magnetiseur sah mit einem scharfen Blick den Magister an und forderte ihn durch eine Handbewegung zum Reden auf.

»Wie – – wieviel Geld habe ich in der Tasche?« stotterte dieser sichtlich überrascht.

Die Frau antwortete ohne Besinnen:

»Einen Laubtaler, ist aber falsch, und fünf Silbergroschen.«

Der Frager zog sein Beutelchen und zählte die geringe Barschaft nach. Es stimmte.

»Recht artig«, brummte der Doktor Moll, und sein Doppelkinn lag dräuend auf der hohen Krawatte. »Wenn der nach seinen Groschen fragt, ist es wohl verstattet, sich zu erkundigen, wer mir vor sechs Tagen meinen rotbunten Gockel vom Hause wegstahl?«

»Leberecht Piepmal«, kam es sofort zurück.

»Daß dich der Donner zerschmeiße!« fuhr die grobe Stimme auf. »Das muß wahr sein! Habe ich doch sogleich zu meiner Eheliebsten gesagt, der Piepmal und kein anderer – –«

»Piano, mein Herr« mahnte der Veranstalter unwillig. »Nur nicht zu laut! Ein anderer der Herren, wenn ich bitten darf«

»An welchem Wochen-, Monats- und Jahrestag verstarb die Frau, die ich am meisten geliebt habe?« sagte einer der Herren leise.

Das Gesicht der Schlafenden verzog sich schmerzlich, der Mund verschloß sich fest, und nach einer Weile verstand man: »Mittwoch, am 12. Hornung 1754.«

»Meine Mutter!« Ein schwerer Seufzer besagte, daß die Frage richtig beantwortet worden war.

Ich nahm mir ein Herz und erhob die Stimme:

»Wer besuchte mich dort, von wo ich in diese Stadt kam?«

Die Schlafende streichelte mit der Hand die Stuhllehne, schüttelte leise den Kopf und ließ dann einen Ton wie ein leises Lachen hören und sprach:

»Du selbst –«, sagte sie.

Ein Raunen erhob sich.

»Attention, Demoiselle!« klang die befehlende Stimme. »Der Herr selbst kann es nicht gewesen sein. Noch einmal!«

»Isa Bektschi – du selbst – – dein Bruder in dir – –«, flüsterte sie, kaum vernehmbar, »Ewli –«

»Ich frage, mein Herr, ob Ihnen diese Antwort verständlich ist?«

Ich nickte stumm.

»Aber wir verstehen das nicht«, fuhr der Magister Fleck auf. »Was soll das heißen?«

»Was das heißen soll, Demoiselle?« wiederholte der Mann bereitwillig.

»Das Wiederkommen«, hauchte sie.

»Itzo faselt sie«, brummte der Doktor Pfefferich. »Dennoch war manches bisher erstaunlich. Darf ich noch eine Frage tun?«

»Bitte.«

»Was ist das? Es liegt auf meinem Schreibtisch zu Hause, war einmal lebendig und sehr geschickt und ist nun unbrauchbar und tot.«

Die Magnetisierte atmete schwer, dachte angestrengt nach und griff mit der Hand nach dem Halse, mühsam Atem holend, als käme ein Erstickungsanfall über sie. Dann sagte sie schwerfällig:

»Die Hand – des – gehängten Janitschek aus Prag.«

Der Doktor fuhr mit einem blauen Tuch über die schwitzende Stirne.

»Erraten«, keuchte er. »Die Hand des böhmischen Diebes liegt ausgedorrt auf meinem Tische.«

»Es ist immerhin erstaunlich«, räusperte sich der Dekan Balaenarius. »Das Phänomen ist nicht so einfach zu erfassen –.«

Der Mann im dunklen Habit trat vor.

»Meine Hochgeschätzten«, sagte er. »Die Demoiselle ist stark ermüdet und bedarf baldiger Ruhe. Darf ich bitten, noch einige auf die Zukunft bezügliche Fragen zu stellen?«

Aber keiner rührte sich. In niemandem schien das Verlangen zu sein, hinter den dunklen Schleier zu blicken.

Da hob sich der Doktor Schlurich halb von seinem Sitze, öffnete den Mund, wollte sprechen, besann sich aber und setzte sich wieder nieder.

»Gerade jetzt ist er bei ihr«, sagte die Köckering tonlos.

Der Doktor machte eine abwehrende Bewegung, als wolle er nichts hören, und lehnte totenbleich, mit bebenden Lippen, in seinem Stuhl.

»Das also sind ihre Schwüre –!« hörte ich ihn leise sagen.

»Darf ich noch eine Frage tun?« Ich stand auf. Bisher war ich von dem, was mir die Hellsehende gesagt hatte, so benommen geblieben, daß ich alles um mich wie im Traum wohl wahrgenommen, aber gleichsam nur an der Oberfläche meiner eigenen Gedanken hatte hingleiten lassen.

Eine stumme, etwas ungeduldige Handbewegung lud mich ein.

»Wann werde ich Isa Bektschi wieder sehen?« fragte ich.

Die Demoiselle hob den Kopf, schauderte zusammen und ächzte. »Ein Messer hängt – fällt – – Ah!«

Ein gellender Schrei kam aus ihrem Munde. Sie wand sich in ihrem Stuhl, öffnete halb die Augen, daß man das Weiße sah, schnellte kurz in die Höhe und fiel schwer zurück.

Alle waren aufgesprungen.

»Eine Hysterica«, sagte jemand laut.

»Für heute ist die Vorführung beendigt«, klang die Stimme des Mannes, der neben ihr stand. »Ich hoffe, daß die Herren nicht unbefriedigt geblieben sind, namentlich der Herr, dem der Hahn gestohlen wurde.«

Jemand lachte gezwungen auf.

Alles drängte dem Ausgange zu, von den höhnischen Blicken des bleichen Menschen verfolgt.

Ich blickte mich noch einmal um.

Das Mädchen war wach, schaute wirr und erstaunt um sich.

Ein Schauer rann mir über den Rücken, als stünde der Tod hinter mir. Wir stiegen hastig die Treppe hinunter.

»Schade, daß ich nicht meinen Sterbetag zu wissen verlangte«, krähte der Magister Fleck »Hätte beizeiten meine Dispositiones treffen können.«

»Sie haben gut daran getan, diese Frage zu unterlassen.«

Der Doktor Schlurich war es, der diese Worte sprach.

Niemand gab Antwort.

Im dicken, grauen Flußnebel, der durch die Straßen quoll, trennten wir uns.

Schweigend schritt ich neben dem Doktor Schlurich hin.

»Ich ahnte es, daß sie mich betrügt. Aber es schmerzt doch, wenn man die Gewißheit hat«, sagte er leise.

Er drückte mir die Hand und verschwand um die nächste Straßenecke.

Fern und nah tönten die Anrufe der Patrouillen und Ronden.

»Ein Messer hängt – fällt –«, hatte die Pythia gerufen.

Eisige Kälte kroch unter meinen Mantel und schüttelte mich. Der Griff des Klingelzuges am Gasthof war eine kleine, messinggelbe Hand, eine kleine, kalte Totenhand.

 

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