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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Es war meist still um mich, und nur die Gedanken kamen und gingen. Das war mir lieberer Besuch, als wenn der Alte hereinstampfte, sich zentnerschwer auf mein Bett niederließ, alles mit Rappee bestreute und zu schweinigeln begann, oder Abenteuer aus seiner und meines Vaters galanter Zeit erzählte.

Am besten vertrug ich noch den Magister, der geschäftig und dienstbereit um mich war. Mir tat sein dankbarer Blick wohl. Am meisten freute es mich, daß er nicht weichen wollte, obwohl ich ihm gutes Reisegeld gegeben, sondern zu warten dachte, bis ich unzweifelhaft wohlauf und genesen war.

Er versorgte mich mit allem Notwendigen, und als es mit dem Bart zu arg wurde, balbierte er mich mit großer Geschicklichkeit.

Als ich wieder allein lag, nahm ich den Handspiegel, den er auf dem Nachttischchen liegengelassen hatte, und sah hinein. Gelb und abgezehrt schaute mein Gesicht heraus, und auf dem Haar lag silberner Reif. Ja, ich war alt geworden, alt und müde. Mit Wehmut sah ich auf die blattlosen Kronen der wipfeldürren Pappeln vor meinen Fenstern, die wie ich einem baldigen Tode geweiht zu sein schienen, aber in diese Wehmut mischte sich freudige Zuversicht. Mit starkem Hoffen dachte ich an den Stein, den ich auf dem Friedhof der Heimat gesehen hatte, den Stein, der den Spruch des Sir Thomas More trug: Non omnis moriar, ich werde nicht ganz sterben.

Wieder hielt ich mit unsicherer Hand das blanke Spiegelrund vor mein Gesicht, und da ich das Glas ein wenig schräg hielt, guckte ein süßes Frauenantlitz heraus mit rotem Haar, das nur wenig dunkler schimmerte als die Goldhaube, die es schmückte. Es war das an der Wand hängende Bildnis der Heva Weinschrötterin, das vom Spiegel zurückgeworfen wurde. Die grauen Augen blickten mich halb fragend, halb wissend an, um den Mund schien ein heimliches Lächeln zu spielen, aber es wandelte sich unter meinem Blick in einen herzzerreißenden Ausdruck. Ich konnte das Auge nicht mehr von ihm wenden, mich nicht wehren gegen den Zwang, der auf mich eindrang. Das Rund des Spiegels verbreiterte sich, verhüllte wie ein feiner Mondnebel alles, zog mich in seinen Bann –. Allmählich war es mir, als wäre ich mitten unter Menschen einer anderen Zeit und wäre einer von ihnen.

War es nicht dieses Zimmer –? An der Wand streckte sich ein Tisch, und an dem saß ich selbst in einem schwarzen, mit schmalen Pelzstreifen verbrämten Mantel. Zwei ebenso Gekleidete waren zu meiner Rechten und Linken, und am schmalen Ende des Tisches schrieb tief gebückt und blinzelnd der Magister Hemmetschnur. Er war es, wenn er auch einen weißen Klosterhabit und darüber einen schwarzen Überwurf trug.

Und vor dem Tisch, mit gelöstem, kupfergoldigem Haar, stand die Heva Weinschrötterin – nein, um Gott, die Zephyrine im dunkelgrauen, blutverkrusteten Folterhemd, aus dem ihre schneeweiße Haut leuchtete. Irren Blickes sah sie mich an; ihre Fußknöchel waren blau unterlaufen, ihre Hände an ein schwarzfettiges Lederseil gebunden; das lief oben durch den blanken Eisenring in der gewölbten Decke, und sein anderes Ende hielt ein Mensch in der groben Hand, der blickte mit kleinen, tückisch verschwollenen Augen aus den Löchern einer trübroten Gugel, die sein Gesicht und die breiten Schultern verdeckte.

Mit lähmendem Grauen sah ich mir selbst ins Gesicht, sah, wie gierig und flackernd meine Augen brannten, wie mein Mund schmal und böse war und mit grausamer Ruhe sprach:

»Weinschrötterin, eh es zum zweiten Grade der peinlichen Frag kommet, frage ich zum andernmal: Wollt Ihr verjehen oder nit?«

Da kam ein Wehschrei aus ihrem Munde, aber sie schüttelte verneinend den Kopf, daß eine rote Fahne ihn umwehte.

Der mit der Gugel raspelte in einem Glutbecken, daß es Funken spritzte, und zog ein weißglühendes Eisen aus den Kohlen.

Da brach klirrend und schmetternd das schreckliche Bild in sich zusammen.

Der Spiegel war mir aus der Hand geglitten. Splitter und Scherben lagen auf dem Boden verstreut.

Der Magister trat ein und sagte:

»Herr Baron, dies bedeutet leider sieben Jahre Unglück!«

»Ich will auf und davon«, befahl ich, »besorgen Sie mir einen Wagen. Keine Nacht will ich mehr in diesem Zimmer bleiben.«

»Sie sind zu schwach, Herr Baron«, ward er vorstellig. »Fuhrwerk wüßte ich wohl. Der Geißler Peter spannt gerne ein, wenn ich ihm Post schicke. Aber bis zur nächsten Stadt ist's weit.«

»Besorgen Sie mir einen Wagen«, drang ich in ihn. »Ich bleibe hier nicht.«

Er ging kopfschüttelnd hinaus.

Ich fürchtete mich in diesem Zimmer. War mir auch der Mann aus dem Morgenlande hier erschienen mit einem Trost, der alle Leiden und Irrgänge meines Lebens aufwog, so hausten doch Dämonen in diesem verfallenen Gemäuer, die allem Lebendigen feind waren. Die Schmerzensschreie, die Flüche und Klagen, die noch in der zerfetzten Ledertapete hafteten, in den Ritzen des Gemäuers sich verkrochen hatten und in der Dämmerung wie Mückensummen lebendig wurden, vermochten es noch nicht, das mir der Hexensabbat vorgegaukelt hatte, war mir unter Larven. Ich horchte auf und ließ mir vom Magister die Wunderdinge erzählen, die das Volk, müde des Übermuts und der künstlich geschaffenen Not, in diesem Lande bereits vollbracht hatte, und als er mit feurigen Augen und einem Antlitz, das ich an ihm nicht kannte, hoch und teuer schwor, man könnte aus den rauchenden und stinkenden Trümmern der zerschlagenen Zwingburgen das helle Morgenrot der Freiheit lohend emporsteigen sehen, riß mich diese Schilderung so sehr hin, daß ich Lust verspürte, die Vorgänge in Paris mit eigenen Augen zu betrachten.

Vom Magister gestützt, stieg ich zum letztenmal die bröckelige Treppe von Krottenriede hinunter und pochte beim Rüdenmeister an.

Er saß an einem Tisch, pfiff vor sich hin und betrachtete die Bestandteile eines goldeingelegten Gewehrschlosses, das er auseinandergenommen und mit einer Feder aus einem Fläschchen klaren Knochenöls gesalbt hatte.

Als er von meinem Vorhaben hörte, wollte er davon nichts wissen, meinte, daß nun erst die lustigen Tage der Pirsch auf den roten Bock begännen und daß er es nicht leiden würde, wenn der Sohn seines alten Kumpans Dronte ohne glücklichen Schuß und grünen Bruch davonginge. Und davon, daß der Malefizkerl, der windige Magister, mitführe, könne nun vollends keine Rede sein, da er in den nächsten Tagen verschiedene scharfe Manifeste an die Bauern rundum zu schreiben habe, deren Köter wieder im Revier zu strolchen und zu hetzen begännen und dies allsofort abgestellt und mit schweren Strafen belegt werden müsse.

Ich erwiderte ihm sehr höflich, daß ich wohl kaum verhalten werden könne, auf Krottenriede zu bleiben, zumal ich wichtige und unaufschiebbare Geschäfte zu bereinigen hätte. Sonst fiele es mir in dem Zustand halber Genesung wohl kaum ein, meilenweit auf einem Bauernwagen zu reisen. Wenn er es auf sich nehmen wolle, mich in meinem Siechtum ohne anderen Begleiter als den Fuhrmann zu lassen, so sei dies eine Sache, die er mit seinem Gewissen abzumachen habe.

Diese Worte trafen ihn einigermaßen, aber dennoch wiegte er den Kopf hin und her und meinte, gerade den Magister lasse er nicht gern aus der Hand. Ich als Edelmann müsse verstehen, daß solche Nichtsnutze bei Gelegenheit alles aufbieten würden, um zu echappieren. Er habe den Gesellen zwar damit fest, daß ein paarmal die Holzrechnungen nicht gestimmt hätten, woran freilich er, der Rüdenmeister, selbst die Schuld trage, dennoch aber gesonnen sei, den Windbeutel, so es ihm einfiele, sich dünn zu machen, auf Grund dieser Tatsache festnehmen und ins Loch spazieren zu lassen, bis er gutwillig zu Futter und Peitsche zurückkehre. Denn, fügte der alte Betrüger zwinkernd hinzu, einen so billigen und guten Schreiber bekäme er in seinem Leben nimmer, und gerade dessentwegen dürfe er die Kanaille nicht aus den Augen lassen.

Da ich stehenblieb und ihn nochmals ersuchte, mir den Mann als Begleitung zu belassen, gab er endlich nach einigem listigen Überlegen nach und meinte, er wolle schon den Geißler beauftragen und ihm Briefe mitgeben, daß der Lump mit seinen abgetrennten Ohren sogleich zurückmüsse, wenn er mich bis ans Ziel gebracht habe. Eines aber wollte er mir raten: den eingebildeten, gelehrten Affen nicht anders zu behandeln als einen Pot de chambre, Träger und Lakaien, und bei Gelegenheit mit einem Fußtritt oder einigen Maulschellen nicht zu sparen. Denn dieses sei die beste Medizin für solche Vögel, die sich heimlich besser dünkten als ein Edelmann oder braver Soldat.

Ich gab ihm die Hand und erbat mir einstweilen Urlaub, so daß er meinen mochte, es wäre noch Zeit und ich ginge erst ans Einpacken. Anstatt mich aber aufzuhalten und am bevorstehenden Mittagessen teilzunehmen, winkte ich dem Hemmetschnur, der angstvoll wartend antichambrierte, da ihm von jeher das Betreten der herrschaftlichen Gemächer mit Ausnahme des Speisesaals untersagt war, und stieg rasch mit ihm auf den wartenden Wagen, den der junge Bauer auf dem Bock auf meinen Befehl allsogleich in Gang setzte.

Wir rasselten die steile Straße hinunter und waren erst etliche tausend Schritte von Krottenriede entfernt, als von der Höhe herunter ein heftiges Waldhornblasen erklang.

Der Bauer machte Miene, die Pferde anzuhalten, und sagte:

»Der gnädige Herr ruft uns zurück!«

»Du Narr!« sagte der Magister. »Ist doch nur der Oberjäger Räub, der dem hochgeborenen Herrn da neben mir zum Abschied einen Hirt nachbläst. Darum spute dich!«

So fuhren wir weiter, und bald verwehte das Blasen. in dem ich den Ruf »Rallie« wohl erkannte, im frischen Wind.

In einem Flecken kehrten wir am Nachmittag ein.

Meine Schwäche nahm arg zu. Halb im Schlaf hörte ich dem Hemmetschnur zu, der mir, nachdem er so großes Vertrauen, gefaßt hatte, die Geschichte seiner abgeschnittenen Ohren erzählte und wie dies eine harte Strafe für einen dummen Streich gewesen sei, den er in Stambul begangen habe, als er auf das Winken und Nicken einer türkischen, verschleierten Dame über eine Mauer gestiegen, allsogleich von Verschnittenen ergriffen und auf Befehl eines Mannes in reicher Kleidung durch zwei brennende Schnitte mit einem Handschar, den einer aus dem Gürtel zog, der Ohrmuscheln beraubt worden sei. Als er vor Schmerz, Schwäche und Blutverlust zusammenfiel, schleppten ihn die Diener des Grausamen auf die menschenleere Straße, in der die Gluthitze des Mittags brütete, und warfen ihn auf einen Haufen von Mist und Unrat, wo er liegenblieb. Gegen Abend sei er erwacht und habe gespürt, wie die wilden Hunde, die sie dort in allen Gassen haben, ihm des Blutes halber die Wunden geleckt, und dies sei der Grund gewesen, daß sich keine Entzündung gezeigt habe. Mitleidige Muselmanen hoben ihn dann auf und brachten ihn in ein Franziskanerkloster, wo ihm Pflege zuteil ward. Und als das Betrübendste von allem habe er es empfunden, daß er nachher erfahren habe, die verschleierte Dame sei eine alte garstige Vettel gewesen, die sich einen Spaß habe machen wollen, der durch Hinzukommen ihres Schwiegersohnes, eines ebenso mächtigen wie gewalttätigen Paschas, dann ein so elendes Ende genommen habe.

Ich war nicht imstande, Essen zu mir zu nehmen, und immerfort sah ich die abgeschnittenen, muschelförmigen Ohren des Magisters vor mir, und wie zottige Hunde sich im gelben Straßenstaub um die blutigen Stücke balgten.

Als wir gegen Abend in die rheinische Stadt kamen und der Wagen vor der Tür des Gasthofes »Zum Reichsapfel« vorfuhr, gab ich dem Hemmetschnur Urlaub, obschon er sich sehr um mich besorgt zeigte und bei mir bleiben wollte. Aber ich mahnte ihn, über den Fluß zu setzen, ehe die Stadttore sich zutäten oder etwa ein reitender Bote des Rüdenmeisters hinter ihnen dreinkäme. Da befiel ihn solche Angst, daß seine Zähne aufeinanderschlugen. Nochmals küßte er mir die Hand, verbeugte sich vielmals und sagte dann, gegen den breiten, ruhigen Strom weisend: »Ich gehe der Freiheit zu, mein Gönner! Wo immer ich Sie wiedersehe, mein Herr Baron, ich will Ihnen ohne Lohn getreulich dienen und der Ihre sein mit Blut und Leben!«

Nachdem ich den Geißler Peter, der das Abgehen des Magisters mit vielem Kopfkratzen und Stirnrunzeln beobachtet hatte, reichlich entlohnt hatte, betrat ich den Gasthof.

»Der Herr ist brennrot im Gesicht«, sagte der Kellner, der mir mein Zimmer wies. »Geh der Herr zu Bette, ich will sogleich den Herrn Doktor Schlurich herbeirufen.«

Er half mir beim Entkleiden, und gleich darauf fühlte ich die heißen Wellen und das zitternde Frösteln des aufs neue einsetzenden Fiebers. Und dann war Dunkel um mich her, aus dem in quälender Reihenfolge ein endloser Zug von Gesichtern an mir vorüberzog, noch verdrießlicher und mürrischer als das Gesicht des Magisters an dem Tage, als ich ihn zum erstenmal auf Schloß Krottenriede gesehen hatte.

 

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