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Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Die Nacht war ruhig verlaufen bis auf einiges Rieseln und Krachen im Zimmer und im Fußboden, wie es in so alten Baulichkeiten natürlich ist.

Der neue Tag war von trübem Licht und unfreundlich, voller Windesbrausen und Tropfenfall. In den Mauern raschelte es, wie von Ratten.

Der Diener, der mein Frühstück brachte, teilte mir mit, daß der Rüdenmeister vom Podagra befallen sei und vor dem Abend nicht sichtbar sein werde. Ich möge ja nicht ungebeten in sein Zimmer treten, denn er habe eine mit Salzbrocken und Schweinsborsten geladene Reiterpistole neben sich und sei in seinen bohrenden Schmerzen wohl imstande, mir und jedem eines aufzubrennen, wie er es dem Magister Hemmetschnur schon einmal gemacht.

So sah ich im trübseligen Licht das Zimmer noch einmal an, dessen verfallenes Gesicht nun noch deutlicher sichtbar war als im Kerzenschein. Ich entdeckte auch die Falltür im Fußboden, durch die man in die Verliese und Kammern unter der Erde gelangen mochte. Und was immer ich tat, überallhin verfolgten mich die grauen Augen des Bildes, auf dem die Heva Weinschrötterin gemalt war. Aber als ich, eingedenk der abendlichen Empfindungen, fest und aufmerksam in das rosige Gesicht unter der Goldhaube blickte, schien es mir doch fremd und entrückt, die Ähnlichkeit mit Aglaja-Zephyrine schwand gleichsam in immer weitere Ferne und verlor sich endlich ganz.

Beim Umherwandern in dem weitläufigen Gemach entdeckte ich meinem Bette gegenüber eine so sorgsam in die Tapete eingepaßte Tür, daß sie leicht zu übersehen gewesen war. Als ich sie aufdrückte in ihren knarrenden Angeln, kam ich in eine schmale Kammer mit Gestellen, vor denen morsche, ganz mit Staub bedeckte Vorhänge aus geschossenem, grünem Damast hingen. Als ich sie beiseite schob, fand ich in den Fächern ganze Bündel und Stöße alter Akten, und allerlei ehemals konfiszierte Corpora delicti, wie Stechmesser, Beile, Prügel, verrottete Radschlösser, Diebshaken, Wurfangeln der Zigeuner und dergleichen mehr, und an jedes Ding war sorgfältig und gewissenhaft ein beschriebener Zettel geheftet. Einige davon las ich: »Das Messer, mit dem der Matz vom Schellenlehen den Schieljörg gestochen« und »Spreng- und Brecheisen, Reb Moische genannt, des Hendl aus Polen«. Schließlich kam ich an ein irdenes, rauchiges Töpflein, blaugeglast, das fest mit einer Schweinsblase zugebunden war und am Henkel ein viereckiges Pergament trug, auf dem mit bräunlich verblichener Tinte geschrieben stand: »Numerus 16. Flug- oder Hexensalbe, unter der Bettstatt der Höllerin aus der Erde gegraben und entdeckt.«

Dieses Relikt einer der Frauen, die hier in scharfer Frage gestanden hatten, erregte meine Neugier doch sehr, und ich verbarg es in der Nähe meines Bettes, um es später zu besichtigen.

Beim Mittagmahl erschien nur der Magister, fragte mich höflich nach der verbrachten Nacht und meinte dann, ich sei der erste, dem dies Zimmer den ruhigen Schlaf vergönnt habe. Nach dem Essen machte ich mit ihm trotz der Regenschauer und Windstöße einen Spaziergang und unterhielt mich mit ihm. Erstaunlich war das Wissen dieses Mannes, seine genauen Kenntnisse in den Sprachen, und ich konnte nicht umhin, ihn zu fragen, wie er mit seiner Gelehrsamkeit nichts Besseres habe sich finden können, als den seiner unwürdigen Schreiberdienste bei dem alten Rüdenmeister, dem es ja besondere Freude zu machen scheinen den andern um seiner Bildung willen zu demütigen und zu kuranzen.

Er seufzte tief auf und sagte, wenn er nur so viel Geld hätte, daß er bis in die Stadt Paris gelangen könnte oder nur nach Straßburg im ehemals deutschen Land, das die Franzosen geraubt, so stünde es augenblicklich besser um ihn. Dort habe er Freunde, die sich gern weiterhin seiner annehmen würden Aber selbst wenn er über so viel, wie zur Reise nötig, verfügte, müsse er noch auf der Hut sein. Denn der Rüdenmeister scheue, wie er ihm, dem Magister, schon unverschämterweise angedroht, durchaus nicht davor zurück, ihn des Unterschleifs zu bezichtigen und strafen zu lassen, was er als Armer und Hilfloser, unbekannt und ohne Anspruch auf Wirkung seiner Gegenreden, dann über sich ergehen lassen müsse.

Ich sagte nichts, faßte aber den Entschluß, diesem so zu Unrecht gequälten Menschen zu helfen, wenn ich könne.

Zum Abendessen ließ sich der Herr von Trolle und Heist in einem Tragsessel zu Tische bringen, den rechten Fuß dick eingebunden und schwitzend vor Schmerzen. Es war kaum ein Gespräch mit ihm zu führen, und nur im Hinblick darauf, daß ich um jeden Preis hierbleiben mußte, ließ ich mir verschiedene seiner streitsüchtigen und gereizten Stimmung entspringende Flegeleien gefallen. Schlimmer als mir erging es dem Magister, dem er ohne jeden Grund einen Schweinsknochen an den Kopf warf und den aufwartenden Jägern, die er mit Wein anspie oder mit einem Stock traf. Um zehn Uhr begann er wieder mörderisch zu saufen, und gegen elf hub er seinen heulenden Angstgesang an. Aber der Rausch wollte sich diesmal nicht einstellen, und ich sah, wie er mit angstverquollenen Augen in die vom Mauersturz verwüstete Ecke des Gemaches glotzte. Schließlich schleuderte er einen schweren Becher in die Richtung der für ihn sichtbaren Erscheinung, lachte auf und sank dann, mehrmals etwas von einem nichtsnutzen Reimeschmied und Hofdichterlein vor sich hinmurmelnd, in rauschigen Schlaf, worauf sie ihn mit einem Tragsessel aufhoben und davontrugen.

»Die Hölle! Die Hölle!« ächzte der Hemmerschnur und fuhr mit den Händen in seinem wildem Haar herum.

»Könnt' ich nur fort von hier!«

Ich sagte ihm gute Nacht und begab mich in mein Zimmer.

Beim Schein der brennenden Kerze suchte ich das Töpflein der Höllerin hervor und schnitt mit dem Messer die steinharte, vertrocknete Blase herunter. Darin war ein kreuz und quer zersprungener Satz grünbraunen Aussehens. Das mochte wohl eine Salbe gewesen sein, aber die überlange Zeit hatte sie fest und spröde gemacht. Vielleicht aber, so dachte ich, ließ sie sich durch die Kerzenflammen so weit erwärmen, daß sie annähernd ihre alte Konsistenz annahm, und so hielt ich den blauen Tiegel über meinen Leuchter. Das schmelzende Zeug stank widerlich nach altem Fett und scharfen Kräutern, aber es gelang mir nach und nach, den Bodensatz aufzuweichen, so daß ich die Salbe erproben und auf ihre zauberische Natur hin prüfen konnte.

Im Schein meiner fünf Wachskerzen sah ich wieder die grauen Augen der Weinschrötterin, die lächelnd meinem vorwitzigen Beginnen zuzusehen schienen.

»Soll ich nicht?« redete ich das Bild an. Aber es kam weder Antwort noch Zeichen von dem heute so leblosen Gemälde, das mich gestern mit einer nun entschwundenen Ähnlichkeit bis in die Seele erschreckt hatte.

War es die Hitze der Kerzen oder das dunstende Fett und Giftkraut, das mich so benahm: eine fliegende Hitze, die ich schon des Nachmittags beim Spaziergang wahrgenommen hatte, befiel mich, und beim Entkleiden fühlte ich, wie bleischwer meine Glieder waren. Mein Blut ging in raschen Stößen, als ob ein Fieber nahe wäre.

Dennoch blieb ich eigensinnig oder durch irgend etwas gezwungen bei meinem Plan, die Salbe zu versuchen. Ich zog das Hemd ab, bestrich mit dem Zeug die Brust, Bauch, Hände, Füße und Stirn, sagte, wie ich es aus den Schauermärchen, die mir in der Kindheit die alte Margaret erzählt hatte, noch wußte, den Hexenspruch her: »Oben aus und nirgends an!«, lachte bei mir selbst über meine Albernheit, blies die Kerzen aus und legte mich in das krachende Himmelbett.

Das Blut läutete in meinen Ohren, ein Kribbeln und Laufen ging durch meine Glieder. Ich sah den halben Mond im Fenster stehen, das ich zu schließen vergessen hatte.

Und dann stieg ich langsam im Bette empor, glitt unter dem niedrigen Betthimmel heraus und schwebte zwischen Zimmerdecke und Fußboden, ohne daß ich dies als seltsam befunden hätte. Oft war ich im Träume schon so geflogen, mit lässigen Bewegungen der Arme oder einigen Fußstößen den Flug lenkend. Aber dabei sah ich mich nun selbst im Bette liegen, vom blauen Mondlicht beschienen. Offenen Mundes mit den zwei scharfen Falten im Gesicht, die mancherlei böses Erleben von den Nasenflügeln zum Kinn gezogen hatte. Ich sah die erloschenen Kerzen mit den langen Schnuppen, die blanke Putzschere, mein Gewand auf einem Polsterstuhl, den offenen Haarbeutel. Ich staunte über nichts, erschrak auch nicht, als die Heva Weinschrötterin behutsam aus dem Wandrahmen stieg und durchs offene Fenster entschwebte. Ich trat die Luft mit Wohlbehagen, wie ein Schwimmer das Wasser tritt, das ihn trägt. Alle zogen sie der Heva nach. Ein alter Jud mit Kaftan, ein anderer, der den weißen, grindigen Schädel spähend aus der erhobenen Falltür reckte, ein buckliges Weiblein mit verschnupfter Nase und ewig schmatzendem Mund, dem ein schwarzer Kater auf dem Höcker saß und ein weißes, lahmes Hündlein nachlief, ein anderes häßliches und rinnäugiges Weibsbild, das zu meinem Bette schlich, den ruhenden Leib böse anzischte und mit krummen Fingern nach dem Töpflein griff, um flugs die gelbe, runzelige Haut zu schmieren. Und da wandte ich mich in unendlichem Wohlgefühl dem offenstehenden Fenster zu und flog im Nu über die gebogenen und windzerfetzten Pappeln hin, voller Freude über die wiedergewonnene Fliegekunst.

Nach Belieben stieg ich mit ganz leichtem Hand- und Fußrühren auf und nieder, schoß federleicht empor oder senkte mich langsam, wandte mich sogleich, ließ mich waagrecht von der Luft tragen oder sank bolzengerade, wie es mir eben gefiel. Dennoch ging es mit mir dahin, ohne daß mich dies erschreckt hätte, und ich trieb wie eine fliegende Feder vor dem Winde. Auch wenn ich regungslos blieb, sah ich unter mir Baumkronen, spiegelndes Wasser, Wiesenflächen und einsame Häuschen fortgleiten. Aber dies beunruhigte mich keineswegs, vielmehr gab ich mich mit satter Lust der Seligkeit hin, von der Körperschwere befreit durch das Mondsilber zu ziehen wie eine Wolke. Auch machte ich keine lenkenden Bewegungen mehr, sondern gab mich ganz und gar solcher Wonne eines erdbefreiten Zustands hin.

Dann jedoch sah ich näher und ferner Gestalten in der milchigen Luft, eines Wegs mit mir, die sachte dahintrieben und schwebten wie Altweibersommer. Junge Frauen mit weißen und goldbraunen Gliedern, mit offenem Haar und willig nackt, die Augen wie im Schlaf geschlossen, die Arme gebreitet; dazwischen aber auch knochige und ungestalte Vetteln, dann wieder fette mit hängender und schlaffer Fülle, dürre Greisinnen, widerlich behaarte und grobe Mannsgestalten, schlankgliedrige Mädchen mit schwach gewölbten Brustschalen, schöne Knaben und häutige, jammervolle Körper hagerer Greise. Sobald ich mich jedoch bemühte, ein Gesicht schärfer ins Auge zu fassen, ward es zu einem unbestimmten Eirund aus quirlendem Nebelrauch und zerfloß. Aber auch das versetzte mich nicht in Angst oder Verwunderung. Vielmehr war mir alles längst bekannt, seit jeher gewohnt und ganz richtig, als hätte ich dies oftmals erlebt und gesehen. Und unausgesetzt, ohne Schwächung der Wollust dieses Fluges, beseligte mich die willenlose köstliche Gelöstheit der eigenen Glieder und die Leichtigkeit des Leibes, den die Luft zwischen Wolken, Mond, Sternen und der tief unten wuchtenden Erde so freundlich trug.

Ich sank. Dichter sammelten sich die Gestalten um mich.

Es ging in die Tiefe hinab, sanft und sinkend.

Fahler Schein blendete. Lichter hüpften unter mir, bläuliche und gelbe Lichter. Gesichter waren es mit schiefgezogenen Augen und emporlodernden Schöpfen aus Feuer. Und Feuer überall. Zwischen Büschen und Gras war ein Wimmeln und Hüpfen, ein Verrenken und Drehen unzähliger Gestalten, die mich umgaben. Manche hockten in starren Knäueln um rotgelbe Reisigflammen, murmelten in anschwellendem, näselndem Sang aus Büchern, schlugen mit den Händen den Takt. Ein brauner Knabe mit Spitzohren, hübsch und frech, rundhüftig wie ein Weib, jagte auf einem schwarzen, bärtigen Zottelbock mit wilden Fersenstößen mitten durch Paare, die in krampfartigen Umschlingungen sich im Kraut wälzten. Zwischen nackten, schönen Frauen mit rotleuchtenden Augen schlichen graue Wölfe, denen dunkler Schweiß von den Lefzen rann. Ein Krüppel ohne Beine schob mit behenden Affenarmen den auf einem Rollwäglein lastenden Leib durch das Getümmel und blickte aus langgestielten Augen wie ein Krebs. Einer, dem sich die Haut wie Pergament über die fleischlosen Knochen spannte, blies quäkend auf einem löcherigen Totenbein, derweil in seinen Augenhöhlen Glühwürmer durcheinander krochen. Eines Zwerges Leib bestand aus einem Dudelsack, und die schnurrenden und brummenden Pfeifen standen ihm hinten aus der Hose, indes der Rüsselmund ins Luftrohr blies und seine verdrehten Hände die Finger über die unanständigen Flöten wandern ließen. Ein Reihen graumähniger Frauen mit baumelnden Zitzen tanzte Hand in Hand im Kreise und um diese Musikanten. »Bist auch da? Hussah!« grölte es neben mir, und als ich hinsah, schob eben der Montanus vorüber, und sein Bauch hing rot wie glühendes Eisen aus der gesprengten Hose. Immer neue Tanzgruppen bildeten sich. Ich sah Beine, von denen die Haut in Fetzen hing und lachende Mäuler, aus denen weiße und gelbe Würmer krochen. Lasterhafte Kinder mit widerlich verdrehten Augen wanden sich in den Armen von Zwittergeschöpfen, Weiber schrien brünstig auf und zerrten kichernde, magere Knaben zu ihrem dampfenden Schoß, aus Ziegeneutern rann fette Milch in zahnlose Greisenmäuler. Einer mit gebrochenen, einknickenden Gliedern leitete den anderen, der, bleigrauen Gesichtes den Strick um den Hals und eine ungeheuerliche Männlichkeit zur Schau tragend, vorwärts stolperte zu einem schwarzhaarigen Weibe, das kreischend und zuckend sich wälzte. Flämmchen tanzten und schossen spitzig aus der Erde, und aus einem Busch hob sich mir des bayerischen Haymon todtrauriges, blasses Gesicht mit der zerquetschten roten Nase entgegen, und sein Mund wisperte: »Laß dir raten und schau, daß du weiterkommst, Mahomet!«

Da entstand ein ungeheures Schreien, Jauchzen und ein wilder Gesang stieg auf. Sie winkten mit den Händen, schleuderten zuckend die Beine gegen einen hohen schwarzen Steinblock, auf dem in waberndem, ungewissem Licht eine Gestalt kauerte, die Knie bis zum Kinn emporgezogen, eckig und stumm.

Ich starrte hin und erkannte mit wütendem Grauen den Fangerle.

Wie mit dem Fels verwachsen hockte er, sein böses verkniffenes Gesicht unter dem großen Bauernhut leuchtete wie faulendes Holz, sein langschößiger Rock glomm in allen Knopflöchern, als sei blaues Feuer unter ihnen verborgen. Die stechenden Geißenaugen waren gerade auf mich gerichtet, unbeschreiblicher Bosheit voll. Und dann stieß er den entsetzlichen Schrei aus, den der Heiner vor dem Rad getan.

»I – i – i – i – iiiih!«

Da streckten sich tausend Arme, Finger, Krallen und Nägel nach mir aus. Ich wollte rasch empor ins freie Luftreich, aber sie hängten sich an meine Füße, zogen mich nieder – – –

»Fangt ihn! Haltet ihn!« kreischte der Satan auf dem Block.

Verzweifelt stieß ich mit den Füßen, schlug um mich. Aber Neue kamen, Weiberarme schlangen sich schwer und weich um meinen Hals, heiße Lippen preßten sich saugend an mein Gesicht, Klauen zerrten an meinem Haar, schwere Massen hängten sich an mich, zerpreßten mir den Atem. Ich kam nicht mehr empor, sah in Todesangst die gelben Bocksaugen starren, die Sägezähne blecken, Lähmung war wie zäher Teig um meine Glieder, das Herz hämmerte, dem Zerspringen nahe, der Atem stockte, ein Ersticken würgte meinen Hals.

»Herr, mein Gott!« schrie ich auf in Todesnot.

Da faßte mich die Hand des Fangerle und schleuderte mich hoch in die Luft. Hohnlachen gellte wiehernd hinter mir drein. Die Feuer erloschen in tiefer Nacht, Schatten huschten. wirbelten, in der Luft pfiff es, weinte, schrie, heulte – – –

Ich lag im Hemde mitten auf einer nassen Wiese. Kälte wär in meinem Gebein, und doch glühte mein Leib. Schauer rüttelten mich und ließen mich emporschnellen. Schwarz und massig lag Krottenriede vor mir mit dunklen Fenstern. Blutrot versank hinter gepeitschten Bäumen der Mond.

Irgendwer kam, legte mich in eine Wiege und sang dazu, so daß ich einschlafen konnte.

Aber ich war gleich wieder wach. Lag im Bett mit den Engelsköpfen, sah im ersten Morgenschein die Kerzen, die lichten Rechtecke der Fenster, wollte mich bewegen Aber die Glieder waren zu schwer.

»Sie haben das Fieber!« sagte eine matte Stimme.

Neben mir saß in einem geflickten Schlafrock der Magister und rührte in einem Glase.

»Ich sah Sie zufällig auf der Wiese draußen sonderbare Sprünge tun, Herr Baron«, sagte der Hemmetschnur. »Der Johann und ich liefen hinaus und brachten Sie mit vieler Mühe zu Bette. Das ist alles, was ich weiß. Wäre ich nicht noch des Nachts über den verfluchten Holzrechnungen gesessen, wer weiß, ob wir Sie nicht erfroren im kalten Tau aufgeklaubt hätten.« Er hielt mir das Glas an die Lippen, und ich trank.

»Bin ich denn marode?« fragte ich. Eine große Schwäche war in mir.

»Es scheint so«, gab er zurück. »Ich wußte es ja, wie es ausgehen würde, wenn eines in diesem Zimmer liegen muß zur Nachtzeit und gar erst am letzten April, zu Walpurgis. Der Rüdenmeister ist schon auf und fragt heftig, was der Lärm im Tagesgrauen für eine Ursache habe. Ich muß ihm Bescheid sagen, sonst ist der Teufel los. Schlafen Sie ein wenig und lassen Sie ein andermal die Hand von Sachen, mit denen kein Spaß zu treiben ist!«

Und er deutete mit dem Finger auf das blaue Töpflein, das zersprungen auf dem Fußboden lag,

Sein Gesicht dünkte mich so verdrießlich und mißfarbig wie der garstige Tag, der langsam emporkroch.

Ich schloß meine Augen und rief im Innern mit aller Gewalt nach dem Ewli, der mir nicht erscheinen wollte.

 

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